Wir haben junge Leute gefragt, warum sie nicht auf Festivals fahren

"Das ist eine ganz eigene Welt, die auch so gestaltet sein kann, dass ich sie scheiße finde" – Nicht jeder reist im Sommer von Festival zu Festival. Wir haben nachgefragt, warum.

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Aug. 8 2018, 7:55am

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Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Unzählige Konzerte, tagelanges Feiern und mehr Spaß haben, als man verarbeiten kann – Festivals ziehen im Sommer mehr junge Leute an als verschwitzte Körper Stechmücken. Wo aus Schuhen getrunken, im Moshpit gefrühstückt und sich eher mäßig um Hygiene gekümmert wird, treffen sich ganze Scharen an Menschen, um in Zeltcamps und Schlafsäcken die Wochenenden zu verbringen.

Da wir allerdings wissen, dass nicht jeder Mensch unter 35 aufs kollektive Feiern steht, haben wir uns mal umgehört, warum man auch in jungen Jahren freiwillig auf die Ekstase und den Spaß eines Festivals verzichten kann.

Bruno, 23 & Josefina, 24

Noisey: Warum mögt ihr es nicht, auf Festivals zu gehen?
Bruno: Mir gefällt die Masse an Menschen nicht. Insgesamt mag ich es nicht, wenn zu viele Leute an einem Ort sind. Die Musik, die normalerweise auf Festivals stattfindet, ist auch nicht mein Ding und deswegen komme ich nicht mit den Leuten klar, die dann da sind. Ich gehe lieber in Underground-Clubs, die sind weniger Mainstream. Ich bin ziemlich streng, was meinen Musikgeschmack angeht und wenn eben nicht das läuft, was ich hören will, macht es mir auch keinen Spaß.

Was denkt ihr über Leute, die auf Festivals gehen?
Josefina: Ich glaube, die Mehrheit der Leute, die auf Festivals geht, will einfach nur Party machen und der geht es gar nicht darum, was sie sich für Musik anhört.
Bruno: Ich glaube, sie interessiert auch oft nicht, wie sie andere Leute behandeln. Wenn jemand high ist und tanzt, kann das auch unangenehm für andere sein, aber das interessiert die Leute dort nicht. Das stört mich eigentlich am meisten.

Würdet ihr es mal versuchen wollen, wenn das Line-up stimmt?
Bruno: Schwierig, wenn meine Lieblings-DJs spielen würden, vielleicht. Das ist natürlich nur mein Geschmack. Wenn ich Eintritt für so etwas zahlen würde, will ich da nicht nur hin, um Party zu machen, sondern um Musik zu hören.

Nico*, 26

Warum gehst du nicht auf Festivals?
Nico: Weil ich früher viel auf Festivals und Partys war und mir das einfach bisschen zu viel ist. Ich bin generell einfach fertig mit Party, vor allem mit Techno-Festivals. Ständig laute Musik, das ist praktisch wie ein Clubgang für ein ganzes Wochenende. Das kann ich mir sparen.

Wie müsste ein Festival aussehen, auf das du gerne gehen würdest?
Nico: Einfach nicht so viel Party, sondern bisschen mehr Kunst, Theater und nicht so viel Techno, Drogen, Action. Das hat mir zwar früher gut gefallen aber für manche Leute ist auch einfach das Zelten zu viel. Also dass es keine Duschen gibt, die mangelnde Hygiene.

Philipp, 18 & Boris, 18

Jungs, warum habt ihr keine Lust auf Festivals?
Philipp: Wir sind einfach zu busy. Wir sind professionelle Eistee-Verkäufer und eigentlich die ganze Zeit unterwegs, von circa 11 Uhr morgens bis 23 Uhr nachts.

Wie sieht’s mit euren Freunden aus?
Boris: Die fahren hin, Tatsache. Ich hab eine Freundin, die geht fast zu jedem Festival, was es gibt. Man sieht eben öfters auf Whatsapp, dass sie da immer unterwegs ist, immer auf Techno-Festivals, alles mögliche. Ich denke aber nicht wirklich, dass ich da was verpasse.
Philipp: ich persönlich bin da kein Fan von, weil ich war ja noch nie da, also kann ich es ja auch nicht vermissen.


Noisey-Video: "Auf dem MANANA Festival in der Stadt der Musik"


Wie stellt ihr euch ein Festival überhaupt vor?
Philipp: Die Stimmung ist bestimmt super gut, das sieht man auch immer wieder auf Videos, es ist bestimmt cool dort.
Boris: Also ich würde da schon gerne mal hingehen, aber ist halt arschteuer. Wir sammeln gerade Geld für unser Startup, da können wir nicht noch extra Geld ausgeben. Würde ich eine Karte geschenkt bekommen, würde ich hingehen und mir das anschauen. Im Moment ist Geld sparen angesagt. Später dann, wenn es läuft, dann Festivals jede Woche.

Wie müsste denn das Festival sein, dass es euch gefallen würde?
Boris: Na ja, es geht um die Mädchen. Die Mädchen, definitiv. Und gute Stimmung, das würde sich sehr gut treffen.
Philipp: Das müsste schön beleuchtet sein alles. Also so richtig schöne Special-Effects. So wie das Tomorrowland Festival, aber das ist ja so schweineteuer, hab ich gehört. Da kostet ja ein Ticket irgendwie 8000 Euro. So 5000 locker [reguläre Tickets kosten tatsächlich "nur" 225 - 469 Euro, Anm. d. Red.]. Für ein oder zwei Tage oder eine Woche ist es mir das nicht wert.

Don, 34 & Susanne, 34

Was stört euch an Festivals?
Don: Wenn es immer dasselbe ist. Es läuft immer darauf hinaus, dass sich alle so schnell wie möglich abschießen. Diese Saufkultur und der ganze Müll. Auch das nicht aufeinander Acht geben. Natürlich findet man auch das Gegenbeispiel auf Festivals und das mag ich dann.

Was magst du dann?
Don: Wenn Alkohol nicht die größte Rolle spielt und wenn die Menschen der ausschlaggebende Punkt dafür sind, wie das Festival wird. Das ist eine ganz eigene Welt, die auch so gestaltet sein kann, dass ich sie scheiße finde. Wenn ein guter Vibe herrscht, man gut miteinander auskommt, nicht unbedingt "Hier bin ich" gilt, sondern viel mehr "Hier sind wir", das ist schön.

Warum findet ihr dieses Miteinander auf Festivals nicht?
Susanne: Mich nerven Festivals, auf denen ausschließlich chemische Drogen genommen werden, also Elektro- und Techno-Festivals. Ich finde da die Atmosphäre schwierig, weil ich selbst eben keine Drogen nehme. Ich merke dann, dass keine gemeinschaftliche Stimmung herrscht. Für mich persönlich liegt das gar nicht am Alkohol.
Don: Ich finde, auf Festivals muss tanzbare Musik gespielt werden, damit gute Vibes herrschen. Handgemachte Musik. Das geht ja so ein bisschen unter. Also nicht unbedingt DJs, sondern eher eine Live-Jam, sodass auch eine Energie entstehen kann, die das Publikum und die Künstlerinnen auf der Bühne verbindet. Sonst ist das so: "Kommt her, konsumiert und fertig." Es wäre schön, auf einem Festival einen gemeinsamen Mehrwert zu finden, vielleicht für etwas einzustehen. Frieden in der Welt, das ist immer ganz gut.

Anna, 29 & Judith, 26

Anna, warum gehst du nicht mehr auf Festivals?
Anna: Ich habe in der Vergangenheit erlebt, dass es nach einer gewissen Zeit alles zu viel, zu laut, zu viel Stress ist. Manche Festivals sind total überlaufen, man ist nur damit beschäftigt, von einem Act zum anderen zu rennen und die Leute, mit denen man da ist, zusammen zu halten. Ich hab’s oft miterlebt, dass ich von der Band, die ich sehen wollte, eigentlich gar nichts hatte, weil äußere Faktoren das Ganze vermiest haben. Auch kleine, persönliche Dinge spielen da mit rein.

Habt ihr ein Problem mit Leuten, die auf Festivals gehen oder mit deren Verhalten?
Anna: Nein, überhaupt nicht. Jeder hat ja schon mal einen über den Durst getrunken. Niemand geht ja mit dem Vorhaben hin, da Vandalismus zu betreiben.

Was fehlt euch auf einem Festival?
Anna: Es sind einfach zu viele Leute auf einem Haufen. Man findet sich oft nicht mehr, wird angerempelt und es entstehen Schwierigkeiten. Wenn das alles luftiger organisiert wäre, dann würde sowas weniger passieren. Mittlerweile ist es auch ganz schön krass, wie teuer das geworden ist. Deswegen war ich auch in den letzten Jahren nicht mehr auf Festivals. Bei der Fusion zum Beispiel hab ich damals 45 Euro gezahlt und noch fünf Euro Pfand zurückbekommen. Jetzt gibt es da diesen Bewerbungsbogen, da muss man schon ein Jahr im Vorhinein planen. Es entsteht ja ein enormer Erwartungsdruck, dass das dann geil wird und wenn sich das nicht bestätigt, ist man automatisch enttäuscht.
Judith: Mir ist aufgefallen, dass es in Deutschland zurzeit gefühlt jedes Wochenende zwei Festivals gibt, das ist dann auch gar nichts Besonderes mehr. Ich hab auch die elektronische Musik über und auf den Festivals hierzulande hast du ja immer dieselben DJs. Das ist mir alles zu ähnlich. Als ich mir Anfang des Sommers die Line-ups angeguckt hab, ist mir das vorgekommen, als wäre es oft dasselbe Konzept und dann hab ich da auch keine Lust drauf.
Anna: Es ist auch alles so luxuriös geworden. Früher gab's Dixi-Klos auf den Festivals und das war's. Das war dann ein Adventure-Urlaub: Zelten, Gaskocher und mit ganz wenig auskommen. Mittlerweile kann man Bungalows mieten und den ganzen Hofstaat mitschleppen. Es ist eben alles krass ausgebaut.

Nora, 23 & Kathi, 22

Noisey: Warum fahrt ihr nicht auf Festivals?
Nora: Weil ich Mama bin, seit fast zwei Jahren. Auch davor bin ich nicht auf Festivals gefahren, weil es sich nicht richtig ergeben hat. Die Leute waren nie die, mit denen man für längere Zeit unterwegs sein wollte. Und weil ich auch echt ein Heimscheißer bin. Ich mag es ganz gerne zu Hause zu sein und nicht irgendwo zu zelten oder so. Dieses ganze Saufen und unter Konsum-Einfluss zu stehen, find ich richtig schwierig.

Habt ihr Freunde, die auf Festivals fahren?
Kathi: Ja, viele sogar, aber irgendwie nicht die eben, bei denen wir sagen würden, dass wir jetzt so intim werden wollen würden. Campen ist auch generell nicht so meins. Das ist mir zu dreckig und zu viel dann.

Habt ihr das Gefühl etwas zu verpassen, wenn eure Freunde auf Festivals fahren?
Nora: Manchmal denk ich schon, joah. Wenn ich Videos davon sehe, denke ich so: Die sehen so aus, als hätten sie richtig viel Spaß. Ich freu mich auch über die Musik und geh auch super gerne tanzen, aber ich geh eben abends auch gern in mein Bett und schlaf dann. Ich brauch diese Dauerschleife nicht. Lieber ess ich eine Banane auf dem Dancefloor und hab dann nochmal ein bisschen Power und dann gehe ich. Aber auf dem Festival kannst du halt nicht gehen.

Wie müsste ein Festival für dich aussehen, auf das Eltern mit Kleinkindern gehen könnten?
Nora: Einfach, dass es Bereiche gibt, in denen auch andere Kinder sind und dass es Kopfhörer gibt, die man nicht extra kaufen muss. Auch, dass für Sicherheit gesorgt ist und dass man sein Kind auch in Ruhe wickeln kann, jetzt nicht gerade auf Dixi-Klos. Dann würde ich das auf jeden Fall machen!

Mattia, 25, Lorenzo, 30 & Nicola, 29

Warum steht ihr nicht auf Festivals?
Mattia: Gerade hier in Berlin ist es so einfach, verrückte Partys zu haben. Ich muss dafür nicht auf ein Festival gehen, um das zu erleben. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie die Leute da drauf sind. In den Clubs geht es schon verrückter zu, als ich das von Italien kenne, deswegen glaube ich, dass es da nochmal krasser ist. Ach komm, wenn es hier in der Nähe ein großes Techno-Festival geben würde, würde ich wahrscheinlich sogar sagen, "Scheiß drauf, ich probier es aus". Weil ich eben gerade erst hergezogen bin, kenne ich aber nicht wirklich Leute, mit denen man hingehen könnte.

Habt ihr ein Problem mit Leuten auf Festivals?
Lorenzo: Meiner Meinung nach sind die einzigen Leute, die ich auf Festivals nicht leiden kann, die Italiener. Ich bin selbst Italiener, aber sie sind einfach immer unhöflich, machen Mädchen dämlich an, denken, sie seien sexy und suchen immer nach Streit. Im Ernst, Italiener: Verhaltet euch anständig, fangt nicht ohne Grund Stress an!
Nicola: Du bist ziemlich rassistisch gegenüber dir selbst. Außerdem kann man das auch über Engländer sagen. Ich hab ziemlich viele Engländer gesehen, die in Streits geraten sind. Aber das ist nicht nur ein Ding mit Engländern. Das liegt daran, dass es Typen sind, die denken, sie wären größer und besser als andere. Dann trinken sie viel zu viel und fangen ohne Grund Stress an. Aber das passiert auch in Clubs, nicht nur auf Festivals.

Mary, 20

Warum zweifelst du daran, in Zukunft wieder auf ein Festival gehen zu wollen?
Mary: Ich kann mir vorstellen, dass größere Festivals einen ziemlich überfordern. Ich war eben nur auf kleineren, nicht wirklich kommerziellen Festivals und das langweilt mich jetzt. Ich glaube, dass man auf großen Festivals nicht wirklich sicher ist und dass man eigentlich keine Möglichkeit hat, alle Acts zu sehen, die man sehen will. Außerdem glaube ich, dass einen Bands auf Festivals ziemlich enttäuschen können.

Hast du Erfahrungen auf Festivals gemacht, die negativ nachwirken?
Mary: Ja, als Teenager hat man daheim in Irland oft furchtbare Geschichten vom Oxygen-Festival gehört. Über Leute, die sinnlos randaliert haben und zum Beispiel Zelte angezündet haben. Das letzte Mal, als ich auf einem Festival war, war ich 19 und da wurden auch Zelte verbrannt. Es gab einfach ziemlich viel gewalttätige Besucher, die wahrscheinlich betrunken oder auf Drogen waren.

Glaubst du, ein Festival bietet die Möglichkeit, so über die Stränge zu schlagen?
Mary: Es gibt so eine "Was auf dem Festival passiert, bleibt auf dem Festival"-Haltung, die ein Verhalten rechtfertigt, das normalerweise inakzeptabel wäre. Wenn man mal darauf achtet, wie viel Müll dort gemacht wird, fällt einem schnell auf, wie widerlich Menschen sein können. Alle sind so betrunken und drauf, dass sich niemand darum schert, was um einen rum eigentlich passiert. Diese Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will, ist ein Grund, warum Leute überhaupt auf Festivals fahren.

* Name von der Redaktion auf Wunsch des Interviewten geändert

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