Rudis Brille: „Bitte nicht DJane“

Warum reduziert sich der Hype um weibliche DJs oft zu sehr auf das Äußerliche? Eine Antwort auf all diese Fragen scheint schwierig.

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12 Februar 2016, 8:58am

Bild via Facebook

Einer der weirdesten Flatulenzstürme auf Facebook ereignete sich dieser Tage gegen die Tiroler ORF-Grinsekatze Mirjam Weichselbraun, die einen (also mir hat er gefallen) flapsigen Seitenhieb gegen Ursula Stenzel absonderte, der am Folgetag den Mob dazu veranlasste, die dunkle Seite der Ohnmacht hervorzukehren und Frau Weichselbraun aufs Ärgste zu beschimpfen. Was hier anonym gepostet wurde potenzierte wohl das Wort Ehrenbeleidigung. Doch vor allem war es so schockierend, dass es vor allem darum ging, Weichselbraun als Frau zu beleidigen. Ihr zweifelsohne gutes Aussehen wurde ebenso in den Dreck gezogen wie die Tatsache, dass ihre TV-Karriere lediglich auf diverse Handlungen zurückzuführen sei etc, etc. Ähnliches widerfuhr ja auch schon im letzten Jahr der Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger, deren—zugegeben nicht besonders charmante—Aussage über eine wartende österreichische Band dann ins Bodenlose abdriftete.

Nun, warum stürzt sich der Mob schneeballartig bei Frauen auf Äußerlichketen und wird vor allem so niveaulos? Ist dies der Grund, warum es in manchen Bereichen weniger Frauen gibt, weil sie viel schutzloser gewissen Brutalitäten ausgesetzt sind, die sicher ihren Ursprung in der Männerwelt haben?
In meinen paar Jahren in der „Szene“ habe ich mich auch oft gefragt, was wohl dahinterstecken könnte, weswegen es weniger weibliche als männliche DJs gibt. Während nämlich die Genderisierung überall fortschreitet, ist das Wort „DJane“ ein Unwort. Es kommt gleich nach „bauliche Maßnahme“ und keine weibliche Kollegin möchte sich so anreden lassen. (Die Billigpresse hats freilich noch nicht kapiert.)

Was könnte die Ursache sein, weshalb Wien nicht gerade die Hochburg weiblicher DJs ist? Und das obwohl die Plattform „Female Pressure“ hier ihre Homebase hat. Gegründet von Electric Indigo, aka Susanne Kirchmayr, dient die Plattform als Interaktionsforum, als Vernetzungshilfe und als Sammelbecken für weibliche Künstlerinnen—nicht nur DJs—die sich quasi weltweit darüber austauschen können. Dennoch habe ich ein bisschen den Eindruck, dass sich das anfänglich große Interesse ein wenig verflüchtigt hat. Kann es sein, dass es daran liegt, dass gute Ideen, wenn sie zu dogmatisch sind, ein wenig verpuffen? Wenn man Dinge zu politisch macht, verlieren selbst Betroffene oft den Spaß daran und finden nur mehr heiße Luft.

Wenn männliche DJs gleich dargestellt werden wie weibliche I Foto: Jasmin Baumgartner

Warum reduziert sich der Hype um weibliche DJs oft zu sehr auf das Äußerliche? Und wenn man gut aussieht und noch dazu exzellent spielen kann, scheitert man dann oft an der Neidgesellschaft? Ist das vielen mit der Zeit zu mühsam? Eine Antwort auf all diese Fragen scheint schwierig: Letztes Jahr nahm ich an einer Podiumsdiskussion in der Grellen Forelle teil, bei der es darum ging, die Gründe ein wenig zu hinterfragen, warum es im Nacht- und Clubleben so wenige weibliche Protagonisten gibt. Auf eine wirkliche Lösung sind wir nicht gekommen, was aber in der Tat ein wenig ermüdend ist, ist der Vorwurf an männliche Promoter und Veranstalter, sie würden nur in ihren männlichen Freundeskreisen fischen. Das stimmt so sicher nicht, aber eines stimmt in jedem Fall: Männer sind oft hartnäckiger im Nachbohren und bewerben sich regelmäßiger und öfter. Vielleicht sind Frauen da ein bisschen zu wenig mutig oder denken, es kommt aufdringlich rüber (das denken einige Männer ja wohl sicher auch), aber manches läuft eben nur über ein großes Maß an Eigeninitiative und für uns Veranstalter ist es eben einfacher, nicht noch jeden DJ quasi zu recherchieren. Aber auch Männer haben Angst,

Das Gegenteil von dem, was female:pressure will und sich zum Ziel gesetzt hat, sind dann natürlich jene Künstlerinnen, die sich über ihr Aussehen „vermarkten“ lassen und das Motto „sex sells“ zum Leitmotiv gewählt haben. Das muss ja nicht gleich Gitta Sax- oder Michaela Schäfer-Ausmaße annehmen, aber dennoch wird hier oft kritisiert, dass die zu enge marketingtechnische Verknüpfung zwischen gutem Aussehen und DJ-Können die ganze Grundidee von Movements wie etwa female:pressure untergräbt. Aber kann man ihnen das vorwerfen? Ist das Leben eines DJs, der vielleicht einmal die Chance hat ein wenig Geld zu verdienen, nicht auch ein wenig mit dem des Fussballers beziehungsweise Sportlers an sich zu vergleichen? Sollte man nicht die Zeit, die man hat, ausnutzen, um das Beste herauszuholen, auch wenn das Ganze dann vielleicht nicht jedem gefällt? Ein zweischneidiges Schwert, wie ich meine.

In Wien haben sich in den letzten Jahren natürlich einige weibliche Protagonistinnen einen Namen machen können. Anfang der Neunziger prägten charismatische Persönlichkeiten wie TinA 303 (Fm4), Electric Indigo oder Sweet Susie (Dub Club) die Wiener Clubszene entscheidend mit. Gerade um die Jahrtausendwende gab es dann eine große Anzahl weiblicher DJs, die für eine durchaus zeitgemäße Durchmischung der—ja immer schon—männderdominierten DJ-Szene sorgte.

Doch 2016—so habe ich zumindest den Eindruck—hat sich der Trend wieder ein wenig umgekehrt. Viele weibliche Kolleginnen beschweren sich oft hinter vorgehaltener Hand natürlich auch oft über die Schlangengrube DJ-Business: Alle nehmen sich zu ernst, Frauen werde oft belächelt, weil ihnen nachgesagt wird, dass sie nicht so technikaffin seien und daher Auflegen eben eher eine Männerspielwiese bleiben sollte. Ich war oft genug Zeuge solcher Gespräche.

Foto via Flickr | Heinrich-Böll-Stiftung | CC BY 2.0

Es geht aber nicht darum, ob nun irgendwer die Freundin von dem Veranstalter ist, es geht darum, dass wir Männer (sage das W-Wort nun bewusst) uns sehr ungern aus unserem Revier verjagen lassen und deswegen—oft trotz anfänglichem Support—den Aufstieg von weiblichen Künstlerinnen argwöhnisch beaugapfeln. Gerade darum ist es gut, wenn nun, wie im letzten Jahr beim Popfest oder heuer beim Electric Spring weibliche Kuratorinnen dafür sorgen, dass der Anteil weiblicher Acts höher sein wird als normal, ohne deshalb die Männer ganz auszusperren, was ja auch am Ziel vorbeischießen würde.

Reine „Frauenpartys“, also Events mit bewusst weiblichen DJs, laufen Gefahr eine Art Ausstellung für bedrohte Arten zu werden. So quasi nach dem Motto: Seht her, wie haben eh weibliche DJs, man sieht sie nur selten. Wiens derzeit erfolgreichster weiblicher Brand „Puppenhouse“ von Anna Ullrich und Joanish hingegen zeigt in unregelmässigen Abständen, dass solche Dinge grossartige funktioneren können, auch wenn Kritiker (zu Recht?) meinen,der Name hätte konturenreicher gewählt werden können. Joyce Muniz ist derzeit Österreichs erfolgreichster weiblicher DJ-Export und Viennoise und Elektrae sind ambitionerte kleine Clubprojekte mit ausschliesslich weiblichen Protagonistinnen.

Es geht um die Musik, um Entertainment und hinter den Kulissen (zum Beispiel Visualistinnen) ist der Frauenanteil ohnehin grösser. Vielleicht ändert er sich auch im Rampenlicht noch, Badewannenvideos wie damals von Nina Kraviz fördern zumindest kontroversielle Diskurse und zeigen, dass es eben nicht leicht ist im Haifischbecken. Ein Hoch darum auf diejenigen, die sich so lange gehalten haben, und auf die die neu dazukommen. Wir brauchen noch mehr Cassies, Kittins und Alliens.

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