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Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stefan Stürzer. 

Das Werk: Die Zukunft und die Vergangenheit eines der größten Undergroundclubs Wiens

Fredi Ferkova

Fredi Ferkova

Das Werk lebt seit seinen Anfängen von Veränderung. Der Betreiber Stizz hat uns die Geschichte erzählt und die neuen Pläne für 2018 präsentiert.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stefan Stürzer. 

"Diese Wand mag ich am liebsten", sagt mir der Werk-Betreiber Stizz, als wir am Weg nach oben in den Büroraum sind. "Hier haben einfach alle mitgestaltet." Er zeigt auf die vollgekritzelte Wand bei der Bar, gegenüber der einzigen Sitzgelegenheiten im Club. Manchmal mit Bildnissen, öfters mit unlesbaren Sprüchen. Auf der Wand ist kaum noch Platz für Neues und trotzdem kommt es auch mir als Stammgast so vor, als würde man immer Neues im bunten Kritzelchaos entdecken können. Die Wand ist abgefuckt, dreckig und macht keinen Sinn – trotzdem könnte man sie auch nüchtern länger als 20 Minuten betrachten und versuchen zu erfassen, welche Botschaften und Momentaufnahmen die Gäste verewigen wollten. Es liegt ein bisschen Kunst in dieser Wand begraben, aber auch ein bisschen Anarchie. Die Wand erzählt Geschichten, die vielleicht nicht zusammenhängen oder viel Sinn machen, aber spannend sind. Die Wand ist wie das Werk selbst und dessen Geschichte.

Die Geschichte beginnt mit einem jungen Mann vom Land, der mit einem Soundsystem, mehreren Flaschen Bier und Freunden mit Partys in Oberösterreich begonnen hat. 2017 und gute 15 Jahre später trägt Stizz Hemd, führt mehrere Projekte und beschäftigt alleine im Werk 25 Angestellte. Es ist die Geschichte eines erfolgreichen Clubs mit einem Betreiber, der bis heute – wenn auch gealtert, mit schütterem Haar und gebügeltem Hemd – den Underground in Wien am Leben hält. Mit Underground meine ich: Ein Lokal, in dem die lustigsten und schrägsten Individuen arbeiten und verweilen. Ein Lokal, das von Tekk über Psy bis Techno alles am Wochenende spielt. Ein Laden, in dem man länger nach einem Gast mit einem klassischen Nine-to-five-Job sucht als nach einer fremden Umarmung. In den sieben Jahren seines Bestehens hat das Werk Einiges erlebt und es alterte mit Stizz. Wenn er über das Werk spricht, fallen Wörter wie "mein Baby" und "alles" – seine Identität und die des Lokals sind schon lange nicht mehr auseinanderzuhalten.

Der 18-jährige junge Stizz und seine Zeit bei tool nach einer Subsun-Party.

Ohne dass Sitzz das OK gibt, wird nichts im und mit dem Laden gemacht. Den "Laden" umschließen insgesamt fünf Bögen auf 1000 Quadratmeter – darunter auch den Dachsbau, ein Atelier, ein Imbiss und der Lichtbogen. Wenn es dem Werk schlecht geht, geht es ihm auch schlecht. Es ist eine Liebes- und Leidensgeschichte, in der viele Schulden angehäuft und abgearbeitet wurden. Sie beinhaltet Obdachlosigkeit und Überarbeitung, aber auch legendäre Partys, spannende Off-Theater und lange, kostspielige Sanierungsarbeiten.

Stizz ist aus Oberösterreich und heißt eigentlich Stefan Stürzer. Mit 17 wurde er von einem Freund gefragt, ob er bei seinem Kulturverein tool mitmachen will. Der Kulturverein war mehr ein Soundsystem: Sie hatten ein Lager, eine PA-Anlage und die Motivation, diese in Ruinen und anderen Ortschaften aufzubauen. Sie gestalteten und bespielten Tekkno-, Goa-Partys und Konzerte, bei denen um die 2000 Leute kamen. Das Zwei-Mann-Team hatte bei jeder Party bis zu 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, wo wir bei einer Gabe sind, die Stizz bis heute nicht verlernt hat: Menschen mit seinen Ideen in den Bann zu ziehen und sie zum aktiven Mitwirken zu bewegen.

"Die Programmierung soll 2018 erlesener sein, von zehn Clubbings im Monat, soll es bald nur noch sechs ausgewählte Partys geben."

Er war 20, das erste Mal so richtig verliebt und hatte keine Ahnung, was er machen soll, als er nach Wien zu ihr kam. Die große Liebe hat ihn in die Hauptstadt gebracht. Heute sagt er, dass er sich ein Leben ohne das Werk in den Wiener Bögen an der Spittelauer Lände nicht vorstellen kann. Es war sein tool-Partner Flo, der ihm geraten hat, einen eigenen Verein in Wien zu gründen. So fing er damals wieder von Null an. Die Hälfte seines damaligen Kellner-Gehaltes investierte er sofort in sein neues Projekt: Die ersten Anschaffungen waren Turntables, Mixer und eine kleine PA-Anlage, die er von Hans Söllner bekommen hatte.

Die erste Location des Werks.

Einbaumöbel, Venster99 und das alte TüWi waren die ersten Locations, in denen er einzelne Partys und Events veranstaltete – doch am Anfang gab es noch keine Tekk-Partys, sondern Lesungen und Ausstellungen. Der Kunst- und Kulturverein Werk hat so angefangen, wie er auch weiterlebt: Als eine Mixtur aus Kunst, Live-Musik und -Performances, nicht zu vergessen auch die elektronischen Partys. Auf diese Mischung ist Stürzer stolz und von diesen Partys – wie zum Beispiel den Artwork Evenings im Fluc erzählt er länger und begeisterter als von den Tekktonic-Partys im selbigen Lokal. Und das, obwohl die Tekktonic-Partys im Endeffekt das erste, größere Geld einbrachten. Mit Tekk im Club hat er einen Nerv in Wien getroffen und pro Termin 700 Gäste angezogen.

Er war 24, als er für sechs Monate nach Venezuela ging. Man darf Stizz nicht auf seine Tekktonik- und Soundsystem-Vergangenheit festnageln: Er war und ist auch ein risikofreudiger oder gar verrückter Künstler, der für und mit Künstlern lebt. Seine Werke wurden in zwei Museen in Venezuela ausgestellt. Bis dahin konnte er stolz auf erfolgreiche Kunstprojekte und Partys zurückblicken. Und es kam ihm das erste Mal der Gedanke, eine eigene "Hittn" aufzumachen. In den sechs Monaten in Übersee skizzierte er seinen Traum und suchte bis 2010 seine Location. Es mussten Backsteinwände sein, weil er auf Backsteinwände steht. Was anderes kam nicht in Frage.

Der Umbau von einem der Floors im Keller. Die Neulerchenfelder Straße hat insgesamt über eine halbe Million Euro Schulden verursacht.

Geholfen hat ihm damals der Betreiber des Ragnarhofs und so bezog der 25-Jährige mit 40.000 Euro Startkapital eine sanierungsbedürftige 3000 Quadratmeter-Fläche auf der Neulerchenfelder Straße. Die Location hatte keinen Wasseranschluss, keine Lüftung, der Strom musste neu verlegt werden – aber das Gebäude war aus Backstein und hatte Platz für ein Atelier, eine kleine Bühne und einen Keller für Partys. Bald wurden aus 40.000 Euro 500.000 Euro Schulden, die Behördenkriege zogen sich lang. Stizz und das Werk hatten viele ehrenamtliche Mitarbeiter, die geholfen haben, das Ganze aufzubauen und zum Laufen zu bringen – ihre Bezahlung war Alkohol. Am Ende des Jahres waren 70.000 Euro im Einkaufspreis versoffen.

Die alte Location in der Neulerchenfelder Straße war ein Verlustgeschäft. Jede Einnahme steckte er sofort in die Rückzahlung. Der Krieg mit den Behörden um eine Betriebsanlage zog sich über zwei Jahre, ein halbes Jahr durfte das Werk überhaupt keine Musik spielen und konzentrierte sich somit aufs Off-Theater. Zu Hochzeiten waren 40 verschiedene Künstler aus 16 Nationen da, heute können einige der Schauspieler von dem Beruf leben. Viele davon haben dort ihre Projekte umsetzen können, erzählt er stolz.


Die Clubbingszene in Japan:


Die Anlage wurde nach zwei Jahren genehmigt, aber plombiert. Trotzdem brachte die Kooperation mit dem Susi Klub dem Werk über den Abend 800 Gäste: "Es waren legendäre Partys, die Leute standen auf der Straße, drinnen ging es ab – aber mit den Anrainern haben wir's uns somit endgültig verschissen." Es sind erleichterte Grinser, die die Ausführungen des beseitigten Anrainer-Problems begleiten. Im Frühjahr 2013 musste das Werk raus, es war finanziell nicht zu halten, die wenigen Förderungen für die Kunst und auch die Behördenauflagen haben kein Plusgeschäft aus der Location machen können. Zu dem Zeitpunkt hatte Stizz 800.000 Euro Schulden und war 28 Jahre alt. Alle haben ihm geraten, Konkurs anzumelden.

4youreye haust im Lichtbogen neben dem Werk und wirkt beim Werk-Festival mit.

"Aber solange ich zwei gesunde Hände habe, kommt das nicht in Frage", erzählt mir Stizz. Im Frühling hat er mit Benji, seinem Freund und seiner rechten Hand, binnen zwei Wochen das Lokal nach Spittelau umgesiedelt, die Bögen durchgestemmt und ein Kühlpult zur Bar umfunktioniert, damit zumindest ein bisschen Geld reinkommt. Es gab nur ein Klo und wenn man reinkam, stand man direkt auf der Tanzfläche. Ihm wurden zu der Zeit zwei Bögen angeboten: Die Bar und der kleine Floor, die man bis heute kennt. Gewohnt hat er zu der Zeit in einer Garage, geschlafen hat er jeden Tag in seinem Club oder der Garage. Seine größte Angst war, dass die Gäste aus dem 16. Bezirk nicht nach Spittelau mitkommen – fünf U-Bahn Stationen können für Wiener tragisch weit weg sein. Waren sie nicht. Seine Gäste haben sich bis heute nicht verändert, sein Konzept auch nicht.

Die Beziehung zu seiner größten geografischen und musikalischen Konkurrenz, der Grellen Forelle, beschreibt er als blendend: Er hat sofort Eiswürfel bekommen, als er am Anfang keine Eismaschine hatte. Man hilft sich hier generell gegenseitig, wenn mal was ausgeht. Der Imbissstand, der Dachsbau und der Lichtbogen gehören ihm, die Nachbarschaft in Spittelau ist also harmonisch. In einer clubpolitischen Blase ist das Werk trotzdem nicht gefangen: Es gibt sehr gute Beziehungen zum Fluc, zum Rhiz, zum Venster99 und anderen Locations, die das Werk'sche Gedankengut teilen.

An einem Tag hat er eine eigene Bar geschustert und das Werk im Nachtgeschäft immer mehr professionalisiert. Im Oktober 2016 hatte er seine alten Werk-Schulden endlich abbezahlt. Doch bevor die Zeche beglichen war, wurde 2015 nochmal ausgebaut. Stizz hat konkrete Vorstellungen vom Werk und dazu gehören Live-Musik und Ateliers. Nur einen Club zu haben, ist ihm zu wenig, er versteht sich als ein Kunst- und Kulturverein. Wanda, Voodoo Jürgens, Johann Sebastian Bass und Russkaja sind Künstler, die in seinen Hallen ihre Anfänge erlebt haben. Auf die Schauspieler und Musiker, die jetzt von ihrer Kunst leben, ist er stolz. Und auf die Künstler, die bei ihm ausgestellt haben und jetzt von ihrer Kunst leben können, auch.

Julius Deutschbauer liest unten ohne bei DUCK DOC, auch einem Projekt von Stizz, Leo Schatzl und der Kusntuni Wien und Linz.

Das Betreiber-Sein sei eine Lernerfahrung, 50 bis 60 Prozent der Arbeit mache alleine die Verwaltung aus – etwas, das er schmerzhaft und mühsam lernen musste. Er sieht sich auch als ein Juwel in Wien: Er ist kein Sohn reicher Eltern und auch kein Millionär. Er ist ein Arbeiterkind und trotzdem besitzt er jetzt Lokale, die gut laufen. Er ist unter anderem auch der Geschäftsführer der CREAU und besitzt die Firma Projektentwicklung Stürzer, die sich auf die Beratung von neuen Projekten und Lokalen spezialisiert: "Ohne 40.000 Euro Startkapital braucht man es heute gar nicht erst versuchen", sagt er.

Die Veränderung und Erweiterung vom Werk ist Stizz wichtig: Weil die Gäste sich nicht langweilen sollen und weil er eben viel mehr vor hat, als einfach nur einen Club zu betreiben. Und weil der Verein er ist und er sich ihn so richtet, wie er ihn mag. 2015 kamen die Ateliers dazu, 2016 der große Floor mit der Live-Bühne. Diesen Sommer plant er – sofern es sich budgetär ausgeht – auch eine Sanierung. Wenn nicht, dann macht er halt 2020 alles neu. Sein persönliches Werk-Highlight beschreibt am besten, was Stizz eigentlich vom Werk will: Zum Geburtstag des Werks gibt es jedes Jahr das Kunst am Kanal. Es ist ein gratis Festival, samt Kinderprogramm, Lesungen, Kunst, Theater, Lichtshows und Live-Musik und es spricht verschiedenste Menschen an, unterstützt Künstler und holt die sonst so gewohnte Umgebung in Spittelau aus dem Alltagstrott.

Der große Floor im "neuen" Werk wird von manchen Seiten stark wegen der Anlage kritisiert. Sie hat viele Feinde, aber genauso viele Freunde, versichert mir Stizz: "Die Leute erzählen so einen Topfen. Vor allem sind ja heute alle Tontechniker, die ein Clinch-Kabel anhängen können." Die Anlage am großen Floor sei teuer und wurde extra eingestellt – und das Werk bekomme von Bands, die dort live auftreten Applaus für die Anlage: "Es sind einfach verschiedene Bedürfnisse. Natürlich geht's elektronischen Acts um den Bass, bei Live-Musik ist aber kristallklarer Sound wichtig."

Der Wuzzler im Werk ist auf jeder Party besetzt.

Auch die Türsteher-Situation – trotz oder wegen der liberalsten Tür in Wien, hatte das Werk 2015 Probleme mit Übergriffen und Diebstahl – hat sich entspannt. Sofortige Lokalverbote haben ihr Sonstiges getan, trotzdem melden sich immer wieder Menschen, die ihr Zeug verloren haben, dass zwischen den Möbeln oder auf Toiletten gefunden wird: "Naja, also wenn man sein iPhone am Tisch liegen lässt, aufs Klo geht und dann zurückkommt und es ist weg und man wundert sich drüber – also bissl Selbstverantwortung wär a Traum."

"Das Werk will jungen Erwachsenen Ausbildungen und Praktika im Bereich der Veranstaltungstechnik, Gastronomie und Tourismus anbieten. Das Klassenzimmer hätte über der Bar Platz."

Seit den Ausbauten ist das Programm auch dichter geworden: Mittwoch und Donnerstag gibt es Kulturveranstaltungen, Freitag und Samstag Clubbings. Das soll nicht für immer so bleiben. Er will das Werk neu gestalten, entweder schon diesen Sommer oder eben 2020: Wieder ausbauen und sanieren. Gerade gibt es Gespräche mit einer Berufsschule: Das Werk will jungen Erwachsenen Ausbildungen und Praktika im Bereich der Veranstaltungstechnik, Gastronomie und Tourismus anbieten. Das Klassenzimmer hätte über der Bar Platz. Dazu zählt auch, dass der Barbereich unten ausgebaut wird, mehr Sitzgelegenheiten dazukommen, aber auch eine Küche.

Der kleine Floor wurde schöner.

Die Programmierung soll erlesener werden. Von zehn Clubbings im Monat, soll es bald nur noch sechs ausgewählte Partys geben. Nicht mehr jedes Wochenende Party, aber wenn, dann die besten, ist das Motto für 2018. Dafür noch mehr Live-Konzerte, mehr Kunst und mehr Ausstellungen. Warum aber Veränderung, wenn die Gäste gerne kommen und alles passt? Das Werk wird, genauso wie sein Gründer, älter. Aber es kommt damit auch immer der Original-Vorstellung näher: Ein Ort zu sein, an dem sich alle wohlfühlen, aber am allermeisten er. Denn wenn es dem Werk gut geht, geht's ihm und in weiterer Folge den Künstlern, Partys und Gästen auch gut.

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin


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