"Manche Sachen sind wichtiger als Musik" – Bei der 1Live Krone hatten Neonazis nichts zu feiern

Marteria und Casper waren die Abräumer des Abends und nutzten ihre Redezeit. Viel wichtiger waren jedoch die Gewinner des Sonderpreises.

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Dez. 7 2018, 1:55pm

Foto: Thomas von der Heide

Während der Echo sich 2018 erledigt hat, strahlt die 1Live Krone unbeirrt weiter. Irgendjemand muss den Musikern ja die Awards in die Hand drücken und für Glücksgefühle sorgen. Also hat "Deutschlands größter Radiopreis" auch dieses Jahr wieder in die Jahrhunderthalle in Bochum zur Audienz gebeten.

Da nur gewinnt, wer die meisten Fans zum Voten mobilisieren konnte, blieb es sogar einigermaßen spannend. Bestes Album? Ging an Marterias & Caspers 1982. Die beiden wurden auch noch bester HipHop-Act. Bester Newcomer wurde Fynn Kliemann, beste Künstlerin Nura und bester Live-Act Kontra-K. Moderiert von Luke Mockridge war die Krone 2018 eine lockere Kumpel-Show mit viel grinsendem Mark Forster und wenig provokanten Gästen.

Voriges Jahr sorgten Bausa, Raf Camora und Bonez MC für einen Hauch von Chaos, dieses Mal hat es nur für einen rauchenden Rin auf dem roten Teppich gereicht. Was auch OK ist. Es läuft ja bei allen super, also lieber entspannt die Show hinter sich bringen und endlich auf der Aftershow-Party besaufen. Awardshow-Busines eben.

Doch dieses Jahr wurde die Blase aus allgemeiner Heiterkeit immer wieder mal durchstoßen. Weil momentan auch Musiker nicht mehr unpolitisch sein können.

Großes Statement: Jamel rockt den Förster gewinnt den Sonderpreis

Der Sonderpreis des Abends ging an das Ehepaar Lohmeyer aus Jamel. Ein winziges Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, das bekannt für seine rechtsextremen Bewohner ist. Das wollen die Lohmeyers nicht hinnehmen und sich erst recht nicht vertreiben lassen. Seit 2007 veranstalten sie daher das Festival Jamel rockt den Förster. Die Ärzte, Marteria, Casper, Die Toten Hosen – schon etliche Musiker haben dort gespielt, um sie zu unterstützen.

Bosse hielt die Laudatio zur Krone für die Lohmeyers: "Sie wurden bespuckt, beschimpft, bedroht und vor drei Jahren hat jemand ihre Scheune abgefackelt. Denn die Lohmeyers wollen ein buntes, offenes und tolerantes Deutschland, ohne Rassismus, ohne Ausgrenzung und ohne Hass."

Ein kurzer Einspieler wurde im Saal gezeigt, Bilder von Neonazis, aber auch feiernde Menschen, die dank den Lohmeyers jedes Jahr in Jamel eine gute Zeit haben. Besonders blieb ein Zitat von Herbert Grönemeyer hängen, der meinte: "Ich bin jetzt 62 und denke zum ersten Mal, dass man für das Land auch aufstehen muss."

Ein wichtiges, gutes und herzliches Thema also, das der Entertainment-Stimmung der Preisverleihung kurz mal eine Realitätsschelle verpasst hat. Denn Jamel ist längst nicht mehr ein exotischer Ort irgendwo in den Weiten des Hinterlands im Osten, Jamel ist überall. Im Parlament, im Sportverein und beim Weihnachtsessen mit der Familie.

Als die Lohmeyers dann auf die Bühne kamen, um ihren Sonderpreis abzuholen, gab es lauten Jubel. Alle – auch die ganzen Musiker – standen auf und klatschten begeistert und vor allem lange.

Schon zuvor hatten Casper & Marteria ihren ersten Preis abgeholt und das Thema in den Saal geworfen. So nutzten sie die Gelegenheit, nochmal ihren #wirsindmehr-Mitstreitern wie Die Toten Hosen, Trettmann, Kraftklub und Nura sowie allen Unterstützern zu danken.

Casper betonte, dass es aber noch nicht vorbei sei: "Ich fänd's schön, wenn weiter viel mehr Leute Engagement gegen Rechts zeigen würden." Marteria ergänzte: "Manche Sachen sind wichtiger als Musik – das zum Beispiel".

Und sonst so?

Rin hat eine neue Frisur und sieht ein bisschen aus wie Oli Sykes, der Sänger von Bring Me The Horizon. Irre? Irre. Bis nächstes Jahr.

Rin 1live Krone
Foto: Screenshot Instagram.com/rintintin

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