Morrissey: "Berlin ist die Hauptstadt der Vergewaltigungen"

In einem neuen Spiegel-Interview jammert der Sänger über Multikulturalismus und vermutet einfach mal, dass Opfer sexueller Gewalt oft einfach nur "enttäuscht" waren. Ja: WTF!?

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20 November 2017, 5:39pm

Morrissey | Foto: imago | PA Images

Update (27.11.2017): Nachdem Morrissey für seine Aussagen im Spiegel vom 18. November (s. Hauptartikel) zum Teil heftige Kritik entgegenschlug, bezog der Sänger bei einem Konzert in Chicago nun Stellung zum Interview. Wie das Visions-Magazin berichtet, ließ der Ex-The Smiths-Frontmann bei seiner Show im Riviera Theatre sein Publikum folgendes wissen:

Nur, wenn ihr seht, wie ich die Worte formuliere, und wenn ihr seht oder hört, wie die Worte aus meinem Mund kommen... bitte, wenn ihr das nicht seht, dann habe ich sie nie gesagt.

Zuvor gab Morrissey zu verstehen, dass es in Zukunft keine Print-Interviews mehr von ihm geben wird: "This was the last print interview I will ever do …"

Ob sich Morrissey dabei auf das Spiegel-Interview oder ein aktuelleres Interview bezog, das am 26. November in der englischen Sunday Times erschienen war, ist nicht klar. Ein Konzertbesucher filmte seine Ansage per Handy mit, aus dem Publikum gab es für Morrisseys Worte anscheinend recht viel Applaus.


Die Aufregung um ein aktuelles Interview mit Morrissey ist groß – weitaus größer als die News um das neue Album der Britpop-Ikone, Low in High School. Das Gespräch war am 18. November im Spiegel erschien, das Album einen Tag zuvor. Grund für die Entrüstung, die in den letzten zwei Tage in Musik- und anderen Medien losbricht, sind gleich mehrere grenzwertige Aussagen des Sängers. Wobei die Bezeichnung "grenzwertig" untertrieben ist. Von Berlin als "Vergewaltigungshauptstadt" spricht Morrissey etwa, an anderer Stelle äußert er den Wunsch, "dass Deutschland deutsch ist". Als Spiegel-Autorin Juliane Liebert auf das Thema sexualisierte Gewalt in Hollywood am Beispiel der Fälle Harvey Weinstein und Kevin Spacey zu sprechen kommt, wird es dann ebenfalls ganz schnell ganz unterirdisch: Der ehemalige The Smiths-Frontmann malt sich aus, dass "die Person, die als Opfer bezeichnet wird, lediglich enttäuscht ist". Eingerahmt werden die kruden Ausführungen des mighty "Moz" von totaler Medien-Skepsis ("Es gibt keine Nachrichten mehr. Nur noch Kontrolle.") und der generellen Auffassung, dass das präsidentielle Regierungssystem obsolet sei ("… die Idee von Präsidenten und Ministerpräsidenten erscheint mir extrem altmodisch").

Dass Morrissey kaum was für unsere lieben World-Leader übrig hatte, ist nicht neu, und in der Vergangenheit hatte seine Kritik an Margaret Thatcher, George W. Bush und anderen Staatschefs auch meistens einen legitimen Kern. Aber diesmal … Wow, gleich drei Überraschungen auf einmal? Ja, liebe Kinder! Rassismus, Opfer-Shaming und latenter Aluhut-ismus! Alles verpackt in ein muffiges Interview-Überraschungsei.


VICE-Video: "Der Alltag und die Motive der US-Antifa":


Aber noch mal kurz der Reihe nach. Da setzt sich Herr Morrissey also auf sein Hotelsofa, und nachdem er den armen Spiegel-Fotografen erstmal des Hotels(!) verweist, geht es auch schon direkt ans Eingemachte. Los geht es mit den Nachrichten, die wir alle nicht mehr konsumieren sollten, denn diese seien laut Morrissey nur noch "Social Engineering", nur noch Kontrolle, aber bestimmt keine Nachrichten mehr. Weiter geht es mit seiner Einschätzung zu Trump, den Morrissey um der Sicherheit der Menschheit willen lieber tot als lebendig sehen würde, bevor er – in einem klaren Moment – in Bezug auf Israel sagt, dass man "niemals ein Volk nach seiner Regierung beurteilen" sollte. Als es um Tierrechte geht, wiederholt der Sänger seinen Auschwitz-Vergleich von 2014. Soweit, so bekannt von dem 58-Jährigen. Bisher unbekannt waren Morrisseys Ansichten zu den Themen sexualisierte Gewalt im Entertainment-Business und seine Haltung zur EU und Multikulturalismus. Das liest sich dann unter anderem so:

SPIEGEL: Was halten Sie davon, dass Spacey, eine der Hauptfiguren in einem Film, kurz vor dem Starttermin ersetzt wird?

Morrissey: Das finde ich lächerlich. Soweit ich weiß, war er mit einem 14-Jährigen in einem Schlafzimmer. Kevin Spacey war 26, der Junge 14. Da fragt man sich doch, wo die Eltern des Jungen waren. Man fragt sich, ob der Junge nicht ahnte, was passieren könnte. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich war in meiner Jugend niemals in Situationen wie dieser. Nie. Mir war immer klar, was passieren könnte. Wenn man sich im Schlafzimmer von jemandem befindet, muss man sich bewusst sein, wohin das führen kann. Darum klingt das alles für mich nicht sehr glaubwürdig. Mir scheint es so, als sei Spacey unnötig attackiert worden.

SPIEGEL: Soll das auch für die Schauspielerinnen gelten, die mit Weinstein ins Hotelzimmer gingen?

Morrissey: Die Leute wissen genau, was passiert. Und sie spielen mit. Hinterher ist es ihnen peinlich, oder es gefiel ihnen nicht. Und dann drehen sie es um und sagen: Ich wurde attackiert, ich wurde überrascht, ich wurde in das Zimmer gezerrt. Aber wäre alles gut gelaufen und hätte es ihnen eine große Karriere ermöglicht, würden sie nicht darüber reden. Ich hasse Vergewaltigungen. Ich hasse Übergriffe. Ich hasse sexuelle Situationen, die jemandem aufgezwungen werden. Aber in sehr vielen Fällen betrachtet man die Umstände und denkt sich, dass die Person, die als Opfer bezeichnet wird, lediglich enttäuscht ist. In der gesamten Geschichte der Musik und des Rock 'n' Roll gab es Musiker, die mit ihren Groupies geschlafen haben. Wenn man die Geschichte durchgeht, ist fast jeder schuldig, mit Minderjährigen geschlafen zu haben. Warum nicht gleich alle ins Gefängnis werfen?

Zur Einwanderungspolitik der BRD und identitärem Nationalstaatsdenken folgt kurz darauf dann das hier:

SPIEGEL: Also denken Sie, Angela Merkel ist die Mutter Europas?

Morrissey: Nun, sie ist klug genug, nicht viel zu sagen. Sie bleibt still, was sehr interessant ist. Aber ich bin traurig, dass Berlin die Vergewaltigungshauptstadt geworden ist.

SPIEGEL: Die was? Hauptstadt der Vergewaltigung?

Morrissey: Ja, ja! Wegen der offenen Grenzen. Viele Menschen denken, es war ein Fehler von Angela Merkel, dass sie am Anfang sagte: "Kommt, kommt alle her!" Und dann: "Huch, huch, doch nicht!"

SPIEGEL: Sie sind also dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen?

Morrissey: Okay, reden wir über den Multikulturalismus. Ich will, dass Deutschland deutsch ist. Ich will, dass Frankreich französisch ist. Wenn man versucht, alles multikulturell zu machen, hat man am Ende gar keine Kultur mehr. Alle europäischen Länder haben viele, viele Jahre für ihre Identität gekämpft. Und jetzt werfen sie sie einfach weg. Ich finde das traurig.

Abschließend dann noch ein sattes Statement: "Jedes Land sollte seine Identität bewahren. Millionen Menschen sind für die deutsche Identität gestorben. Wenn Sie meinen, Sie hätten Respekt verdient, dann müssen Sie Ihr Land beschützen", womit dem bauchigen Fass des reaktionären Geschwurbels endgültig der Boden ausgeschlagen wird. Oder was soll das genau heißen, lieber Herr Morrissey? Dass es gut ist, dass Millionen Deutsche für eine schützenswerte deutsche Identität in den beiden Weltkriegen gestorben sind? Da kann man schon mal laut in seine Smiths-Plattensammlung schreien, ob es denn verdammt noch mal hackt in seinem Kopf! Könnte eine der Nachfragen sein, die dem Herren dann bei nächster Gelegenheit dringend mal gestellt werden sollte.

Also, liebe Morrissey-Fans, solltet ihr seine früheren Aussagen über Chinesen als "subspecies" oder seine "unglücklichen" T-Shirt-Designs noch als verzeihbare Ausrutscher im Kontext-Trubel verbucht haben – mit dieser neuen Sammlung an Morrisseyschen "Weisheiten" sollten kaum noch Fragen zur tatsächlichen Haltung des Künstlers offen bleiben. Wir werden sehen, wie das alles weitergeht.

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