Festival Guide

Es gibt 'ne Menge alte Leute beim splash! und wir haben mit ihnen über HipHop gesprochen

"Savas und Sido find ich super. Hier hat mir jetzt auch Lil Pump sehr gut gefallen." – Werner, 54.

Nina Damsch

Fotos: Nina Damsch

Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Jedes Jahr das Gleiche. Wenn der letzte Funke Feuerwerk erloschen, die letzte Dose aus dem Biergürtel geleert und der letzte "Staiiiiiger!-Ruf verklungen ist, wird es für die Besucher des splash!-Festivals Zeit, sich in die Autos, Busse und Züge Richtung Heimat zu setzen. Dann müssen sie sich der inneren Leere nach vier Tagen Festival- geschweige denn Zeltplatz-Wahnsinn stellen. Der perfekte Zeitpunkt, um seinen persönlichen splash!-Moment zu küren und ein bisschen in glücklichen Erinnerungen zu schwelgen. Dieser eine Moment, der die ganze Magie des Festivals einfängt, konserviert und in ein rotes Samtsäckchen der Erinnerung gepackt für immer in unserem Herzen verstaut wird. Für mich war dieser Moment in diesem Jahr der Anblick einer kleinen, über 70 Jahre alten Dame mit Rollator, die sich wohl in den Backstagebereich geschlichen haben musste und sich gerade ein Autogram von Sylabil Spill holte.

Es ist klar, warum meine Wahl auf diesen Moment fiel. Was sich da meinen, von Staub und Tränen der Ergriffenheit verklebten, Augen bot, war gleichermaßen absurd wie herzallerliebst. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, vereint unter den schützenden Armen des HipHop! Abgesehen davon war außerdem ziemlich toll, dass ich, die ich dachte, bereits alle Geheimnisse und Fun Facts über das splash! zu kennen, etwas Neues lernte. Nämlich, dass sonntags Menschen über 50 Jahre gratis das Festival besuchen dürfen. Und offensichtlich nehmen sie dieses Angebot auch freudig wahr. Wie sie mir erzählte, besuchte die kleine Dame mit Rollator gemeinsam mit ihrem Mann an diesem Wochenende bereits zum vierten Mal das splash!.


VICE-Video: "Hinter den Kulissen eines Stinktier-Festivals"


Ich begab mich auf die Suche. Und tatsächlich: Überall auf dem Festivalgelände entdeckte ich Häupter, deren Haar die Zeit und nicht Wasserstoffperoxid silbern gefärbt hatte und die andächtig der Musik lauschten. Die "Old people of splash!" gibt es wirklich und sie stehen der jüngeren Generation in Sachen Coolness in Nichts nach – im Gegenteil.

Wir haben sie gefragt, wie sie diese ganze HipHop-Sache so finden, wie man es schafft, jenseits der 30 und erst recht der 50 ein Festival halbwegs unbeschadet zu überleben. Und natürlich, was ihr splash!-Moment war.

Getraut* (74) und Claus* (80)

Noisey: Sie haben sich gerade ein Autogramm von Sylabil Spill geholt. Kennen Sie ihn?
Gertraut: Nein, aber ich habe mir gerade seinen Auftritt angesehen. Ich sammle Autogramme, das ist mein Hobby. Ich habe auch schon welche von Frau Merkel oder Thomas Gottschalk ...

Was gefällt Ihnen an HipHop?
Gertraut: Dass alle mitmachen, es ist eine große, fröhliche Gemeinschaft. Das macht Spaß. Ich mag es nur nicht, wenn die Leute heimlich Fotos von mir machen, ohne zu fragen.
Claus: Ich bin nur die Begleitperson, ich höre diese Musik nicht. Aber gewisse Dinge macht man lieber zu zweit, das macht einfach mehr Spaß. Ich find das toll, dass man als Anwohner von der ganzen Sache einen Eindruck bekommt, man kann mitreden. Wer kennt denn in meinem Alter so eine Großveranstaltung?

Das habe ich mich auch gefragt: Was hat Sie hier her verschlagen?
Gertraut: Wir wohnen hier in den Umgebung. Das steht in der Zeitung, dass Menschen über 50 Sonntags umsonst Eintritt haben. Außerdem habe ich auch Enkel.

Und die sind HipHop-Fans?
Gertraut: Also mein Enkel hört im Moment koreanische Popmusik.

Gibt es einen Act, auf den Sie sich besonders freuen dieses Jahr?
Gertraut: Ich freue mich auf Cro. Den habe ich zwar schon öfter gesehen, aber ich hoffe, dass ich diesmal ein Autogramm von ihm kriege. [Anm. d. Red.: Wie wir in einer Instagram-Story des Festivals später sahen, konnte sie noch eins von Vince Staples abstauben.] Und uns wurde noch einer empfohlen, der heute Abend spielt. Wie heißt der doch? [Sie kramt ihren Festivalplan hervor und deutet auf J. Cole].

Eva, Helmut und Waltraut (alle über 70)

Sie gucken sich gerade Said an. Wie finden Sie es?
Helmut: Toll. Man muss ja wissen, was die jungen Leute heute so hören. Wir finden vor allem das Publikum hier super.

Wirklich???
Helmut: Wir werden hier so nett behandelt, die Leute freuen sich über uns und alle haben super Laune.

Sie zelten hier aber vermutlich nicht?
Eva: Nein, nein, wir wohnen hier in Gräfenhainchen. Wir kommen jedes Jahr zusammen hierher, jetzt schon zum vierten Mal. Das ist bei uns inzwischen Tradition.

Was ist ihr Tipp zum Jungbleiben?
Helmut: Auch mal mit den jungen Leuten zusammenkommen und zuhören, was sie beschäftigt. Nicht nur in der Musik!

Petra, Ellen und Kathrin (nicht auf dem Bild)

Das wievielte splash! ist es für Sie heute?
Manuela: Das erste Mal. Unsere Kinder sind auch hier.

Wie finden ihre Kinder, dass ihre Mütter auch hier sind?
Katharina: Ach, die finden das cool. Die laufen jetzt gerade mit ihren Freunden rum und machen ihr eigenes Ding. Wir haben nur vorhin was zusammen getrunken.

Hören Sie denn Rap auch gerne privat?
Emma: Nein, nein!
Katharina: Also ich höre das schon!

Wo haben Sie denn bei dem Familienausflug die Männer gelassen?
Die Männer sind zu Hause oder auf Arbeit geblieben. Heute ist Frauenabend!

Werner (54) und sein Neffe (36)

Hallo, Werner! Warum sind Sie heute zum splash! gekommen?
Das ist jetzt schon das zweite Mal für mich. Ich wollte einfach mal so ein Festival sehen. Das hatten wir dann letztes Jahr gemacht und fanden es so toll, dass wir dieses Jahr wieder gefahren sind.

Sind sie HipHop-Fan?
Schon, ja.

Was hören Sie denn so?
Savas und Sido find ich super. Hier hat mir jetzt auch Lil Pump sehr gut gefallen. Eigentlich hör ich alles querbeet. Ich war auch das ganze Wochenende hier, nicht nur heute den Sonntag.

Gab es einen Act, auf den Sie sich besonders in diesem Jahr gefreut haben?
Ja, eigentlich auf Casper, aber das habe ich verpasst, weil die mich nicht aufs Gelände gelassen haben. Vorne auf'm Parkplatz sind sechs oder acht Autos abgefackelt worden und dann durfte da keiner mehr durch.

Stören Sie denn die ganzen jungen, kiffenden Menschen hier?
Nein, ich find die Stimmung hier super. Eigentlich ist es sehr friedlich und relaxt, solange keine Autos angezündet werden. Nein, also der normale Wahnsinn stört mich nicht die Bohne, ich werde ja heute Abend auch betrunken sein.

Ich habe mit 28 schon manchmal das Gefühl, zu alt für den Kram zu werden. Wie schaffen sie es mit 54, so ein Festival-Wochenende zu überleben?
Es ist schon anstrengend, drei Tage durchzuhalten. Aber einmal im Jahr geht das schon, man muss einfach durchziehen und nur Bier trinken. Ich nehme eigentlich keine Drogen, aber letztes Jahr hat mein Neffe hier von ein paar Frankfurtern so Schnuffelzeug gekriegt, das war ein Albtraum. Da hatte ich eine sehr unruhige Nacht. Also ja, nur Bier und gesunder Schlaf!

*Namen wurden auf persönlichen Wunsch geändert

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