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Vom Bunker-Floor zur Cocktailbar—Ein Interview mit dem neuen Pächter der Pratersauna

Wir haben mit Martin Ho über seine Pläne mit dem Areal am Prater geredet.

Isabella Khom

Isabella Khom

Als die Pratersauna 2009 ihre Türen öffnete, öffnete sich für viele auch ein neues Lebensgefühl. Die „Sauna“ wurde zur Heimat für Freigeister, Zentrum für die Wiener Szene und zu einem der wichtigsten Clubs Wiens. Nach vielen Spekulationen, Gerüchten und Dementi wissen wir nun schon länger, dass Hennes Weiss und Stefan Hiess die Segel streichen und die Pratersauna nun bald in der Verantwortung von Martin Ho steht.

Martin Ho, der mit DOTS Fuß in der Gastronomie gefasst hat, ist auch der Typ, der neben der Pratersauna Wiens einzigen HipHop-Club, das VIEiPEE, eröffnet hat. Sich also für die Pratersauna als Objekt zu interessieren, liegt recht nahe. Die DOTS-Gruppe ist bekannt dafür, einen hohen qualitativen Anspruch an sich selbst zu haben. Von außen betrachtet, könnte man sie irgendwo zwischen kreativ, hochwertig und snobistisch einordnen. Martin Ho macht „das, von dem ich glaube, dass es die Menschen mögen.“ Was heißt diese Übernahme nun für die Pratersauna? Ist die Pratersauna, so wie wir sie kennen, Vergangenheit? So viel können wir verraten: Ist sie. Die Pratersauna wird jetzt aufgemascherlt, poliert, soll aber trotz der Änderungen die Grundideologie und das Grund-Charisma nicht verlieren—das Gegenteil ist die Intention.

Wir haben Martin im DOTS auf der Mariahilfer Straße getroffen und ihm all die Fragen gestellt, die sich ungefähr jeder stellt: Was passiert mit dem Club, der die Wiener Clublandschaft einst umgewälzt hat?

Foto: Gersin Livia Paya

Noisey: Martin, wie fühlst du dich jetzt nach der Übernahme? Bist du erleichtert?
Martin: Gar nicht. Intern, für uns, war es ja schon seit Oktober oder November klar. Es wurde sehr viel taktiert.

Verläuft bei der Übernahme alles so, wie du es dir vorgestellt hast?
Bis jetzt läuft alles relativ planmäßig. In der Planung sind wir zwar ein halbes Monat in Verzug, aber grundsätzlich läuft alles wie es soll. Wir hoffen, dass wir den April-Eröffnungstermin im Zuge des „250 Jahre Prater“-Jubiläums schaffen. Da soll am Jubiläumstag keine Baustelle sein.

Ihr habt immer gesagt, dass der Fokus auf elektronische Musik bestehen bleibt. Was heißt das?
Wir werden sehr viele Formate von der bestehenden Pratersauna übernehmen, da sind wir noch in Verhandlungen.

Wer macht das Booking? Wird es Fremdveranstaltungen geben? Eigenveranstaltungen?
Einige Fremdveranstalter, die bereits erfolgreich in der Pratersauna gearbeitet haben, werden auch bei uns weiterarbeiten. Wir werden mit Kooperationspartnern und mit Bookern die Arbeit teilweise selber gestalten, teilweise in Kooperation mit bestehenden Formaten arbeiten.

Es wird also keinen einzelnen Chefbooker geben?
Nein. Wir werden das Booking selber machen. Wir sind jetzt gerade dabei, mit einzelnen Veranstaltern dieses Jahr durchzuplanen.

Was wird sich für die Veranstalter ändern?
Wir werden alle möglichen Maßnahmen setzen, damit es angenehmer ist, bei uns Veranstaltungen auszutragen. Es fallen die Mietgebühren weg, wir machen die logistischen Wege einfacher. Wir werden fixe Anlagen haben, die maßgefertigt auf das Haus angepasst werden. Die Veranstalter ersparen sich sehr, sehr viel Auf- und Abbau. Wir werden Personal haben, das helfend zur Seite stehen wird.

Veranstalten in Wien ist nicht einfach. Aufgrund der Vergnügunssteuer, aufgrund diverser Abgaben, aufgrund der organisatorischen Prozesse der einzelnen Diskotheken, aufgrund der Logistik im eigenen Club. Genau diese Sachen konzipieren wir alle in den Club hinein, so dass der Veranstalter sich alleine auf das Booking, auf seine Künstler, auf seine Promo, auf seine Kunden vor Ort, das After-Sale-Service etc. konzentrieren kann. Für den Veranstalter soll es einen Fokus geben: Die Kundenbetreuung.

Werdet ihr Konzerte veranstalten?
Ja, werden wir. Im kleinen und urbanen Bereich. Vielleicht auch mal ein HipHop-Konzert. Vielleicht werden wir ja mal etwas wie eine Verkehrte Welt machen.

Welche Veränderungen habt ihr baulich geplant?
Wir werden alles offener gestalten. Es wird nur noch den Mainfloor und das Glashaus geben. Zwischen den beiden Floors kommt die Bar als Meeting-Point oder Sammelstelle, wir werden einzelne Areas gestalten, damit es zwischen dem Raven auch ein Abhängen gibt, ein Kommunizieren. Grundsätzlich wird die Pratersauna von den Räumlichkeiten her verkleinert, dafür aber transparenter. Die Räume werden entkernt, die Wege werden für den Kunden verkürzt. Die Räumlichkeiten, die das Ganze bis jetzt nicht transparent gemacht haben, kommen weg. Aus dem Bunker wird eine Cocktailbar als Member-Club—quasi als Club im Club, der als Verbindungsstück zwischen VIEiPEE und Pratersauna fungieren wird. Der wird auch einen eigenen Eingang haben oder mit einem Verbindungseingang von beiden Seiten.

Wird es optische Überraschungen geben?
Die größte Überraschung wird sein, dass sich nichts geändert hat. Die Pratersauna ist ja architektonisch schon eine Überraschung. Dass es sowas noch gibt, muss man sich mal vorstellen.

Ein großer Vorteil der Sauna ist der Garten. Was hast du draußen vor? Wird der Pool im Sommer eine zentrale Rolle spielen? Wirst du den Garten umgestalten?
Wir machen aus dem Garten einen Beach-Bereich, in dem die Menschen auch am Tag ihre Zeit verbringen können, den Pool nutzen können, liegen, sich bräunen, einfach ihre Sommertage genießen können. Mit der Ergänzung einer Cocktailbar, weil wir natürlich auch das, was wir können—die Gastronomie—demonstrieren wollen. Wir werden erstklassige Drinks konzipieren. Das wird wieder Daniel Schober machen, der auch Barchef im X ist. Und der wird zwischen VIEiPEE und Pratersauna eine erstklassige Cocktailbar nach internationalem Format entwickeln. Damit wollen wir auch demonstrieren, dass wir neben Freigeist und Ideologie auch Qualität verkaufen. Das gehört auch in meinen Augen zusammen.

Wie schaut es mit Essen aus?
Wir haben jetzt im VIEiPEE bereits eine Vietnamesische Street Kitchen, die an schönen Tagen im Garten offen hat, wir haben eine Buschenschank, die an allen Öffnungstagen offen hat, wir haben den Maxi mit dem Würstelstand, der auch bleiben wird. Wir werden im Beach-Club natürlich eine kleine DOTS-Karte haben. Mit Sushi, Sashimi und so weiter, weil das an heißen Sommertagen einfach eine angenehme Speise ist.

Welches Publikum wünscht du dir für die Pratersauna?
Unterm Strich gibt es einen Topf mit Menschen. Der, der gerne elektronische Musik hört, soll nach links gehen und der, der lieber HipHop und urbanen Sound hat, nach rechts. Das Publikum, das bisher in der Pratersauna gerne gesehen wurde, ist auch bei uns gerne gesehen. Wir redigieren da keine Menschen raus. In Zeiten wie heute ist es sehr wichtig, dass wir den Menschen als Menschen betrachten.

Willst du das VIEiPEE und die Sauna näher zusammenbringen oder sollen das zwei separate Clubs bleiben?
Es werden zwei verschiedene Clubs bleiben.

Wirst du den ominösen Durchgang zwischen Sauna und VIEiPEE öffnen?
Naja, für Members. Gern gesehene Stammgäste, die respektieren, was wir tun, werden zu Members. Die können zwischen den Clubs wechseln, weil ich der Meinung bin, dass wir im Dienstleistungs-Gewerbe zwischen Stammgast und Nicht-Stammgast unterscheiden sollten. Die Cocktailbar hätte auch nicht die Kapazitäten, dass beide Türen offen sind. Dann hätte man einen Durchlauf, dadurch wäre die Cocktailbar von der Qualität her nicht mehr schätzenswert.

Bist du mit den Entwicklungen des VIEiPEE zufrieden?
Sehr, ja. Natürlich müssen wir sehr fokussiert sein. Wir können es uns zur Zeit nicht erlauben, auch nur einen Tag unkonzentriert zu sein. Das Club- und Nachtgewerbe ist viel Arbeit. Aber wir haben uns gut eingefunden und sind gut aufgestellt.

Wie wird es mit dem Eintritt aussehen? Hast du da eine Obergrenze? Um wie viel werden die Getränkepreise gesenkt?
Zehn Euro, wie im VIEiPEE. Und die Getränkepreise werden zwischen zehn und 15 Prozent gesenkt.

Wie wird die Türpolitik gehandhabt? Wer kommt rein?
Es wird keine klassische Politik geben. Die Türpolitik wird sich an behördlich festgesetzten Rahmenbedingungen orientieren. Wenn es voll ist, ist es voll. Wir wollen auch eine konsequente Gleichberechtigung zwischen Männchen und Weibchen. Frauen sollen sich bei uns im Club—egal, ob im VIEiPEE oder in der Pratersauna—stets sicher fühlen. Und wir werden darauf achten, dass die Sicherheitsansprüche, die wir haben, wirklich nachhaltig sind. Mädchen dürfen keine Angst haben, zu uns in den Club zu kommen. Bierdosen am Gelände wird es bei uns auch nicht mehr geben, da bin ich dem Pratervorstand im Wort, dem Bezirksvorsteher im Wort.

Foto: Gersin Livia Paya

Ihr sagt, ihr wollt „den Charakter der Sauna“ erhalten. Was macht deiner Meinung nach den Charakter der Sauna aus?
Dieses Unkomplizierte und dieses—leider Gottes muss ich auch sagen—zwanghaft schäbig dargestellte. Warum sage ich zwanghaft? Die Sauna hatte bislang ähnliche Getränkepreise wie Großraumdiskotheken, in die eine ganz andere Gesellschaftsschicht geht, ohne die Grundbedürfnisse von Hygiene, Licht oder Qualität des Sounds zu befriedigen. Das passt für mich nicht zusammen. Wir werden die Grundideologie und das Lebensgefühl des Offenen, des Nicht-Ausgrenzenden mit der von uns gewohnten Gastronomiequaliät zusammenbringen.

Was schätzt du an der Arbeit von Hennes und Stefan?
Ich finde es total respektabel, was sie mit ihren Möglichkeiten gemacht haben. Dass man mit wenig so viele spannende Momente geschaffen hat. Dafür können wir uns in der Szene bei ihnen bedanken, sonst wäre das Projekt auch nicht so spannend geworden. Dann hätten sich nicht so viele draufgestürzt. Ohne die Pratersauna hätten wir auch das VIEiPEE nicht gemacht. Dafür möchte ich mich bei ihnen auch herzlich bedanken. Aber so viel haben wir letztlich nicht gemeinsam, wir werden vieles anders machen. An der alten Pratersauna habe ich ein bisschen die Konsequenz vermisst. Ich habe die gastronomische Qualität vermisst. Ich habe dort die technische Qualität vermisst. Wir werden die technischen Standards verbessern, um das Ganze nach einem internationalen Maßstab umzusetzen. Wir werden aber in den Veränderungen sensibel sein. Wir gehen gefühlvoll an das Ganze ran, weil wir sonst den Anschluss zur Szene verlieren. Das ist uns sehr bewusst.

Hast du Angst vor der Meinung der Leute, der Szene? Glaubst du, dass du als neue Stiefvater aufgenommen wirst?
Wir grenzen niemanden aus. Und mit dieser Offenheit gehen wir an das Projekt ran. Wer uns dann ausgrenzt, weil er der Meinung ist, dass Bier in einem Plastikbecher besser schmeckt und es ihm nicht gefällt, dass er jetzt weniger zahlt für bessere Qualität, dann muss ich damit leben und es akzeptieren.

Welche Vorurteile könnten die Leute gegenüber einem Martin Ho, der die Pratersauna übernimmt, haben?
Naja, die Leute werden sicher sagen, dass die Pratersauna kommerzialisiert und kapitalisiert wird. Diesen zwei sensiblen Themen beugen wir vor, indem wir die Preise senken, die Qualität verbessern, die Technik verbessern, die Bedürfnisse der Veranstalter und der Hosts verstehen, ihnen diese Bedürfnisse erfüllen und ihre Ängste nehmen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Szene aus dem Fortgehalter herauswächst. Und die Szene, die nachkommt, wird nicht dieselbe sein. Die Crews, die das bis jetzt gemacht haben, haben mit 20 in der Sauna begonnen, sind jetzt 27 und gehen einem geregelten Job nach. Die Pratersauna hat es sieben Jahre gegeben, nicht 60. Sie hat eine Epoche, eine einzelne Szene geprägt. Das war es aber auch schon wieder. Jetzt kommen die nach, die damals zwölf waren. Es ist unsere Aufgabe, die aufzugreifen und die Szene mitzuprägen. Diejenigen, die jetzt „Kapitalismus“ schreien gehen ja selber nicht mehr hin.

Was kannst du den Leuten auf ihre Befürchtungen sagen?
Wir werden die Kommerzialisierung nicht vornehmen, weil wir sie grundsätzlich nicht machen. Das schaut nur so aus.

Wie schaut das Verhältnis zur Konkurrenz aus?
Wir sind in gutem Einvernehmen mit unseren Kollegen. Der Vorteil bei mir ist, dass ich kein Clubbetreiber bin. Ich bin ein Gastronom, zu dem die Betreiber auch essen kommen. Nach zehn Jahren sind wir jetzt im Nachtleben, aber wir leben in einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern. Da gibt es genug Platz. Deswegen haben wir die Clubs auch gezielt nicht zusammengelegt. Die Pratersauna wird ja verkleinert. Es wird alles kompakter. Wir sind keine Konkurrenz zu einer Großraumdisco. Wir sind ja der einzige Club, der sich auf einem Gelände total spezialisiert. Es gibt keinen Club, der beides hat. Wir haben den reinen Techno, wir haben den reinen HipHop, dazwischen die Cocktailbar und den Lümmelbereich.

Was wird für dich die größte Herausforderung in Sachen Pratersauna darstellen?
Sicher der Umgang mit der Szene. Alles andere können wir. Die Anknüpfungspunkte zur Szene und nach der Eröffnung die Szene mit einem Lächeln im Gesicht rausgehen zu sehen. Die Szene zu behalten und nachhaltig zu erfreuen—das wird unsere Herausforderung.

Isabella ist auf Twitter: @isaykah

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