Warum so kritiklos, diese?—Rooz im Interview

„Mir ist es wichtiger, einen geilen Film abzuliefern, als einen Arafat, Bushido oder Kay One zu unterbrechen, um bestimmte Aussagen zu kritisieren.“

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März 11 2016, 11:30am

Als hyperaktiver Selbstdarsteller mit dicken Augenringen, der Rappern gerne mal tief ins Rektum krabbelt und sich wie ein Neurotiker ständig durch die Haare fährt: So wird Rooz von denen, die ihn nicht mögen, gerne gesehen. Kritiker werfen ihm mangelnde Distanz zu seinen Interviewpartnern und zu wenig Haltung vor. Andere dagegen lieben Rooz und seine Youtube-Sendung #waslos genau für diese kumpelhafte Nähe zu Künstlern, einer Menge Klatsch und Tratsch über die Rapszene und für seine Interviews mit Arafat Abou-Chaker, Fler oder Farid Bang.

Tatsächlich könnte man denken, dass es dieser Mann einfach nicht besser kann. Man könnte ihm vorwerfen, er sei ein schlechter Journalist. Punkt. Damit würde man es sich allerdings zu leicht machen. Es gibt nämlich noch einen Rooz neben #waslos. Einen, der bald eine eigene Show auf einem Spartenkanal der zweitgrößten europäischen Sendergruppe haben wird. Den Rooz, der einen Magisterabschluss in Sozial- und Kommunikationswissenschaften hat. Den Rooz, der ein fast krankhafter Workoholic ist. Den Rooz, der erzählt, dass Artes Tracks zu seinen Lieblingssendungen gehört und dass der vor kurzem verstorbene Roger Willemsen eine seiner liebsten Fernsehpersönlichkeiten war.

„Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht klüger war, als die Sendung, die er machte“, hat jener Roger Willemsen mal gesagt. Ich bin gespannt, welcher Rooz mich erwarten wird, als ich ihn in Berlin zum Interview treffe.

Als wir in Vorbereitung auf das Interview miteinander telefoniert haben, warst du permanent zwischen NRW und Berlin unterwegs. Heute hast du nur drei Stunden geschlafen. Machst du überhaupt Pausen?
Ich bin eigentlich keiner, der rumheult und finde es cool, wenn Leute bemerken, dass das, was ich mache, harte Arbeit ist. Zu oft sieht es bei Instagram so aus, als würde ich den ganzen Tag Partys feiern. So ist es natürlich nicht. Trotzdem habe ich einen Traumjob. Er ist zwar anstrengend, aber meine Mutter ist seit 20 Jahren Altenpflegerin. Das finde ich richtig stressig, das könnte ich nicht. Trotzdem mache ich wenig Pausen und gerade hat mich meine zweite Freundin verlassen, weil ich immer unterwegs bin.

Deswegen gibt es eine Exit-Strategie. Ich möchte irgendwann die Quantität von #waslos herunterfahren. Das wird passieren, denn gerade ist meine erste eigene TV-Show geplant und ich würde auch gerne mal einen Film drehen. Als Selbständiger musst du immer hinterher sein. Du kannst dich nicht auf 2000 Euro ausruhen, weil davon weder Rente noch Krankenversicherung bezahlt sind. #waslos bringt aber erst seit einem Jahr wirklich Geld. Vorher musste ich das mit anderen Jobs querfinanzieren. Das war ein großer Aufwand und Pausen waren dementsprechend selten.

Man könnte dein Arbeitsverhalten als zwanghaft bezeichnen. Geld scheint dich offensichtlich nicht dazu zu bewegen. Was ist es, was dich antreibt?
Es ist wirklich zwanghaft. Ich muss immer das nächste Ding in Aussicht haben. Aber so abgedroschen es auch klingen mag: Ich bin HipHop to the fullest. „Beat Street“ hat als ich 14 war viel in mir ausgelöst. Der Film hat mich zum Graffiti gebracht. Dann habe ich eine endlange Zeit gesprayt und zeitweise sogar davon gelebt. Durch Aufträge für die Stadt Essen und Leinwände zum Beispiel. Irgendwann wurde das weniger. Um 2000 habe ich dann damit angefangen, Musik zu produzieren, aufzulegen und mit Callshop Mafia sogar mal ein Label gegründet.

Ich habe also jahrelang Erfahrungen im HipHop gesammelt. Alte Breakdancer und Sprayer wie Storm oder CanTwo waren meine Helden. Dann habe ich bei HipHop.de damit begonnen, hinter der Kamera zu arbeiten und irgendwann kam #waslos. Zusammengefasst treibt mich die Liebe zur Sache. Krass, wie komisch das klingt. Aber wenn ich Geld wollte, dann wäre ich in einer anderen Branche unterwegs. Die wenigsten Journalisten im HipHop-Bereich verdienen vernünftig.

Dir wird ja öfter vorgeworfen, nicht richtig journalistisch zu arbeiten und keine Distanz zu Künstlern zu wahren. Siehst du dich selbst als Journalist oder nimmt der Rooz von #waslos eine andere Rolle ein?
Es ist gut, darüber einmal sprechen zu können, denn aus der Journalisten-Ecke kommt immer wieder Kritik. Vonseiten der Consumer und Rapper dafür übrigens kaum. Es ist auf jeden Fall legitim, das zu fragen. Andererseits erklärt sich das auch ein bisschen von selbst, finde ich. Natürlich bin ich nach klassischen Regeln kein Journalist. Bei HipHop.de ist das Toxik (Tobias Kargoll, Chefredakteur von HipHop.de Anm. d. Red.). Ich habe vor der Kamera nie das umgesetzt, was andere Journalisten gemacht haben. Olli Schulz meinte zwar letztens zu mir, dass er mich schon als Journalist sehen würde und darüber habe ich mich gefreut, aber es muss für mich nicht sein. Ich sterbe nicht, wenn man mir das nicht zugesteht – es ist mir egal.


Was bist du dann?
#waslos ist entstanden, weil Toxik meinte, ein Format in dieser Art wäre genau mein Ding. Ich habe dann ein Jahr mit mir gerungen, vor die Kamera zu gehen. Ich weiß, das glaubt man nicht, weil ich wirke wie der totale Kamerajunkie. Das ist auch so und ich bin gerne im Mittelpunkt. Trotzdem weiß man nicht, wie die Leute auf einen reagieren. Zum ersten Mal beschäftigen sie sich auch mit deiner Person. Damit musste ich erst mal klarkommen. Ich bin ein großer Filmfan, ein Cineast, und meine Hauptintention ist es, Geschichten zu erzählen. Ich möchte Reports machen. Deswegen darf #waslos auch kein weiteres Frage-Antwort-Interview sein. Die sind natürlich wichtig, aber es sollte auch Alternativen geben. Früher auf MTV hat man auch gerne „Cribs“ angesehen und nicht nur seriöse Künstlerinterviews.

Würdest du dich selbst als unseriös bezeichnen?
Da hast du mir schön versucht, rhetorisch meine Mutter zurückzuverkaufen. (lacht) Das eine impliziert nicht zwangsläufig das andere. Was definiert denn seriös? Findest du mich unseriös?

Nicht als die Person, die du darstellst. Wenn man auf journalistische Maßstäbe schaut, dann ja.
Das stimmt, ich bin nicht Peter Klöppel. Aber ich bin Entertainer, #waslos ist meine Show. Das Wichtigste dabei ist die Geschichte. Alles andere, die Qualität der Kamera, der Ton und so weiter, ist nachrangig. Wichtig ist, dass du eine Story von Anfang bis Ende hörst. Das Gespräch muss sich entwickeln. Ich schreibe bewusst im Vorfeld keine Fragen auf, weil es sonst diesen Charakter des Abhakens hätte.

Das Mikrofon nehme ich auch nur aus dem Grund mit, weil der Ton sonst zu schlecht wird. Aber selbst das nervt mich, weil dadurch sofort so eine Gesprächsführung passiert. Das will ich eigentlich gar nicht. Ich möchte am Ende selber überrascht sein. Als ich zusammen mit Bushido zum Beispiel für eine Folge im Auto saß, hat er Sachen erzählt, die danach in jeder Zeitung standen. In einem normalen Interview wäre das nicht passiert. Obwohl ihn jeder kennt, hat er da auf einer emotionalen Ebene Geschichten ausgepackt und sich geöffnet. Das geht nur, wenn man warm miteinander wird. Wenn so was passiert, dann bin ich glücklich.

Du hast das „Warmwerden“ angesprochen. Oft bist du eng mit den Künstlern vernetzt. Im letzten Jahr gab es einen Fall, wo du den Rapper Al-Gear dabei gefilmt hast, wie er sich von einem „verfeindeten“ Rapper eine Entschuldigung abholte.

Die Stimmung wirkte aggressiv, mit Musik hatte das nichts mehr zu tun und die Veröffentlichung eines Da-Vinci-Code-Videos war im Gespräch—eine Bloßstellung des Gegners durch Al-Gear, die beim letzten Mal auch nicht vor Urin in Fanta und fremdem Sperma in Gummibärchen halt gemacht hat. Gibt es für dich überhaupt eine moralische Grenze für #waslos?


Beim ersten Teil habe ich vorher mit Al-Gear telefoniert und als Einziger in der Szene gesagt, dass sowas nicht cool ist. Ich habe ihm sogar Lösungsvorschläge mitgegeben. Alle, die mir die Berichterstattung jetzt vorwerfen, haben das im Vorfeld nicht versucht. Aber das ist in Ordnung. Ich mache, was ich mache. In der zweiten Version hat sich HipHop.de dafür entschieden, nicht darüber zu berichten. Ich fand das Ganze auch nicht spannend, ich kannte nicht mal den Gegner von Al-Gear. Im ersten Teil ging es mit BTM Squad um Düsseldorfer Legenden. Sie waren quasi die ersten Straßenrapper aus ihrer Gegend. Da war ich mir der Relevanz bewusst.

Ich fand es damals natürlich sehr hart, was Al-Gear gemacht hat. Dadurch, dass ich mich mit ihm gut verstehe, konnte ich ihm aber meine Meinung dazu sagen und sie wurde ernst genommen. Beim zweiten Teil habe ich das gar nicht verfolgt, aber plötzlich wurde bei Facebook meine Timeline gesprengt. Alle haben auf das Video gewartet. Dann ist mein WhatsApp explodiert mit der Frage danach, ob ich vorbeikommen würde. Sogar Al-Gear hat gefragt. Es war dann eine Millimeterentscheidung, das zu machen. Ich kann jeden verstehen, der das als Gonzojournalismus bezeichnet. Natürlich war es nahe am Trash. Aber wann war man mal so nahe dran?

Die Frage ist, ob man so nah dran sein will.
Schon in meinem Studium war es eine ewige Diskussion, ob ein Beobachter ein Geschehen beeinflusst oder nicht. In diesem Fall hat es die Situation denke ich positiv beeinflusst. Als ich da ankam, war viel mehr los als ich erwartet habe. Es war ein Ausnahmezustand wie bei einem Konzert und die Polizei stand bereits da. Ich habe Al-Gear gesagt, dass ich nur komme, wenn nicht geschlagen und nicht gedroht wird, und dass ich die #waslos-Folge nur dann veröffentliche, wenn alle heil nach Hause kommen. Sie haben mir das zugesichert.

Am Ende war alles gar nicht so schlimm, wie es wirkte und die Leute haben natürlich auch über sich selbst gelacht. Die sind ja nicht stumpf. Trotzdem bin ich mir unsicher, ob ich sowas noch mal machen würde. Auf der einen Seite wurde ich von der Medienseite kritisiert, auf der andern Seite gab es einen Shitstorm seitens der Leute, die geil auf das Da-Vinci-Code-Video waren.

Das sollte man hinnehmen oder?
Das habe ich ja auch. „Du Hurensohn, wegen dir kriegen wir kein Video“, hatte trotzdem 300 Likes auf meiner Seite. Das musst du dir mal vorstellen. Das ist pure Sensationsgeilheit.

Woher kommt denn deiner Meinung nach die Geilheit auf Gewalt im HipHop heutzutage, wo es doch eigentlich um Musik gehen sollte?
Es wird immer gesagt, dass es früher mehr um Musik ging. Das stimmt nicht. Ich denke, es war früher schlimmer als heute. Wenn du auf eine Jam gegangen bist, dann gab es immer eine Schlägerei. Heute sind zum Beispiel auf dem splash! alle Profis und Harris kann mit seinen Kindern vorbeikommen. Früher wurde vor der Bühne geboxt. Auch Images waren schon immer wichtig. Klar, das unterscheidet sich von Künstler zu Künstler. Auch heute kann man die Kampagnen hinter Fler und Megaloh, bei dem die Musik im Vordergrund steht, nicht vergleichen.

Aber schon bei Fanta 4 wurden Images kreiert. Sie mussten im Video zu „Die Da“ sogar bestimmte Tanzschritte aufführen, um amerikanisch zu wirken. Der Unterschied ist, dass man heute direkt alles in den sozialen Medien verbreiten kann. Damals musste man jemanden kennen, der jemanden kennt, der einen zur Bild-Zeitung vermitteln konnte.

Trotz deines Einsatzes im Falle Al-Gear wird dir oft Kritiklosigkeit vorgeworfen. Ist dir Haltung überhaupt wichtig, oder willst du alles umkommentiert abbilden?
Mir ist es wichtiger, einen geilen Film abzuliefern, als einen Arafat, einen Bushido oder Kay One in ihrem Redefluss zu unterbrechen, um bestimmte Aussagen zu kritisieren. Das bin ich nicht, das sollen andere machen. Natürlich feiere ich es trotzdem, wenn Journalisten ihr Gegenüber in Reportagen in die Mangel nehmen, aber das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Für die Einordnung gibt es bei #waslos dann Intro und Outro. Und natürlich habe ich eine Haltung, die immer wieder rauskommt. Ich denke, wenn man #waslos-Gucker ist, kennt man die. Jeder weiß zum Beispiel, dass ich gegen Drogen bin. Ich drücke das aber niemandem aufs Auge.

Wenn jemand neben mir drei Joints raucht, dann will ich trotzdem nicht der Oberlehrer sein und das verbieten. Und wenn Arafat seine Lebensrealität darstellt, dann möchte ich ihn dabei nicht stören. Ich denke auch, dass viele Rapper sich selbst entlarven und widerlegen. Da muss ich nicht noch was dazu sagen.

#waslos soll eine Show sein: Eher TV Total auf einen Gast umgemünzt, als ein einmaliges Interview. Manchmal zeigt die Haltung trotzdem Wirkung. „Ich trinke keinen Alkohol“ ist ja genau wie „überdimensional müde“ und „Ich bin DJ auf Ibiza“ eine meiner Phrasen. Das brennt sich bei den Zuschauern ein. Als ich letztens dann auf der Bühne bei einem Azad-Konzert mit den Jungs zum Spaß eine Champagnerflasche geköpft habe, ohne davon zu trinken, kam als Echo im Internet gleich. „Warum trinkst du plötzlich Alkohol?“ Da gab es beinahe einen kleinen Shitstorm.

Während du, wie du sagst, Geschichten erzählst, kann trotzdem vieles gesagt werden, das andere in deiner Situation nicht durchgehen lassen würden. Könnte es dadurch nicht passieren, dass Künstler dich als PR-Tool missbrauchen?
Ich weiß, dass einige Künstler das wollen und das ist in der Natur der Sache. Aber jeder, der schon bei mir in der Show war weiß, dass mir niemand etwas aufoktroyieren kann. Deswegen denke ich nicht, dass es so ist. Ich habe mit Toxik auch die Abmachung, dass ich mich nur mit den Künstlern treffe, auf die ich Lust habe. Außerdem reden wir kaum über die aktuellen Releases. Wir reden eher wie alte Kumpels und am Ende sieht es so aus, als hätte ich mich prächtig amüsiert. Das, was mir Leute in privaten Nachrichten als Feedback zu #waslos am meisten schreiben, ist, dass sie die Sendung zum Einschlafen hören. Wahrscheinlich ist das ein bisschen der Domian-Effekt. Jemand redet und redet, wie bei einem Hörbuch. Viele fragen auch nach einem Podcast. Darüber denke ich zum Beispiel gerade nach.

Wo sieht du die Grenzen und Schwächen von #waslos?
Das witzige an dem Format ist, dass es fast grenzenlos ist. Ich habe damit gefühlt schon alles gemacht. Wir sind auf Youtube und sind dadurch relativ frei. Der Rahmen ist Rooz, ein bisschen verrückt, aber ansonsten offen. Auch die Bild- und Tonqualität hat sich stetig verbessert. Unscharfe Bilder gibt es nicht mehr. Nur meine impulsive Art oder die Angewohnheit, andere zu unterbrechen, wenn mir etwas durch den Kopf geht, das muss ich manchmal etwas zurückschrauben.

Aber du stehst schon gerne im Mittelpunkt.
Zurückblickend scheint mir das wichtig zu sein, ja. Aber ich habe darüber vorher wenig nachgedacht. Außerdem scheint es mich zu befriedigen, auch immer mal eine Geschichte von mir zu erzählen, wenn sie zu der des Gegenübers passt. Interviewanfragen sage ich aber zum Beispiel alle ab, obwohl es viele gibt. Das wäre dann zu viel Rooz. Ich denke auch nicht nach dem Motto „Ich bin jetzt fame und ich bleibe auch fame.“ Im Zweifelsfall mache ich eben wieder andere Jobs und bin auch glücklich.

Trotzdem hast du bald eine Fernsehshow, die die Aufmerksamkeit für deine Person vermutlich noch mal steigern könnte.
Es kamen schon vor #waslos immer wieder Anfragen vom Fernsehen. Jetzt konnte ich meine Vorstellungen das erste Mal so umsetzen, wie ich wollte. Es ist mein Konzept und damit kann ich auch in diesem Fernseh-Rahmen arbeiten.

Wird es da immer noch hauptsächlich um Rap gehen?
Ich werde auch Rapper einladen, aber das soll nicht den Großteil ausmachen. Es ist kein klassisches Format, es ist komplett neu und es wird verrückt. Ich bin vor allem auch glücklich darüber, dass mir als Produzent komplett vertraut wurde.