Fotos: wikimedia "Dead and Euronymous" | Fotos mit freundlicher Genehmigung von Old Nick

Ein Blick hinters Corpsepaint: Die faszinierende Geschichte von Mayhems Dead

Er ging als erster Todesfall der Black-Metal-Szene in die Musikgeschichte ein. Seine veröffentlichten Briefe zeigen, welche Lebensträume Dead eigentlich noch hatte.

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17 November 2017, 10:58am

Fotos: wikimedia "Dead and Euronymous" | Fotos mit freundlicher Genehmigung von Old Nick

Seine Freunde nannten ihn Pelle. Seine Eltern gaben ihm den Namen Per Yngve Ohlin, doch Extreme-Metal-Fans kennen ihn wohl eher unter dem Namen "Dead". Der Sänger und Texter der legendären Black-Metal-Band Mayhem wurde 1969 in Schweden geboren und zog als Teenager nach Norwegen. 1988 trat er Mayhem bei, bis zu seinem frühen Tod am 9. April 1991. Ohlin war erst 22, als er sich das Leben mit einer Schrotflinte nahm. Sein Suizid hatte erheblichen Einfluss auf die Black-Metal-Szene, seine Musik ist in die Metal-Geschichte eingegangen – doch es gibt viel schriftliches Material von Dead, das bisher kaum bekannt ist.

Fans wissen, wie leidenschaftlich Dead Musik schrieb, und so überrascht es wenig, dass er auch gern Briefe verfasste. Die frühen Neunziger waren die goldene Ära des Tape-Tauschens. Metalheads in der ganzen Welt kommunizierten per Briefpost und schickten einander Rips von heiß begehrten Metal-Alben. Ohlin war ein sehr fleißiger Schreiber, doch viele seiner Briefe sind erst seit Kurzem öffentlich. Im Laufe der Jahre gab es zwar Bemühungen, auf seine Briefe aufmerksam zu machen, aber dabei kam nie mehr heraus als ein paar vereinzelte Scans und Fotos auf einer Blogspot-Seite.

Doch Ende 2016 sammelte ein alter italienischer Brieffreund von Dead, Old Nick, einen staubigen Stapel Briefe zusammen, die ihn damals aus dem kalten Norden erreichten. Er tippte sie ab und druckte sie in chronologischer Reihenfolge, in einem selbst herausgegebenen Büchlein mit dem Titel Letters from the Dead – streng limitiert auf 666 Ausgaben. Old Nick kam 1990 mit Mayhem in Berührung, als er in seinem Fanzine über die Band schrieb. Er hütete die Briefe von Dead wie Schätze, doch irgendwann wurde ihm klar, dass nach seinem eigenen Tod niemand mehr etwas davon haben würde. "Ich dachte mir, dass ich ja jederzeit sterben könnte. Ich wollte nicht aus dem Leben gehen, ohne Oldschool-Fans die Gelegenheit zu geben, Deads Worte zu lesen", sagt er.


Nach der Veröffentlichung kontaktierten Sammler Nick und fragten ihn nach den Originalen. Ihre Angebote lehnte er ab; er sagt, er sei noch nicht bereit, sich von den Briefen zu trennen. Letters from the Dead enthält alle Briefe, die Nick von März 1990 bis Januar 1991 erhielt – mit Ausnahme eines kleinen satanistischen Flugblatts, denn Dead nahm Nick das Versprechen ab, es für sich zu behalten. "Die Seiten habe ich rausgelassen, um seinen Wünschen gerecht zu werden", erklärt Nick. "Auch wenn er sich bestimmt nie hätte vorstellen können, dass ich mal ein Buch aus seinen Briefen mache. Der Rest ist aber vollständig."


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Der "Rest", das ist ein Sturm aus Wörtern, die uns ein wenig mehr darüber verraten, wer Per Yngve Ohlin wirklich war. "Er hat immer versucht, sich bestimmten Kreisen anzuschließen – satanistischen Kreisen, um genau zu sein", sagt Nick. "Aber ich bezweifle, dass ihm das je wirklich gelungen ist." Dass dem als introvertiert und depressiv geltenden Dead seine Band und seine Musik wichtig waren, ist unter Fans so bekannt wie seine Vorliebe für Okkultismus. Aber "diese Briefe zeigen gewisse Zusammenhänge, eine organische Struktur", sagt Nick, und damit geben sie tieferen Einblick in Ohlins Persönlichkeit. Er war eben nicht nur der morbide Mayhem-Frontmann, der sich auf der Bühne ritzte und schnitt. Natürlich schrieb Dead hauptsächlich über Musik, zum Beispiel über die Bands, mit denen er zu tun hatte, oder die Hindernisse und Misserfolge auf Tour. Das ist für sich genommen schon faszinierend genug, immerhin sind die Mayhem-Tourneen der frühen 90er bis heute legendär. Aber die faszinierendsten Details in den Briefen sind die, in denen man Ohlin, den blassen, schüchternen Norwegen-Einwanderer kennenlernt.


"Alle kennen seine Geschichte mit der Band", sagt Old Nick. "Aber für mich war viel interessanter, Details über die Zeit zu lesen, die er mit den anderen Bandmitgliedern in einer Hütte verbrachte, oder über seine düsteren Alltagsgedanken." Zum Beispiel hatte Ohlin ein echtes Problem mit Technik. "Er hasste PCs. Es wäre ihm nie im Traum eingefallen, seine Briefe auf einer Tastatur zu tippen. Technik behagte ihm einfach allgemein nicht", erzählt Nick. "Er lehnte sie völlig ab und suchte Zuflucht in einer Welt der Wälder und Haine. Außerdem hatte er keinerlei Toleranz für Menschen im Allgemeinen oder für Norwegen. Er sagte, das Land habe nichts zu bieten, sei kein bisschen inspirierend und bringe nur immer gleiche, weinerliche Musiker hervor." (Man fragt sich, was er wohl von der heutigen Black-Metal-Szene in Norwegen halten würde.)

"Er träumte sogar davon, das Land wieder zu verlassen", sagt Old Nick. "Oder komplett aus Skandinavien wegzukommen. Er wollte in Transsylvanien, Grönland oder Island Zuflucht suchen." Dead zog es also an Orte, wo es so gut wie keine Menschen gibt – noch weniger als in Norwegen, und das ist nach Island das europäische Land mit der geringsten Einwohnerdichte. Er wollte reisen, Italien und viele andere Länder sehen, und er wollte Comicbuch-Autor werden. In anderen Worten: Per Yngve Ohlin hatte Zukunftspläne.

Nicht lange nachdem er all diese Pläne mit Nick teilte, beging er Selbstmord. "Er wirkte auf mich nicht wie jemand, der sich umbringen würde, auch wenn er mit zehn eine Nahtoderfahrung hatte. Das hatte definitiv Einfluss darauf, wie er das Leben und den Tod sah", erklärt Nick. "Er versuchte seitdem immer, diese Erfahrung nachzuempfinden. Ich denke, das wird der Hauptanstoß dafür gewesen sein, dass er ständig versuchte, sich selbst zu schaden. Je mehr Blut er vergoss, desto näher fühlte er sich diesem ... Zustand. Ich bin der Überzeugung, dass er sogar am Tag seines Todes etwas ausprobiert hat, bis er dann völlig die Kontrolle verlor. Es war sozusagen eine Art magisches Chaos. Die Römer hätten ihn vermutlich als ' larvarum plenus' bezeichnet – voller Geister."


Zu einem gewissen Grad habe sich Ohlins Verhalten mit seinem extremen Ruf gedeckt, sagt Nick – er wirkte wie jemand, der von seinen Aussagen und Taten sehr überzeugt war. Old Nick meint, Dead sei "fasziniert von Porphyrie" gewesen. "Manche spekulieren, dass diese Krankheit der Ursprung der Vampir-Mythen sein könnte. Und rate mal, in welchem Land das am häufigsten vorkommt? Schweden." Außerdem habe Dead von seinen Plänen erzählt, "eine Gemeinschaft von Porphyrianern in Transsylvanien zu finden, sich dort niederzulassen und sein Blut zu spenden, als sei es eine Leprakolonie". In seinen Briefen erwähnte er häufiger, dass er sich "den Vampiren hingeben" wollte.

Ohlin hatte noch mehr ungewöhnliche Interessen, zum Beispiel suchte er gern nach giftigen Blumen. "Er hatte von Blumen gelesen, die Menschen in Werwölfe verwandeln können, und schrieb mir sogar eine Liste wissenschaftlicher Bezeichnung", sagt Nick. Dann träumte Dead davon, kannibalischen Stämmen zu begegnen, oder einen Chor im Petersdom im Vatikan aufzunehmen und die Aufnahmen mit einem satanischen Ritual zu kombinieren. Immer habe Dead sich gewünscht, dass die Dinge echt sind. Er sei auf einer endlosen Suche nach Authentizität gewesen, Black Metal habe er nicht als Waffe gegen seine innere Dämonen verstanden – im Gegenteil: "Er rief sie herbei und schätzte sie."

Im Gegensatz zu vielen anderen Black Metalern nutzte Per Yngve Ohlin die Musik nicht einfach als Ventil für Wut und Leid. Stattdessen machte er diese Gefühle zu Grundpfeilern seines Lebens. Er studierte fleißig alles, was es über Vampire zu wissen gab. "Er schrieb endlos viel darüber, und beschrieb dieses transsilvanische Schloss – mit einer unfassbaren Genauigkeit, die schon beeindruckend war für die Zeit vor dem Internet", sagt Nick. "Die meisten wussten damals kaum mehr als das, was sie bei Bram Stoker gelesen hatten."

Old Nick war fasziniert von Deads Gesprächsthemen. Trotz seiner eher seltsamen Eigenschaften galt Dead als sehr freundlicher Mensch, und seine warmherzige Art kommt in den Briefen deutlich zum Vorschein. Seine Worte klingen kein bisschen "evil", auch wenn es viel darum geht, dass er die Dunkelheit verehrt und unter Vampiren leben will. "Wir haben davon gesprochen, zusammen nach Transsylvanien zu gehen", sagt er. "Wir hatten vor, bestimmte Orte zu besuchen und uns endlich persönlich zu treffen – wir kannten uns ja ausschließlich durch die Briefe. Leider kam es nie dazu, weil er sich ein paar Monate später das Leben nahm. Damals verstand ich ihn und seine Eigenheiten noch nicht ganz." Als allerdings einige Jahre vergangen waren und Nick die Musikszene völlig hinter sich gelassen hatte, habe er wieder an die Briefe denken müssen – und daran, wie er von Ohlins Tod erfahren hatte. Der Mayhem-Gitarrist Euronymous (der später von Varg Vikerenes ermordet wurde) schrieb Old Nick einen ziemlich teilnahmslosen Brief. Es war Nicks erster Kontakt mit Euronymous: "Pelle hat Selbstmord begangen. Aber dieser Briefmarkenkleber, von dem du sprichst, wäre echt praktisch. Könntest du uns den bitte schicken?"

Jetzt wo Letters from the Dead fertig ist, möchte Nick ein noch viel größeres Projekt anpacken: Er will alle Briefe, die Ohlin an Metalheads in aller Welt geschrieben hat, zusammensuchen. Viele dieser Briefe sind inzwischen bestimmt verloren, aber Nick hofft, dass Letters from the Dead wie ein Leuchtfeuer fungiert und "alle sich melden, die noch Original-Material besitzen und es teilen möchten".

Nach Deads Tod verlor Old Nick das Interesse an Black Metal – und schaffte es nie nach Transsylvanien. Wenn du meinst, dass du bei seiner großen Sammlung von Ohlins Schriften helfen kannst, melde dich bei ihm unter ilvecchionick@gmail.com.

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