Alcest—Die Blackgaze-Pioniere

Nein, Deafheaven sind nicht die Ersten, die Post-Rock und Black Metal kombinieren.

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15 Januar 2014, 10:00am

2013 war das Jahr, in dem 90% des musikhörenden Internets Deafheaven lieben lernten. Die anderen 10% wandten sich, wütend auf ihre Keyboards einhämmernd, von ihnen ab: Sunbather, das zweite Album der Kalifornier sei „Pitchfork-freundlicher Scheißdreck“, „Verfickter Indie-'Metal' “, und so weiter und so fort. Wie das halt so ist, wenn ein eher nischiges Genre (in diesem Fall US Black Metal, kurz USBM) eine Band hervorbringt, die bei Musikschreiberlingen (und eben nicht nur Metal-Postillen) so dermaßen gut ankommt wie Deafheaven. Die Kollegen von Stereogum spekulierten sogar, dass Sunbather das wichtigste amerikanische Album seit Nevermind sein könnte.

Ein Kritikpunkt der Metal-Puristen ähnelte stark dem der „Emo-Revival-Verleugner”: der Sound, mit dem Deafheaven überall Bestnoten einheimsten und auf den Jahresbestenlisten auftauchten, war nichts, was man nicht schon gehört hatte.

Allerdings musste man sich schon ziemlich gut auskennen, um ob der epischen (und, ja doch, verdammt hörbaren) Post-Rock-mit-Blast-Beats-Salven von Deafheaven müde lächelnd mit den Schultern zucken zu dürfen. Diejenigen, die genau dies taten, haben sich oft auf eine Band bezogen: Alcest.

Alcest ist eine französische Band, gegründet im Jahr 2000 und mehr oder weniger allein verantwortlich für die schleichende Symbiose von Shoegaze, Post-Rock á la Explosions In The Sky und norwegischem Black Metal, einem der unbeugsamsten Genres überhaupt. Der Kopf der Band ist der Multi-Instrumentalist Stéphane Paut aka Neige (zu deutsch: Schnee).

Neige ist ein Tausendsassa in der französischen Metalszene—er hat als Sänger, Gitarrist und Schlagzeuger bei einem halben Dutzend Bands und Projekten mitgewirkt—aber eines seiner einflussreichsten Werke ist wohl die erste Alcest-EP Le Secret (2005). Die zwei knapp viertelstündigen Songs verbinden extrem effektiv (viele Metalheads nennen es verweichlicht) fuzzige Akkorde und fliehende, an My Bloody Valentine und die Cocteau Twins erinnernde Vocals mit brachialen Blast Beats und dem für Black Metal typischen Kreisch-Gesang.

Das Ergebnis war richtungsweisend—nicht nur für Neige selbst, der seine Musik seitdem kontinuierlich umwälzt, sondern für seit Ende der 00er Jahre entstehende Bands wie Velvet Cocoon, Wolves In The Trone Room und eben Deafheaven.

Letztere waren 2012 Alcests Vorband auf deren US-Tour, und der Typ mit dem französischen Akzent, der den Spoken-Word-Teil in „Please Remember“ auf Sunbather spricht, ist niemand anders als Neige selbst. Der Kreis scheint sich geschlossen zu haben—fast zehn Jahre nachdem Alcest den Sound, mit dem Deafheaven jetzt so erfolgreich sind, zum ersten Mal auf Vinyl gepresst haben.

Neige selber aber weist seit Jahren die Shoegaze- und Black-Metal-Vergleiche von sich. Er versuche, eine spirituelle Vision aus seiner Kindheit zu vertonen, und nicht, einen bestimmten Sound zu erzielen. „Jaja, schon klar“, dachte sich das Internet und nannte das Genre trotzdem Blackgaze. Da kann Neige so viel dementieren, wie er will: Er ist selbsterklärter Fan von Black-Metal-Pionieren Burzum (das sind die mit Varg Vikernes, dem verurteilten Mörder und generell ziemlich üblen Typen), aber auch von Shoegaze-Bands wie Slowdive. Und schon 2011 kündigte Neige in einem Interview an, dass sich Alcests Musik weiterhin „sehr verändern“ würde.

Diese Woche erscheint die neue (und sehr gute) Alcest-Platte Shelter, und man hört schnell, dass Neige seine Ansage ernst meinte. Texte über Satan gab es bei Alcest eh noch nie, aber Shelter hat nun wirklich gar nichts mehr mit Metal zu tun (die Frage „Was ist eigentlich Metal?“ klammern wir an dieser Stelle lieber aus). Neben Slowdive-Sänger Neil Halstead hat auch der Sigur Rós-Produzent Birgir Jón Birgisson mitgewirkt, und die Gitarren klingen manchmal ein bisschen nach—boah—The Edge.

Neige hat also das „Black“ aus Blackgaze fallen gelassen, der Musikrichtung, die er selber mitbegründet hat. Wie lange Deafheaven noch versuchen werden, die Fahne dieses Subgrenes hochzuhalten? Wer weiß – aber wenigstens wissen wir jetzt, wer’s erfunden hat: Alcest.

Folgt Matthias bei Twitter—@scher_bert

Shelter erscheint am 17. Januar bei Prophecy Productions (Soulfood). Bestellt es hier bei Amazon.

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