Quantcast

Wie es ist, als Stagehand zu arbeiten

Sandro  Nicolussi

Sandro Nicolussi

Nicht alle Berufe im Musikbusiness sind so fancy, wie man sie sich oft vorstellt. Manche Tätigkeiten klingen beschissen, sind aber trotzdem unentbehrlich. So auch der Job der Stagehands.

Header: Screenshot von Youtube aus dem Video "Szene Openair 2013: Der Aufbau der Bühne" von VOL.AT - Vorarlberg Online

Wenn man an Tournees von den großen Bands und Musikern dieser Welt denkt, stellt man sich oft riesige Bühnenaufbauten, teure Pyrotechnik und eine eskalierende Aftershowparty vor. Abgesehen davon, dass das nur Klischees sind, gibt es Leute, für die so ein Konzertspektakel nicht nur eine ausufernde Party ist. Irgendwie müssen Instrumente, Flammenwerfer und Penis-Attrappen ja auch vor der Show auf die Bühne kommen. Und nach dem Konzert muss das ganze Zeug – oh wonder – wieder abgebaut und die Instrumente eingeladen werden. 

Erfolgreichere Bands und Musiker haben dafür eine Roadie-Crew dabei, die das für sie erledigt. Diese Roadie-Crew besteht aus Veranstaltungstechnikern, die meistens für die ganze Tour mitfahren und Tag für Tag immer das gleiche Bühnenbild aufbauen. Wie ich erfahren habe, kann das dazu führen, dass einige Roadies ab dem vierten Tourstop manchmal ein bisschen faul und ab und zu auch schon beim Aufbau der Bühne bekifft sein können. Das trifft natürlich nicht auf alle Crews zu, aber sowas brennt sich einfach stärker ein – und irgendwie versteht man sie auch. Deshalb hat jede gute Konzertlocation ein paar freie Mitarbeiter angestellt, die der Roadie-Crew unter die Arme greift, während die vorsichtshalber schon mal das lokale Bier für die Band vorkostet. Um genau diese freien Mitarbeiter, die im Konzertablauf die Arschkarte gezogen haben, geht es hier: die Stagehands. Teilweise wird sogar – wie zum Beispiel bei der Wiener Stadthalle üblich – auf sogenannte Stagehand-Mietfirmen zurückgegriffen, die Nachfrage ist also groß. 

Anfangs klingt die Beschreibung eines Stagehand-Jobs wie der feuchte Traum eines jeden Low-Budget-Fanboys, der seine Idole gerne so nahe wie möglich erleben möchte: Man trifft Bandmitglieder, darf deren Instrumente und Verstärker begutachten und vielleicht schafft man es sogar in den Backstage-Bereich, um sich mit den Stars vor ihrer Show zu unterhalten, zu sedieren oder ihren witzigen Rider zu besprechen, je nachdem. Und dieser Traum wird einem auch noch bezahlt. Doch wie so oft hat auch diese Medaille eine zweite Seite. Denn nicht alle Musiker sind während einer Tour wirklich so, wie sich sich bei Medienauftritten oder auf der Bühne geben. Das ist jetzt keine große Überraschung, aber es soll noch immer Leute geben, die noch nicht verstanden haben, dass Musiker nicht irgendein überirdisches Wesen, sondern eben Menschen (mit viel Talent).

"Abgesehen davon habe ich mich irgendwann dafür entschieden, Konzerte so zu genießen, wie ich es am besten kann: betrunken und grölend im Publikum stehend, ohne jeden Sinn für Verantwortung."

Ich selbst habe auch das ein oder andere Mal als Stagehand gearbeitet. Leider kam mir dann irgendwann das Studium dazwischen, obwohl das Aufbauen von Bühnen wenigstens ein produktiver Weg der Prokrastination wäre. Abgesehen davon habe ich mich irgendwann dafür entschieden, Konzerte so zu genießen, wie ich es am besten kann: betrunken und grölend im Publikum stehend, ohne jeden Sinn für Verantwortung. (Ab und zu bin ich den Musikern trotzdem noch irgendwie nahe gekommen.)

Die Bühnengehilfen sind aus dem Musikbusiness nicht wegzudenken und sind maßgeblich am Konzerterfolg beteiligt. Um ein paar Geschichten von aktiven Stagehands zu hören, habe ich mich mit David* und Felix* unterhalten. Für die Beiden ist das Stagehand-Dasein Hobby und Gelegenheitsjob zugleich. Sie haben mir die besten und die schlechtesten Erlebnisse aus ihren Tagen als Trailer-Tetris spielende Alleskönner erzählt.

Wie Stagehands mit anderen Crews zusammenarbeiten

Foto via Flickr | Michael Coté | CC BY 2.0

Eine Band, die weltweite Bühnen bespielt, wäre ohne ihre Roadie-Crew ziemlich aufgeschmissen. Teilweise kommen drei LKWs mit Bühnenelementen angerollt – und das nur für eine einzelne Band. Rammstein kann euch ein Lied davon singen. Auch die Lieblingsband von jedem Menschen auf diesem Planetengenau, Nickelback – erkannte das schon 2004 und druckte den Spruch "crew are people too" auf ihre T-Shirts. Wow, was für eine Entschädigung für ein jedes Crewmitglied. Man kann nur hoffen, dass die Crew mit "Nickelback make music too"-Shirts geantwortet haben.

Als Stagehand sind die Crews der auftretenden Band deine direkten Arbeitskollegen. Du lernst sie in der Früh kennen und wirst den ganzen Tag damit beschäftigt sein, mit ihnen die LKWs auszuräumen und das ganze Zeug – von dem du dich mehrmals fragen wirst, für was das überhaupt gut sein soll – auf der Bühne aufzubauen. Du hoffst also, dass die ankommende Crew organisiert und strukturiert ist – und bestenfalls nüchtern. Als AC/DC im Wiener Ernst-Happel-Stadion gespielt haben waren allein über 150 Stagehands im Einsatz, da muss jeder Handgriff sitzen. 50 dieser Stagehands waren übrigens dafür zuständig, den Rasen abzudecken. Das ist besonders wichtig, damit die österreichische Nationalmannschaft das nächste Spiel nicht noch höher verliert.

Laut dem Disponent einer Stagehand-Mietfirma aus Wien, braucht es dazu aber keinerlei Vorwissen: "Man muss lediglich körperlich fit sein und darf auch keine Scheu vor körperlicher Arbeit haben. Die üblichen soft skills sind natürlich auch wichtig. Vor allem sollte man gut im Team arbeiten können. Der Rest ist learning by doing." Soft Skills sind auch gleich die zwei Zauberworte, denn damit steht und fällt meiner Meinung nach die ganze Crew-Zusammenarbeit. Wer arbeitet schon gern mit unfreundlichen Menschen zusammen? 

"Bob Dylan hatte bisher definitiv die entspannteste Crew."

Bei einem meiner ersten Einsätze als Stagehand arbeitete ich für Machine Head. Eine bekannte und vor allem routinierte Heavy Metal-Band aus Amerika. Die Routine der Band merkte man auch der Crew sehr leicht an. Aber nicht wegen ihrer koordinierten Arbeitsweise (wie man sie bei der Band sehen konnte), sondern dadurch, dass der Crew-Manager wirklich nichts anderes gemacht hat, als uns herumzukommandieren, seine Apfel-Bong zu rauchen und auf den Boden zu rotzen. Auch Crews von Bands, die nicht unbedingt weltweiten Ruhm genießen, sind vom Höhenflug nicht ausgenommen. "Die Crew von KIZ war eine unhöfliche und schreiende Truppe. Die sind nicht mal miteinander klargekommen.", sagt Felix. Dabei ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich unter den Mitgliedern verschiedener Crews Freundschaften oder zumindest Kontakte bilden. Und auch der KIZ-Crew kann man mal einen schlechten Tag entschuldigen, vielleicht waren sie einfach enttäuscht. Zum Beispiel von den Stagehands.

Es gibt aber auch durchaus Crews, die mit einem guten Vorbild vorangehen. Bob Dylan beispielsweise hat laut David ein sehr angenehmes Team: "Bob Dylan hatte bisher definitiv die entspannteste Crew. Es hat echt Spaß gemacht, mit denen zu arbeiten." Und auch die Wiener Stadthalle achtet genau darauf, dass ein funktionierender Ablauf gewährleistet ist: "Da im Showbiz ein genauer Zeitrahmen vorgegeben ist, zählen vor allem Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Engagement. Unsere Hallenmeister müssen sich auf die Stage Hands ebenso wie auf die Stamm-Crew verlassen können und jeder Handgriff muss sitzen, damit spätestens zum Behördenrundgang vor jeder Show alles an seinem Platz ist und die Party starten kann.", heißt es gegenüber Noisey.

Ein Crewerlebnis, das ich nie vergessen werde, hatte ich mit den Leuten von Walk off the Earth. Das sind die, die vor fünf Jahren "Somebody That I Used to Know" auf einer einzigen Gitarre gecovert haben – du kennst sie. Bei ihnen war es schwer, Band, Roadies und mitgebrachte Freunde auseinanderzuhalten. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass während ihren Konzerten immer mindestens zehn Leute herumspringen, irgendwelche Instrumente spielen oder herumwerfen und man nie genau weiß, wer da jetzt eigentlich spielt und wer einfach nur zur Show auf der Bühne steht. Vielleicht werde ich es auch nur deshalb nicht vergessen, weil es eine meiner einzigen nüchternen Konzerterfahrungen war.

Was Stagehands mit Musikern zu tun haben

Als Stagehand hat man ab und zu (aber eher selten) auch mit den Musikern zu tun, für die man eigentlich nur indirekt arbeitet. Während manche Musiker unerschöpflich wirken und aus dem Tourbus hüpfen wie ein Gummiball, schleppen sich andere irgendwann aus dem Bus, um sich anschließend mal halbverkatert die Venue anzusehen. Aber das ist eh verständlich, das Tourleben ist verdammt hart. Ich würde wahrscheinlich nach den ersten drei Gigs täglich unter der Dusche weinen und meine Tränen mit der Setlist für das nächste Konzert trocknen. Wenn die Musiker noch nicht so groß sind oder besonders gut drauf sind kann es auch sein, dass sie ihren Soundcheck selber machen. Dabei lernt man die Menschen hinter der Künstlerfassade kennen, was – wie bereits erwähnt – teilweise ein sehr konträres Bild zu dem ist, was man sich eigentlich erwartet hätte. Felix erzählt mir davon, wie ihm Cradle Of Filth-Frontman Dani Filth ungeschminkt und im Freizeitoutfit entgegengekommen ist: "Dani Filth sieht in jeder öffentlichen Situation wie die reine Ausgeburt der Hölle aus. Meistens ist er geschminkt und schwarz gekleidet. Als er dann um die Mittagszeit mit einem gelben T-Shirt, Flip Flops und seinem roten Reisekoffer in die Konzerthalle spazierte, erinnerte er mich nicht wirklich an eine Black Metal-Ikone. Das war schon irgendwie weird, aber auch lustig."

Felix erinnert sich an ein Festival, bei dem der Rapper Casper mal im Backstagebereich durchgedreht ist: "Casper hat 2015 bei einem Festival hinter der Bühne randaliert. Seine Begründung dafür war, dass er hier der Star sei. Das Ganze hat sich allerdings schnell geklärt, als der Stagemanager damit drohte, Caspers Bookingagentur zu verständigen. Danach war schnell wieder alles cool." Tja, Musiker sind eben auch nur Menschen, die sich manchmal nicht unter Kontrolle haben. Meiner Meinung nach machen solche Ausraster die Musiker ein bisschen sympathischer, solang die Skandale nicht in Justin Bieber-Häufigkeit vorkommen.

Wie Stagehands Konzerte erleben

Foto via Flickr | wetwebwork| CC BY 2.0

Der einzige Grund, warum ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, für einen Hungerlohn Kisten zu schleppen und meinen Rücken zu zerstören, ist, dass ich mir gratis Konzerte ansehen konnte. Außerdem fand ich schon immer die Leute hinter der Absperrung cool, die ein "Crew"-T-Shirt anhaben. So ein Shirt habe ich übrigens nie bekommen, aber immerhin war ich hinter der Absperrung. #goals

Bei dem Konzert kommt man dann meistens auch drauf, wozu der ganze Scheiß gebraucht wird, den man davor irgendwann auf die Bühne geschleppt hat (natürlich abgesehen von den Instrumenten. Ihr Genies.) David meint, dass gerade Stagehands einen wesentlichen Beitrag zum Konzertablauf beitragen: "Ein kleiner Teil des Applauses gehört immer dir als Stagehand. Du weißt, dass ohne dich nichts laufen würde." Also, auch wenn ihr das im Publikum nie checkt, ihr klatscht auch für die Leute mit, die ihr nicht auf der Bühne seht.

Aber auch bei den Konzerten kann einiges schief gehen. Denn nur, weil du dir den Arsch abarbeitest, um endlich das Drumset fertig aufzubauen, von dem manche Drummer eh nur ein Drittel benötigen, heißt das noch lange nicht, dass das Konzert auch wirklich stattfindet. Falls es sich bei dem Drummer allerdings um Pat Thetic von Anti Flag handelt, hast du Glück gehabt. Dessen Schlagzeug besteht nämlich nur aus ein paar Trommeln (was daran liegen könnte, dass er es während Konzerten gerne mal von der Bühne ins Publikum stellt), von denen er auch wirklich alle benutzt – Balsam für die Stagehand-Seele. Pete Doherty ist das Paradebeispiel für abgesagte Konzerte. "Die komplette Band von Pete war schon da", erinnert sich David: "Nur er hat noch gefehlt, als das Konzert schon angefangen hat. Später wurde uns dann gesagt, dass er nicht mal seinen Flug geschafft hat." In so einem Fall war dann alles für die Katz'. Die Band ist angepisst, die Crew ist angepisst und du bist angepisst. Aber immerhin dürft ihr gemeinsam alles wieder schön abbauen und wegräumen. Juhu.

Wenn ein Konzert dann allerdings wirklich funktioniert, ist das jedes Mal aufs Neue ein sehr magischer Moment. Immerhin stehst du direkt auf beziehungsweise nur knapp neben der Bühne und hast von dort aus eine Sicht auf das Konzertgeschehen, von der selbst der ärgste VIP-Bonze nur träumen kann.

Die Wapplerjobs gehören dazu

Was wäre eine Auflistung ohne die Erwähnung der Jobs, für die man auch einfach einen Kleiderständer oder eine Schaufensterpuppe hernehmen könnte? Die besten und herausforderndsten Aufgaben sind auf jeden Fall die des Speibsackerlhalters oder Zigarettenanzünders – not. Aber auch das muss jemand machen. Wenn du während des Konzerts also nicht als Ordner oder als Runner für Notfälle eingesetzt wirst, gratuliere ich dir: Wahrscheinlich stehst du irgendwo im Eck und wartest nur darauf, bis ein Mitglied der auftretenden Band von der Bühne gesprintet kommt und in den Müllsack kotzt, den man dir vor ein paar Minuten in die Hand gedrückt hat.

Wichtig zu wissen: Es geht der Band dann gut, wenn die Band meint, dass es ihnen gut geht. 

Es könnte aber auch gut laufen und du darfst der Runner sein, der dafür sorgt, dass es der Band bis zur letzten Sekunde vor dem Konzert gut geht. Wichtig zu wissen: Es geht der Band dann gut, wenn die Band meint, dass es ihnen gut geht. Wenn man sich ansieht, wie das Musikbusiness heutzutage so läuft, haben sie sich das auch verdient.

Stagehands sind unersetzlich

Es ist nicht alles schlecht, auch wenn das hier vielleicht ab und zu so klingt. Wenn man bedenkt, dass viele Stagehands ihren Job eher als Hobby nebenbei machen und nicht auf die anstrengende Tätigkeit angewiesen sind, relativiert das die ganzen Strapazen wieder ein bisschen. Und die, die das wirklich beruflich machen, sind Profis, die sich – im Gegensatz zu mir – keine therapeutischen Massagen verschreiben lassen, nachdem sie zwei Kisten gehoben haben. Außerdem gibt es Leute, die für ein Treffen mit ihren Lieblingsmusikern viel größere Strapazen auf sich nehmen, als ab und zu ein paar Instrumentenkoffer herumzuwerfen. Und auch wenn man ab und zu eine Arbeit aus der Kategorie "Wapplerjobs" bekommt, heißt das nicht, dass sich die Bandmitglieder nicht durchaus erkenntlich zeigen. Felix erzählt mir von seinem besten Erlebnis, das aus einem solchen Wapplerjob entstand: "Eine Band hat mich einmal gefragt, ob ich ihnen nicht vor der Show ein bisschen Gras besorgen könnte. Das habe ich also gemacht und damit zu einem sehr 'harmonischen' Konzertablauf beigetragen. Die Band bedankte sich im Nachhinein höchstpersönlich bei mir und schenkte mir eine ihrer Kutten."

Für mich ist es immer wieder sehr schön zu sehen, dass sich hinter den schillernden Persönlichkeiten, die sich auf den Bühnen dieser Welt tummeln, im Endeffekt doch nur ganz normale Menschen befinden, die ihre Höhe- und Tiefpunkte haben. Denn genau das ist etwas, dass man meiner Meinung nach durch das ganze Anhimmeln von Musikern oft vergisst. David beschreibt die Eindrücke, die man als Stagehand gewinnt als "schlecht bezahlte, aber unbezahlbare Einblicke ins Musikbusiness". Und das trifft durchaus zu. "Als Stagehand ist man zwar leicht ersetzbar, aber eben doch unersetzlich."

*Namen von der Redaktion geändert.

Sandro auf Twitter: @voriboy

**

Folgt Noisey bei Facebook, Instagram und Twitter .