Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Kunst und Kopfkrieg: OG Keemo über das Trauern inmitten des Erfolges

"Man denkt, es verschwindet, aber wenn du es nicht verarbeitest, kann es dir noch jahrelang hinterherhängen." – Shootingstar OG Keemo spricht mit Laurens Dillmann über Depression und den Verlust seiner Mutter.

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21 Dezember 2018, 3:38pm

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Das Stuttgarter Indie-Label Chimperator war bislang nicht dafür bekannt, Rap der härteren Gangart zu veröffentlichen. Mit dem Signing von OG Keemo ändert sich dieses Muster. Der Mannheimer mit den traurigen Augen erzählt von Diebstählen, Halunkentum und der Jagd nach lila Scheinen. Altbekannte Themen, doch Keemo trägt sie lyrisch und raptechnisch so versiert vor, dass szeneintern bereits gemunkelt wird, man habe es hier mit dem "nächsten großen Ding" zu tun. Aber Keemo bricht nicht nur Wangenknochen, sondern auch Erwartungen. Auf dem jüngsten Release Skalp zeigt er sich von seiner bislang intimsten Seite. Selbstzweifel, der noch nicht verarbeitete Tod seiner Mutter und Schlafmangel sind die Themen auf den hauseigenen Produktionen seines Produzenten Funkvater Frank. Ich will wissen, wie es sich anfühlt zu trauern, während der Erfolg anklopft.

Laurens Dillmann schrieb für das JUICE-Magazin und das splash! Mag und beschäftigt sich mit Körperpsychotherapie, Naturheilkunde und Meditation. Er ist Autor eines Romans ( Oskar, 2014) und eines Gedichtbandes ( Hummerscheren und Wackelpudding, 2013). Für Noisey spricht er mit Künstlern über Depressionen, über Krieg im eigenen Kopf und darüber, wie man diese Krisen überwindet. Für den vierten Teil seiner Interview-Serie "Kunst und Kopfkrieg" hat sich Laurens mit dem Mannheimer Rapper OG Keemo getroffen.

"Denn guck, mir hat ein Vogel mal gezwitschert
Hätt' ich meinen Fokus nicht geändert
Wär ich mittlerweile längst sicher unter der Erde oder hinter Gitter
Meine Depression ist stärker als der Großteil von euch N****s" – "Vorwort"

Laurens: In deinem Song "Vorwort" gibst du sehr offen zu, depressiv zu sein.
OG Keemo: Ich wurde nie als depressiv diagnostiziert. Es fühlt sich aber so an. Von meiner Selbsteinschätzung her würde ich sagen, ja. Aber ich weiß nicht, wie man drauf sein muss, damit man das auch diagnostiziert bekommt. Ich habe meine Phasen, wo ich Durchhänger habe und gar nichts mehr hinbekomme. Nicht mal soziale Kontakte. Aber es gibt auch Zeiten, wo ich nichts davon merke.

Ist ja auch die Frage, ob man das überhaupt von einem Arzt bestätigt bekommen muss und es eine Bezeichnung braucht, wenn es einem schlecht geht. Ging es dir denn schon immer so?
Ich kann mich erinnern, dass ich schon in der siebten Klasse solche Zustände hatte. Auch ohne Auslöser. Ja, es hat schon früh angefangen.

OG Keemo

Ich bin sehr melancholisch. Wache morgens auf und fühle mich schwer. Kennst du diese Schwere?
Auf jeden Fall. Ich hatte einen ziemlich krassen Tiefpunkt. Über vier Monate ging gar nichts. Ich habe nicht gearbeitet, meine Freunde nicht gesehen. Das Aufstehen und das Einschlafen waren der ekelhafteste Teil des Tages.

"Ich bin allein mit dem Henn in meinen Händen
Das ist der Scheiß, wieso ich schon seit 30 Tagen mit dem Einschlafen kämpf" – "Nimbus"

Danke für deine Offenheit. Du thematisierst ja auch den Tod deiner Mutter auf Skalp.
Das hat auch sehr krass mit hineingespielt. Es war letztes Jahr im August. Sie ist an einem Hirntumor gestorben. Ich hab erst einen Monat später wirklich angefangen zu trauern. Sie war alleinerziehend, hatte auch noch zwei Kinder von einem anderen Mann. Zu dem konnten meine Geschwister auf keinen Fall gehen. Ich war sehr damit beschäftigt, dass der Alltag meiner kleinen Geschwister routiniert bleibt und sie nicht auch noch durch unsere Trauer aus dem Leben fallen. Dann kam mein Vater her, der zu der Zeit in Mainz wohnte, und ist zu uns ins Haus gezogen, damit für meine Geschwister mehr oder weniger alles gleich bleibt. Als er ankam, wurde mir zum ersten Mal bewusst, was passiert ist.

"Denn was nimmst du einem Sohn, der keine Mom mehr hat?
Unterschrieb den Vertrag 'nen Tag, nachdem ich sie begraben hab
Der Start meiner Karriere hat auf ewig einen Nachgeschmack, fuck" – "Vorwort"

Auch der Song "Nimbus" richtet sich an deine Mutter. Was ist das für ein Gefühl, so einen Song zu machen?
Es ist eine ganz andere Herangehensweise, wie ich normalerweise einen Song schreibe. Das entsteht nicht im Studio. Ich war mit mir selbst, im Schlafzimmer, morgens um drei. Es ist auch ein ganz anderes Gefühl, so etwas von sich selbst zu hören. Es hätte ihr bestimmt gefallen.

OG Keemo

Ist ja im Prinzip ein Andenken.
Genau. Dass sie sagte, ich hätte die Hände meines Vaters, und ich vertone es. Das ist für immer da, das vergesse ich nicht mehr.

Gesteht man dir zu, zu trauern?
Ja, schon. Wenn du mich vor einem Jahr gefragt hättest, hätte ich diesen Song nicht gemacht. Dadurch, dass ich gemerkt habe, andere nehmen mich darin an, konnte ich es auch offener preisgeben. Auch die gute Resonanz ist sehr hilfreich.

Wenn ich diese traurigen Phasen habe, bekomme ich oft gesagt, ich soll nicht so traurig sein, das würde ansteckend wirken. Das macht mich dann oft noch trauriger, weil ich ja nicht anders kann.
Ja, das ist voll der Druck. Aber wenn ich bislang mit jemandem darüber geredet habe, wurde es verstanden. Wenn du 15, 16 Jahre alt bist, musst du auch erst damit umgehen lernen. Ich kannte solche Tiefphasen damals gar nicht. Dann hast du noch einen Freundeskreis, der nur Scheiße bauen im Kopf hat. In der Familie konnte ich es aber immer gut ansprechen.

Ich hab den Eindruck, dass besonders Straßenkinder oft eine tiefe Traurigkeit mit sich herumtragen. Dass sie irgendetwas in sich haben, das sie nicht verarbeitet haben.
Natürlich. Was meinst du, wie viele Leute alleine in den amerikanischen Ghettos posttraumatische Stresssymptome haben? In armen Gegenden wird das Leid einfach nicht gesehen. Die brauchen eher Therapie als Knast. Ich glaube, es ist im Brennpunkt viel schwerer, damit umzugehen, wenn du nicht weißt, wo du damit hin kannst.

Kommst du auch aus armen Verhältnissen?
Ärmlicher, ja. Es gibt safe Menschen, denen es schlechter ging als mir in meiner Kindheit. Aber wir hatten nie viel Geld. Ich habe in schlimmen Vierteln gewohnt und in nicht so schlimmen. Im Prinzip hat mir aber an nichts gefehlt.

In den Blocks fehlen Wärme und Geborgenheit, das strahlt ja schon die Architektur aus.
Auf jeden.

Hast du mal Therapie gemacht?
Ich habe eine Freundin gehabt, die sich viel damit befasst hat. Die hat mir das öfter geraten. Ich weiß auch nicht, warum ich das nicht wahrgenommen hab. Das ist so Schrödingers Katze mäßig. Wenn du es nicht wirklich diagnostiziert bekommst, ist die Hemmschwelle größer. Man denkt, das geht schon wieder weg. Aber das ist wahrscheinlich nicht der richtige Weg.


Noisey-Video – KitschKrieg übernimmt


Auch Kunst ist Therapie.
Ja. Da verarbeite ich es lieber so als überhaupt nicht.

"Dicka, ich schreib besser, wenn draußen kurze Tage zu langen Nächten werden
Und auch die letzten Blätter gänzlich von den Ästen sterben
Ich schrieb meine besten Verse
Als ich bereit war, mein Leben einfach so wegzuwerfen
Der Song könnt' mein Bester werden" – "Vorwort"

Viele Künstler gehen bewusst in den Schmerz hinein, um dann Kunst zu machen. Und trotzdem glaube ich, der Mensch will eigentlich zutiefst glücklich sein. Was hältst du von dem System, in dem wir leben?
Es macht uns sicher eher traurig als glücklich. Wenn du überlegst, was für einen Stress du hast. Du musst permanent machen. Es gibt viele Leute, die daran kaputt gehen. Mit 17, 18 Abitur, dann Studium oder Arbeit. Ich weiß nicht, ob die Jagd nach dem Geld der richtige Weg ist. Du musst ständig in Bewegung bleiben. Es wird mehr Wert darauf gelegt, dass das System erhalten bleibt, anstatt dass du selbst als Mensch funktionierst.

OG Keemo

"Der Musik-Scheiß ist das Einzige hier
Was ich beherrsch', was mir eventuell mal Scheine kassiert
Doch mir ein Scheiß garantiert, denn niemand weiß, was passiert
Geh ich zurück und knacke Häuser oder bleibe ich hier?" – "Vorwort"

Du wirst gerade zum Kritikerliebling. Glaubst du, dein musikalischer Erfolg wird dich glücklich machen?
Ich freue mich natürlich, wenn ich davon leben kann. Ich mache es ja gerne. Wenn ich mit meinem Hobby Geld verdienen kann, ist das gut. Ich brauche einfach Sicherheit. Die Sachen, die mich vor ein paar Jahren runtergezogen haben, sind nicht mehr da. Aber der Druck ist jetzt ein ganz anderer. Damals waren es Zukunftsängste. Was mache ich? Wo will ich überhaupt hin? Ich finde nichts, was mir zusteht. Klaue ich immer noch, bis ich 35 bin? Ich bin da jetzt dran. Als wir uns mit Chimperator getroffen haben, dachte ich das erste Mal: "Krass, da werde ich mich richtig reinhängen." Aber ich denke noch immer: "Wird das fruchtbar? Kann ich davon leben? Wenn ja, wie lange?" Zukunftsängste sind immer noch da, aber anders.

Wenn du dir die Künstlerszene anschaust: Glaubst du, es gibt viele Depressive darunter?
Bestimmt. Aber viele lassen das nicht raus, verstecken sich hinter einer harten Schale. Die denken, sie sind dann angreifbar. Da spielen viel Ego und Angst mit. Es ist zu persönlich für viele Leute. Ich denke, es geht vielen Leuten schlechter, als sie es zeigen. Wenn irgendjemand sich umgebracht hat, gibt es 100 Leute, die sagen, sie hätten das nie gedacht.

OG Keemo

Aber du hast diese Angst nicht, dafür verurteilt zu werden?
Mich juckt nicht so, was andere Leute von mir denken. Ich habe kein Problem mit dem Ego. Jeder hat solche Gedanken. Vielleicht nicht in dem Ausmaß. Aber es ist doch menschlich und nichts, wofür man sich schämen muss. Schlechtes passiert einfach, und es gibt keinen Grund, es nicht zu erzählen. Man muss natürlich auch nicht. Mir hat es geholfen. Und so konnten Leute eine andere Seite von mir kennenlernen.

Ich habe Respekt davor. Man muss auch nicht direkt immer eine Lösung finden. Hauptsache, man spricht darüber. Was würdest du jemandem raten, der einen geliebten Menschen verliert?
Man sollte es nicht in sich reinfressen. Man denkt, es verschwindet, aber wenn du es nicht verarbeitest, kann es dir noch jahrelang hinterherhängen. Es braucht ein Ventil für Gefühle wie Trauer. Ob es Freunde, Familie oder Kunst ist. Oder eben aktive Therapie. Zulassen. Nicht verdrängen. Zulassen. Offen dafür sein.

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Nachwort: Meine Kolumne "Kunst und Kopfkrieg" wagt eine Gratwanderung. Ich wäre kein Journalist, ginge ich nicht in die Gespräche mit dem Anspruch, interessante Geschichten herauszuholen. Gerade deshalb höre ich während der Interviews immer eine leise Stimme im Hinterkopf flüstern: "Gehören intime Leidensgeschichten überhaupt veröffentlicht?" Bin ich gerade auf der Jagd nach einer Story oder kann ich mich permanent erinnern, dass mir ein fühlender Mensch aus Fleisch und Blut gegenübersitzt? Es erfordert Mut, meine Fragen zu stellen, und es braucht den Mut meiner Gesprächspartner, sie zu beantworten. Gerade deutscher Rap, der so gerne mit seinen Kronjuwelen protzt, darf sich von nun an hinterfragen, ob er die Eier hat, sich wirklich zu offenbaren.

Ich danke meinen bisherigen Gästen, Leserinnen und Lesern und wünsche uns allen ein selbstbewusstes 2019.

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Skalp von OG Keemo ist über Chimperator erschienen und überall zum Kaufen und Streamen zu haben.

OG Keemo bei Instagram.
OG Keemo bei Facebook.
OG Keemo auf Skalp-Tour 2019.

Laurens bei Facebook. Laurens im Netz.

Ihr wollt auch mit Laurens reden? Dann könnt ihr ihn über mail[at]laurensdillmann.de kontaktieren.

Notrufnummern für Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Notfallsituationen bieten Hilfe für Personen, die Unterstützung brauchen – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind bundesweite Anlaufstellen für Menschen mit Depressionen aufgeführt.

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