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Pop ist tot, es lebe die Dienstleistung—Über die deutsche Musiklandschaft 2016 (Teil 1)

„Popstandort Deutschland 2016: Abgehängt, minderbemittelt, ein Idiot.“

Es ist noch gar nicht lange her: Das herzige Anime-Mädchen Jamie-Lee guckt bedröppelt. Ihr Song „Ghost“ erringt für den Pop-Zwerg Deutschland den letzten Platz beim Eurovision Songcontest. Im Jahr zuvor gelang dies bereits Ann Sophie (who?) mit „Black Smoke“ (what?). Doch wer daraus die Krise des hiesigen Musikstandorts ableiten möchte, hat mit Verlaub nicht die Siegertitel gehört. Nein, der ESC ist kein Gradmesser attraktiver Klänge. Dennoch steht die Platzierung sinnbildlich für den Popstandort Deutschland 2016: Abgehängt, minderbemittelt, ein Idiot. Wie es soweit kommen konnte, damit beschäftigt sich eine Reihe zum Thema bei Noisey. Zu Anfang eine Bestandsaufnahme. Von Linus Volkmann.

Wer sich für eine Sneak-Preview der Hölle interessiert, muss einfach nur die aktuellen Playlisten der großen Radiosender googlen. Wobei „aktuell“ natürlich nur einen Euphemismus darstellt in der ganzen „70er, 80er, 90er, Nuller bis heute“-Soße, die sich diese gebührenfinanzierten Institutionen als ausschließliche Maxime auf die Fahnen geschrieben haben. Das ist Selbst- und Publikumsgeißlung, jeder weiß das, dennoch scheint es ein unverrückbares Dogma. Neidvoll hört man da nach England oder zum Beispiel auch einfach nur FM4 im benachbarten Österreich—doch vor der germanischen Radiorealität gibt es kein Entkommen. Von West nach Ost, von Helene Fischer zu a-Ha, von Bruno Mars zu Bryan Adams und zurück. In Anbetracht einer omnipräsenten Musikauswahl des gefälligen, rundgenudelten Stumpfsinns fliegt einem der Popkulturpessimismus wahrlich leicht zu.

Hand aufs Herz: War es nicht aber schon immer scheiße?

Man sollte sich trotz einer Radiolandschaft, die unablässig Stuhl auf große Ventilatoren schüttet, hinterfragen, ob man hier wirklich von einer Momentaufnahme, von einem Phänomen sprechen kann. Oder ob es eigentlich doch nur um ehrenwertes aber letztlich egales Mainstream-Bashing geht. Dafür lohnt der Blick zurück. Vor 30 Jahren beherrschte die sogenannte Neue Deutsche Welle, kurz NDW, die Geschehnisse im Pop-Betrieb. Etliches aus dieser Zeit hat seinen Weg in den Radio-Kanon der Jetztzeit geschafft, hauptsächlich Nena. Damals schwollen die deutschen Produktionen an, die sogenannte Deutsch-Quote erfüllte sich ohne Druck von Heinz Rudolf Kunze oder heimatbesoffener Kulturbehörden. Dennoch befand die Szene den Boom als ätzend, kommerziell und strohdoof. So verfasste der Labelbetreiber und spätere Blumfeld-Entdecker Alfred Hilsberg zusammen mit Jäki Hildisch (zuletzt u.a. Tourmanager bei den Ärzten und Robbie Williams) Pamphlete gegen den amtierenden deutschen Pop-Zeitgeist:

„Boykottiert Plattenläden, in denen NDW-Produkte verkauft werden, zum Beispiel durch Versperren des Eingangs (Herumstehen in Gruppen, durch Mopeds, Fahrräder)! Blockiert alle Kopfhörer! Redet sehr laut, wenn NDW-Platten aufgelegt werden ... Verhindert das eigene Hören von NDW—durch Ohrenzuhalten, Ohrenschützer oder Walkman. Glaubt den NDW-Gruppen nichts!“ (zitiert nach Christof Meueler „Das ZickZack Prinzip“, Heyne Hardcore, 2016)

Sich mit der aktuellen Lage auf Kriegsfuß zu befinden, stellt also kein besonderes Schicksal dar, es gehört viel mehr zum Alltag, wenn einem Musik wichtig ist. Doch so einfach ist es nicht. Das singuläre Dilemma der Jetztzeit wird nämlich deutlich, wenn man den Überschuss betrachtet, den in den Achtzigern die großen Plattenfirmen in den Markt gepumpt haben: Fräulein Menke sah sich „Im Tretboot in Seenot“, Hubert Kah wollte „Einmal nur mit Erika“, Trio verlangten auf „Los Paul“ das In-die-Eier-hauen, UKW pumpten „Hey Matrosen“ und DAF schwulten herrlich rum in ihrem minimalen Dance-Pop-Märchen „Der Räuber und der Prinz“. So albern vieles im Nachhinein wirken mag, so bunt, vielseitig, ja unberechenbar erscheint es im Vergleich zum Heute. Dabei erlebt die hiesige Plattenindustrie aktuell einen Boom, der an jene NDW-Zeiten erinnert. In den Top Ten der meistverkauften Alben 2015 finden sich nicht weniger als acht deutschsprachige:


Quelle: musikindustrie.de

Man muss daher das einheimische Kolorit auch in den Radioplaylisten nicht lange suchen. Willkürlich rausgepickt seien hier Joris-„Bis ans Ende Welt“, Philipp Dittberner-„In Deiner kleinen Welt“ oder Revolverheld-„Ich lass für Dich das Licht an“. Was diese und so viele kontemporäre Songs eint, ist ihr bestürzender Mangel an Witz und Subtilität—dafür sind sie vollgekleistert mit Lebenshilfe und billigem Trost. Pop 2016 aus Deutschland: Das ist ein einziger Sumpf aus Erbauungslyrik. Man möchte fast meinen, es gäbe nicht nur eine Häufung von einzelnen, unterfickten Testosteronbombern mit religiösem Hintergrund, die um sich bomben und messern, sondern als herrsche tatsächlich Krieg in diesem Land. Dies wäre zumindest eine Erklärung für so viel beschwichtigende und eskapistische Töne:

„Halt dich fest, an dem, was war ... ich singe dein Lied, damit es dich weitergibt“ (Joris)

„Ich schreibe große Zeilen in klitzekleine Lieder und sing' sie dann heimlich für dich“ (Philipp Dittberner)

„Siehst du den Weg aus dieser Dunkelheit? Willst du raus, ich bin bereit.“ (Revolverheld)

Der Popstar ist tot, es lebe der Dienstleister

Die Funktion von (nicht nur) hiesigem Pop hat sich spürbar gewandelt in den letzten Dekaden. Das exzentrische, ja, extraterrestrische eines Popstars stirbt aus, die Lady-Gaga-haftigkeit tritt zurück hinter dem beflissenen, demütigen Pop-Arbeiter. Letzte übernatürliche Wesen in dieser Szenerie sind bezeichnenderweise hyperkapitalistische Visionen von Erfolg wie Kayne West, Jay-Z oder Rihanna. Die Realität für die allermeisten Künstler ist allerdings, Pop mittlerweile als Dienstleistung zu verstehen, den Hörer als Kunden. Nicht mehr genialisch durchgeknallte Inszenierungswut schafft es in die Charts, es gilt für die Protagonisten von heute eher, das Seminar zur GEMA-Abrechnung auf der Popakademie nicht zu verschlafen oder sich Motivations-Predigten in Casting-Shows anzuhören, die einbläuen, wie wichtig Fleiß und Disziplin für eine Karriere im Musik-Biz ist.

Wer ist schuld? Natürlich die SPD—und Pop-Beauftragter Sigmar Gabriel

Es gibt zwei Gründe, die großen Einfluss auf diese universelle Tristesse besitzen, mit der man sich aktuell konfrontiert sieht. Einmal der Niedergang der Plattenindustrie—Anfang des neuen Jahrtausends wuchs deren Reich nicht mehr weiter gen Himmel, sondern brach ein. Bis heute fällt es allerdings schwer, für diesen tiefen Fall auch nur einen Funken Mitgefühl aufzubringen—zu arrogant und selbstherrlich hatte man sich dort stets gegeben. Doch nicht nur Spesenkonten und Champagnerbrunnen waren betroffen, von dem Regress wurde so viel wie möglich an die (ohnehin selten gut entlohnten) Künstler weitergegeben. Parallel dazu vollzog sich die „Agenda 2010“, Gerhard Schröders SPD hatte es sich in ihrer Regierungszeit zur Aufgabe gemacht, die sozialen Systeme fit für den internationalen Wettbewerb zu machen. Hartz 4 und so. In Kombination mit den schwächelnden Plattenfirmen bedeutete das für Musiker: Sie mussten zu singenden Ich-AGs werden.

Pop versprach nun ganz offiziell nicht mehr Glamour sondern Prekariat. Mit dem Wegfall von Gönnern brauchte es plötzlich Sponsoren—oder zumindest Leidesgenossen. So passen dann auch all diese gefälligen Erbauungs-Texte ins Bild. Nicht mehr Revolutionsromantik eint Musikschaffende mit ihren Hörern sondern die Sehnsucht nach ökonomischer Sicherheit und die Angst vorm Sozialabstieg. Silbermond und Gasperlenspiel sind der Soundtrack zum untergegangenen Wohlfahrtsstaat.

(Kl)Ein-Mann-Armee HipHop

Dass eine der wenigen noch nicht völlig ausgetrockneten Genres HipHop darstellt, wundert nicht. Mithilfe des Internets und des Zeitgeist gelingt es kleinen mitunter Ein-Mann-Labels, dieser strukturellen Marginalisierung echten Erfolg entgegenzusetzen. Der Durchmarsch von zum Beispiel Chimperator (Cro, Orsons) Selfmade (Kollegah), Trailerpark (Alligatoah), Alles Oder Nix Records (SSIO) zeigt, dass die Musikbranche auch noch jenseits von Demut vor den Kunden, den Sponsoren und den Zuständen zu bespielen ist. Dass sich ein so spezieller Act wie Haftbefehl mit seinem voraussetzungsreichen Neu-Sprech jenseits einer Nische behauptet, kann wie das Wiedererstarken des auch dieses Jahr wieder ausverkauften Splash-Festivals als weiteres Indiz für diesen Boom auf dem allgemeinen Komposthaufen gewertet werden.

Doch man darf sich nichts vormachen, auch hier hat die hirnvernichtete Erbauungs-Prosa längst übernommen. Diese Entwicklung lässt sich dabei am besten am jeweiligen Output von Prinz Pi festmachen, saugt doch keiner verbissener an den Zitzen aktueller Trends. Nachdem er auf den wiedererstarkten Porno-Rap mit einer Besinnung auf seinen ursprünglichen Namen (Porno) eingeschwenkt war, ist es nun mit „Im Westen nichts Neues“ wieder Zeit für gefühlig befindlichen Lagerfeuer-Rap. Viel Tröstliches inklusive. Philipp Poisel lässt grüßen.

Endgegner ECHO

Wie es um die Verfassung von hiesigem Pop aber wirklich bestellt ist, dafür genügt ein Blick auf das zauberhafte Fest der Branche. Beim ECHO feiert die deutsche Tonträgerindustrie sich selbst und all ihre handzahmen Protagonisten - und durch die ARD-Übertragung (why?) kann auch der gebeutelte Endkonsument teilhaben. Zugegeben, Deutschland ist und war nie Großbritannien, wo Acts wie Oasis oder Pulp ganz selbstverständlich die Single-Charts anführen können, aber dass alles wirklich nur noch Helene Fischer und „Halt durch!“-Parolen sein soll, das ist selbst für das schlagerverseuchte Deutschland zu viel. So galt bereits Deichkinds Tragen von Pro-Refugees-Shirts als große, rebellische Leistung—die Zeiten, in denen die Künstler noch die Tische mit Äxten zerkloppten finden sich eben wirklich nur noch auf YouTube:


Nikel Pallat, Ton-Steine-Scherben-Musiker, der später den Independent-Vertrieb Indigo gründete

Dagegen besudelt sich der ECHO heute immer wieder aufs Neue mit dem unsouveränen Umgang mit der Patriotenband Frei.Wild. Selbst anwesende Acts wie Die Toten Hosen spielen willfährig ihren aktuellen Kram runter und vermeiden es, Stellung zu beziehen am offenen Mikro. So geschehen in dem Jahr der Wellen schlagenden Ausladung von Frei.Wild 2013. Außerhalb tobte das Thema, die Hosen und der Rest nahmen drinnen derweil brav ihre Trophäen entgegen und sangen ihre Liedchen.

2016 erfüllte sich der Fluch: Vor einigen Monaten standen Frei.Wild auf der Bühne des ECHO. Es mag bezeichnend sein, dass man bei deren Ansprache zumindest noch mal hinhörte—auch wenn die Südtiroler Opfer sich wie zu erwarten in ihrem latent selbstmitleidigen passive/aggressive Loop verloren. Dennoch, als kurz darauf Smudo und Michi Beck um Helene Fischer rumhampelten und ihr den vierten Award des Abends überreichten, wollte man nur noch weghören, wegsehen, zu Staub zerfallen.

In einer Welt, in der die Ansprache von Frei.Wild bereits das kleinere Übel darstellt, da kann man es doch nun wirklich niemand mehr aushalten.

Pop-Schrottplatz Deutschland, grab dich ein!

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Chancenlos auf dem internationalen Markt, Robin Schulz in den Charts und ein neues Sportfreunde-Stiller-Album droht für den Herbst mit Zeilen wie „Schönen Gruß vom Leben / viel Spaß beim Schweben“... Wie schrottreif ist der Pop-Standort Deutschland 2016 wirklich?

Teil 2 unserer Serie lest ihr jetzt hier.