„Selbstreflektion ist kein Skill, der gerade so richtig hipp ist“—Heisskalt im Interview

Bevor dir nach dem Release des neuen Albums jeder bestätigt, wie gut Heisskalt sind, erzählt uns der Sänger, wie er sich die negativen Gefühle von der Seele schreit.

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Mai 2 2016, 10:50am

Musik ist immer irgendwo ein Bergmassiv: Man kann es betrachten, eingeschüchtert sein, es besteigen wollen oder es gar nicht erst versuchen—oder man ist einfach nur erschüttert von der eigenen Unfähigkeit, Grenzen zu überwinden. Heisskalt-Sänger Mathias Bloech fühlt das oft, dieses Erschüttertsein von Teilnahmslosigkeit. In einer Zeit, wo jeder tausend Meinungen hat, aber kaum darüber nachdenkt. Generation Z wirft sich vor jedes Scheinwerferlicht, Hauptsache da gewesen und alles gesehen. Schafe, die dem Trend der zwingenden Coolness auf offenen Straßen folgen—lebendig gewordene Instagram-Profile in 2D, ohne Tiefe.

Bloech ist ein wandelnder Poet, der seine Umgebung in trostlosen Texten filtert und dafür gerne mal in tausend Selbstzweifel eintauchen kann. Seine Zeilen versinken in einem Meer der leblosen Stille. Leere, die sich aufstaut und sich weigert, Nichts zu sein. Dann schlägt sie große Wellen und spült ihn Richtung Selbsterkenntnis. Für Heisskalt lässt er seine gewaltige, traurige Bildsprache über verschenkte Momente und vertane Chancen verglühen. Eine Sprache, die etwas bewegt. Zeilen wie „Der Vermisste, nun auf Knien zurückkehrende Sohn“ sind nicht mehr Metapher, sondern lebhafter Ausdruck des Scheiterns. Wer das hört, bekommt selbst das widerliche Gefühl der Beklemmung überreicht. Man, der Typ muss doch komplett am Ende sein! Wie kann der Trauerkloß überhaupt auf offener Straße rumlaufen, ohne einfach umzufallen und liegen zu bleiben, nur um keinen weiteren sinnfreien Schritt zu einem ziellosen Nirgendwo zu gehen? Und dann noch auf Tour zu sein, wo jeder Moment überschwänglicher Euphorie urplötzlich von erdrückender Einsamkeit übermannt werden kann.

„Neuer Mut zur Traurigkeit“, so eine Zeile von dir auf dem neuen Album Vom Wissen und Wollen. Irgendwie klingt das wie das gelebte Credo von Heisskalt. Woher kommt die Traurigkeit bei dir?
Mathias:
Je mehr ich mich mit der Welt, die mich umgibt, und den Umständen auseinandersetze und sie verstehe, desto bedrückender empfinde ich sie. Und desto mehr fühle ich mich darin fehl am Platz. Ich bin kein hoffnungsloser Mensch, in unseren Songs schwingt Hoffnung mit. Musik ist aber auch schon immer Ventil gewesen. Ein Studienfreund meiner Freundin sagte, dass er die größte und einzige wirkliche Aufgabe, Mensch zu sein, darin sehe, so viel es geht über die Welt zu erfahren und zu lernen. Das empfinde ich oft als unschöne Aufgabe, weil es echt viel Scheiß zu entdecken gibt.

Sind deine Songs so traurig, weil du sie als Ventil nutzt oder weil sie Hilfestellung für andere sein sollen?
Wir kommen aus dem Post-Hardcore, damit sind wir aufgewachsen. Da habe ich die schöne Entdeckung gemacht, dass bei dieser Musik viel aus Schmerz, negativen Gefühlen und der Umgang mit diesen besteht. Dass plötzlich der besungene Schmerz heilende Wirkung haben kann für die Hörer, das hat mich immer begeistert. Zu sehen, wie sich jemand auf der Bühne die Seele aus dem Leib schreit. Sich verstanden zu fühlen.

Es wirkt, als wärst du immer gezwungen, Kritik an gesellschaftlichen Zuständen zu üben. Selbst im „Lied über Nichts“, das sich dem eigentlich offensiv verwehren will, gehst du mit Kapitalismus ins Gericht. („Also schreibe ich ein Lied, ein Lied für dich / und vermeide so oft es geht Systemkritik / Hier bitte dein Lied, ein Lied über nichts / ich hoffe du magst es, ich mag es nicht)
Irgendwann—aus Frustration über den Song selbst, weil er mich alle Nerven gekostet hat—dachte ich mir: „Fick dich, Lied. Du kriegst jetzt deinen eigenen Diss von mir geschrieben.“ Der Song ist selbstironisch, eine Zustandsbeschreibung. Er nimmt Stellung zu dem paradoxen Phänomen, dass man in dieser Welt leben, Dinge verurteilen und wissen kann, dass sie falsch sind, aber man sie trotzdem tun kann, ohne die Konsequenzen dafür zu tragen. Weil irgendwelche Anderen die Konsequenzen tragen, die man wahrscheinlich niemals sehen wird.

Wie schaffst du es, nicht in dieser Gedankenspirale zu versinken?
Das letzte Jahr war ich total drin, weil wir dieses Album geschrieben haben. Ich kämpfe aber nicht täglich mit einer Depression. Traurigkeit ist ein Teil von mir, den ich mag, in den ich mich versenken will. Ich glaube, das ist wichtige Arbeit, die man machen muss, Verantwortung, die man trägt, sich über Dinge Gedanken zu machen. Das gehört dazu, ein mündiger Mensch zu sein.

Kein Schlaf, ständig Menschen, massig Alkohol—wie bekommt dir das Tourleben?
An den vielen Menschen habe ich lange zu verdauen. Wenn ich nach der Show noch mit vielen Leuten spreche, wird das nach ein paar Tagen oder Wochen echt anstrengend. Wenn man ständig an fremden Orten mit fremden Menschen ist und sich das im Kopf zu einen rauschähnlichen Strang vermischt, wo man nicht mehr zuordnen kann: wer, wann, wie, wo, was. Das ist wie drei Wochen durchfeiern, nach Hause kommen und sich ins Bett legen, um sich zu fragen: Warte mal kurz, wo war ich eigentlich? Aber das ist schön, ich liebe diesen Zustand. Der Tour-Aftermath ist so ziemlich das tiefste Loch, in das man fallen kann.

Wie würdest du den Tour-Aftermath beschreiben?
Es gibt von Maeckes im Orsons-Song „Lagerhalle“ die Zeile: „Mein Handy vibriert unbekannt, Augen auf, ich hab' wohl die Glückshormone für die gesamte Woche schon aufgebraucht." Ich weiß nicht, was sie damit ausdrücken wollen, aber der Song beschreibt für mich dieses Gefühl.

Wie schaffst du es, dich von diesem „Immer-weiter-und-weiter“-Gefühl und all dem Druck eines Musikers zu lösen?
Ich empfinde gar keinen großen Druck. Was mir immer als Lösung erscheint, wenn die kreative Berufung stressig zu drohen wird, ist zu arbeiten. Sich hinzusetzen und einfach zu machen. Was mich am meisten unter Druck setzt, ist nicht dazu zu kommen, zu musizieren. Dann verstopfe ich und Ideen fangen an zu schimmeln.

Musik hat immer diesen Produktionszwang nach einem Endergebnis. Dass man etwas hat, das man rausgeben kann, mit dem was gemacht wird. Ich habe mich viel mit dem Musizieren im Moment beschäftigt. Es reicht, wenn ein paar Leute ihre Zeit völlig sinnlos auf den Kopf geschlagen haben, um Mucke zu machen.

Bist du selbst überrascht, dass ihr mit eurer traurigen Mucke auch ein Indie-Publikum auf farbenfrohen Festivals ansprecht?
Ich treffe selten Leute, die aus oberflächlichen Gründen unsere Musik feiern wie es bei Metalcore-Fans oder Leuten ist, die 166 bpm-Techno hören. Da geht es ja mehr um den sportlichen Adrenalinkick, das kann ich total nachvollziehen. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen und uns Komplimente machen, haben meist eine Geschichte dazu, die was damit zu tun hat, dass sie berührt wurden an einer Stelle.

Du hast eine sehr hypnotisierende Art zu singen, wo einem später erst auffällt, was du eigentlich gesagt hast.
Ich habe irgendwann meine Liebe zum Black Metal entdeckt. Ich hatte ihn immer als hart, brutal und als Lärm empfunden. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es einen Ambient-Charakter bekommt. Wenn man die 500. Snare überstanden hat, wird das wie zum Teppich. Ich habe das Gefühl, das meine Texte auch so wirken können. So viel Text mit solcher Vehemenz. Vielleicht probiere ich bei der nächsten Platte was ganz anderes aus, ganz wenig Text. Bei dieser Platte habe ich es auf meine persönliche Spitze getrieben.

Jetzt habt ihr aber diesen langen, komplexen Post-Rock-Batzen abgeliefert, der oft mit Klangflächen vor sich hin tröpfelt. Hast du Angst, damit Fans zu verstoßen?
Ein generelles Problem im deutschen Musikmarkt—das muss man mal sehr deutlich sagen—ist, dass Leute sich nichts trauen. Sich zu überlegen—wenn man von sich sagt, man ist Musiker oder Künstler—, ob das dem Publikum gefällt? Das ist doch die völlig falsche Frage. Die Frage ist: Was will ich sagen und was ist die Form dafür? Dann vertraut man darauf, dass das, was man als Mensch und Künstler ist, dafür reicht, um etwas von Wert herzustellen. Dann gefällt es jemandem oder nicht, aber darum geht es ja gar nicht. Man sollte dem Publikum mehr zutrauen und nicht für ein schon bestehendes Publikum schreiben. Bei uns sind Leute aus verschiedenen Musikstilen auf dem Konzert, da findet sich ein neues Publikum selber—ein total tolles Kompliment.

Selbst im Metalcore gibt es Ghostwriter, die für Bands schreiben, die der Szene gefallen wollen.
Ja, das ist doch super eklig. Wenn sogar Metalcore—Metal und Hardcore inspirierte Musik—so kommerzialisiert wird und so weit weg von der Band an sich ist, ein Unterhaltungskonstrukt, dann: nee. Man macht eine Kopie, die immer etwas zurückbleiben wird, ein Rückschritt. Im Zweifelsfall nur weiterer digitaler Müll, der irgendwo rumfährt.

Bist du Nihilist?
Nee.

Ende und Nacht sind die meist genutzten Metaphern in deinen Songs.
Anfänge sind immer relativ klar definierbar. Aber Enden nicht. Enden haben sehr oft—außer man stirbt—die Eigenschaft, nicht klar zu sein, sondern so auszufransen. Ein interessantes Forschungsgebiet.

Oft klingt es so, als mahnst du die Teilnahmslosigkeit der anderen. In welchem Bezug?
Na meine eigene! Ich kritisiere mich immer selbst. Ich bin genauso Teil von dieser Gesellschaft wie jeder, der die Texte hört. Um nochmal von dieser Mündigkeit zu sprechen: Wenn man sich über Dinge Gedanken macht und diese in den Filter einbaut, mit dem man das tägliche Leben betrachtet und überdenkt, dann ist man in der Lage, Dinge anders zu machen oder nicht mehr zu machen. Oder richtig zu machen. Das funktioniert, dass ich mir so selbst auf die Finger klopfe und mich ermahne. Ich habe eine Verantwortung, da muss man nicht rumdiskutieren.

Selbstreflektion ist kein Skill, der gerade so richtig hipp ist. Es ist gerade sehr hipp, sehr viele Meinungen zu sehr vielen Dingen zu haben, die global überall auf der Welt passieren. Lieber beschäftigt man sich mit denen, anstatt einfach mal bei sich selbst anzufangen.

Vom Wissen und Wollen erscheint am 10. Juni. Du kannst es bei Amazon oder iTunes kaufen.