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Die DIY-Clubs Nordkoreas

Verlassene Gebäude und geschmuggelter K-Pop im isolierten Reich.

Ziad Ramley

Ziad Ramley

Hochhäuser in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Foto von Bjørn Christian Tørrissen/Wikipedia.

Obwohl es in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte bei der weltweiten Vernetzung durch das Internet gab, ist Nordkorea sowohl für die westliche Welt als auch für die Nachbarstaaten immer noch ein beinahe komplettes Mysterium. Wie sind nordkoreanische Restaurants so? Wurden nordkoreanische Filme innerhalb des Landes gut aufgenommen? Gehen Nordkoreaner in Clubs? Dank des Online-Magazins NK News, das aus Delaware stammt und Nachrichten für Auswanderer bietet, können wir die letzte Frage nun beantworten.

Einmal pro Woche wählt NK News eine Frage eines Lesers aus, die dann einer nordkoreanischen Person gestellt wird. Zuletzt wurde der Überläufer Je Son Le gefragt, wie die Nordkoreaner ihre Freizeit und ihre Feiertage verbringen. Neben den verpflichtenden Feiertagstraditionen wie Kleiderordnungen und dem frühmorgendlichen Niederlegen von Blumen (unabdingbar für jedes tyrannische Regime) hat Je Son Le schockierende Details über Musik und Partys in dem isolierten Reich enthüllt.

2012 sind tausende von nordkoreanischen Truppen und Studenten auf die Straßen gegangen, um zur Feier von Kim Jong Uns Ernennung zum Marschall zu tanzen. Foto via Huff Po/Associated Press.

Kommen wir direkt zum Punkt: Nein, es gibt in Pjöngjang oder woanders im Land keine Clubs. Nordkorea ist ein Ort, an dem das Internet so manipuliert wird, dass die Nutzer keine internationalen Nachrichten lesen können. Es ist ein Ort, an dem äußerste Hingabe zum Regime die einzig akzeptierte Norm ist. Ein Ort, an dem selbst die Musik dazu dient, die Interessen der Regierung zu verbreiten (das ausschließlich weibliche Ensemble Moranbong Music Band ist so ein bekanntes Propaganda-Instrument). All das ist nicht überraschend, wenn man die Einstellung der nordkoreanischen Regierung zur westlichen Welt und ihre strengen Strafen für Ungehorsam kennt.

Das staatliche Propaganda-Werkzeug Morongong Music Band spielt „Let’s Learn“.

Wie bei den meisten Musikliebhabern können auch Gesetze gegen Clubs und persönlichen Ausdruck wenig dagegen tun, dass die nordkoreanische Bevölkerung es an ihren freien Tagen krachen lässt. „Egal, ob du in Nordkorea, Südkorea oder den USA lebst, das Interesse an Kunst, Sport, Zuneigung und Freundschaft existiert in jedem Land“, sagt Je Son Le NK News.

Das Ergebnis der strikten Beschränkungen seitens der Regierung ist ein Underground-Netzwerk aus DIY-Clubs, in denen es munter zugeht und das Risiko hoch ist. Statt eines Nachtclubs in einer belebten Straße werden leerstehende Häuser zur provisorischen Heimat der Ausgelassenheit. Statt der regierungsfreundlichen Songs schallt verbotener K-Pop aus den Boxen. Damit der Klang der Musik nicht außerhalb des Hauses zu hören ist, werden besondere Vorkehrungen getroffen.

„Irgendetwas aus Südkorea gut zu finden, ist in Nordkorea illegal“, erklärt Je Son. „Wenn wir es im Falle einer Polizeirazzia nicht rechtzeitig schaffen, die Kassette oder die CD zu verstecken, würde es als Beweis gegen uns verwendet“. Mit verbotenem Material erwischt zu werden kann zu einer Gefängnisstrafe, Zwangsarbeit oder Schlimmerem führen. Denk daran, hier geht es um ein Land, in dem du hingerichtet werden kannst, nur weil du südkoranische Fernsehsendungen geschaut hast.

Studenten in einem Kurs der vom Westen finanzierten Universität für Wissenschaft und Technik in Pjöngjang. Foto via BBC.

Geschmuggelte CDs mit K-Pop abzuspielen ist schwer in einem Land, in dem öffentlicher Zugang zu Elektrizität nicht die Norm ist, also nutzen Studenten ölgetriebene Generatoren. Anstatt sie für industrielle Geräte zu nutzen, betreiben die Studenten damit Stereoanlagen und Verstärker. Unglücklicherweise erschafft das genauso viele Probleme wie es löst. Die Generatoren sind nicht nur schwer und daher mühsam zu transportieren, sie sind auch laut und erhöhen das Risiko, von der neugierigen Obrigkeit entdeckt zu werden.

Hierbei bedienen sie sich einer Methode, die auch in der illegalen DVD-Industrie des Landes genutzt wird. Um zuhause südkoreanische Filme zu schauen, nutzen viele Familien einen DVD-Player mit zwei Eingängen namens Notetell. Indem sie eine nordkoreanische DVD in das DVD-Fach legen und einen südkoreanischen Film von einem USB-Stick abspielen, sind die Leute in der Lage, einen Beweis dafür zu erbringen, dass sie bloß einen nordkoreanischen Film schauen, falls sie erwischt werden. Der belastende USB-Stick wird dann versteckt oder weggeworfen. Die Studenten, die eine durchtanzte Nacht mit ihren Freunden planen, bedienen sich aber oft einer noch weniger technisch ausgefeilten Lösung: Gitarren.

Wie Je Son Le herausstellt, hinterlassen Gitarren keine Beweisspuren. Sie sind leicht, einfach zu produzieren und erlauben es den Studenten—falls Außenstehende in der Nähe sind—schnell zu traditionellen, legalen nordkoreanischen Songs überzugehen. Die Musik, die sie spielen, ist schnell, fröhlich und, anders als das holprige „Wonderwall“-Cover deines bekifften Freundes, technisch ziemlich versiert. Je Son Le hat hat ein besonders liebenswertes Beispiel eines solchen Songs bei YouTube hochgeladen.

Im Gegensatz zu ihren Nachbarn im Süden ist die nordkoreanische Jugend nicht von der zunehmenden Beliebtheit elektronischer Musik angetan oder sieht sich an, wie CL mit Diplo bei Award-Shows auftritt. Die Geschichte, die Je Son Le erzählt, ist eine von Konflikten, Geheimnissen und Vorsicht. Sie zeigt allzu deutlich, welchen Aufwand die Kims (und ihre Hintermänner und -frauen) betreiben, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Wie bei vielen Formen des Ausdrucks in Nordkorea ist auch das Hören von Musik ein Katz-und-Maus-Spiel; auf jede brutale Aktion gibt es eine geschickte Reaktion. Mit der Entscheidung zwischen Konformität und Überleben oder K-Pop und Tod konfrontiert, findet die Jugend Nordkoreas ihren eigenen Weg.


Folge Ziad Ramley bei Twitter: @ZiadRamley

Dieser Artikel ist vorab auf Thump erschienen.

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