Kollegah gegen die Medien, Fler gegen die Welt und Bushido gegen den Rest

Ein Monat voller Deutschrap-Wahnsinn liegt hinter uns und um Kollegah und Bushido wird es auch momentan kein bisschen ruhiger. Für den Durchblick bei dem ganzen Zirkus sorgt "Sternburg und Rap".

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04 April 2018, 1:18pm

Fotos: imago/Eibner | imago/Future Image

Hereinspaziert, hereinspaziert! Willkommen in der Manege des Rap-Zirkus, wo Rapper durch brennende Reifen oder über Stöckchen springen, wo wir magische Wendungen voller Spannung erleben dürfen und der Zuschauer noch was bekommt für sein Geld. Hier gibt unser Autor Juri Sternburg regelmäßig den Dompteur im Löwengehege und versucht, die Ereignisse zu ordnen, bevor das Rudel mal wieder übereinander herfällt. Schnappt euch eine Tüte Popcorn und folgt uns in eine Welt, die abseits der Realität existiert und für den Normalsterblichen mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist.

Kollegah vs. BILDung

Meist muss man sich in einem Konflikt für eine der Seiten entscheiden. David gegen Goliath. Harry Potter gegen Voldemort. Eko gegen Kool Savas. Im Fall von Kollegah versus BILD kann man mit Fug und Recht behaupten: Beide Parteien nehmen sich nichts in Sachen Rückständigkeit, Heuchelei und hetzerischen Unwahrheiten. Aber der Reihe nach. In der WDR-Dokumentation Die dunkle Seite des deutschen Rap geben die Protagonisten (Rapper wie Antilopen Gang und PA Sports, Ex-Journalist Marc Leopoldseder u.a.) mehr oder minder kluge Kommentare zum Thema "Antisemitismus im HipHop" zum Besten. Kollegah wird darin vollkommen zurecht am deutlichsten kritisiert und zeigt mal wieder, zu wie wenig Selbstreflektion er im Stande ist. Offensichtliche Anspielungen wie etwa ein Ring mit Davidstern am Finger des Oberbösewichts im Video zu "Apokalypse", versucht er mit Halbwahrheiten und Ausreden zu negieren. Via Insta-Story erklärt er: "Das Pentagramm und das Hexagramm sind magische Symbole". Nur eines der unsäglichen Verteidigungsargumente.

Kollegah bewegt sich mit derlei Argumentationen auf dem gleichen Boden, wie Menschen, die behaupten, das Hakenkreuz sei nicht verwerflich wegen der indischen Swastikas und denen, die meinen, Antisemitismus von Arabern wäre nicht möglich – schließlich seien Araber auch Semiten. Jeder weiß nämlich, was eigentlich gemeint ist. Klassischer Fall von Pseudowissenschafts-Facepalm. Die unzähligen anderen Hinweise auf Kollegahs Probleme mit dem Judentum sind in der WDR-Doku nachzusehen. Fast logisch, dass sich verschiedene Medien erneut Kollegahs "Israelkritik!" annahmen.

Seitdem der ECHO auch noch die Nominierung des JBG3-Albums von Kollegah & Farid Bang wegen der inzwischen viel zitierten "Ausschwitz"-Line von einem Ethik-Beirat prüfen lässt, hat auch die BILD von der Story Wind bekommen. Infolgedessen begann die nicht gerade für ihre Moral bekannte Zeitung, den Rapper für seine vielfachen antisemitischen "Andeutungen" an den Pranger zu stellen. RTL legte mit einem einseitigen Bericht nach, in dem vermutlich Rap-unkundigen Passanten ein Song aus JBG3 vorgespielt wurde. Es wurden entrüstete Reaktionen und ein Streetworker gezeigt, der Anti-Rap-Argumente aus den frühen 00ern vortrug.

Kollegah reagierte. Neben unzähligen Rants auf Instagram lud er ein Video auf YouTube hoch, in dem er seine Anhängerschaft in typischer Frei.Wild-Manier dazu aufrief, es den "Mainstream-Medien" (also allen, die nicht seiner Meinung sind) mal so richtig zu zeigen. Unter dem extra ins Leben gerufenen Hashtag #AlphaKellerBanger sollten die Fans bei BILD und RTL die Kommentarspalten fluten. Was diese natürlich sofort taten. In dem von Kolle veröffentlichten Video findet sich dann folgerichtig (neben all dem anderen Unsinn) auch eine extrem antisemitische Karikatur, von der Kollegah behauptet, sie nicht gesehen zu haben, bevor er das Video auf seinem Kanal postete. Ein Fan habe den von Kolle eingesprochenen Clip geschnitten und bebildert. Das mag stimmen. Dennoch sollte man sich vielleicht angucken, was man da auf seinem Kanal veröffentlicht, gerade bei einem solch heiklen Thema.

Statt sich wie jeder Heini heutzutage einfach ein Feature mit Xavier Naidoo zu klären und Blödsinn über den Gaza-Konflikt zu erzählen, legte Kollegah allerdings noch auf andere Art und Weise nach. Um sich reinzuwaschen, postete er unzählige Mails von jüdischen Hörern, die ihn vom Vorwurf des Antisemitismus freisprachen. Wer sich auf seine Seite schlug, bekam dann gerne mal die Auszeichnung "Ehrenjude" von Kolle verliehen. Zudem bot er an, allen "jüdischstämmigen" Hörern auf Lebenszeit freien Eintritt auf seinen Konzerten zu gewähren. Sehr lustig. Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie das kontrolliert werden soll. Kommt man mit gelbem Davidstern an der Brust zum Gig? Wird das Gesicht vermessen? Die Hose heruntergelassen? Eventuell darf man als jüdischer Gast nach dem Konzert auch noch mit Kolle im Backstage zur Rothschild-Theorie und dem Zinseszins fachsimpeln. Wir sind gespannt, was da noch kommt, der Dummheit sind in diesem Fall offenbar keine Grenzen gesetzt.

Fler vs. Die Welt

Der folgende Text ist eigentlich nur für Fler. Wenn du nicht Fler bist, kannst du ruhigen Gewissens zum nächsten Teil springen. Wenn du Fler bist, lies bitte bis zum Ende, bevor du sauer wirst. Flizzy hat nämlich neulich im Interview mit dem YouTuber Leon Lovelock bekannt gegeben, dass die meisten Verschwörungstheorien für Spinner gemacht seien. Trotzdem wollte er dann doch mal sagen, dass die Theorie der "Flachen Erde" nicht ganz von der Hand zu weisen sei. Gott sei Dank ist es in diesem Fall deutlich einfacher als bei Kollegah, vor allem, weil man Fler dann doch anmerkte, dass er das Ganze selbst nicht so ernst nahm. Das verschmitzte Lächeln bekam er kaum aus dem Gesicht. Dennoch behauptete er, in nächtlichen YouTube-Sessions so einiges begriffen zu haben. Und die flache Erde habe es ihm besonders angetan. Hauptargument: Es gibt keine Fotos von der Weltkugel. Sämtliche Google-Bilder seien gemalt oder mit Photoshop entstanden. Mit diesem schlagkräftigen Beweis habe Fler sämtliche Freunde überzeugt, die ihm nicht sofort glauben wollten. Spiel, Satz, Sieg!

Lieber Fler: Ich liebe deine Musik. Ich liebe deine Interviews. Im Endeffekt liebe ich eigentlich alles, was du machst, allein schon, weil es so viele Flizzy-Hater gibt, ich gerne die Berlin-Fahne hoch halte und überhaupt. Da ich es nicht mag, wenn meine Freunde mir Fler schlecht reden und ich alles versuche, um Unheil von Flizzy abzuwenden, hier der Link zur Weltraumstation, die 24/7 Bilder von der Welt sendet. Oder hier dieser Link, zu den tausenden Bildern der Welt, aufgenommen aus dem Weltall. Es hilft auch, ein Gespräch mit einem beliebigen Astronauten, Piloten, Fluglotsen, Astronom oder Weltumsegler zu suchen. Vielleicht stecken die aber auch alle unter einer Decke. Ist nur relativ unwahrscheinlich. Also Fler, komm wieder auf die helle Seite des Mondes und guck bei Schlaflosigkeit lieber Manuellsen-Interviews wie jeder normale Mensch, statt Verschwörungsvideos, OK? Bleibt abschließend nur noch zu sagen: All around the world, people know that the earth is flat. Ich hör jetzt weiter "Die Welt dreht sich". Ist übrigens ein Song von Fler.

US-Rapper vs. Justitia

Amerikanische Rapper hingegen haben reale Probleme – abseits der Gefahr, am Horizont von der Erde zu fallen. Während DMX mal wieder wegen Steuerhinterziehung in den Knast muss, weil er 1,7 Millionen Dollar hinterzogen haben soll (Woher hat der soviel Geld?), behauptet eine neue BBC-Doku, dass sich der in solchen Geschichten durchaus vorbelastete R. Kelly ein 14-jähriges Mädchen im Keller als "Sex-Haustier" herangezogen haben soll. Der Sänger selbst wollte sich nicht äußern. Man fragt sich jedoch, warum es bei all den Vorwürfen nicht endlich mal zu einem Prozess kommt? Während der Richter im Fall von DMX klarstellte, "Das heutige Urteil zeigt, dass Ruhm kein Freifahrtsschein ist", wundert man sich doch etwas, wie R.Kelly es seit Jahren schafft, als freier Mann durch die Sex-Keller dieser Welt zu spazieren.

Apropos Richter: Der Knaller kommt diesmal definitiv aus Philadelphia. Wie es aussieht, könnte Meek Mill nämlich bald aus dem Gefängnis entlassen werden, wo er eine Haftstrafe wegen verschiedener Verstöße gegen seine Bewährungsauflagen absitzt. Schon kurz nach der Verurteilung im November 2017 zeigten Fans und Beobachter wenig Verständnis für das ungewöhnlich hohe Strafmaß von zwei bis vier Jahren. Nun kam heraus: Es ist einiges faul im Staate Philadelphia. Zum einen sieht sich die dortige Polizei sowieso schon mit Ermittlungen wegen ausufernder Korruption konfrontiert. Dann kam vor einigen Wochen heraus, dass der Beamte, der vor Gericht behauptete, von Meek mit einer Waffe bedroht worden zu sein, womöglich gelogen hat. Nun bekommt das Verfahren aber endgültig shakespearsche Ausmaße: Die Richterin, die den Ex-Freund von Nicki Minaj ins Kittchen schickte, soll versucht haben, das Management des Rappers, Roc Nation, feuern zu lassen, um einen ihrer Freunde als neuen Manager zu installieren. Das behauptete jedenfalls TMZ vor einigen Wochen und veröffentlichte auch gleich Unterlagen aus dem Gerichtsprotokoll, die ihnen zugespielt worden sein sollen. Meeks Anwälte wiederum ruderten umgehend öffentlich zurück. TMZ entschuldigte sich. Den Versuch der Einflussnahme auf den Managerposten soll es dennoch gegeben haben. Und zwar von Mills Bewährungshelfer. Klingt alles sehr mysteriös, ist es auch. Man kann sich jedenfalls sowohl auf die nächste Anhörung Meek Mills am 16.April 2018 freuen, wie auch höchstwahrscheinlich auf eine baldige Entlassung. Und auf neue Musik des Lieblingsgegners von Drake.

Bushido & Arafat Abou-Chaker

Und dann gibt es da noch das Thema, um das man diesen Monat natürlich nicht herum kam: Bushido trennt sich von Arafat. Während sich die halbe Welt fragt, wer jetzt das Anwesen in Kleinmachnow und Laas Unltd. bekommt oder ob Manuellsen sich bereits auf der Autobahn Richtung Berlin befindet, werfen wir einen Blick in die Glaskugel und behaupten einfach mal: Es ändert sich gar nichts! Lediglich die zahlreichen Familienbilder, die Bushido neuerdings postet, lassen erahnen, dass wir in Zukunft vielleicht mehr Songs der Sorte "Papa" serviert bekommen. Bushidos Strategie dürfte auf eine "Macht doch was ihr wollt mit eurem Internet-Beef, ich bin ein erwachsener Mann mit Frau und Kindern"-Nummer hinauslaufen. Ist ja auch richtig so, schließlich wird ja niemand seine Familie mit hineinziehen wollen, richtig? Falsch gedacht. Offenbar passiert genau das momentan. Anders lässt sich ein neues Statement von Bu nicht interpretieren.

Es scheint also alles auf einen Rosenkrieg zwischen den ehemaligen Partnern hinauszulaufen. Ansonsten bleibt aber alles beim Alten. EGJ bleibt ein Label, auf dem Bushido die einzige Konstante ist. Sein langjähriger Freund Veysel K. wird der neue starke Mann an Bus Seite. Niemand hackt irgendwem den Kopf ab oder wirft Atombomben auf Berlin. Laas hat halt wie immer Scheiße am Schuh und muss sehen, wo er bleibt. Shindy macht noch ein Album unter Arafat und geht dann zu Warner, Universal oder Stern.TV. Und in einem halben Jahr ist Bushido immer noch der Ehrenpräsident von Strassenrap. Deal with it!

Dinge, über die ich diesen Monat lieber nicht rede:

Die aktuelle Single von M.O.030. Der neue 187-Tabak in der Geschmacksrichtung Gurke-Limette. PA Sports' Aussage "Judenhass im Deutschrap gibt es nicht". Dass Eminem auf dem Frauenfeld und nicht auf dem Splash!-Festival auftritt. Menschen, die denken, der Mainstream-Hit "Was du Liebe nennst" wäre ein Grund, um Bausa seine musikalischen Fähigkeiten abzusprechen. Das neue Album der Fantastischen Vier und alles, was damit zu tun hat.

Dinge, auf die ich diesen Monat gerne hinweise:

MC Bomber hat ein neues Album draußen. Es heißt Gebüsch, beschäftigt sich monothematisch mit Alkohol und Sex, liefert all das, was man erwartet und ist sehr gut. Schwesta Ewa hat das erste Video zur kommenden Platte rausgehauen und sich dafür Verstärkung von Nura und Eunique geholt. Ich bin natürlich schwer verliebt.

Und last but not least: Wir lieben den Rapzirkus und danken ihm für all die Stunden, Wochen und Jahre, in denen die Darsteller nun schon auf einem Einrad jonglierend im Kreis fahren und uns vor dem größten Feind auf Erden bewahren. Nein, nicht vor den Juden, Kollegah. Die Langeweile.

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