Wir haben Beatsteaks-Drummer Thomas beim Platten verteilen in Wien begleitet

Tomatenplatten ist das Kleinst-Label von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz, bei dem er von der Musik, über Artwork bis bis zum Vertrieb alles selber macht. Wir waren mit Thomas in Wien Platten verteilen.

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13 November 2014, 10:32am


Alle Fotos: Markus Christ

Die Beatsteaks sind meine Jugendliebe. Das liegt zu einem großen Teil an einer sehr coolen Tante von mir, die mich in meiner Schulzeit auf ein gutes Dutzend ihrer Konzerte mitnahm, sie mir persönlich vorstellte, und mich auf meine allerersten Rockstar-Aftershowpartys bei den Beatsteaks einschleusen konnte. Das Ganze gipfelte darin, dass ich irgendwann einmal auf einem London-Konzert der Berliner landete und ein uraltes Punkrock-Lied von ihnen aus voller Seele brüllend auf der Bühne wiedergeben durfte. Irgendwo in den dunkelsten Tiefen von Youtube existiert sogar noch ein Video davon, aber ich will euch davor wirklich verschonen.

Der besagten coolen Tante verdanke ich auch dieses Interview mit dem großartigen und hochsympathischen Beatsteaks-Drummer Thomas Götz, in dem es gar nicht so sehr um die Beatsteaks, sondern um das sehr ungewöhnliche Mini-Label „Tomatenplatten“ geht, das Thomas betreibt, und bei dem er wirklich alles selber macht: Musik, Artwork, Pressung, und vor allem auch Vertrieb. Das Interview ist ungefähr so zustande gekommen:

Coole Tante: „Hey, die Beatsteaks sind diese Woche in der Stadt! Hast du Lust mit Thomas ein Interview über Tomatenplatten zu machen?“

Ich: „Was für eine Frage! Natürlich!“.

Coole Tante: „Gut, denn eigentlich hab ich ihn schon gefragt. Thomas freut sich schon drauf.“

Am Tag nach den beiden ausverkauften Beatsteaks-Konzerte in der Wiener Arena und im Gasometer treffe ich Thomas also vorm Plattenladen Teuchtler im 6. Wiener Bezirk. Thomas hat mich dorthin eingeladen, denn er will nochmal einige seiner Tomatenplatten in dem Laden vorbeibringen. Ja, er bringt seine Platten tatsächlich in jeder Stadt eigenhändig in die Läden. Außerdem findet er den Laden als Plattenliebhaber einfach großartig—es ist der erste Plattenladen, den er kennt, der ein Familienbetrieb ist, und bald in zweiter Generation geführt wird. Mit ihm unterwegs ist auch der Dennis, der zweite Beatsteaks-Drummer, der das Quintett auf Tour als Clown verkleidet unterstützt (und im echten Leben nicht einmal annähernd so spooky aussieht.)



Noisey: Thomas, erklär einmal ganz kurz für Dummies, was Tomatenplatten eigentlich ist.
Thomas: Tomatenplatten hab ich angefangen, weil meine Ex-Freundin mich Tomate genannt hat. Es ist ein Minilabel und war zunächst die Verwertungsanlage für alles, was bei den Beatsteaks liegen geblieben ist. Und für mich war es gleichzeitig ein Praktikum in einem Presswerk. Ich wollte unbedingt wissen, wie man Schallplatten presst, aber zu dieser Arbeit musste ich eben auch Musik mitbringen. Also hab ich zwei Beatsteaks-Demos mitgebracht. Später sind dann auch eigene Songs dazugekommen.

Ich habe bei Tomatenplatten keinen Vertrieb. Ich bin quasi der Vertrieb. Ich bin fast wie ein Versicherungsvertreter. Ich gehe in die Plattenläden entlang unserer Tourneen, spaziere zu den Betreibern und sage: „Darf ich mich vorstellen, ich bin Thomas, in meinem bürgerlichen Leben spiele ich Schlagzeug bei der Formation Beatsteaks. Ich hab hier ein kleines Soloprojekt, das ist alles handgemacht. Hätten Sie vielleicht Interesse mir welche abzunehmen?“ Dann antworten die: „Ja wie, auf Kommission abnehmen oder was?“ Dann sag ich: „Ich hab leider gar nicht die Zeit, mich um Kommission zu kümmern, wenn dann müssten Sie gleich zahlen.“ Und wenn sie dann noch Bock haben, dann nehmen sie mir kleinere Stückzahlen ab.

Und haben sie normalerweise Bock?
Bis jetzt ja. Und man lernt nebenbei wirklich das Handwerk des Vertreters kennen, das ist auch ganz lustig. Auch wenn es eine ziemliche Überwindung ist, da jedes mal reinzuspazieren und zu sagen: „Guten Tag, ich hätt da mal eine Frage.“ Auf der anderen Seite landet man dann in einen Plattenladen wie dem Teuchtler in Wien, und der Besitzer erzählt dir: „Erst letzte Woche war der Gitarrist von Morrissey da. Und Charlie Watts von den Rolling Stones war auch schon mal da. Und bei meinem Vater hat schon Klaus Kinski Platten gekauft.“ Man lernt total interessante Leute kennen, und dann ist es plötzlich das geilste Hobby überhaupt.

An Tomatenplatten ist alles selbstgemacht, das klingt nach unglaublich viel Arbeit und Herzblut. Wenn ich jetzt probieren würde, so ein Mini-Schallpattenlabel zu gründen, welche Tipps würdest du mir geben?
Schallplatten haben ja gerade so etwas wie einen Boom, und man findet fast keine kleinen Schallplattenpressen mehr, weil die alle aufgekauft wurden. Es gibt aber noch einige gute Presswerke, in Deutschland und in anderen Ländern. Eine sehr gute Adresse, an die man sich wenden kann, wenn man eigene Platten machen will, ist Flight 13—die vermitteln dir die Pressung, das Artwork, Druckspezifiaktionen, Laylout und das ganze Rundherum gleich mit. Und sie kümmern sich dann wirklich gut um die Abwicklung.

Außerdem würde ich dir auf jeden Fall empfehlen: Mach Langspielplatten. Da ist die Verdienstspanne einfach größer. Bei Singles wird schlecht verdient. Ich hab bisher trotzdem nur Singles gemacht, weil ich das Format einfach gerne mag. Außerdem hab ich viel Arbeit, ich spiele ja noch in dieser anderen Band. Wirtschaftlich ist das mit den Singles aber ein Fiasko. Ich meine, ich hol schon das Geld wieder rein, das ich für die Zugtickets ausgebe, um nach Karlsruhe ins Presswerk wieder heimzukommen. Aber besonders viel bleibt da nicht. Und wenn mal hundert Euro überbleiben, dann geh ich mit Dennis einen trinken, denn der hat auf der letzten Tomatenplatte mitgewirkt. Wir teilen den Alkohol dann 50/50.



Das Tomatenplatten-Projekt hat dich ja schon in sehr viele Plattenläden gebracht. Welche Stadt hat die besten?
Berlin ist natürlich immer ein Knaller. Wien ist aber mit dem Teuchtler und Recordbag auch ein Highlight. Besonders Hamburg hat aber auch eine hohe Plattenladendichte, die wirklich sehr gut ist. Zardoz zum Beispiel. Oder der Burnout-Recordstore am Grünen Jäger, der ist eher was für die Punk-Fans. Dann gibt es in Hamburg noch einen Plattenladen, der nennt sich Hanseplatte, und der verkauft ganz schwerpunktmäßig Musik aus Hamburg—Hanseplatten halt. Das halte ich echt für ein grandioses Konzept. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass das wirtschaftlich der Knaller ist, aber die Idee ist ein Hammer. Ich wünschte, es gäb in Berlin eine „Mauerplatte“, ein Berliner Plattenladen, der nur Berliner Musik vertickt. Oder eine „Prater-Platte“ in Wien. Da sollte mal jemand zur Tat schreiten.

Wer hat bei den Beatsteaks die beste Plattensammlung?
Torsten würde sagen: er. Und ich würde sagen, vielleicht hat er recht. Und die anderen sind nicht so vinyl-affin. Die hören zwar mindestens genau so viel Musik wie Torsten und ich, wenn nicht noch mehr, aber nicht unbedingt auf Platte.

Wenn deine Wohnung abbrennen würde, und du hättest nur Zeit, um drei Platten aus deiner Sammlung zu retten—welche würden es sein?
Ich könnte jetzt sagen: meine drei Tomatenplatten. Aber das wären ja 15 Euro an Wert, das wäre ziemlich unwirtschaftlich. Auf jeden Fall würde ich was von den Einstürzenden Neubauten retten, wahrscheinlich Halber Mensch. Und irgendeine Beatles-Platte. Und Launched von den Beatsteaks, weil das die erste Platte war, auf der ich mitmachen durfte. Das wär eine schöne Erinnerung.

Ihr scheint ein besonders gutes Verhältnis zu Wien zu pflegen. Gibt es irgendwelche Stationen oder Rituale, die ihr erledigen müsst, wenn ihr in der Stadt seid?
Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wie das bei den anderen aussieht. Aber ich glaube zu wissen, dass es bei ihnen ganz klassisch was mit Schnitzel zu tun hat. Ich persönlich jogge sehr gerne durch den Prater. Ich gehe gerne zu Teuchtler und zu Recordbag, und ich muss bei einem Wien-Besuch unbedingt in der Arena gewesen sein. Als ich 1998 bei den Beatsteaks eingestiegen bin, war einer unserer ersten Tourstops gleich die Arena, und ich habe an diesen Ort Erinnerungen, die so eingebrannt sind, dass es mir ein bisschen die Nackenhaare aufstellt, wenn ich wieder mal mal dort bin.

Apropos-Tour: Wie schlagen sich unsere Bilderbücher bisher als Tourbegleitung?
Großartig, finde ich. Ich weiß nicht, ob wir bei Konzerten das offenste Publikum der Welt haben, und man muss als Support-Band bei uns echt immer hart arbeiten. Aber das machen sie. Sie sind saunett, und sie spielen saugut Tischtennis. Aber wir haben Peter Baumann in der Band, und der spielt auch saugut Tischtennis.

Den Tischtennis-Krieg habt ihr beim Arena-Konzert schon erwähnt. Wie sieht die Situation im Kampf Beatsteaks gegen Bilderbuch aktuell aus?
Wir sind erst seit ein Paar Tagen zusammen auf Tour, und wir sind noch in der Warmspielphase. Das richtige Turnier wird erst stattfinden, aber man checkt sich schonmal ab. Ich befürchte, dass Maurice von Bilderbuch schon ziemlich spritzig an Tischtennisplatte unterwegs ist. Aber das ist nichts gegen die Erfahrung eines Peter Baumann und einen anständigen Matchplan—und den haben wir vor jedem Spiel. Peter und Maurice haben beide noch nicht 100 Prozent gegeben, so wie ich das sehe, die wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Du solltest dich aber nochmal erkundigen, wenn die Tour vorbei ist!

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