So schaut Wiens Nachtleben in englischsprachigen Reiseführern aus

Wir haben uns mal angeschaut, wo Reiseführer unsere Touristen feiern schicken. Oh Gott.

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17 März 2015, 11:10am

Alle Fotos von Isabella Khom

Geht doch bitte kurz in euch. Ist es euch schon einmal aufgefallen, dass ihr in euren (unseren) Wiener Lieblingsclubs wie Celeste, brut und Werk eigentlich kaum auf Leute trefft, die eine andere Sprache sprechen? Mit einer anderen Sprache meinen wir übrigens nicht, dass ihr sie akustisch oder aufgrund ihres oder eures Vollrausches nicht mehr verstehen könnt, sondern eine Fremdsprache, die eben nicht deutsch ist. Touristen quasi.

Also? Eben. Das ist uns nämlich vor kurzem auch aufgefallen und wir fanden es sehr kurios. Kuriositäten wie diesen müssen wir als Journalisten natürlich nachgehen. Deshalb haben wir die Redaktion voller Tatendrang verlassen (!) und haben ein paar Buchhandlungen (!) nach englischsprachigen Reiseführern durchstöbert, um herauszufinden, welche Clubs, Bars und Cafés im Wiener Nachtleben denn dort so angepriesen werden. Das Ergebnis unserer umfassenden Feld-Recherche ist nun folgendes.

Während einige unserer besten Clubs, Bars und Cafés vollkommen fehlen, kommen manche von ihnen bei den internationalen Fach-Travellern besonders gut an. Vorrangig deshalb, weil es sie schon länger gibt, man bestimmt viele Infos auch im Internet oder in anderen Reiseführern findet und man eigentlich nicht wirklich um sie herumkommt. Manchmal zu Recht, manchmal aber auch wirklich nicht. Die Beschreibungen bleiben größtenteils platt und verallgemeinernd, aber hey. Passt also das nächste Mal auf fremde Akzente auf, wenn ihr in diese Lokale geht:

Flex:

"The mother of Viennese music clubs. Especially for Indie-Pop and Live-Gigs. On some nights [...], even over-thirties don’t feel too old here. Very Viennese: Flex receives financial government subsidies as a cultural institution." (aus "the vienna guide")

"Underground, live, in a bunker next to the underground for die-hard lovers of pandemonium– from drum’n’bass, noise and jungle to hardcore." Direkt daneben ist es unter "Highlights" noch ein zweites Mal gelistet: "For fans of underground music: high-decibel ‘in’ spot in a bunker next to the underground." (aus "Marco Polo")

Okay. Das Flex spielt laute Musik aus allen Genres, ist hauptsächlich für Teenies und Twens da und bekommt Unterstützung von der Stadt. Bei "Marco Polo" ist der Bunker-Standort neben der U-Bahn mitunter das Wichtigste. Das sollte wohl die voll arge Urbanität herausstreichen. Danke für dieses austauschbare Nichts.

Arena:

"An institution among live music venues. Industrial romanticism made in Vienna: Where basses strung today, there once was a slaughterhouse. The Arena is Austria’s largest center for culture and communication that dates back to the area’s occupation over 30 years ago." (aus "the vienna guide")

"Time-honoured alternative stage for everything from oldie rock and punk to reggae and techno." (aus "Marco Polo")

Ja, auch bei der Arena wird ihre (linke) Geschichte gerne in den Vordergrund gestellt. Das macht natürlich etwas her bei den Touris und ist auch erwähnenswert. Man kann das alles auch total gut auf Wikipedia nachlesen. Es gibt dort außerdem Musik.

Pratersauna:

"Location complete with pool; very hot due to its electro, house and techno philosophy. A cool spot." (aus "Alpha Guide Vienna")

"Dance to electro by the poolside at this former sauna." (aus "Lonely Planet")

Ein cooler Ort! Endlich einmal ein bisschen Emotion hier. Da kann man sich gleich etwas mehr darunter vorstellen.

Volksgarten:

"A popular house-spinning club." Und: "Party in the park at this glam club near the Hofburg."

Und: "Drink in Hofburg views and summer vibes from this pavilions tree-shaded garden." (aus "Lonely Planet")

"Good address for the 25-to-35-year crowd. Music: a great deal of latest experimental sounds. Atmosphere: plush, mirrors, plants, kidney-shaped tables. In summer, (insider tip) ballroom dancing from 6pm to 11pm in the Volksgarten’s Tanzcafé." (aus "Marco Polo")

Im Volkgarten stehen also Nierentische. Und "Lonely Planet" erwähnt das Ding gleich in drei seiner Nachtleben-Kategorien. Wir sind selten im Volksgarten, aber wahrscheinlich sind wohl dort unsere anderssprachigen Freunde. Das Rätsel scheint plötzlich gelöst. Aber Moment mal.

Passage:

"One of the top dance places. Here, under the Burgring in the cool atmosphere of the Babenberger Passage, top DJs play house, dance floor, r’n’b and much more." (aus "Marco Polo")

"For a good ten years, this has been one of the hippest clubs in town. For each day, there’s a different clubbing theme with different styles of music. The homepage has more. Old, but good." (aus "Alpha Guide Vienna")

Bitte, was? Nein, nein, nein. Das stimmt alles nicht, liebe Reiseführer-Lügenpresse. Die Passage ist definitiv nicht einer der besten Tanzschuppen, es spielen auch keine Top-DJs und zu behaupten, dass dieser Laden seit zehn Jahren einer der hippsten in der Stadt ist, ist das Allerletzte. Prolos und Bitches! Clubkultur am Arsch.

Ost Klub:

"Unusual – and only occasionally mainstream – sounds from Central and (South) Eastern Europe ring out in this club. You can stock up on calories in the pleasant Ost Bar on the same premises." (aus "Marco Polo")

"Excellent and lively music program featuring everything from orient to occident. Balkan beats and shining eyes." (aus "Alpha Guide Vienna")

Der "Ost Klub" ist seit letztem Juni nicht mehr, der Club heißt jetzt "Schwarzenberg". Könnte man natürlich googlen, aber schneller geht es, einfach einen Tipp aus der letzten Auflage zu kopieren. Wir verstehen.

Der relativ neue "the vienna guide" schreibt auch zwei kleine Seiten lang über die spätabendlichen Möglichkeiten, die man als cooler Mensch im Sommer am Wiener Donaukanal hat. Tel Aviv Beach, Strandbar Herrmann, Hafenkneipe und Badeschiff kommen darin vor. Das ist nett und zeigt vielleicht auch ein bisschen, dass sich die Macher Gedanken gemacht haben, schließlich sind die Lokalitäten am Donaukanal noch nicht ganz so lange der "place to be". Hat man Besuch aus mehr oder wenigen fernen Ländern, kommt der Kanal jedenfalls immer gut an. Danach kann man zum Beispiel hinüber ins Flex gehen. Eh.

Aber warum fehlen in all diesen Reiseführern so viele Clubs? Clubs, die sich in den letzten Jahren ganz klar hervorgetan haben in der ja nicht allzu umfassenden Wiener Clubkultur. Grelle Forelle, Café Leopold, brut, Werk und Celeste – auch wenn wir hier in unserer Kulturmenschen-Blase schwimmen – kann man doch nicht einfach weglassen. Was die Touristen da verpassen! Nicht jeder hat einen menschlichen Guide, der einem zeigt, wo es wirklich passiert in Wien, wo die Afterparties stattfinden und was wo am besten ist. Papier-Guides sind absolut kein Ersatz. Sie machen unsere Redaktion bloß traurig. Wirklich.

Ein paar lobende Erwähnungen, die aber eher im Bereich Bar oder Café angesiedelt sind, können wir dennoch vermelden. Das immer volle Tanzcafé Jenseits zum Beispiel. Oder Fluc, Donau, B72, Porgy & Bess, Phil und Wirr. Das macht uns zumindest ein bisschen glücklich.

Wir wissen natürlich, dass fancy Lokale wie die Sky Bar oder das Le Loft in diesen Reiseführern stehen müssen. Bitte, was ist großartiger, als bei einem weißen Spritzer über ganz Wien zu schauen? Eben, nichts. Auch wenn wir uns hier ständig in irgendwelchen finsteren Souterrain-Bunkern tummeln – das kann man schon einmal machen.

Übrigens! Weißer Spritzer! Im "Alpha Vienna Guide" wird unser aller Lieblingsgetränk (!) als "The City Drug" bezeichnet. Das ist großartig. "If there is anything that helps the Viennese and their visitors to adjust to their metropolis’ secret frequencies, to decode and to interpret and, most of all, to understand the messages from its twilight zone, then, dear friends, this must be the 'Weisser Spritzer' (= white-wine spritzer)". Was auch immer das Lustiges heißen soll, es ist schön, dass wenigstens ein travel guide zur Wiener Saufkultur steht und nicht so tut, als sollte man immer nur an einem oder zwei bunten Glitzercocktails nippen. Manchmal müssen es einfach zehn weiße Spritzer sein und gut ist’s. Wieder etwas, das man nur von menschlichen und nie von Papier-Guides lernen wird. You’re welcome.

Was wir heute auf unserer Feld-Recherche gelernt haben: Durch Reiseführer zu blättern, die die eigene, geliebte Stadt Fremden näher bringen soll, ist ziemlich ernüchternd. Vor allem, wenn es um so spezifische Dinge geht, wie Clubkultur. Zu beschreiben, was man da und dort essen kann und wie gut dieses Schnitzel oder jener Tafelspitz schmecken, ist einfach.

Essentiell, aber einfach. Jeder isst gerne gut, wenn er woanders ist, klar. Kulturelle Institutionen wie das Burgtheater oder die Albertina zu empfehlen, ist auch logisch. Aber Clubkultur? Schwierig. Wir werden Reiseführer nie wieder mit den gleichen Augen sehen. Wir können es nicht mehr ernst nehmen, wenn im Istanbul-"Lonely Planet" oder im Stockholm-"Marco Polo" das Nachtleben durchrezensiert wird. Wir möchten jetzt bitte unseren eigenen Reiseführer herausgeben. Für unsere fremdsprachigen Freunde da draußen.

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