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Legendäre Clubs: Das SO36 hat Punk in Berlin am Leben erhalten

"Ein paar Punks haben Böller auf Bullen geschmissen, woraufhin die dann versucht haben, eine ausverkaufte Show zu stürmen" – Die Betreiber des SO36 erzählen uns die unfassbare Geschichte von Yuppies bis Straßenschlachten.

Hagen Terschueren

Hagen Terschueren

Besucher bei Chuck Ragan 2013. Foto: imago

Black Flag, New Order, The Cure … ich. Weil die Zimmer alle belegt waren, bin ich den drei Frauen in den Konzertsaal gefolgt und sitze für eine Stunde neben einer der bekanntesten Bühnen des Landes, um darüber zu reden, wie ausgerechnet dieser Club so eine Bekanntheit erreichte. Und im Falle des SO36 gibt es viel zu bereden, schließlich ist der Club inzwischen 39 Jahre alt und hat viel mitgemacht. Von Theater-Teams, die den halben Boden rausgerissen haben, zu Straßenschlachten vor der Tür und der Geschichte, als ein einzelner Nachbar fast die Schließung erzwang.

Wie das Hamburger Molotow oder die Batschkapp in Frankfurt gehört das SO36 zu den Clubs, von denen alle, die alternative Rock-Musik mögen, schon einmal gehört haben könnten. Schließlich sind genau das die Orte, in denen seit Jahrzehnten die ganzen guten Bands immerzu spielen. Doch warum eigentlich? Ich habe mich hinter die Kulissen begeben und mit den Betreibern getroffen, um herauszufinden, warum Bands und Publikum ausgerechnet diese Läden lieben. Mir gegenüber sitzen dieses Mal Nanette, die ein großes Buch über die Geschichte des SO36 geschrieben hat, Myriam und Anita vom Sub Opus 36 – dem Verein hinter dem legendären Club.

Die Anfänge: 1978 bis 1979

Das SO36, das im August 1978 zum ersten Mal seine Türen öffnete, hatte nicht viel mit dem Club von heute gemeinsam. Gegründet wurde der Club in der Oranienburger Straße in Berlin-Kreuzberg nicht aus einer linken Hausbesetzerszene heraus, sondern von zwei jungen Männern, die laut Nanette am besten als "Yuppies" beschrieben werden können. Trotzdem war ihre Idee, eine Punkdisko zu eröffnen, wegweisend. Und so standen bei der Eröffnung unter anderem David Bowie und Iggy Pop im Publikum. Als dann sogar Martin Kippenberger, der später mit Bildern wie "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken" Weltruhm als Künstler erhalten sollte, zum Team stieß, war die Sache eigentlich geritzt. Doch nicht einmal ein Jahr nach dem Start war schon wieder Schluss – das Dreiergespann hatte sich mit einer Sache verkalkuliert: Kreuzberg.

imago/Steinach

Heute mag die Kombination aus Kreuzberg, Yuppies und angehenden Künstlern nach dem Erfolgsrezept schlechthin klingen, doch Kreuzberg Ende der Siebziger war ein sehr hartes Pflaster: "'’78 war's rough. Hier lebten sehr viele sehr arme Leute. Die Hausbesetzer von damals waren zum Teil auch Leute, die Hunger gelitten haben und in den letzten Butzen gehaust haben. Und dann gab es viele türkische Migranten, die einfach hierhin – in die letzte Ecke Berlins, was ja Kreuzberg wirklich war – abgeschoben worden waren. Es war umzingelt von der Mauer und eigentlich wollte hier keiner sein. Die Betreiber haben das aber nicht so ernst genommen. Denen war gar nicht klar, wie stark das hier brodelt."

Und genau in diesem sozialen Brennpunkt kamen jetzt Typen von außerhalb und wollten Dosenbier für 2 Mark (was heute 2,45 Euro entspricht) und Konzerte für 10 Mark verkaufen. Viel zu teuer für den Kiez, in dem niemand Geld hatte. Und laut Nanette ließ Kreuzberg die Betreiber ziemlich schnell spüren, dass sie nicht willkommen waren: "Da waren halt einerseits die Preise und dann ist es halt auch mit Leuten geclasht, die sich hier drin nicht benommen haben. Und dann gab es als Höhepunkt einen Überfall. Angeblich floss das Geld davon dann in die Gründung des Konkurrenzclubs KZ 36.", erzählt Nanette.


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Türkische Disko: 1980 bis 1983

Die Pleite des SO36 erkannte Hilal Kurutan als Chance. Der Sozialarbeiter sah nämlich in den Problemen seiner türkischstämmingen Freunde eine Marktlücke. Das Problem schildert Nanette so: "Es waren die frühen Achtziger, türkische junge Leute kamen in keine Disko rein. Dann hat Kurutan sich sich aus dem ganzen Kiez Geld zusammengeschnorrt und geliehen, um den Laden zu übernehmen."

So wurde das SO36 erstmal zum türkischen Kulturzentrum. Doch Konzertveranstalter kamen dann schnell auf Kurutan zu und überredeten ihn, auch weiterhin Konzerte in den Club zu holen. Und so kam es, dass der türkische Sozialarbeiter, der eigentlich nur eine Disko für seine Community machen wollte, plötzlich New Order, Black Flag, die Dead Kennedys, Slime, Die Toten Hosen, Soilent Grün (die Band, in der Farin Urlaub und Bela B. sich kennenlernten) und sehr viele andere auf seiner Bühne stehen hatte und das SO36 so zum bekanntesten Punkrockclub Deutschlands machte.

Feuerwehr löscht den Brand 1988 (Foto: imago / Detlev Konnerth)

Doch der Laden war mittlerweile ziemlich marode und als es dann auch noch zu einem Brand kam, schloss die Bauaufsicht den Club. Und weil der finanzielle Schaden zu hoch war und Kurutan sich eine Sanierung nicht leisten konnte, musste das SO36 1983 zum zweiten Mal seine Pforten schließen

Internationale Bauausstellung und Hausbesetzung: 1984 bis 1988

Eineinhalb Jahre nach der Schließung wurde das SO36 von der Internationalen Bauausstellung übernommen. Die Ausstellung war ganze zwei Monate vor Ort, bis sie von Sympathisanten des Kunst- und Kulturcentrum Kreuzberg (KuKuck) besetzt wurde – weil deren altes besetztes Haus geräumt worden war. Während Nanette davon erzählt, ruft Myriam "Da war ich zum ersten Mal da!" und mir wird klar, dass hier eine Frau vor mir sitzt, die sich schon bevor ich überhaupt geboren wurde, mit dem SO36 zu tun hatte.

Mit dem neuen besetzten Objekt hatten die Leute auch mehr Glück. Statt erneut geräumt zu werden, übergab das sich selbst als links verstehende Architektenteam hinter der Internationalen Bauausstellung seinen Mietvertrag an die Besetzer. Und die nahmen das mehr als dankend an.

Doch statt weiter Konzerte zu veranstalten, wurde das SO36 mehr und mehr zu einer Fläche für andere Kunstformen. Vor allem Theater rückte in den Vordergrund und wurde 1986 für ein Jahr sogar der einzige Fokus der Besetzer, während es vor der Haustür weiter brodelte.

Vermummte greifen am 01. Mai 1987 in der Oranienstraße ein Polizeiauto an (Foto: imago/Peter Homann)

In Kreuzberg lieferte sich die linke Szene Ende der Achtziger regelmäßig Straßenschlachten mit der Polizei – gerne auch direkt vor dem SO36. Wirklich schlimm eskalierte es dann laut Nanette Silvester '87: "Das war wahrscheinlich der größte Angriffsversuch der Polizei auf den Club. Das wurde so ein bisschen als Rache für den 1. Mai wahrgenommen. Es war wirklich katastrophal. Ein paar Punks haben am Heinrichplatz Böller auf Bullen geschmissen, woraufhin die dann versucht haben, eine ausverkaufte Show zu stürmen. Irgendjemand hat es dann geschafft, unser Scherengitter noch zu schließen. Aber die haben dann einfach Tränengas reingeschossen."

Als wäre das nicht schlimm genug, läutete dieses Silvester auch (wieder mal) das Ende des SO36 ein. Es gab erneut Ärger mit der Bauaufsicht und nachdem eine Theatervorführung auch noch den halben Boden aus dem Laden gerissen hatte, zog auch der Vermieter die Reißleine und kündigte den Hausbesetzern. Aber dieses Mal sollte es das letzte Mal sein, dass sich die Türen des SO36 schlossen.

Sub Opus 36 e.V.: 1990 bis heute

Aus den Hausbesetzern heraus wurde nach der Schließung der Sub Opus 36 e.V. gegründet – ein Verein, der sich um das SO36 kümmern sollte. Ohne Fördermittel und Zuschüsse machte der Verein sich daran, die Location wieder herzurichten. Zwei Jahre später war es soweit und 1990 öffnete das SO36 so, wie wir es heute kennen. Aber es gab wieder einmal ein Problem: Die Mauer war weg. Myriam erinnert sich: "Erstmal sind alle aus Kreuzberg weggeströmt, weil in Ostberlin viel mehr Möglichkeiten waren, Clubs zu eröffnen. Und Techno war ja auch sehr groß. Kreuzberg war echt eine ganze Weile uninteressant. Aber wir haben halt einfach weitergemacht und eigene Nischen besetzt. Wie zum Beispiel die ganzen Queer-Sachen oder Techno am Montag oder Standardtanz am Sonntag."

"Die ganzen Queer-Sachen" sind tatsächlich sehr beeindruckend und ein Thema, bei dem das SO36 eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Es gab zwar Anfang der Neunziger schon Schwulen- und Lesben-Clubs, aber die liefen meist ziemlich getrennt voneinander. "Das, was man heute die queere Szene nennen würde, gab es noch nicht. Ende '93 tauchte auf unseren Flyern erstmals das Wort ‘queer’ auf. Es war damals in Deutschland noch gar nicht etabliert, das so als Kampfbegriff für eine vereinte Szene zu nutzen. Das war dann auch die Innovation", so Nanette.

Antilopen Gang 2015 (Foto: imago/Christian Ditsch)

Und dann ist da auch noch Gayhane – eine queere Partyreihe, die sich speziell auf die türkische Community fokussiert. Gerade in Kreuzberg kann das auch zu Schwierigkeiten führen, wie Nanette nur zu gut weiß: "Eine schwullesbische Party, die sich explizit an Leute mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern richtete, war ziemlich mutig. Gäste wurden tatsächlich auf dem Heimweg abgefangen. Gerade wenn sie aufgetakelt und mit türkischem Background bei den Partys waren." Das Problem war, dass in Kreuzberg die Grauen Wölfe sehr aktiv waren – die Bezeichnung für Anhänger ultranationaler, konservativer türkischer Parteien. Doch gerade das zeigt auch, wie wichtig die Arbeit im Kiez tatsächlich war. Eine Meinung, die Anita teilt: "Ich wohne seit 31 Jahren und hier das alles hat einfach sehr viel bewirkt im Kiez. Einfach, dass Leute hier zusammen gefeiert haben. Das hat viel bewirkt." Neben queeren Partys finden im SO36 außerdem immer noch regelmäßig politische Veranstaltungen statt. Zum Beispiel von NSU-Watch oder Kiezversammlungen.

Gerade letzteres sind allerdings Events, die am Ende mehr Kosten als Einnahmen verursachen. Und da es sich beim Sub Opus um einen nicht-kommerziellen Verein handelt, der außerdem die Eintritts- und Bierpreise möglichst niedrig halten will, stand 2009 erneut die Existenz des SO36 auf dem Spiel. Und zwar aus dem gleichen Grund, der schon beim Molotow und in der Batschkapp zu Sorgen führte: Lärm. Nach vielen Jahren gab es nämlich plötzlich einen Anwohner, dem der Club zu laut wurde. Das Geld für die geforderte Lärmschutzwand fehlte. Myriam erinnert sich ungern an diese Situation: "Das war auch echt existenzbedrohend. Nervlich und finanziell. Die Toten Hosen haben uns da echt geholfen, auch durch Medienpräsenz."

Die Toten Hosen spielten nämlich nicht nur ein Solikonzert für den Erhalt des SO36, das Geld in die leeren Kassen spülte, sondern sorgten damit auch für eine Menge Aufmerksamkeit. Etwas, das dem inzwischen selbst auch in Kreuzberg beliebten Club vor dem Untergang bewahrte. Das Geld kam zusammen, die Lärmschutzwand wurde eingezogen und das SO36 ist heute das, was es auch schon vor fast 40 Jahren war, nur mit faireren Bierpreisen und besser im Kiez verankert.

Selbst mit der Polizei gibt es heute kaum noch Stress. Im Gegenteil sogar. Als die Terrorguppe beim 36. Geburtstag des Clubs ein Konzert vor der Tür spielte und damit den Verkehr zum Erliegen brachte, sah die Polizei das sogar gelassener, als die Passagiere der Busse.

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