Quantcast

"Das erspart mir Drohbriefe" – Der Mann hinter Böhmermanns Songs im Interview

Wir haben mit dem musikalischen Genie gesprochen, das für Jan Böhmermann Songs wie "Be Deutsch", "Besoffen bei Facebook" und zuletzt den Hit "Menschen Leben Tanzen Welt" mitgeschrieben hat.

Linus Volkmann

Linus Volkmann

Foto: Symbolfoto (VICE) / Screenshot von YouTube aus dem Video "Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann - "Menschen Leben Tanzen Welt" | NEO MAGAZIN ROYALE" von Neo Magazin Royale

Musik und Humor sind nicht leicht zu vereinen, oft nervt diese Kombi nach dem ersten Grinsen. Schenkelklopferscheiß halt. Doch in den seltenen Fällen, wenn man sowohl lachen als auch mitsingen will, besitzt das Pärchen absolute Star-Qualitäten. Wir haben mit einem der Komponisten und Produzenten von „Menschen Leben Tanzen Welt" gesprochen. (Nein, es handelt sich nicht um einen Affen. Aber danke der Nachfrage!)

Bei Jan Böhmermanns Giesinger-Persiflage "Menschen Leben Tanzen Welt" sind allein schon die Pseudonyme der Komponisten eine Pointe: Olaf Utan und Bono Beau. Der sogenannte "Olaf Utan" arbeitet als Tonmeister für die Sendung Neo Magazin Royale, darüber hinaus trägt er maßgeblichen Anteil an diversen bekannten Stücken aus der Show – wie zum Beispiel "Be Deutsch!" oder "Besoffen bei Facebook". Vieles ist dabei großes Teamplay, etliches stammt auch aus anderer Feder (wie beispielsweise der "P0L1Z1STENS0HN") – aber er ist ein echter Profi im Spannungsfeld zwischen Spaß und Sound. Sein bürgerlicher Name stellt zwar mittlerweile kein wirkliches Geheimnis mehr dar, unter seinem Utan-Pseudonym fühlt er sich aber immer noch am wohlsten.

Noisey: Mit dem Job des Tonmeisters ist man klassischerweise nicht sichtbar. Hast du dich erschrocken oder gefreut, als Jan Böhmermann dich in dem "Eier aus Stahl" zu Max Giesinger auch mit echtem Namen erwähnt?
Olaf Utan: Ich finde es schon cool, im Hintergrund zu sein. Es macht auch Sinn, dass es bei solchen Stücken nicht um mich geht. Allerdings war dann bei diesem Amerika-Song "Grab US by the Pussy" erstmals mein Name in den YouTube-Credits aufgeführt, da haben mich überraschend viele Leute geaddet und angeschrieben.

" ... Das erspart mir sicherlich etliche Drohbriefe"

Und was kam so?
Nur Positives eigentlich. Daher habe ich mich über die Erwähnung in dem "Eier aus Stahl" gefreut, aber es war auch spannend: Wie reagieren die Produzenten-Kollegen? Sind die sauer auf mich, weil ich sie quasi verarscht habe? Eine Freundin aus Berlin, wo die meisten [Produzenten, Anm. d. Redaktion] ansässig sind, meinte, die Stadt sei geteilt gewesen. Einige haben das abgefeiert und sich gefragt, warum sie sowas nicht selbst schon mal gemacht haben – und andere waren echt beleidigt. Denn es liegt ja auf der Hand: Wir machen in drei Tagen so einen Song fertig und stellen damit in Frage, was die über Wochen und Monate entwickeln. Deshalb fand ich es ganz gut gelöst, dass ich da nicht mit Namen auftauche – das erspart mir sicherlich etliche Drohbriefe.

" ... Nach zehn Sekunden weitergeskippt"

Du besitzt doch garantiert eine Vergangenheit als Musiker. Kennt man da irgendwas?
Eher nicht, ich habe für drei Jahre in einer Teenie-Pop-Punkband gespielt. Da muss ich bisschen weiter ausholen, weil das meiner Meinung nach die Musikbranche gut skizziert, die wir aktuell vorgeführt haben. Meine Musikkollegen waren damals noch eine Ecke jünger und die Band hatte bereits bei der Bravo-Supershow gespielt, es interessierten sich auf einmal ein Haufen von Plattenfirmen. Der Drummer wurde rausgeworfen, ich kam rein, die Bravo wollte aber eigentlich mit ihm weitermachen – und alle Deals, die dauernd rumgeisterten, konnten nur die Eltern unterschreiben, weil die anderen ja noch nicht volljährig waren ...

Das klingt mit Verlaub wie die schlimmste Punkband der Welt.
Haha, ja, das war komplett business alles. Da habe ich einiges erlebt: Du spielst Plattenbossen deine mit Liebe erarbeiteten Stücke vor und die werden nach zehn Sekunden weitergeskippt. Für mich war das damals nicht so wild, ich hatte schon andere Pläne im Hinterkopf, aber für die Jungs war diese Zeit in der Musikindustrie einfach nur komplett frustrierend. Da spule ich jetzt mal vor ... Denn das alles erklärt, warum ich mich jetzt so freuen kann, dass ich mich mit sowas wie "Menschen Leben Tanzen Welt" dann doch in diese Welt reingeworfen habe – aber nun zu meinen eigenen Bedingungen. Mein Ich von vor fünf, sechs Jahren hätte die Information, dass ich mit so einem Stück mal in den Bestenlisten lande, total abgefeiert.

Darin steckt auch viel vom Reiz des Songs. Jeder kann es nachvollziehen: Bands reißen sich ein Bein aus, um in die Charts zu kommen, aber es klappt nicht. Das System ist korrupt, dumm und gnadenlos. Und dann zeigt man ihm mit so einem Stück den Finger – und schafft es plötzlich doch.
Genau, ich erinnere mich an ein Meeting aus dieser Zeit. Da war gerade Liza Li angesagt, kann sich vermutlich kaum mehr jemand erinnern, aber so ewig ist das noch gar nicht her. Deren Song hieß jedenfalls "Ich könnte dich erschießen" und wir spielten einem dieser wichtigen Typen unsere Songs vor. Wie gesagt Songs, die wir in monatelanger Arbeit gerade fertiggestellt hatten. Er reagiert allerdings null darauf, sieht uns an, schmeißt unsere CD raus, legt Liza Li ein und sagt: "Ich gebe euch jetzt eine Aufgabe, ihr habt eine Woche Zeit, schreibt einen Song als Antwort darauf."

Das klingt wirklich furchtbar. Ist Rache am Musik-Biz heute ein Antrieb für dich?
Nein, mein Ding ist viel eher, dass ich Bock darauf habe, mir Musik auszudenken. Aber eben nicht nach den Vorstellungen von irgendwelchen fiesen Plattenfirmen-Typen. Für mich ist es ein Privileg, in so einem Genre einen Song machen zu können – und mit dem das Genre dann letztlich ja auch total abzufeiern.

"Es reicht nicht, einen Bauplan abzuarbeiten"

Als von der Redaktion des Neo Magazins dann das Thema "Deutschpoeten" an dich herangetragen wurde, hast du gedacht: "Oh nein"? Oder doch eher: "Oh ja, das könnte klappen!"?
Ich dachte gleich, das wäre was. Denn ich bin eben durch meine Erfahrung in der Popindustrie nicht ganz unerfahren, was "schleimige Musik" betrifft ... Die Vorgabe mit dem Random-Text war dabei natürlich auch perfekt. Du hast völlig egale Zeilen und willst aber herbeiführen, dass man sie trotzdem fühlt. Ich habe das mit einem Kollegen gemacht, deshalb gibt es auch diese beiden Pseudonyme Olaf Utan und Bono Beau. Wir haben beim Einsingen des Demos teilweise Tränen gelacht. Als wir es allerdings nachher gehört haben, wussten wir, genauso muss es sein. Man soll es eben in aller Übertreibung fühlen.

Hand aufs Herz, war es denn wirklich so leicht und ging dermaßen schnell, wie ihr in dem Beitrag behauptet?
Ja, man kann es nicht anders sagen. Das Gerüst und die Abfolgen haben wir tatsächlich in 20 Minuten runtergeschrieben. Die Ausproduktion hat dann natürlich noch ein bisschen länger gedauert. Aber ich muss auch zugeben, dass es schon mal Projekte gab, bei denen ich anfänglich ähnlich euphorisch war – und dann bei der Arbeit fast verzweifelt bin und mehrere Male neu ansetzen musste. "Menschen Leben Tanzen Welt" gehört allerdings nicht dazu.

Gibt es einen Bauplan für solche Hits, wie wir sie dauernd im Radio hören?
Gute Frage. Es gibt sicherlich Produzenten, die wirklich nach Bauplan vorgehen, denn Musik besitzt auch etwas Mathematisches. Man muss sich fragen: Wie viele Akkorde hat so ein Stück, in wie viele Teile ist es gegliedert? Daraus ergibt sich so ein Grundgerüst. Und mir war klar, dass die Strophe und der Refrain dieselben Akkorde haben sollen. Im Refrain erreicht die Melodie die Hook, während sie in der Strophe eher unten rumtänzelt. Das ist bei den Giesinger-Originalen ganz clever gemacht. Denn so spürt man in diesen Songs bei der Strophe immer schon die Hook, auf die es zulaufen wird, aber sie erfüllt sich eben erst im Refrain.

Also wenn man das Inventar kennt, kann man sowas selbst zusammensetzen?
Das kann ich nur bedingt bestätigen, es gibt zum Beispiel so Claps mit einer ganz langen Hallfahne, die findest du überall bei Giesinger. Und dann packst du das bei dir rein und merkst gleich: Das ist es nicht. Genauso war es bei den Gitarren, da hat Giesinger oft welche drinnen, die kaum noch wie Gitarren klingen. Das passte aber bei uns nicht, dann haben wir Richtung Bourani geschielt, was ebenfalls nicht die Lösung war. Zum Schluss ist beim Gitarrensound daher doch etwas Eigenes entstanden. Also eine Bestandsaufnahme ist hilfreich, doch es reicht nicht, einfach Listen abzuklappern.

"Vermutlich würde ich dran scheitern"

Gibt es auch Genres, die nicht so leicht zu kapern wären für dich?
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich könnte mir jeden Style anziehen. Dass "Menschen Leben Tanzen Welt" auch außerhalb von der Eier-Story so funktioniert hat, liegt sicher daran, dass mir das Genre schon sehr nahe ist. Während meines Studiums habe ich ein Praktikum gemacht bei dem Produzenten-Team Valicon, die damals unter anderem auch Silbermond produziert haben.

Silbermond? Hört, hört!
Na ja, ich habe da Kaffee gekocht und ein bisschen zugeguckt. Aber es liegt mir dennoch näher, als wenn mir jemand zurufen würde: "Mach doch mal eine Jazz-Bigband-Nummer". Das heißt nicht, dass ich das nicht versuchen würde, aber vermutlich würde ich dran scheitern. Und es käme zumindest nichts Amerikanisches raus, sondern würde sich halt anhören wie Roger Cicero.

Stell dir vor, eine Plattenfirma wie Universal kommt nach diesem Hit nun auf dich zu und sagt: "Hallo, wir haben hier ein paar streberhafte Newcomer, die wir gern um jeden Preis in die Charts heizen wollen. Kannst Du uns das machen?" Würdest Du darauf einsteigen?
Schwierige Frage. Denn wenn man diese Praxis mit einem Song wie "Menschen Leben Tanzen Welt" kritisiert, dann wäre es schon komisch, dort selbst bereitwillig aufzuspringen. Andererseits ist viele Songs für verschiedene Künstler zu schreiben natürlich auch der Traum eines Komponisten. Zum Glück bin ich bei Jan gelandet, denn dort kann ich mir viele Sachen erfüllen: Mit richtig guten Leuten arbeiten und Musik in den Markt reinwerfen, ohne dafür in der Industrie involviert sein zu müssen. Trotzdem ... Als Feldstudie wäre es für mich schon reizvoll, wenn ich einen echten Pop-Song für einen echten Künstler beisteuern könnte. Das ist vermutlich noch mal was ganz anderes, wenn man diese Musik dann wirklich ernst meint – und sich nicht mehr mit Satire und Klamauk absichern könnte.

Aber nicht dass Du jetzt wirklich abgeworben wirst, das würden uns die Fans vom Neo Magazin und von Songs wie "Menschen Leben Tanzen Welt" übel nehmen.
Keine Sorge, sicherlich hat es einen Reiz, auch mal für Andere zu schreiben, aber ich werde immer mit Priorität die Sachen mit Jan machen. Bei "Menschen Leben Tanzen Welt" war es für mich einfach cool, den Leuten erzählen zu können, dass ich da die Musik gemacht habe. Wenn man den Freunden irgendwelche Nummern beichten müsste, hinter denen man nicht so steht – dann käme darauf doch garantiert nur zurück: "Ach, du Scheiße. Diese Charts-Gurke hast Du verbrochen?!!"

Folge Noisey auf Facebook, Instagram und Snapchat.


Noisey Shorties: "Zu Besuch bei Deutschlands einzigem Grillz-Hersteller"