So wirkst du in jedem Wiener Club wie ein Stammgast II

Fredi Ferkova

Fredi Ferkova

Wir haben uns das Werk, das Flex, die Passage, das Celeste und die neue Pratersauna genauer angesehen, damit ihr wisst, wie ihr dort nicht auffällt.

Header und alle Collagen wurden auf Polywore von der Autorin erstellt, zusammengefügt und bearbeitet von Samantha Tobisch.

Der erste Teil des Stammgast-Guides fand großen Anklang und half vielen verlorenen Wiener Menschen und ihren Touristen-Freunden, sich endlich nicht mehr fehl am Platz zu fühlen. Das habe ich erfunden, aber es ist eine schöne Vorstellung. Jedenfalls gibt es natürlich mehr Tanzlokale in Wien als die damaligen fünf. Und es gibt mehr Klischees in Wien als junge Menschen, deshalb wird es Zeit für einen neuen Stammgast-Guide.

Da sich einige Leute damals (trotz meines genialen Disclaimers) verletzt gefühlt haben, hier nochmal: Du bist sowieso eine individuelle Schneeflocke, auf die diese Klischees nicht zutreffen. Du bist einzigartig, deine Freunde sind einzigartig und vor allem ist dein Stammschuppen extrem einzigartig.

Passage

Die Passage liegt rechts vom Volksgarten. Abgesehen davon, sind sich die beiden Lokalitäten sehr ähnlich – was die Musik, aber auch das Klientel betrifft. Und auch die Belvedere-Flaschen-Preise. Diese sind dort aber unerlässlich, gibt es doch – auf den Raum gerechnet – weitaus mehr Sitzplätze als im Voga. In der Passage finden auch regelmäßig Partys statt, die man als Model mit einer Setcard gratis besuchen kann. Da Models überall sonst feiern sind, außer auf solchen Partys, kann man davon ausgehen, dort jeden Abend durchschnittlich aussehende Menschen zu treffen, die sich überdurchschnittlich mit Kosmetika und Marken aufmotzen, um dem Model-Motto zu genügen. Aber um nicht nur schlecht zu reden: In keiner Wiener Disco findet man so traditionsbewusste, junge Leute, die so ausgelassen zu ausländischer EDM-Musik, die von Ausländern produziert ist, tanzen. 

Dresscode: Eigentlich gleicht die Passage auch hier dem Voga. Nur mit dem Unterschied, dass dich wirklich keiner blöd ansieht, wenn du in Trachten hinkommst oder lustig-farbige Pins auf deinem Jäckchen hast. Männer haben Föhnfrisören und Hemden an, Frauen sehen wie Wannabe-Models aus und tragen tatsächlich noch MK-Taschen. Man muss nicht zwingend mit der Mode gehen. Tradition steht im Vordergrund. Und die Tradition ist, dass der Mann so auszusehen hat, als hätte er einen Anzugsjob in Papas Firma und die Frau so, als würde sie allzeit bereit sein, Kinder zu bekommen und einen leckeren Apfelstrudel zu backen – in der Nacht und in High Heels.

Benimmregeln: Mach "Tradition" zu deinem Wort des Abends. Eröffne so Gespräche und finde heraus, dass sich durchaus auch junge Menschen für traditionelle Geschlechtsmuster, Gruppen und Denkweisen begeistern können. Glaube fest daran, dass das monetäre Erbe deiner Eltern dein Menschsein abwertet oder aufwertet. Finde männliche Gruppen, die sich im achten Bezirk im Keller ansaufen, grundsätzlich OK.

Travelshack

Das Travelshack steht in fast allen Wien-Tourismus-Führern. Wenn dich das auch nicht von einem Besuch abbringt, dann hast du die richtige Härte und Scheiß-Drauf-Attitüde für eine Nacht im Travelshack. Grundsätzlich findest du dort Rucksack-Touristen, Erasmus-Studenten und klassisch-österreichische Restlficker. Also Menschen, die sehr wenig zu verlieren haben und sehr viel trinken können. Menschen, die an einem Ort nur kurz verweilen, sind – wie wir von Tinder wissen – herrlich frei von Schamgefühl. Deshalb findet man im Lokal über der Bar hängende BHs, bekommt dort lustige Shots, die einem körperlich wehtun und kann Nägel in einen Stamm schlagen. Aber: Nirgendwo in Wien wirst du dich so sehr wie ein native Speaker fühlen, wenn du dein besoffenes You&Me-Englisch von vor sieben Jahren benutzt, um zu Flirten oder ein Bier zu bestellen.

Dresscode: Das Travelshack ist ziemlich weltoffen. Und wie sieht weltoffen aus? Richtig: meistens arm. Menschen, die auf Reisen sind, haben eher funktionale Kleidung eingepackt. Die findet man dort oft. Männer tragen Gesichtsbehaarung und waren auch schon länger nicht beim Frisör. Wenn du bei den Ladys landen willst, dann höre jetzt auf, dich zu rasieren und besuche das Lokal in zwei Wochen. Das war ein Spaß, dort sind Landungen nicht besonders schwierig, egal wie man aussieht. Ansonsten gilt für beide Geschlechter: Funktional aber trotzdem eines Instagram-Posts würdig. Timberlands werden hier noch ohne Probleme getragen.

Benimmregeln: Betrinke dich richtig. Nicht nur so ein bisschen, sondern wirklich richtig und schleppe jemanden ab. "Woho"-e, und spreche grammatikalisch falsches Englisch, fühle dich dabei aber unbedingt wie ein Aussie (so sagst du zu einem Menschen aus Australien und nicht anders). Finde Innenpolitik und nationale Themen stinklangweilig, unterhalte dich lieber über Weltthemen wie dein Chemie-Studium, das neue Rollenspiel-Game und die Preisunterschiede von Bier in West- und Osteuropa.

celeste

Cool, cooler, celeste. Es gibt wahrscheinlich keine leisere Diskothek in Wien, die trotzdem regelmäßig von Angewandten-Studis und Menschen, die auch gerne Hipster wären, gestürmt wird. Auch wenn man die Musik im celeste nicht hört, hört man wundervolle Gespräche über Ausstellungen, Nischen-Musik und Stadtreisen. Die Gäste haben eins zu eins dieselbe linke Meinung, die man in linken Blättern liest. Manche auch deshalb, weil sie sie selbst geschrieben haben, andere, weil sie mit dem Schreiber befreundet sind. Kultur ist in den Hallen das A und O und kulturaffine Menschen kleiden und stylen sich auch wie ein Bild von Dalí. Mit einem kreativen Job und dem artsy "Ich hasse alles"-Blick findet man dort schnell Freunde.

Dresscode: Frauen schminken sich am besten gar nicht, oder sehr artsy, da normales Schminken für die Sexualisierung der Frau steht und gutes Aussehen nicht so wichtig ist wie tatsächliche Kunst. Je größer dein Schal, desto höher deine Credibility. Deshalb nimm am besten gleich eine Decke. Gezupfte Augenbrauen sind eher verpönt. Lass es wachsen, Schwester. Männer tragen am besten einen lustigen Bart. Beide Geschlechter können ihr komplett schwarzes und asymmetrisch-geschnittenes Outfit mit einer Farbe aufpeppen. Wer sich gefragt hat, wo Menschen abhängen, die orangenen, schwarzen oder lila Lippenstift tragen, bekommt in diesen Hallen seine Antwort.

Benimmregeln: Zu viel Freude, Erregung, Spaß, Trauer, Wut oder andere menschliche Emotionen sind hier eher fehl am Platz. Sei verdammt cool. Finde ausschließlich Dinge cool, die maximal drei Prozent der Gesamtbevölkerung kennt. Popkulturelle Phänomene, die du magst, aber die "mainstream" sind, musst du in mystischen Witzen verpacken. Mach zum Beispiel niemals deutlich, ob du Britney Spears oder Yung Hurn tatsächlich feierst, oder ob du nur scherzt. 

Mache auf jeden Fall deutlich, dass du die Band Flut schon lange kennst. Wenn du nicht weißt, welche Themen gerade gute Gesprächsstarter sind, melde dich auf Twitter an und schaue kurz, was die österreichische Twitter-Community gerade so bespricht. Ein guter Gesprächsanfang ist zum Beispiel: "Hast du gesehen, was Martin Sellner auf Twitter auf den Tweet von Florian Klenk getwittert hat?" Oder auch: "Die neuen BiBu-Songs sind so lame, ich höre jetzt viel lieber -unbekannte, österreichische Hipster-Band einfügen-". Hilf der Blase beim Entstehen und flieg damit durch die Gegend.

das Werk

Das Werk ist das Gegenteil einer Edeldisco und schon beim Eintreten wirst du von der tatsächlichen Abgefucktheit erstaunt sein. Auf den Sitzgelegenheiten, auf denen Leute sitzen, hat am Vorabend ein Tekk-Head draufgespieben. Aber das ist dort ehrlich egal, so wie auch der Zustand der Klos, der Zustand der Floors und nicht zuletzt: dein eigener Zustand. Die Selektierung der Gäste findet auch genau durch diese Abgefucktheit statt, sodass eine strenge Tür nicht wirklich notwendig ist. Man findet dort schneller als sonst wo Freunde, aber diese Freunde haben eventuell keinen Job, oder sie arbeiten in Berufen, die finanziell so viel hergeben wie die Mindestsicherung. Und gesellschaftlich auch ähnlich anerkannt sind. Manchmal sind auch hippe Studenten da. Zum Beispiel dann, wenn die Grelle Forelle eine zu lange Schlange hat und die Studenten keine Lust mehr aufs Warten haben. Oder wenn ihnen die Party in der Forelle zu lieb ist. Real talk: Die dreckigsten Partys findet man im Werk.

Dresscode: Das männliche Stammpublikum trägt erstaunlich oft Cargo-Hosen (ja, die gibt es noch), einfärbige Shirts mit Aufdrucken, die 2007 für eine Saison cool waren und Hauben. Das weibliche Publikum tobt sich schon etwas mehr aus. Da man keinen wirklichen weiblichen Konkurrenz-Druck spürt, ist das der Ort, wo lustige Leggins getragen und neue Looks ausprobiert werden. Sonnenbrillen sind hier wichtig. Die Ältesten erzählen sich, dass einst die gesamte Partybelegschaft ihr Augenlicht verlor, als sie um 6:00 Uhr aus dem Werk ausgespuckt worden ist und die Sonne erblickte. Anzüge, High Heels und alles, was gezwungen gut aussieht, ist im Werk verpönt – aber wie alles andere auch willkommen.

Benimmregeln: Renne bestimmt durch die Gegend und rede zusammenhangsloses Zeug.. Das Werk ist ein bisschen wie die Teeparty in Alice im Wunderland und deshalb solltest du alle Regeln des Small-Talks über Bord werfen. Menschen trifft man vor dem Werk, auf der Straße sitzend. Oder vor dem Klo, nervös wartend. Es werden dir fremde Menschen, beim Versuch mit dir zu reden, ins Gesicht spucken und das ist OK. Spucke zurück und fange an, dich über die angeknackste Eltern-Beziehung mit deinem neuen Spuck-Freund zu unterhalten. 

Die "neue" Pratersauna

Die Pratersauna wurde neu übernommen und mit ihr ist auch das einstige Publikum hinfort. Lustige Geschalten, jeder Form und Farbe, wichen dem basischsten (von basic) Publikum, welches ein Technoclub jemals hatte. Das ist nicht unbedingt schlecht: Zwar schauen alle gleich, aber auch gut aus. Dort ist es cool, Wodka-Bottles zu erwerben, hinten im VIP-Bereich zu chillen und grundsätzlich Geld zu haben. Wenn du jemals in der "alten" Pratersauna warst, ist es obligatorisch, dass du dich über die neue Einrichtung aufregst. Am üblichsten ist der Aufschrei auf der Bewertungsseite auf Facebook. Du kannst deine Kritik auch vor Ort als Gesprächseinstieg benutzen. 

Einzige Ausnahme: Du hast die VIP-Karte oder beziehst sonst irgendwie finanzielle Vorteile von der "neuen" Pratersauna. Dann musst du unbedingt fünf Sterne auf Facebook abgeben und ein Insti-Posting machen. Wenn du noch nie in der "alten" Pratersauna warst, dann passt du genau in die durchschnittliche Altersgruppe des neuen Publikums. Die neue Pratersauna ist eigentlich wie der Volksgarten nur bei weitem nicht so beliebt, schick oder traditionell. 

Dresscode: Gehe die Mariahilfer Straße entlang und kauf dir ein komplettes Schaufenster-Outfit von Brandy Melville, Tally Weijl oder ganz straight auch einfach nur von H&M. Solltest du oder deine Eltern mehr Geld zur Verfügung haben, dann kaufe dir so ein Forever21-Schaufenster-Outfit bei Peek&Cloppenburg. Momentan sind viele Chokers und Schnürausschnitte und dazu High Heels gefragt. Männer fahren am besten mit Knielöcher-Jeans. Du musst nicht auf Rave-Tauglichkeit achten – auch wenn Richie Hawtin spielt – sondern lediglich darauf, dass du aussiehst wie ein gut aussehender Teeanger oder eine Instagram-Gottheit. 

Benimmregel: Sei oberflächlich. Egal, ob du zum alten oder neuen Publikum zählst: Für dich zählt die Einrichtung, die Leute und die riesige Bar. Je nach Alter bist du damit extrem unzufrieden, oder findest es tot schick. Mache Fotos von dir und deinen Freunden auf Saunamöbeln unter Raumsprays (Tipp: Sie hängen in den Ecken!). Tanze im VIP-Bereich technoid auf einer Stripstange und unterhalte dich mit hauptberuflichen Söhnen und Freunden vom Betreiber. Wenn du zum alten Publikum gehörst, sei grimmig, rege dich auf und schaue nur aus Interesse in den VIP-Bereich. Bleibe dort, nur so aus Interesse, die ganze Nacht sitzen, während du auf Facebook einen Stern abgibst.

Flex

Das Flex war unser aller Anlaufstelle für erste richtige Partys und das hat sich nach wie vor nicht verändert. Auch wenn das Publikum unter der Woche älter sein kann: Am Wochenende ist es voll von Menschen, deren Geburtsjahr 1999/2000/2001 ist. Das muss dich von einem Besuch nicht abhalten – näher an der Jugend kann man nicht sein. Jedoch sind jugendliche Partys von einem gewissen Eskalationsgeist geprägt und das nicht nur auf die gute Art, sondern auch die "Ich weiß noch nicht, wann ich kotzen muss oder was Alkohol grundsätzlich macht"-Art. Auf Klos heulen Mädchen, in den Gängen schmusen junge Geister. Es ist so, wie man sich Mardi Gras-Partys in den U.S.A vorstellt, nur mit besserer Musik. Besonders zu empfehlen sind hierbei die D'n'B-Partys.

Dresscode: Keine Ahnung, was man heutzutage als Teen so trägt. Du kannst es sowieso nicht richtig machen, weil du schon zu alt bist und auch genauso aussiehst. Dein Gesicht schreit schon nach "finanziell unabhängig, frei und verantwortlich". Die Gesichter, die dich bewundernd aber auch ein bisschen abwertend anschauen werden, schreien nach "hormonelle Umstellungen, nächste Woche Schularbeit und D'n'B, yeah". Ansonsten versuche den jugendlichen Look. Schaue dir auf YouTube Cloudrap-Konzerte oder die Kardashians an, um ein Gefühl für den Stil der Jugend zu bekommen.

Benimmregeln: 1) Du glaubst niemandem sein Alter. 2) Du schmust mit niemanden, dessen Ausweis (nicht Passkopie!) du nicht gesehen hast. 3) Im Sommer sitzt du draußen am Donaukanal und kannst besoffen der jungen Generation Wertvolles mitgeben – zum Beispiel wie man eine Bong stopft oder wie du damals mit 16 den Kanal runtergekotzt hast. 

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

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