Apple hat mir eine Band empfohlen, die mehrmals auf der Schulhof-CD der NPD war

Streamingdienste haben ein Problem: gleichgültige Algorithmen, die nur Musik-Genres, aber keine Inhalte sehen.

|
Feb. 23 2018, 9:46am

Foto: imago | Michael Trammer

Es macht Spaß, neue Musik zu entdecken und dank Streamingdiensten geht das so einfach wie nie. Spotify hat es mit seiner "Discover Weekly"-Playlist vorgemacht. Jede Woche bekommt man Empfehlungen, die sich am eigenen Musikgeschmack orientieren. Dann hat Apple Music ein ähnliches Feature unter dem Namen "New Music Mix" angeboten.

Stutzig wurde ich allerdings, als Frei.Wild in meiner persönlichen Playlist auftauchte. Zugegeben, ich höre überdurchschnittlich viel deutschsprachige Musik. Aber von Audio88, Captain Planet und Kettcar ist der Sprung zu den südtiroler Deutschrockern ziemlich weit.

Erst vor ein paar Monaten habe ich über den Umgang mit Hate Speech bei Streamingdiensten geschrieben. Dafür habe ich mit Spotify, Apple, Google und Deezer gesprochen – allerdings mit gemischtem Ergebnis. Einige haben keine klare Antworten gegeben, wann genau sie rechte Songs löschen, die nicht indiziert sind, andere wiederum haben fragwürdige Musik aus ihren Katalogen entfernt. Apple etwa verbannt Künstler mit "Nazi-Propaganda" in den Artworks nach drei Verstößen für bis zu sechs Monate. Es scheint dem Konzern also wichtig zu sein, die Musikbibliothek frei von rechter Musik zu halten.

Umso verwunderter war ich, als Frei.Wild in meinem Mix auftauchte. Doch die größere Überraschung war ein Song namens "Journalist" von Nordwind. Schließlich wäre der Track vermutlich selbst den Leuten zu hart, die jeden Montag in Dresden "Lügenpresse! Lügenpresse!" skandieren. Da gibt es zum Beispiel Zeilen wie:

“Doch wenn sich Schwefel und Pech zu Scheiße verbindet, dann wird’s zu dem Abschaum der zu Hause blieb / Sie erfinden und dichten ihr unseliges Werk und der Rest wird hingeschmiert / Es ist scheißegal, wie es wirklich war, denn sie haben ja recherchiert…”

und

"Du fängst und betrügst, zensierst und lügst oder schreibst einfach nur Mist /
Du bist das Geschwür ganz unten mein Freund, du bist Journalist"

Eine Google-Suche zeigt: Die Band war 2004 bis 2006 auf der Schulhof-CD der NPD vertreten. Die NPD hatte damals Gratis-Sampler auf Schulhöfen verteilt, um durch rechte Musik Werbung für sich zu machen. Zwar haben sich Nordwind mittlerweile von den Rechtsextremen distanziert, bewegen sich aber noch immer in der rechten Szene.

Der Song in meinem "New Music Mix" war von 2003, also alles andere als neu. Eine Woche später waren Nordwind schon wieder vertreten, diesmal mit einem Song von einem Album, das ursprünglich 1999 rauskam und 2017 als "neu" hochgeladen wurde.


VICE-Video: "Aufstand der Rechten: Unterwegs bei Europas größtem Nationalisten-Treffen"


Wie hat Nordwind es in die Playlist geschafft? Warum bietet Apple so einer Band überhaupt eine Plattform? Das möchte ich von dem Unternehmen wissen. Doch auch nach mehreren Wochen und Nachfragen kommt keine Reaktion von Apple. Informationen finden sich aber auch so. Zwar gibt es zu Apple Musics "New Music Mix" noch keine Auswertungen, doch er scheint genauso zu funktionieren wie Spotifys "Discover Weekly". Der Mechanismus hinter der Spotify-Auswahl ist dank einer Analyse des Netzthemen-Blogs Hacker Noon bekannt.

Demnach kuratieren nicht Menschen diese Playlists, sondern Algorithmen. Angesichts der Masse an zahlenden Usern – 70 Millionen bei Spotify, 36 Millionen bei Apple –, wären Empfehlungen durch Menschen schier unmöglich. Stattdessen kommen laut Hacker Noon vor allem folgende drei Kriterien zum Einsatz:

1. Die Musikauswahl der Leute, die einen ähnlichen Geschmack haben.

2. Bots prüfen, über wen und was Musikmagazine und Blogs gerade schreiben und wie viele positive oder negative Adjektive dabei verwendet werden.

3. Jeder Song, der zum Archiv hinzukommt, wird auf Kriterien wie Tempo und Tonart geprüft.

Die Streamingdienste haben also scheinbar dasselbe Problem wie YouTube und Facebook: gleichgültige Algorithmen. Auf YouTube werden deswegen Videos wie das von Logan Paul empfohlen, der kichernd eine Leiche zeigt. Auf Facebook landen Fake News weit oben in der Timeline und ich soll mir nach Egotronic eine Band aus dem Dunstkreis der NPD anhören. All das passiert, wenn man sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzt und auch keine moralischen Werte als Maßstab anwendet. Der Algorithmus weiß das alles nicht, vermutlich weil es ihm nie jemand beigebracht hat.

Da Genrebezeichnungen wie "Rock", "Punk" und "Alternative" so viele unterschiedliche Bands umfassen, landen Acts wie Kraftklub eben in derselben Kategorie wie Nordwind. Der Algorithmus sieht offenbar nur, dass ich viel deutsche Musik in diesen Genres höre. Und schon habe ich eine rechte Band in meiner Playlist.

    "Das ist halt der Algorithmus" ist aber keine gute Entschuldigung. Die Bots durchsuchen das Internet nach Informationen zu Bands . Weshalb könnte dieser Bot nicht im Wikipedia-Beitrag die Wörter "NPD" und "Rechtsrock" lesen, woraufhin bei Apple tausend Alarmanlagen blinken und sich ein echter Mitarbeiter fragt: "Sollen wir das wirklich vorschlagen?" Jede Empfehlung ist schließlich automatisch Werbung. Übrigens: Auch Spotify hat Nordwinds "Journalist" im Musikkatalog. Die ganze Sache hätte da also vermutlich genauso passieren können.


    Man kann diskutieren, ob Dienste diese Lieder wirklich entfernen sollten, obwohl sie nicht indiziert sind. Private Firmen könnten von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und die Inhalte trotzdem löschen – ganz nach dem alten "Kein Applaus für Scheiße"-Prinzip. Andererseits würden sie dann ihre Neutralität aufgeben und ihren Usern vorschreiben, was sie hören dürfen und was nicht.

    Doch ich habe nicht nach Nordwind gesucht. Ich habe auch keine Songs mit rechtspopulistischen Inhalten gehört, die diese Annahme rechtfertigen würden. Und trotzdem hat Apple mir diese Band empfohlen. Die Playlist heißt sogar "Apple Music für Hagen".

    Für rechte Bands kann es nichts Besseres geben. Sie gewinnen neue Hörer, Plays und damit auch Einnahmen. Alles dank der seriösen Empfehlung von einem der reichsten Unternehmen der Welt.

    **

    Mehr zum Thema:




    Folge Noisey auf
    Facebook, Instagram und Snapchat.