Daft Punk: Die Geburt der Roboter

Am 9. September 1999 wurden Daft Punk zu Robotern. Natürlich in LA, denn in Paris rosten Roboter.

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09 Dezember 2013, 1:05pm

Am 9. September 1999 wurden Daft Punk zu Robotern.

Der 9.9.99 ist laut Thomas Bangalter ein besonderes Datum, denn an diesem Tag befiel der wenig bekannte „9999 Bug“ die Hardware des französischen Duos. „Wir waren dabei, einen Track aufzunehmen. Da stürzte unser Sampler ab. Er explodierte und überall waren Funken“, erklärte Thomas. „Wir waren ein bisschen verletzt. Deshalb kriegten wir eine kleine OP und dann wurden wir zu Robotern.“

Der 9999 Virus, ein Vorgänger des Millennium Bugs, hat praktischerweise das Stück gelöscht an dem sie arbeiteten. Das Paar war gezwungen, als Roboter nochmal von vorne anzufangen. „Alles war gelöscht, wir mussten ganz von vorne beginnen“, sagte Bangalter, „aber beim Aufnehmen bemerken wir die Zeit nicht.“

Bangalter erzählte mir dies an dem Abend des 24. November, 2000. Wir waren oben in den Hollywood Hills, im Wohnzimmer eines attraktivem Hauses aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Von der Terasse aus konnte man auf Haus und Garten einer berühmten Schauspielerin herunterschauen, einer Frau deren Namen ich vergessen habe. Neben der Terasse war ein Schwimmbecken und ein Avocado-Baum.

Daft Punk mieteten dieses Grundstück als sie an der Werbekampagne für ihr zweites Album, Discovery, arbeiteten. Für die Kampagne wollten sie sich als Roboter präsentieren. Sie hatten ihre engste Daft Punk-Crew aus Paris mitgebracht—darunter waren Cedric Hervet, Manager Pedro „Busy P“ Winter und Gildas Loaec, der jetzt das Label Kitsuné macht—und das Zeug der Crew lag überall im Haus herum. Phillippe Zdar von Cassius war auch in der Stadt und schaute morgens beim Joggen ab und zu vorbei. Ich glaube, dass die Mutter von Miki Berenji, Sängerin der 90er Indieband Lush, das Grundstück für sie gefunden hatte. Sie hieß Yasuko Nagazumi und war eine Produzentin und Agentin in Hollywood. Sie arbeitete sozusagen als ein Fixer, eine Person, die die Sachen vor Ort zum Funktionieren brachte. Als Schauspielerin hatte sie eine kurze Rolle in You only live Twice.

Ich hatte das Glück in LA zu sein, weil ich für das Face Magazine den ersten Artikel über Discovery und Daft Punk’s Comback schreiben sollte. Ihr 1997er Debüt Homework hatte die Popmusik tief beeinflusst. Die Welt erwartete nun ungeduldig den Nachfolger. Damals, noch vor der Unersättlichkeit des Internets, konnten Bands sich leicht verstecken. Die Roboter sollten in einer Face Titelgeschichte enthüllt werden. Auf den Fotos machten sie normale Sachen—sie tranken Cocktails, besuchten einen Gitarrenladen und hingen auf einer Swinger Party rum. Der Fotograf war Luis Sanchis. Sein Foto von dem Tonstudio mit den Robotern am Klavier schaffte es auf die Innenseite von Discovery. Der Untertitel auf dem Cover von The Face lautete „Encore Une Fois“—Daft Punk hatte gerade mit „One More Time“ ihre erste Nummer eins geschafft.

Ich und der Presse-Mann wurden von Virgin Records mit Virgin Atlantic eingeflogen. Man brachte mich für vier oder fünf Tage im Chateau Marmont Hotel unter, nicht im Hauptgebäude, sondern in einem der Bungalows am Schwimmbecken. Ich konnte mein Glück nicht fassen. Es hieß, John Belushi sei in einem dieser Bungalows gestorben. Sofia Coppola sollte später Szenen von Somewhere hier filmen. Ich? Ich schrieb in meinem Bungalow ein Feature über die deutschen Trance-Schwergewichte Jam & Spoon für den NME, die ich eine Woche zuvor in Frankfurt getroffen hatte. Nachdem wir drei verschiedene Restaurants in Frankfurt besucht hatten, zeigte uns Mark Spoon, Gott hab ihn selig, seine modernistische Wohnung. Der Mann hatte Seidenbettzeug mit Leopardenmuster. An seinen Bettposten hingen Handschellen. Ich erinnere mich, dass ich meine Geschichte von dem Computer der Marmont-Rezeption nach England emailen musste. Es war lange bevor es Wlan oder überhaupt Internet auf den Zimmern eines Hotels gab. Aber ich hatte zu dieser Zeit einen PC Laptop. Wahnsinn.

Einer der entscheidenden Gründe, warum sich Daft Punk in Kalifornien niedergelassen hatten, war, dass die ersten Prototypen der Roboterhelme und Panzerhandschuhe in LA von Tony Gardner hergestellt wurden. Er ist ein Special Effect Designer, der bis dahin hauptsächlich mit den Effekten der Jack-Black-Gwyneth-Paltrow-Fatty-Komödie Schwer Verliebt gearbeitet hatte und ab diesem Moment viel mit Daft Punk arbeiten sollte. Er assistierte später bei ihrem 2006er Film, Daft Punk’s Electroma, und bei ein paar Human After All-Promos. Außerdem mochten Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den Sonnenschein LAs—und die Robotor schätzten das Wetter ebenfalls. „Ist besser für unsere Schaltung hier“, sagte Bangalter, „gutes Öl und gute Instandhaltung.“ Im regnerischen Paris rosten die Robotor nämlich.

Die Idee der Magazingeschichte war, dass Sanchis mit den Robotern ein Foto zu jedem der 14 Titel von Discovery machen würde. Für „Aerodynamic“ würden sie zum Beispiel im Gitarrenladen rumstehen. For „Short Circuit“ sollten sie zusammengeklappt in einer Sackgasse liegen. Keine Ahnung, ob wir es geschafft haben, alle 14 Bilder zu machen—jedes brauchte ewig viel Zeit, allein wegen der Organisation. Die Helme waren extrem kostbar und es war schwierig, sie richtig aufzusetzen. Wie teurer Schmuck. Wir reisten von einer Location zur nächsten in einem dieser ungeheuer riesigen Wohnwagen. Daft Punk hatten einen Plan, alle 14 Titel als Single zu veröffentlichen, in der gleichen Reihenfolge wie auf dem Album. Sie schafften letztlich fünf oder sechs.

Ich kriegte schon in LA meine Kopie von Discovery und hörte sie wann immer ich konnte, um mich für das Interview vorzubereiten. Das Interview wurde am Ende mehr zu einem Aufeinanderprallen von Daft Punk und dem Face Magazine—der erste Teil von Discoverys perfekt geplanter Medienkampagne. Daft Punk wollten schon immer so viel Kontrolle haben wie möglich. Nach dem glühenden House und Funk von Homework, hörte sich die Wärme und der Umfang von Discovery an wie die Arbeit von einem anderen Interpreten. So ähnlich wie dieses Jahr der massive Ehrgeiz von Random Access Memories beeindruckt hat, nach den etwas eindimensionalen Human After All und Tron: Legacy. Ich liebe Discovery immer noch, besonders das Moroder-mäßige Trio von „Voyager“, „Veridis Quo“ und „Short Circuit.“

Im Interview ging es hauptsächlich um den Umgang mit den Robotern sowie die Musik und das Konzept von Discovery. Wie immer sprach hauptsächlich Thomas Bangalter, der mir sogar eine Art Track-by-Track-Erklärung für das gesamte Album aus der Sicht der Roboter gab. Die Absicht dahinter war im Artikel den Mythos um die Roboter aufzubauen und die Aufregung um ihre Rückkehr anzuheizen, indem man eine Geschichte erzählt, die größtenteils einfach die Fantasie ihrer Erfinder widerspiegelte. Wir hatten Daft Punk, falls ihr euch überhaupt noch an die späten 90er erinnern könnt, irgendwann in LA in den Videos zu „Burnin“ und „Around The World“ gesehen und in den zwei Jahren vor Discovery hatten sie sich irgendwie in Roboter verwandelt. Ihr könnt hier unten mein komplettes Original-Transkript des Interviews lesen. Der damals 25-jährige Bangalter erklärte die Idee eigentlich eloquenter als ich es letztlich in dem Artikel fürs Face Magazine schaffte. Phantasie machte seit jeher das Wesen von Daft Punk aus und Discovery war das Album, das die wahre Stärke ihrer Vorstellungskraft offenbarte.

Wenn es euch interessiert—hier habt ihr das gesamte Interview nochmal zum Nachlesen:

Vielen Dank an das FACE Magazine—gegangen, aber nicht vergessen.

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