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Es ist alles wie immer. Es wird alles immer besser.—Über die deutsche Musiklandschaft 2016 (Teil 2)

„Mit dem Jammern über den Popstandort Deutschland ist es ein bisschen wie mit dem Saufen: Gab’s immer schon, hilft beim Frustabbau, hat in manchen Situationen absolut seine Berechtigung.“

Die Heulerei über den deutschen Popbetrieb ist so alt wie der deutsche Popbetrieb selbst. Dabei ist die Szene aktuell so breit und facettenreich wie noch nie.

Mit dem Jammern über den Popstandort Deutschland ist es ein bisschen wie mit dem Saufen: Gab’s immer schon, hilft beim Frustabbau, hat in manchen Situationen absolut seine Berechtigung. Aber wenn man es mal ein paar Tage lässt, sieht man plötzlich alles klarer, differenzierter. Und dann fällt einem vielleicht auf, dass das natürlich auch noch nie irgendjemand behauptet hätte: alles spitze, wahnsinnig tolle Szene, Pop auf Deutsch und aus Deutschland, finden wir super und sehr wichtig, was Anderes brauchen wir ab jetzt auch gar nicht mehr. Pop in Deutschland lebt traditionell vom neidisch in andere Teile der Welt schielenden Blick, der Komplex ist Teil seiner DNA—auch wenn man das bei den Frohsinnsbarden von Santiano weniger deutlich hört als bei anderen.

So lange ich denken kann, beschäftige ich mich mit Musik und genauso lange wird über die deutsche Radiolandschaft geklagt, über das fehlende Niveau der deutschen Pop-Produktion, über das Biedere, Spießige, die Unfähigkeit zur Inszenierung, die mangelnde Pop-Tauglichkeit der Sprache. Nun leben „wir“ 40 Jahre später aber erstaunlicherweise immer noch nicht in England oder den USA, also den Ländern, wo Milch und Honig fließen und selbst die Rentnerinnen und Rentner in den Altersheimen von morgens bis abends Beatles-Songs trällern. Die deprimierende Nachricht: Das werden wir auch nie. Die gute: It’s getting better all the time.

Aber fangen wir einen Moment früher an, nämlich mit der Frage: Warum sollte man überhaupt deutschsprachige Musik hören? Als ich klein war, schenkte mir mein Onkel eine Kassette des Albums Ball Pompös von Udo Lindenberg. Die Quellen, die Lindenberg für diese Musik angezapft hatte, waren mir damals noch unbekannt oder jedenfalls war ich längst noch nicht in der Lage, sie in ein Verhältnis zu dieser hörspielartigen Musik zu setzten. Aber was da gesungen wurde, konnte ich verstehen und es hatte auch mehr mit meinem Leben und Umfeld zu tun als die Beatles, deren Musik auf der anderen Kassette war, die mein Onkel damals mitbrachte. Irgendwie spürte ich bereits, dass die Beatles „besser“ waren—aber Udo hatte die Geschichten, die mich interessierten und die mein Leben leichter machten. Weil sie alles erklärten, was meine Eltern nicht erklärten konnten oder wollten.

Nahezu alternativlos war Lindenberg damals sowieso: Es gab Mitte der Siebziger einfach niemand Vergleichbaren. Die aus heutiger Sicht mit Abstand einflussreichste und wichtigste deutsche Popströmung überhaupt, Kraftwerk und der sogenannte Krautrock, war in den Siebzigern ein kaum wahrnehmbares Graswurzelphänomen. Die Ursachen sind bekannt und eigentlich klar. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ hatte Adorno 1949 in Kulturkritik und Gesellschaft geschrieben, und so war es.

Auf Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau folgten Verdrängung, Eskapismus, Heile-Welt-Schlager und Heimatfilm, die jüdische Kulturelite war entweder vergast worden oder emigriert. So weit, so bekannt. Hinzu kommt die absolut naheliegende Orientierung an der Kultur der sogenannten Siegermächte, die dafür sorgte, dass in keinem westlichen Land außerhalb der USA und England ein derart potenter Pop-Markt entstand. An mangelnder popkultureller Begeisterung kann es also nicht gelegen haben, dass es hierzulande tatsächlich Jahrzehnte gedauert hat, bis sich langsam wieder so etwas wie eine eigenständige Szene entwickelte.

In Folge all dieser Dinge war deutschsprachige Musik jedenfalls völlig zu Recht lange Zeit verpönt. Abgesehen von Ton Steine Scherben wurde der sogenannte Deutschrock bis in die frühen Achtzigerjahre hinein wahlweise belächelt oder verteufelt, Leute wie Udo Lindenberg wurden beinahe ausschließlich von Teenagern gehört. Und die immer wieder beklagte mangelnde internationale Relevanz gab es außerhalb der überwiegend ohne Worte auskommenden elektronischen Musik, die in diesem Zusammenhang als Erbe von Krautrock definiert werden muss, schon gar nicht. Warum und wozu auch? Alle sprachen Englisch, außerhalb von Deutschland niemand deutsch. Die Scorpions, Nena und Rammstein sind hier die bekannten Ausnahmen, aus denen sich allerdings keine Regel ableiten lässt.

Weil hinterher immer alles heller strahlt als im Moment des Erlebens, werden die Achtzigerjahre heute als das goldene Jahrzehnt deutscher Popproduktion besungen. Insbesondere die an Grausamkeiten kaum zu übertreffende sogenannte Neue Deutsche Welle wird von Indie-Opas gerne verklärt. Allerdings weiß man aus heutiger Sicht gar nicht mehr so genau, warum. Der zeitgeistcamouflierte Schlagerschrott von Hubert Kah, Frl. Menke, Nena und Markus kann jedenfalls nicht gemeint sein. Anders als nostalgisch verbrämt kann man das heute überhaupt nicht mehr ertragen.

Für mein Umfeld galt: Lindenberg, Bap, generell Deutschrock, aber auch und vor allem NDW hörte man bestenfalls heimlich, für den Underground waren wir zu jung. Natürlich waren die Achtziger ein wahnsinnig wichtiges Jahrzehnt, kann man ja alles bei Jürgen Teipel nachlesen.

Die deutsche Sprache war beschmutzt, man konnte sie nicht verwenden. Also musste ein neuer Umgang mit ihr her, und das gelang damals analog zu Punk sehr gut—in den urbanen Zentren entstand eine neue Art über Pop zu schreiben, ihn zu texten und zu rezipieren. Abgesehen von den Fehlfarben, DAF und zwei, drei anderen überregional erfolgreichen Bands entwickelte diese Szene allerdings kaum Breitenwirkung. Blixa Bargeld erzählte mir einmal, wie die Einstürzenden Neubauten bei Konzerten außerhalb von Hamburg, Berlin oder Düsseldorf stets von aufgebrachten Bauarbeitern verprügelt wurden. Halten wir also fest: Außerhalb der Subkultur ist der Ruf der Achtzigerjahre als das goldene Jahrzehnt des deutschen Pop ein Mythos.

Wie auch in anderen Teilen der Welt waren dann die Neunziger auch in Deutschland das Jahrzehnt, in dem die zahlreichen Underground-Verästelungen der Jahre nach Punk ihren Weg in den Mainstream fanden. In Stuttgart und Hamburg entstand eigenständiger, bundesrepublikanische Wirklichkeiten verhandelnder HipHop, die sogenannte Hamburger Schule etablierte Pop als Feld der Lyrik, das der tatsächlichen deutschen Lyrik der jüngeren Literaturgeschichte überlegen war, in der elektronischen Musik erlangten zahlreiche Akeure Weltruhm und massiven Einfluss. Auch hier ging es für eine andere Generation in erster Linie um Identifikation. Wie damals bei Lindenberg, nur unter anderen Vorzeichen: Wenn Dirk von Lowtzow in „Freiburg“ über Fahrradfahrer sang, war das für den deutschen Teil der sogenannten Generation X näher an der eigenen Lebenswirklichkeit als Damon Albarns England-Studien zur gleichen Zeit.

Aber Schluss jetzt mit Geschichte. „Große Umbruchpunkte in der Popmusik waren oft Momente der Niederlage, der Vernutzung und des Ruins“, hat Diedrich Diederichsen vor einiger Zeit in der taz gesagt. Insofern muss man aus heutiger Sicht festhalten, dass die sogenannte Krise der Musikindustrie das beste war, was dem Popstandort Deutschland passieren konnte. Die Liberalisierung der Produktionsmittel und die Kündigungswellen in den großen Firmen während der Nullerjahre haben zu einem enorm breiten, dichtverzweigten Netz hochkreativer Musikfirmen in diesem Land geführt. Kleine und mittelgroße Zellen haben sich flexibel auf die Realitäten der veränderten Branche eingestellt, decken in 360-Grad-Manier alle Bereiche des Geschäfts ab und bilden je nach Bedarf Schnittstellen zum etablierten Majorsystem. Das führte in den letzten Jahren zu einer nie gekannten stilistischen Breite im deutschen Pop, mit einer enormen Spezialisierung und Verästelung im Untergrund.

Der Mainstream wird im Wesentlichen besetzt von Schlager, Mittelalterfolk, HipHop und betulichem Erbauungs-Indie-Pop. Das ist zumindest die allgemeine Lesart der deutschen Popkritik, sicher nicht zu Unrecht. Weil es im Pop immer seltener überhaupt irgendwelche Debatten oder eine klar erkennbare Form von Haltung gibt, wird die aktuelle Generation der sogenannten Millenials von vielen als unpolitisch empfunden. Stattdessen werden angeblich ausschließlich persönliche Befindlichkeiten verhandelt, größere Zusammenhänge scheinen für viele uninteressant zu sein. So wird es jedenfalls überall und ständig behauptet—aber stimmt es auch? AnnenMayKantereit, Bosse und andere sprechen für ihre Generation, das kann man leicht überprüfen, wenn man sich die Themen in einem Magazin wie Neon ansieht. Aber spiegelt diese Musik tatsächlich die zunehmende Realitätsverweigerung einer krampfhaft am Wohlstand festhaltenden Generation mit einer Vorliebe für Alibi-Brandherde und ideologische Nebenkriegsschauplätze? Einer Generation, die sich gegen die Elterngeneration stellt und deshalb spießiger erscheint als jede andere zuvor?

Natürlich nicht. Sich ständig zu beschweren, wie unpolitisch die sogenannten Millenials (bescheuertes Wort) seien, erinnert mich leider sehr an das Gerede meiner Oma damals, die angesichts meines Musikgeschmacks fürchtete, ich sei zu den „Halbstarken“ mit ihren „Nietenhosen“ übergelaufen. Die ständige Klage über „die jungen Leute“ ist so alt wie die Menschheit selbst. The kids waren noch nie alle alright, aber sich ausgerechnet über eskapistische Tendenzen im Pop zu beschweren, entspringt einer wohlfeilen blasierten Spießerhaltung. Tatsächlich wird es für diese Generation ähnlich sein wie damals für mich: Die aktuellen Musikerinnen und Musiker aus Deutschland erzählen ihre Geschichten. Der wesentliche Unterschied zu früher ist, dass die meisten von ihnen das keineswegs schlechter und weniger substanziell tun als vergleichbare internationale Acts.

Es ist natürlich vollkommen unmöglich, in irgendeiner Weise Qualitätskriterien in die Diskussion zu bringen. Aber insgesamt haben wir es in diesem Land auf jeden Fall mit einem im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegenen Qualitätsniveau zu tun. Nie zuvor ist gleichzeitig so viel Unterschiedliches passiert: Während es immer noch die Fehlfarben gibt, gibt es gleichzeitig auch Isolation Berlin. Das Berliner Label Staatsakt ist in ähnlicher Weise aktiv wie früher Zickzack. Was Leute wie Hauschka oder Nils Frahm im Bereich der Neuen Klassik machen, ist mehr als interessant, die elektronische Musik ist von BoysNoize bis Helena Hauff so facettenreich wie noch nie, es gibt eine überaus vitale Metal-Szene, eine Band wie Milky Chance erreicht ein internationales Publikum, alte Helden wie DJ Koze, Beginner, Deichkind oder Tocotronic sind über die Jahre immer besser geworden, HipHop ist so vital und breit gefächert wie noch nie, Casper hat gerade die haltungsstärkste Single seiner bisherigen Karriere veröffentlicht, Trümmer, die Nerven, Messer oder die Heiterkeit verhandeln direkt oder im Subtext ein tendenzielles Unbehagen mit den Verhältnissen in diesem Land. Moderat, Dagobert, Get Well Soon—man könnte ewig so weitermachen.

Gleichzeitig ist die Mehrheit der Deutschen natürlich so wenig geschmackssicher wie eh und je, gar keine Frage. Man liebt in diesem Land das Tschingderassabumm, klatscht neben dem Takt und schunkelt gerne. Aber die Besucherschaft des Glastonbury-Festivals in England zeichnet sich auch nicht gerade durch distinguierte Feingeistigkeit aus. Alle Musik ist stets so gut oder so schlecht wie das Land, in dem sie entsteht. Und alle Musik spiegelt Zeitgeist und Gesellschaft. Das ist die Aufgabe von Pop. Nie zuvor wurde sie so umfangreich wahrgenommen wie in diesen Tagen.

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Torsten Groß mit seiner Sicht der Dinge in unserer fortlaufenden Serie zum Zustand der deutschen Musiklandschaft. Den ersten Teil von Linus Volkmann lest ihr hier.