Nach #wirsindmehr: Von schweigenden Popstars und jammernden Rappern

Das Konzert in Chemnitz war ein großartiges Zeichen. Fragezeichen werfen dagegen Kool Savas, Fler, die deutsche Popwelt und die Springer-Presse auf. Ein Kommentar.

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04 September 2018, 3:03pm

Foto: Hakki Topcu

In Chemnitz haben am Montag über 65.000 Menschen gemeinsam mit Kraftklub, Casper, K.I.Z., Feine Sahne Fischfilet, Nura von SXTN, Trettmann, den Toten Hosen und Marteria gezeigt, dass den rechten Hetzern und Gewalttätern nicht die Straßen gehören. Ein bitter nötiges Zeichen. Dass das lediglich ein Startschuss für mehr Engagement gegen Faschismus und Rassismus sein kann, war allen Künstlern und vielen Besucherinnen und Besuchern bewusst. Trotzdem gibt es keinen Grund, das Massenevent in Chemnitz kleinzureden. Es wurden massig Spendengelder für die Angehörigen des ermordeten Daniel H. gesammelt. Die Menschen, die sich tagtäglich vor Ort engagieren, haben gesehen, dass sie nicht alleine sind. Musiker und Musikerinnen verschiedenster Couleur haben sich zusammen auf eine Bühne gestellt, um einen Stein ins Rollen zu bringen. Auch ich habe diese Demo mit Event-Charakter anfangs kritisch gesehen und muss zugeben: Es tat gut, diese Massen zu sehen!


Aber natürlich gibt es immer Außenstehende und Künstler, die etwas zu meckern haben. Weil ihnen ihr Ego im Weg steht, oder weil sie einfach nicht begreifen, was da vor sich geht. Oder auch, weil sie ausgemachte Brandstifter sind, die auf ihren Twitter-Profilen gerne die Fake-News von ranghohen und mehrfach wegen Gewalttaten vorbestraften NPD-Kadern teilen. Wie etwa BILD-Chefredakteur Julian Reichelt, der hier den offensichtlichen Fake-Tweet des Neonazis Sebastian Schmidtke berühmt macht, auf dem Feine Sahne-Sänger Monchi angeblich den Hitlergruß zeigt, versehen mit der Frage "Wer kann helfen?". Und das, obwohl Dutzende Twitter-User (und inzwischen auch die sächsische Polizei) längst festgestellt haben, dass dieses Bild aus einem Video herausgeschnitten wurde, in dem der Sänger winkt.

Warum das falsch, tendenziös und heuchlerisch ist, erklärt Jan Böhmermann übrigens ganz nebenbei mit einem einzigen Tweet:

Und dann gibt es noch die, die schweigen. Neben großen Teilen der Bevölkerung sind das auch viele Prominente mit unglaublicher Reichweite, die offenbar nichts zu den Vorkommnissen in Chemnitz und anderswo zu sagen haben. Warum äußern sich all die großen Pop-Künstlerinnen und -Künstler nicht dazu, wenn auf deutschen Straßen wieder nicht "deutsch" aussehende Menschen von einem offen auftretenden Neonazi-Mob beschimpft und gejagt werden? Der Diskurs darüber wurde bereits sanft angestoßen. Und während sich die Chart-Elite von Andreas Bourani über Andrea Berg bis zu Mark Forster anscheinend einfach nicht zu Wort melden möchte, fällt noch ein weiterer Punkt auf: Wo ist eigentlich Deutschrap? Die letzten Wochen zeigen deutlich, dass eine der wichtigsten und vom Grundgedanken her rebellischsten Jugendkulturen sich größtenteils genauso raushält wie Helene Fischer oder Lena Meyer-Landrut. Rooz Lee hat vollkommen Recht, wenn er fragt:

Denn in Chemnitz tummelten sich letztlich die üblichen Verdächtigen auf der Bühne: Bands, die für zahllose Soli-Konzerte und politischen Aktivismus bekannt sind. Währenddessen kommt von den – oftmals selber von Rassismus betroffenen – Künstlern aus dem Straßenrap so gut wie nichts. Warum ist das so? Seit Jahren marschiert beispielsweise einmal wöchentlich ein brauner Mob durch Dresden, der auf Ausländer und Geflüchtete schimpft. Wäre es da nicht einfach nur logisch, dass sich etwa die aus Dresden stammende KMN Gang dagegen engagiert? Oder wenigstens etwas sagt? Warum fühlen sich die oftmals migrantisch geprägten Rapper dieses Landes nicht persönlich angegriffen, wenn Nazis öffentlich "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" skandieren? Auch wenn jeder Straßenrapper vermutlich sofort ein "Fick die Nazi-Hurensöhne" unterschreiben würde, scheint es sie dann doch nicht so sehr zu stören, als dass sie wirklich etwas dagegen tun würden.


VICE-Video: Chaos in Chemnitz


Und um ehrlich zu sein, ist das auch ihr gutes Recht. Man kann niemandem eine politische Haltung aufzwingen. Merkwürdig wird es nur, wenn ein Rapper wie Samy Deluxe sagt: "Außerdem ist selbst ein Nazi von den Umständen geformt, in denen er aufwächst. Das vergessen die Gutmenschen gerne. Nicht jeder hat das Privileg, so aufzuwachsen, dass er lernt, zu differenzieren." OK, diese verdammten linksversifften Echsen-Gutmenschen sehen einfach nicht den weichen Kern der armen Neonazis. Es passt ins Bild, dass der FAZ-Redakteur Sebastian Eder in dem Interview behauptet, in Chemnitz würden vor allem "weiße Rapper" auftreten. Mit Nura von SXTN und Tarek von K.I.Z. liegt die "nicht Weiße"-Quote auf der Bühne allerdings wahrscheinlich deutlich höher als in der gesamten FAZ-Redaktion. Bei 25 Prozent, um genau zu sein. Sollte man vielleicht mal drüber nachdenken, bevor man versucht die Veranstaltung schlecht zu reden.

Absurd wird es auch, wenn Kool Savas, der laut eigener Aussage aus einem sehr politischen und linken Elternhaus kommt, sich auf Twitter beschwert (Tweet inzwischen gelöscht), dass er nicht Teil des #wirsindmehr-Konzerts war:

Screenshot von Twitter @koolsavas

Wie kann es sein, dass jemand, der so viel von zu Hause mitbekommen hat, nicht begreift, dass es in diesem Fall einfach mal nicht um ihn geht – und dass Engagement keine Frage von Einladungen ist? Geht es ihm darum, auf der Bühne in Chemnitz gefeiert zu werden, oder möchte er etwas gegen Neonazis unternehmen? Wenn Letzteres, warum tut er es dann nicht einfach?

Man stelle sich nur mal vor, wie viele Rapper sofort Gewehr bei Fuß stehen würden, wenn der King of Rap zu einem Konzert in der ostdeutschen Provinz einladen würde. Und dann stelle man sich erst mal vor, was es für die vielen politisch unentschlossenen Jugendlichen bedeuten würde, deren einzige Vorbilder oft die Skins und Faschos mit ihren kruden Reden sind, wenn solche Leute sich offen gegen Rechtsextremismus aussprechen würden. Dass diese Konzerte und Veranstaltungen in eher rechtsgerichteten Gegenden tatsächlich etwas bringen, beweisen etwa Feine Sahne Fischfilet seit Jahren. Kinder und Jugendliche brauchen Idole. Und wenn es in ihrer Region einen Mangel an Vorbildern gibt, dann suchen sie sich eben den Ronny von der NPD oder den Thorben von der AfD-Jugend als Idol aus. (Sorry an alle coolen Ronnys und Thorbens.)

Wenn man allerdings gar nichts mehr checkt und einfach nur noch anti sein will, dann heißt man Fler. Warum es der Rapper, dessen Konzert ich letzte Woche noch schwer begeistert verließ, einem immer wieder so schwer machen muss, bleibt ein Rätsel. Dass Fler weder Neonazi noch Neonazi-Sympathisant ist, dürfte eigentlich klar sein. Der folgende Tweet (als Antwort auf Kool Savas) und die anschließende Diskussion zeigen allerdings mal wieder, dass er überhaupt nicht weiß, wovon er redet:

Worum geht es Fler hier? Möchte er ein Konzert für alle machen, die von geflüchteten Syrern und Irakern ermordet wurden? Geht es also darum, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe herauszuheben und als Täter zu brandmarken? Wenn ja, muss ihm doch bewusst sein, dass es Mord und Totschlag überall gibt, bei Menschen jeder Hautfarbe und Religion. Oder möchte er ein Konzert für alle Ermordeten dieses Landes machen? Die Opfer des NSU. Die aus Eifersucht und Habgier Ermordeten. Die von Autoabgasen Getöteten. Nichts davon ergibt Sinn.

Denn Tote und Ermordete sind leider Alltag, und das hat – auch statistisch bewiesen – überhaupt nichts mit der Herkunft der Täter zu tun. Wenn allerdings in deinem eigenen Land, lieber Fler, Deutsche Jagd auf Menschen mit schwarzem Haar machen, ist es dann nicht logisch, dass man dagegen aufsteht? Und zu deinem Argument, dass ja nicht "alle da Nazis waren": Wer mit Menschen mitläuft, die laut und deutlich "Wir sind Adolf Hitler Hooligans!" brüllen und den Hitlergruß zeigen, ist entweder ein Nazi, ein Neonazi oder hat kein Problem damit, als einer gesehen zu werden. Punkt! Auf welche Seite du dich mit dem Hashtag #wirsindweniger stellst, dürfte dir doch auch klar sein. Traurig genug, dass du von #wirsindmehr nicht wenigstens auf #wirsindfler gekommen bist.

Aber Gott sei Dank macht Nura von SXTN, die mit ihrem Song "Ich bin schwarz" einen der besten Auftritte in Chemnitz hinlegte, für uns alle den Deckel drauf und erklärt kurz und prägnant das Problem an all dem Gemecker und Gefronte:

Danke dafür. Bis zum nächsten Mal. In Chemnitz und überall dort, wo es nötig ist und wird!

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