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Der Anpacker im Westjordanland—Staiger über Kollegahs Palästina-Reise

„Was dann passiert, ist Entwicklungshilfe 1950. Der weiße Mann packt an und die lila Scheine aus“—Marcus Staigers Kommentar zu Kollegahs Charity-Reise nach Ramallah.

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Kollegah in Palästina" von Bosshaft TV

Nein, eine Doku ist das nicht und auch keine Reportage. Die sogenannte Dokumentation über die Reise von Kollegah nach Palästina ist ein über eine Stunde langes Portrait über den Anpacker und wie er die Sachen anpacken würde, wenn er das Sagen hätte. Beachtlich in diesem Zusammenhang ist, dass der Film bereits wenige Stunden nach seinem Erscheinen schon mehr Klicks hat als Folge 21 der Bundeswehr-Doku-Soap Die Rekruten, die ja, wie man weiß, mit sehr viel Geld des Bundesverteidigungsministerium in Szene gesetzt wurde. 

Kollegah, der Mann des Volkes, ist also auch im Bereich der sozialen Medien weit vorne, zumindest im direkten Vergleich zu den staatlichen Institutionen, und das ist auch die Stoßrichtung des Videoportraits. Da, wo andere labern, packt der Boss einfach mal an und zieht durch. Felix Blume aka Kolle fährt nach Ramallah im Westjordanland, um da mal ein bisschen Zug in die Sache zu bringen. Dabei ist schon von der ersten Einstellung an klar, auf welcher Seite die Sympathie des Hauptdarstellers liegt. Man sieht die neun Meter hohe Mauer, die Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten trennt und die tiefe Wunden in der palästinensischen Geografie und Seele geschlagen hat. Doch statt in diesem Zusammenhang die Menschen zu Wort kommen zu lassen, die unter dieser Mauer zu leiden haben, dienen diese dem Boss, der neuerdings auch Imperator ist, lediglich als Stichwortgeber. Kaum ein Satz, der nicht ausgeblendet wird. Kaum ein Gespräch, das zu Ende geführt wird. Stattdessen übersetzt, erklärt und interpretiert Kollegah das Gehörte—alles gleichzeitig. Da ist kein vorsichtiges Fühlen, wie es den Leuten wirklich geht. Da gibt es keine Nachfragen. Kolle kommt, weiß Bescheid und macht die Sachen klar, was die gesamte Doku dann auch extrem holzschnittartig wirken lässt, und so, als wäre die Story schon vorab geschrieben und nur noch mit den richtigen Bildern bestückt worden. 

Nicht, dass diese Praxis bei den etablierten Medien unüblich wäre, ganz und gar nicht, aber von einer freien Reportage von einem der angesagtesten Künstler der Neuzeit hätte man sich mehr erwarten können. So sieht man nur, wie Kollegah durchs Flüchtlingslager Al-Amari in Ramallah rauscht und eine Schule besucht, die über keinerlei Infrastruktur und Ausrüstung verfügt. Die Tatsache, dass diese Schule offensichtlich nicht von den Hilfszahlungen der EU an die palästinensische Autonomiebehörde profitiert hat, spielt dabei keine Rolle. Stattdessen fackelt Kolle nicht lang und weist den Leiter der Schule an, ihm eine Liste zu übergeben, mit den Dingen, die dieser für einen aktiven Unterricht benötigt. Was dann passiert, ist Entwicklungshilfe 1950. Der weiße Mann packt an und die lila Scheine aus, fährt los und regelt das. Kollegah kauft Computer und Schultische, unterstützt die Wirtschaft im Westjordanland, zahlt bar und liefert nebenher einen wichtigen Erkenntnisgewinn für alle, die auch dort mal einkaufen gehen wollen: „You can pay in €uro in the Westbank." 

Untermalt von dramatischer Musik, der immergleiche Loop gelegentlich unterbrochen von Schussgeräuschen, die wohl Spannung erzeugen sollen, sieht man, wie der Boss Computer und Tische stapelt und zeigt, dass sich das viele Krafttraining nun auszahlt. Die Schule wird fast im Alleingang eingerichtet und Kollegah packt die Sachen auch selbst aus, weil er ja weiß, wie die Araber so ticken und dass die Verpackungen und die Plastikfolie auch gerne mal dran lassen an so neuen Sachen. Weil es aber seine Schule ist, die dann auch seinen Namen tragen soll, „Kollegah Education Center", bestimmt der Boss auch, wie sie auszusehen hat und so kommt die Plastikfolie halt ab. Logisch. 

Parallel dazu fahren Kollegah und Crew auch immer wieder durchs Land, wobei sie sich auch diversen Gefahren aussetzen. Zum Beispiel bei den israelischen Checkpoints, denen man sich nur bis zu einer bestimmten Entfernung nähern darf, ansonsten wird man eingezogen, wie er selbst erklärt. Nun sind die israelischen Checkpoints bestimmt eine der ekelhaftesten Erfindungen der Menschheitsgeschichte und Schauplatz aller möglichen Tragödien. Eine davon handelt von einem jungen Mann, der mutmaßlich am Tag davor von israelischen Soldaten erschossen wurde, nachdem er versucht hatte, diese mit einem Messer anzugreifen und einen der Soldaten in den Nacken gestochen hatte. Kein Wort über die Verzweiflung der Palästinenser und ihre verkehrte Vorstellung von einem Freiheitskampf, kein Wort über die Paranoia der Soldaten und deren absurde Pflichterfüllung gegenüber ihrem Nationalstaat. Kein Wort darüber, dass sich an diesem Punkt junge Menschen treffen, die sich gegenseitig abschlachten, obwohl sie vielleicht Freunde sein könnten, nur weil sie denken, dass sie im Namen eines Volks, eines Staats, einer Nation ihre Aufgaben zu erfüllen haben. Stattdessen posiert Felix vor den israelischen Wachtürmen mit einer aufblasbaren Plastikrakete, die er von einem kleinen Jungen am Straßenrand gekauft hat und die er nun wie eine Panzerfaust hält. Danach noch ein Bizepsfoto für die Soldiers und Abmarsch. 

Kollegah muss weiter, ins palästinensische TV, wo er um eine Botschaft für seine palästinensische Crowd gebeten wird, die dann auch entsprechend martialisch ausfällt. Anstatt der palästinensischen Bevölkerung Freiheit zu wünschen und den Frieden, nachdem sich wahrscheinlich alle Menschen in dieser Region sehnen, klingt die Nachricht vom Boss kämpferischer und liest sich in seiner eigenen Untertitel-Übersetzung folgendermaßen: „Ich möchte meiner palästinensischen Crowd sagen, ihr solltet nicht den Kampfgeist verlieren, sondern zusammenhalten. Gebt nie auf. Verliert nie den Glauben! Sie können Häuser von Euch nehmen, sie können Euch die Kinder wegnehmen. Sie können Euch alles nehmen. Solange ihr nicht den Glauben in eurem Herz verliert, werden sie Euch diesen nicht auch noch nehmen können." Ob es sich dabei um den Glauben an einen eigenen Nationalstaat oder doch um den an ein höheres Wesen handelt, bleibt dabei im Dunkeln, dass aber auch der sogenannte Nahost-Konflikt nicht militärisch gewonnen werden kann, für keine der beiden Seiten, sollte jedem vernünftigen Menschen klar sein. Kollegah ist allerdings, wie er in seinem Abschlussstatement preisgibt, aber eben auch kein Politiker oder Analyst, sondern Entertainer—das merkt man dann an solchen Stellen auch. 

Ganz im Gegensatz zu dem, was dann passiert. Was dann kommt, ist nämlich wirklich grandios. Man könnte diesen Abschnitt als „Kollegah der Staatsmann" überschreiben und es beginnt mit einer fast schon offiziellen Kranzniederlegung am Mausoleum von Jassir Arafat und geht weiter mit der offiziellen Inbetriebnahme des „Kollegah Education Centers". Eine Blaskapelle spielt. Diverse Honoratioren schütteln dem Staatsgast aus der Bundesrepublik die Hände. Ein offizieller Vertreter des Flüchtlingslagers Al-Amari hält eine Laudatio auf den generösen Spender aus Deutschland, nicht ohne auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu danken, es gibt Tee und Gebäck und einen der wenigen lichten Momente innerhalb dieses Selbstportraits. Wenn Kollegah sitzt und laut denkt, dass er sich schon fast schlecht dabei vorkommt, angesichts der Tatsache, dass hier eine Art Staatsakt inszeniert wird, nur weil er ein paar Computer zur Verfügung gestellt hat, so wirkt das schon fast wieder sympathisch, weil einfach mal menschlich. 

Wobei hier an dieser Stelle die ganz konkrete Hilfe gar nicht klein geredet werden soll, denn natürlich ist es eine Leistung, hinzufahren, Geld in die Hand zu nehmen und ganz praktisch die Lebensumstände von anderen Menschen zu verbessern. Daraus dann eine solche Art von Film zu machen, ist dann eine andere Frage. Ein Film übrigens, in dem so gut wie keine Frauen vorkommen. Ganze 49 Minuten dauert es, bis zum ersten Mal eine Frau als angesprochene oder ansprechbare Person ins Bild kommt, was sich dann allerdings auch auf eine ganze Zwei-Sekunden-Konversation beschränkt. Noch weniger als die Männer, die schon fast nichts zu sagen haben in diesem Film, kommen die Frauen zu Wort. Nicht einmal die Großmutter der Intifada, die in den 80er Jahren palästinensische Kämpfer versteckt hat, bekommt die Gelegenheit zu reden. Stattdessen erfahren wir von Felix, dass sie anscheinend einen Spruch nach dem anderen raushaut. Wir müssen ihm das wohl glauben. Nach knapp über einer Stunde wird es dann richtig absurd. Der Boss besucht noch ein paar Familien, um auch mal die ganz persönlichen Schicksale der Menschen zu beleuchten. Darunter auch eine kleinwüchsige, alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern. Während an anderer Stelle die Familiengeschichten wenigstens noch angerissen und von Felix interpretatorisch erzählt werden, kommt es bei dieser Frau nicht einmal zum Ansatz eines Gesprächs. Keine Frage, wie es ihr geht oder wie die Community auf sie reagiert. Kein Interesse daran, warum sie alleinerziehend ist und wie sie zurechtkommt. Stattdessen steckt ihr der gute Mann aus Deutschland in einem Umschlag Geld zu—und tschüss. So ist er halt, der Anpacker. Nicht viel labern. Einfach mal machen.   

Das ist dann auch der Grundton im abschließenden Statement, das sich über ganze acht Minuten in die Länge zieht. Kolle verweist auf die Anpacker-Stiftung und betont, dass man einfach mal durchziehen muss. In weiser Voraussicht stellt er sich auch dem Komplex, dass er mit dem Palästinenser-Thema ein heißes Eisen angefasst habe, wobei er schon vorsorgliches Mainstream-Medien-Bashing betreibt und darauf hinweist, dass ihm diese Reportage die ein oder andere finanzielle Einbuße einbringen würde. Hier irrt Kollegah allerdings, dürfte das Thema unter seinen Fans doch äußerst beliebt sein. Schließlich entspricht es einem archaischen Gerechtigkeitsfanatismus dieser selbstoptimierten Gladiatoren, und die Anti-Israelischen Spitzen und Querverweise dürften in den Kreisen seiner Anhänger und seiner Feinde eine Menge Applaus ernten. Selbst Fler postete „Respekt", nachdem er von der Doku hörte. 

In diesem Sinne hoffen wir auf die nächste parteiische Reportage des Bosses aus dem Südosten der Türkei, wo türkische Sicherheitskräfte in der kurdischen Stadt Cizre mutmaßlich ein Massaker verübten, indem sie 70 Menschen in einen Keller eingeschlossen hatten und das Wohnhaus darüber in Brand setzten, woraufhin alle verbrannten. Auch darüber war in den deutschen Mainstream-Medien nichts zu lesen. Eine neue Aufgabe für Kollegah-Report. 

PS: Zufällig wurde mir von YouTube nach der Doku das neue Kollegah-Video „Hardcore" angeboten, das ich mir dann auch noch angeschaut habe. Wow. Man muss schon sagen, dass Kollegah auch mit dieser Bildsprache und diesem Thema das Ohr auf der Straße hat. Habe ich früher behauptet, das kollektive Unterbewusste äußert sich im Rap, muss ich mich nun korrigieren. Das kollektive Unterbewusste äußert sich nicht im Rap, es äußert sich in Kollegah. Die Message des Videos ist klar. Scheiß auf Parlamente. Die Institutionen haben versagt. Die labern nur. Man braucht mal einen, der richtig durchzieht. So einen richtig starken Mann. Einen Imperator halt. 

Gepaart mit der Botschaft der „Doku", in der Kollegah der Macher präsentiert wird, gibt das ein ganz, ganz finsteres Bild, entspricht aber exakt der Wunschvorstellung jener enttäuschten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die sich weltweit derzeit mal wieder nach einem starken Mann sehnen. Einem, der auch mal wieder Ansagen macht. Einem, der anpackt. Wahrlich, wir gehen dunklen Zeiten entgegen.   

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