Backstage-Geständnisse von 20 Jahren splash! Festival

"Einer der Höhepunkte dieser Absturz-Ära war eine Ansprache von Ali As, der im Stile einer Hochzeitsrede 'Alle mal her hören jetzt!' erklärte, warum Max Herre ein Hurensohn sei."

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13 Juli 2017, 9:18am

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Zwanzig Jahre splash! Festival, das heißt: legendäre Konzerte auf den Bühnen, Trichtersaufen auf dem Campingplatz, epische Faustkämpfe in Schlammpfützen und rituelles Pinkeln in fremden Zelten. Aber was passiert eigentlich dort, wo die Künstler abhängen? Immer wieder bekommt man als Normalsterblicher zu hören, im Backstage gehe es gar nicht so spannend und wild zu wie angenommen. Im Endeffekt sei es dort sogar langweiliger als anderswo. Marteria hat seine persönlichen Lieblingsgeschichten zwar direkt auf der Bühne preisgegeben und unter anderem darüber gerappt, wie er Method Man um Gras anschnorrte, aber nicht jeder der Künstler, Manager und Mitarbeiter ist ein derart freizügiger Whistleblower.

Trotzdem haben wir uns in den Backstage geschlichen und einige der Menschen mit den besonderen Bändchen gefragt, was ihre besten splash!-Geschichten aus den letzten zwanzig Jahren sind. Da die meisten der Befragten auch in Zukunft gerne die Annehmlichkeiten einer Chill-Lounge, Gratis-Shishas, Hangover-Smoothies und Catering in Anspruch nehmen wollten, haben wir einige Namen geändert und kryptische Fotos geschossen, um die Anonymität der Edward Snowdens des splash! zu schützen.

Omid, 28

Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich an eine ganze Menge nicht mehr. Während des Festivals verschwimmt oft alles in einem schwammigen Nebel. Aber ich hab eine gute Geschichte, die kurz nach dem offiziellen Ende passiert ist. Vorletztes Jahr haben wir die drei Tage (oder waren es vier?) mal wieder nur knapp überlebt. Ich wollte nur noch Hause, schlafen und detoxen. Eine befreundete Produktionsfirma, die auf dem splash! gearbeitet hatte, nahm mich in ihrem Wagen mit. Was ja erst mal auch ganz nett war. Leider haben sie mich nach circa 60 Kilometern an einer Raststätte vergessen, weil ich auf Klo musste.

Da mein Handy im Auto lag, konnte ich auch niemanden anrufen. Glücklicherweise habe ich jemanden kennengelernt, der auch grade vom splash! kam und nach Berlin musste. Während der Fahrt stellte sich raus, dass der Bier trinkende Fahrer Rino Mandingo war und quasi gerade von seinem eigenen Auftritt kam. Meine Freunde haben dann irgendwann doch noch gemerkt, dass da jemand im Wagen fehlte und freundlicherweise an der nächsten Tankstelle gewartet. Spastis!"

Sebastian, 30

2003 war mein erstes splash!. Ich war damals Schüler-Praktikant bei Royal Bunker (könnt ihr Staiger fragen!) und habe mit meinem Kumpel Wassif auf dem Festival Shirts verkauft. Wir hatten keinen klassischen Stand, sondern einen Boxring, in dem Freestyle-Battles stattfanden. Gesponsort wurde das alles von Lonsdale. Da die Marke damals von ihrem Nazi-Image weg wollte, hatten die so riesen Banner mit Regenbogen-Farben und dem Spruch "Lonsdale loves all colours" aufgehangen. Es gab die ganze Zeit kleinere Reibereien, weil gegenüber der AGGRO-Stand war und immer wieder einzelne Akteure hin und her geschickt wurden, um Ansagen zu machen. Savas kam damals kurz nach der Trennung von Eko vorbei und hat dann Acapella ein legendäres Konzert im Boxring vor mehr Leuten als auf der Hauptbühne performt. Daher übrigens auch die Line von Eko "… und gehst auf diese Kinder-Jam bevor mein Album erscheint" auf seinem Savas-Diss "Die Abrechnung".

Auf jeden Fall hatte Lonsdale da einen ganzen LKW angefahren, um sich bei den HipHoppern beliebt zu machen. Das hat aber aus unerfindlichen Gründen nicht so richtig geklappt, niemand hat da was gekauft. Die einzigen, die dauernd vorbeikamen, waren die Skinhead-Securitys mit ihren Gesichtstattoos und haben immer um gratis Schlüsselanhänger gebeten. Staiger wollte die dann immer zwingen, "Nazis sind Scheiße" zu sagen, hat aber zumeist nur ein "Naja, das kann man jetzt so aber auch nicht sagen, das ist ja Verallgemeinerung" als Antwort erhalten. Lonsdale hatte also im Endeffekt nichts verkauft und auch ihr Image nicht wirklich aufpoliert.

Irgendwann nachts hat dann einer der 36ers, die mit Savas da waren, an dem LKW gerüttelt, gemerkt, dass die Tür offen steht, kam mit einer fetten Lederjacke wieder raus und hat unter dem Gejohle aller Anwesenden geschrien: "Guckt mal - ich bin ein Nazi!" Daraufhin haben die Kreuzberger den gesamten LKW leergeräumt. Die Jacken und Pullover waren dann Jahre später noch fester Bestandteil der Kreuzberger Street Wear. Im Endeffekt war es also gar nicht soooo peinlich für Lonsdale, denn auf diese Weise haben sie es dann ja doch noch geschafft, von dem Nazi-Image wegzukommen. Zumindest in Teilen von Kreuzberg. Klassische Win/Win-Situation würde ich sagen.


Noisey-Video: "Noisey meets: K.I.Z"


Tom, 34


Früher, als die T-Shirts noch sehr lang und die Rapper sehr dick waren, lief das so beim Splash!: Sobald du ein Artist-Bändchen und somit Zugang zum Backstage hattest, konntest du auch umsonst saufen – soweit ich mich erinnern kann, gabs da vor allem Wodka Red Bull.

Dementsprechend aggro war die Stimmung hinter der Bühne auch irgendwann, es wurde oft gepöbelt und auch mal geschubst. Einer der Höhepunkte dieser Absturz-Ära war eine Ansprache von Ali As, der im Stile einer Hochzeitsrede "Alle mal her hören jetzt!" erklärte, warum Max Herre ein Hurensohn sei.

Kann mich nur schemenhaft an die Begründung erinnern. Und Ali As und die restlichen Anwesenden bestimmt auch nur schemenhaft daran, dass das tatsächlich passiert ist. In einem der folgenden Jahre wurde die Gratis-Wodka-Quelle übrigens stillgelegt – seitdem ist es voll angenehm im Backstage.


Rosa, 27

Ich war letztes Jahr zum ersten Mal beim splash!. Es gab da diesen Typen, den ich irgendwie gut fand und wir haben alle zusammen in einem Wohnwagen im Backstage gecampt. Das war alles nur so halb legal, eigentlich durfte da niemand stehen. Auf jeden Fall hatten wir vereinbart, dass wir zusammen in einer Koje schlafen. Uiuiui. Nachdem ich ihm aus unerfindlichen Gründen erst mal gesagt habe, dass er sich zu benehmen hat und mich nachts nicht berühren oder belästigen soll, ist er mit MC Bomber in irgendein mysteriöses Zeltlager im angrenzenden Wald abgehauen, in dem bis zum frühen Mittag unaussprechliche Dinge passiert sind. Als er dann gegen 13 Uhr endlich in die Koje kam, bin ich aufgewacht, aus dem Bett gefallen und habe alles voll gekotzt. Aber ich rede nicht von so lustiger Party-Kotze. Ich meine schwarze Brocken und Geräusche die einem Brontosaurus ähneln. Lange Rede, kurzer Sinn, heute sind wir zusammen und sehr glücklich. True Story!

Arash, 32

Mein erstes splash! in offizieller Funktion hätte auch schnell mein letztes werden können. Uns wurde schon nach der Pre-Party am Donnerstag mitgeteilt, dass wir das Festival verlassen müssen. Irgendwie haben wir es dann doch geschafft zu bleiben. Die Ansage von unserem Produzenten am Freitagmorgen war dann auch: "Heute wird sich benommen. Keiner macht Tags, die Marker bleiben im Bus, niemand geht einfach während der Gigs anderer Artists auf die Bühne und es wird auch kein Alkohol geklaut." Ist natürlich alles trotzdem passiert. Höhepunkt war wahrscheinlich die Erstürmung von Waka Flocka Flames Show, da sind dann alle möglichen Leute auch noch mit rauf, zum Beispiel Nate 57. Waka war irgendwann so genervt, dass er abgehauen ist und wir haben die restlichen 20 Minuten mit seinem DJ auf der Bühne die Menge unterhalten. Ich glaube, da gibt es auch noch ein verwackeltes Video von auf YouTube.

Wir haben dann noch dem Stage Manager der Hautbühne ein paar unserer DVDs in die Hand gedrückt und ihn gebeten, jedem der Künstler eine zu geben. Hat der auch gemacht, die Mainacts waren aber alle eher desinteressiert. Dann kam Tyler the Creator und konnte sein Glück gar nicht fassen. "Man, a free DVD, thats so cool!!!" Er bedankte sich dermaßen überschwänglich, dass wir uns bis heute fragen, ob er uns vielleicht getrollt hat, aber offensichtlich freuen sich manche Platin-Künstler und Multimillionäre auch über kleine Geschenke. War ja auch eine super DVD.

Lisa, 28

Irgendwann – ich glaube 2005 – war Snoop Dogg mal gebucht. Wie das so ist mit den Ami-Stars, kam der einfach erst mal zu spät und dann ewig nicht aus seinem Container raus, weil er keinen Bock hatte. Auf Klopfen und freundliches Nachfragen wurde auch nicht reagiert. Nachdem er bereits eine Dreiviertelstunde zu spät dran war, rannte eine aufgelöste Event-Managerin durch den Backstage und rief: "Da muss jetzt irgendwer auf die Bühne, die Leute rasten aus." Da warteten eben so um die 20.000 Leute auf Snoop.

Ein relativ unbekannter deutscher Rapper, dessen Name ich an dieser Stelle aus Rücksicht besser nicht nenne, hat dann wohl seine große Chance gesehen. Kurz darauf ging dann das Licht auf der Hauptbühne an, alle jubelten und durch das Mikro schallte "Ey Yo!! Guten Abend Splash! Seid ihr gut drauf?" Da sind dann mehr Becher geflogen als bei Sidos Lieblingsrapper-Auftritt und KIZ's Bechersammel-Aktion zusammen.

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