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Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos

Ein paar Dinge, mit denen Konzertveranstalter Bands den Abend versauen können

Wir sehen als Konzertbesucher nur die auftretende Band und denken, wie cool das doch alles für die sein muss. Dabei können Veranstalter ihnen hinter den Kulissen das Leben zur Hölle machen.

Hannes Naumann

Sie kommen in allen Arten und Formen vor. Als glatzköpfige Stiernacken, die dir nach der Show behutsam auf die Schultern klopfen. Als zittrige Studenten, die dir mit weichen Knien die Gage vorzählen. Oder als legere, angsteinflößend gutaussehende Anzugträger, die dich durchdringend anschauen und fragen, ob „ihr normalerweise nicht mehr Publikum zieht?“ Eventmanager, Promoter, Clubbetreiber—nennt sie, wie ihr wollt. Auf Tour heißen die Strippenzieher des Abends schlichtweg „Veranstalters.“ Sie laden deine Band in ihre heiligen Hallen ein, feilschen mit eurem Booker ums Geld, kümmern sich um die Werbung für die Show und sorgen vor Ort dafür, dass der Konzertabend mit deiner Band nach Plan verläuft. Künstler und Veranstalter verbindet dabei ein gemeinsames Ziel: Beide wollen eine gute Nacht für sich und das Publikum und beide wollen dabei ein bisschen Geld verdienen. Grundsätzlich ziehen also alle freundschaftlich am selben Strang, besonders wenn alles glatt läuft. Bei ausverkauftem Haus kommt der Veranstalter auch gerne mal mit einer Runde Schnaps in den Backstage und freut sich „schon total auf die Show!“ Wenn der Vorverkauf schlecht lief und die Abendkasse leer bleibt, findest du ihn hingegen nervös an den Nägeln kauend im Büro hinter der Theke.

Selbstverständlich muss es auch unter Veranstaltern problematische Persönlichkeiten geben und so wurde in der Musikgeschichte schon so mancher Event-Guru mit Fackel und Mistgabel aus seinem Kiez getrieben. Ob Dirk Dirksen, der in den 80ern fragwürdigen Ruhm erlangte, weil er Social Distortion abgezogen hatte oder Matthias Hofmann, der seinerzeit 22 Millionen Mark am System vorbei schummelte, um mit den Drei Tenören im Schampus zu baden—schwarze Schafe bleiben auch im sonst friedlichen Völkchen der Veranstalter nicht aus. Taufrisch sind auch noch die Legenden um den deutschen Festivalveranstalter Carlos Fleischmann: kurzfristig abgeblasene Festivals, eine geplatzte Kylie-Minogue-Tour und ein böses Insolvenzdrama. Der Ruf von Konzertveranstaltern hat in den letzten Jahren wieder ordentlich gelitten. Kein Wunder also, dass es unter Bands inzwischen zu den Lieblingsbeschäftigungen im Backstage zählt, sich Gruselgeschichten aus dem Horrorkabinet des Veranstaltungswesens zu erzählen. Schreckliche Erlebnisberichte von geprellten Musikern, geplatzten Verträgen und den kältesten Pennplätzen des Landes sorgen hinter jedem Bühnenvorhang für wehleidiges Schmunzeln. Denn irgendwann trifft es jeden. Gerade in der knüppelharten Anlaufphase ihrer Karriere muss sich jede Band irgendwann einem dieser Sätze stellen, die man nach dem Gig ganz bestimmt nicht von seinem Veranstalter hören will.

„Wegen der Schlafsituation...“

Du sitzt nassgeschwitzt in einer kalten Kammer hinter der Bühne, die Stimmbänder noch wund, die Unterhose klamm. 200 Leute haben dir heute zugejubelt in diesem Kellergewölbe, das inzwischen eher einer Tropfsteinhöhle gleicht. Du rubbelst dir gerade mit einem kratzigen Handtuch die Haare trocken, als der Veranstalter euphorisch und angetrunken in den Backstage springt und euch zu diesem „MEGA KONZERT!“ gratuliert. „Nee, echt, total geil! Braucht ihr noch was? Noch 'n Bier?“ Du nutzt die Gunst des Moments und fragst vorsichtig nach der Schlafsituation, denn keiner weiß, wie oft du den Chef des Ladens heute noch (nüchtern) sehen wirst. Schon die darauf folgende Gesichtsentgleisung lässt dich kurz erzittern. „Ja, äh, wegen der Schlafsituation. Also geplant waren ja zwei Doppelzimmer für euch hier im Hotel um die Ecke, ne?“ Eigentlich kannst du dein Gesicht jetzt schon in besagtem Handtuch vergraben, denn was auch immer er dir nach diesem Satz vorschlägt, es wird dir nicht gefallen. Verabschiede dich von dem Gedanken an ein kuscheliges Bett im „Altenburger Hof“ und mach dich auf alle Eventualitäten gefasst—von der Luftmatratze im Besetzten Haus zum Gästezimmer in der Wohnung seiner Schwiegereltern. Der Veranstalter hat vergessen, die Zimmer rechtzeitig zu buchen, hat die Schlüssel nicht abgeholt oder aus Versehen das ganze Hotel abgebrannt. Die Chancen stehen also gut, dass du heute Nacht noch in einer wildfremden Studenten-WG erfrierst, dir die Couch im Backstage mit einem Schäferhund teilst oder man dir das Playstation-Zimmer im „Jugendclub oben drüber“ aufschließt. Du wirst deinen Traumberuf Musiker spätestens dann überdenken, wenn du dich in eine schmutzige Wolldecke einwickelst, während der Putz von den Wänden kommt und der Veranstalter dich mit einem Satz in die Nacht entlässt: „Captain Planet hat das damals auch gereicht. Und die waren zu fünft.“

Verwandte Zitate:

„Ist natürlich blöd, dass ihr jetzt beide getrunken habt, sonst hätte man die fünf Stunden Heimfahrt jetzt noch...“

„Eigentlich sollte man als Band ja immer Schlafsäcke im Kofferraum haben, oder?“

„Eigentlich wollten wir euch in so einer total schönen, neuen Pension am See unterbringen, die haben da einen Pool und super Frühstück und machen uns das auch immer ein bisschen günstiger. Hat leider nicht geklappt.“


„Ja dann pennt doch einfach hier. Gute Nacht!“


„Wir müssen da noch mal wegen der Gage reden...“

Richtig ungemütlich wird es immer dann, wenn es ums Geld geht. Eigentlich hast du deine Seele extra an einen Booker verkauft, damit du dich mit diesem Teil der Arbeit nicht mehr rumschlagen musst. Leider sitzt dein Booker in Berlin im Büro, während du mit dem Veranstalter des örtlichen alternativen Jugendzentrums in Bad Bieberau gefangen bist. Der gute Mann zieht sich einen Stuhl ran, schaut gequält auf einen Quittungsblock und setzt seinen besten Hundeblick auf. Was dann folgt, nennt man auch den „Veranstalterblues.“ Man kann die Blues-Gitarre (dä-DÄÄÄ, dä-DÄ) nämlich förmlich im Hintergrund hören, wenn er richtig loslegt: „Also Leute, das lief ja heute nicht ganz so gut wie geplant—dä-DÄÄ, dä-DÄ. Ich hätte irgendwie schon mit 50 Leuten mehr gerechnet—dä-DÄÄ, dä-DÄ. Das bringt jetzt auch meine ganze Kalkulation durcheinander—dä-DÄÄ, dä-DÄ.“

Wenn der Veranstalter seine Sache gut macht, hast du nach drei Zeilen Blues schon Gewissensbisse. Du kannst dir selber nicht erklären, warum ausgerechnet heute nur 120 statt 200 zahlenden Gästen anwesend waren und fühlst dich mitschuldig für die Misere dieses armen Mannes. Bevor du allerdings anfängst, dich von der singenden Sirene verzaubern zu lassen und darüber nachdenkst, 100€ Gage abzutreten, erinnere dich daran, dass es wahrscheinlich nicht deine Schuld ist. Die Kohle verhandelt man vorher und damit hast du zum Glück nichts zu tun. Außerdem hast du in der ganzen verdammten Stadt kein einziges Konzertplakat gesehen! Hier heißt es, hartnäckig zu bleiben, auch wenn der Chef es auf die eiserne Tour probiert, statt mit imaginären Blues-Akkorden. Grimmiger Blick, zaghaftes Kopfschütteln, zuckende Schultern—die Zeichen des starken Veranstalters. „Wie erklärt ihr euch das denn, dass hier heut nicht so viel los war?“ Zeigt ihm die Fotos vom ausverkauften Vorabend, klemmt euch die Flasche Backstage-Wodka unter den Arm und nichts wie weg.

Verwandte Zitate:

„Abwarten ey, gegen 12 wird das hier richtig voll!“

„Hier sind eure 300€—davon müsst ihr aber noch unsere Vorband bezahlen.“

„Also anzahlen kann ich euch schon mal in bar, den Rest müssten wir dann machen, wenn das Insolvenzverfahren durch ist.“


„Seht ihr all das Geld? Die Münzen gehören euch!“


„Wegen der Technik müssen wir noch mal gucken...“

Nur weil man sich und seine kreativen Ergüsse dem breiten Feld der elektronischen Musik zugeschrieben hat und auf der Bühne an bunten Synthesizern rumschraubt, heißt das noch lange nicht, dass man sich mit Bühnentechnik und Club-Beschallung auskennt. Weshalb es für Bands ab einer bestimmten Verdienstschwelle unabdingbar wird, einen Tontechniker einzustellen, der sich auf Tour um den richtigen Sound kümmert. Was allerdings nicht in den Aufgabenbereich von Band und Tontechniker fällt, ist das Reparieren, Zusammenstöpseln oder Entstauben des zusammengeliehenen Soundsystems aus dem Clubkeller. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als nach vier Tagen Tour in den Club zu stiefeln, um einen ersten Blick auf die Zustände zu werfen und sowas hier zu sehen: eine kaputte Bassbox, ein verklebtes Mischpult und ein paar olle Noname-Speaker, umringt von einem Wust aus dreckigen, bunten XLR-Kabeln. Der Veranstalter schaut unentspannt in die Runde: „Achso, ja, wegen der Anlage. Also eigentlich macht die Technik bei uns immer der Siggie, aber der ist heute krank und ich dachte, ihr seid ja eh so Elektro-mäßig ganz fit, da könnt ihr das vielleich so zusammenbauen, wie euch das passt.“ In diesem Moment sollte man eigentlich den Schmiss haben, zurück ins Auto zu steigen und nach Hause zu fahren. Hat man aber meistens nicht. Also werkelt man zu dritt in einem Punker-Laden im Vorort von Castrop-Rauxel an den kaputten Überbleibseln einer P.A. herum, bis kurz vor Einlass halbwegs vernünftige Töne herauskommen. Diese traumatisierende Erfahrung kann nur noch getoppt werden, wenn „Siggie“ später plötzlich barfuß am Tresen sitzt und sich für das Montieren seiner Anlage bedankt: „Nach zwei Bier war ich wieder fit wie'n Turnschuh!“

Verwandte Zitate:

„Wieso Mikrofone? Die bringt man sich doch selbst mit, oder?“

„Unser Techniker legt heut selber im Club nebenan auf. Wir dachten, ihr kennt euch mit Technik und so aus?“

„Ja, ich bin zwar der Techniker und das ist hier mein Job, aber ganz ehrlich—das ist nicht meine Musik. Ich bin weg.“


„Baut ihr euch selber zusammen, ne?“


„Den Rider haben wir gelesen, echt ein cooler Gag!“

Nach sechs Stunden bei 42° Hitze auf der Autobahn sitzt du erschöpft und gerädert auf einer Couch in irgendeinem Backstage dieses Landes. Deine Instrumente liegen noch im Kofferraum, der Merchandise-Stand ist noch nicht aufgebaut, du brauchst nur dringend diese zwanzig Minuten, um „anzukommen“. Jetzt müssen nur noch ein paar Snacks und Drinks her, um Kraft zu tanken, und der Abend kann beginnen. Apropos—wo sind eigentlich die Drinks? Aber auf die Frage nach dem Krempel, den ihr euch auf die Wunschliste namens Rider geschrieben habt, reagiert die Veranstalterin nur mit einem herzhaften Lachen. „Haha, der war gut! Da haben wir uns hier im Plenum alle köstlich drüber amüsiert!“ Du schaust verwirrt zurück. Hää? „Na, über den Rider! Sehr lustig, das mit dem Raum zum Umziehen und so. Und das mit dem Bier und den vier Dosen Redbull, haha! Und die zwei trockenen Handtücher! Wie in Hollywood, was?“ Schließe die Augen, hole tief Luft und spar dir deine Kräfte für die restlichen Überraschungen der Nacht, denn es wird ganz bestimmt eine besondere. Spätestens zum Abendbrot darf dann einer von euch die Beherrschung verlieren, wenn es mit Käse überbackenen Kartoffelauflauf für alle gibt. „Entschuldigung, gibt es noch eine Alternative? Auf unserem Rider steht doch, dass einer von uns absolut keinen Käse isst.“ „Haha, das war doch auch so ein Witz, oder? Ich meine, HALLO, jeder isst Käse! Guten Appetit!“

Verwandte Zitate:

„Also, hier sind zwei Getränkemarken pro Kopf—macht euch damit einen richtig geilen Abend!“

„Wozu wollt ihr denn einen ganzen Kasten Bier!? Ihr seid doch nur zu fünft?“

„Essen wollt ihr? Kriegt ihr nix zuhause? Muähähä...“


„Prost Jungs, let's rock!!“


„Das ist nur zehn Minuten von hier, ehrlich, dafür braucht ihr kein Taxi...“

Egal, ob es ums gemeinsame Abendessen im Stadtzentrum, den Weg zum Hotel oder die paar Schritte zum Parkplatz geht—wenn der Veranstalter prophezeit: „Ach, das könnt ihr laufen, ist gleich um die Ecke! Zehn Minuten zu Fuß HÖCHSTENS!“, könnt ihr euch schon mal festes Schuhwerk anziehen, Wegproviant einpacken, euren Rucksack aufbuckeln und euch für einen Marsch nach Mordor vorbereiten. Logisch, für Ortsansässige ist jeder Weg ein bekannter, oft abgelaufener Pfad und jedes Ziel im Umkreis von 50km ein Katzensprung, für den man auf gar keinen Fall ein teures Taxi rufen muss. Für ortsfremde, faule Musiker kurz vor dem Auftritt wird jeder Gang durch die Innenstadt aber schnell zur hindernisreichen Odyssee. So verbringt man als Band auf Tour nicht wenige Stunden mit dem rastlosen Herumirren durch fremde Straßen und Gassen, planlos auf der Suche nach dem roten Pin auf der Google-Maps-Karte. „10 Minuten“ ist purer Veranstalter-Slang und kann alles bedeuten. Der wahren, reellen Minutenzahl hinter dem Code ist nach oben keine Grenze gesetzt. Wenn ihr dann mit Schnee im Bart, Blasen am Fuß und Frostzapfen an der Nase zurück in den Club stiefelt, wird euch wahrscheinlich diese Frage willkommen heißen: „Boah, das hat aber gedauert! Habts eine halbe Weltreise gemacht oder was?“

Verwandte Zitate:

„Das Auto könnt ihr ruhig da stehen lassen, die kontrollieren hier nie.“

„Ich hol dann mal das Essen, bin sofort wieder da, der Laden ist gleich ums Eck. Lebt wohl!“


„Irgendwo hier muss die Penne sein... gleich... um die... Ecke... schnauf.“


„Oh, ihr seid ja jetzt doch hier...“

Einen schlimmeren Satz kann es zur Begrüßung im Club gar nicht geben. Missverständnisse innerhalb des Teams, ein Zahlendreher im Vertrag, Chaos hinter den Kulissen—was auch immer im Laden dazu führte, dass du heute mit deiner Band hier angerückt bist, es ist nicht ganz bis zu allen Mitarbeitern durchgedrungen. Das Barpersonal ist überrascht, die Cheffin überfordert. Irgendwann stürmt hektisch der Azubi rein. „Ah, war das doch heute, das Konzert? Blöd, jetzt haben wir gar keine Werbung gemacht. Na egal, kriegen wir schon hin!“ Das Motto des bevorstehenden Abends lautet „Kriegen wir schon hin“ und so fühlt es sich dann auch an. Auf geliehener Technik spielst du vor geliehenem Publikum bevor du mit geliehenem Geld bezahlt wirst und in geliehene Feldbetten fällst. Frag erst gar nicht nach den kleinen Freuden des Riders—den hat hier sowieso niemand gelesen—und investiere die soeben erhaltenen Scheine lieber direkt in die Kneipe nebenan. Schließ dich dort ein paar lokalen Jungspunden an und heule dich nach vier Wodka Bull über den katastrophalen Abend im Club X aus. Nutze nun den angetrunkenen Mut um rationale Entscheidungen zu treffen und sie durchzuziehen—rufe z.B. deinen Booker an, um zu kündigen, oder das Ordnungsamt, weil Club X gar keine Konzertgenehmigung hat. Verwische alle Spuren, verlasse die Stadt und komm niemals hierher zurück.

Verwandte Zitate:

„Minimal macht ihr, ne? Achso? Ihr legt gar nicht auf? Eine Band seid ihr? Uff, okay, schauen wir mal...“

„Also das Konzert hat eigentlich mein Kollege gebucht, der ist allerdings jetzt im Urlaub. Ich weiß jetzt auch nicht genau...“


„Ja dann macht schon mal Soundcheck, vielleicht kommt ja wer?“

So, genug über Veranstalter gelästert. Wenn du Gitarrist in einer Metalband bist und gerade wimmernd zum Hörer gegriffen hast, um deine bevorstehende Tour abzusagen, lege schnell wieder auf: Zum Glück handelt es sich bei den zusammengetragenen Erlebnissen und Fallbeispielen um Einzelfälle der hartnäckigen Startup-Zeit deiner Rumpelkapelle, die von Tour zu Tour weniger werden sollten, wenn du nicht irgendetwas komplett falsch machst. Und überhaupt—wie langweilig wäre es als Newcomer-Saubande auf Tour, wenn du von Tag #1 an jeden Sonderwunsch vor die Nase getragen bekomst!? Im Großen und Ganzen ist das Völkchen der Veranstalters eine feine und ehrenwerte Spezies, die in den meisten Fällen nur das Beste für dich will. An alle Clubbetreiberinnen, Konzertpromoter und Bookingmeister da draußen: Nächstes mal drehen wir den Spieß um und lästern endlich mal über aufmüpfige Musikerschweine—auch so ein Scheißpack! Küsschen!