Das erste Interview mit Chain Of Strength in 20 Jahren, dreht sich hauptsächlich um Klamotten

True Till Death von Chain of Strength ist die beste 7-Inch aller Zeiten. Und Sänger Curt war niemals Bulle.

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Okt. 10 2012, 2:00pm

Die 7-Inch ist mein Lieblings-Tonträgerformat. Ich rede nicht von 45ern, die haben nur zwei Songs und kein Artwork. Wenn sie doch mal ein Artwork haben, dann nennt man sie „Picture Sleeve“, so als sei es ein Verkaufsargument. Punk-7-Inches sind auch geil, aber das ultimative Genre für die 7-Inch ist, für immer und ewig: Hardcore. Hand aufs Herz: es gibt sowieso nur ca. fünf Hardcore-Full-Lengths, die nicht langweilig sind.

Seit zehn Jahren verstricke ich mich in Diskussionen darüber, was die beste Straight Edge 7-Inch ist. Meistens dann, wenn ich besoffen bin. Wir haben uns neulich darauf festgelegt, dass es Chain of Strenghts True Till Death EP ist. Sie gewinnen die Wahl wegen verschiedener Dinge: wegen der Wahl der Schriftart, wegen des ikonischen Gesamteindrucks und dafür, dass sie einen Typen auf dem Cover haben, dem ein X in den Kopf rasiert wurde. Du kannst jetzt mit Project X, Gorilla Biscuits oder den Genre-Paten Minor Threat kommen, aber es ist nun mal so: Wenn du Straight Edge Hardcore in eine Space-Kapsel packen müsstest, damit irgendwelche Aliens dessen Konzept begreifen, dann muss es einfach True Till Death sein.

Ich sprach mit Chain’s Drummer Chris Bratton über die Ursprünge des Straight Edge-Styles und einige Gerüchte, die sich um seine Band ranken.

Noisey: Woher kam die Straight Edge Ästhetik der späten 80er?

Chris Bratton: Der frühe amerikanische Hardcore weist einige Parallelen mit britischem Oi! auf. Agnostic Front trugen Cockney Rejects „We can do Anything“-Shirts auf dem Insert der United Blood 7-Inch und der Einfluss von Blitz und The Business auf Bands wie Negative Approach und Judge ist offensichtlich.

Die große Revolution passierte, als ein paar britische Fußball-Hooligans einen Scheiß darauf gaben, sich wie Punks anzuziehen und stattdessen alltägliche Sportklamotten zum Spiel anzogen. Am Tag irgendeinem Typen vom anderen Club in den Arsch treten und dann in denselben Klamotten nachts mit der Band auf die Bühne stehen.

Als ich 13 war, machte das auf mich großen Eindruck. Du konntest Hardcore spielen – diese neue, schnellere, aggressivere Form von Punk – ohne dich in dieses Punk-Kostüm aus Leder, Nieten und Iros zu werfen. Stattdessen hast du dich für Nikes, Camo-Shorts und einen Sweater entschieden und dich einfach als du selbst gefühlt.

Klar, dieser Straight Edge Look war genau so kodifiziert, spezifisch und ausgedacht wie jedes Mod-Ensemble, das Steve Marriott oder Paul Weller jemals an sich perfektioniert haben.

Was dann später der Youth Crew Look werden sollte, wurde uns auf den Backcovers von SS Decontrols und DYSs Releases präsentiert. Wir haben uns deren Klamotten ganz genau angesehen.

Weiße und schwarze Nike High Tops, Schweißbänder, die Haare rasiert, aber etwas herausgewachsen und dann blond gefärbt und sogar Jaime SSDs perfekt und millimetergenau hochgerollte Jeans. Das war eine große Sache für mich, so groß, dass ich mich darüber hätte aufregen können, wie schluderig John Anasta seine Jeans hochgerollt hat.

Dann gibt es natürlich noch den heiligen Gral dieses neuen Looks: Den Hoodie. Genau in der Mitte auf dem Backcover der DYS Brotherhood LP siehst du einen Dave Smalley mit den typischen X-Verziehrungen und dem gesamten Ensemble, das den Youth Crew Look etablieren sollte wie wir ihn noch heute kennen.

Chain of Strength



Die Wirkung von Musik, die schneller als die Ramones und härter als Discharge war, gespielt von Typen die aussahen wie Leistungssportler oder Soldaten – das hat mich umgehauen. Gab es auch Einflüsse aus der HipHop-Szene?

Interessanterweise spricht Run in einem alten Run DMC Interview über die gleiche Casual Wear-Revolution. Darüber, dass sie von dem ganzen Glam/S&M/Disco-Look von Grand Master Flash and the Furious Five abgeturnt waren. Sie wollten ihren Straßenlook behalten und damit auf die Bühne gehen – das passte genau in die Entwicklung der Oi! und Youth Crew-Ideale.

Während der Youth Crew Ära, also zwischen 1986 und 1991, war HipHop ein großer Einfluss für viele Hardcore Bands. Das führte zu dem legeren Country Club-Look, der recht ähnlich war zu dem neu aufgelegtenHooligan-Look, den Oasis später an den Start bringen sollten.
Am Höhepunkt dieser Entwicklung in den späten 80ern trugen die Kids Polo-Jacken, -Shirts und –Schuhe, Le Cock Sportif, Adidas, Nike und New Balance Trainingsjacken oder Collegejacken mit Bandschriftzügen.

Ich weiß noch, wie ich überall rumtelefoniert habe, um acht grüne Collegejacken mit weißen Ärmeln zu finden, die wir mit „Chain Crew“ besticken wollten.

Wir mussten eine Menge Kritik einstecken, dafür dass wir das Zeug auf der Bühne trugen, vor allem von der älteren Generation, die der Meinung war, man wäre damit nicht „street“ genug, um Hardcore zu spielen.

Konformität ließ nicht lange auf sich warten, also mussten sich mit Beginn der 90er die Dinge ändern – wahrscheinlich eher zum Schlechten. Diese Soundgarden-Optik ... wir hätten die Finger davon lassen sollen.

Chain haben die Youth Crew Ästhetik wirklich gefeiert, bis zur zweiten Hälfte unseres dreijährigen Bestehens. Einige von uns trugen den Washington DC-Look, inspiriert von Chris Bald (Faith, Embrace, Ignition). Das ist genau der Look, den Al Pain auf den berühmten Fotos im City Gardens im Jahr 1990 auf die Spitze treibt. Wenn du auf diese extrem unscharfen Bilder schaust, glaubst du fast, er würde Z Cavaricci tragen. Tatsächlich trägt er alte deutsche Armeehosen mit schwarzen Pachuco-Postboten-Schuhen.

Chain of Strength



True Till Death ist eine perfekt aussehende Platte, aber die Aufnahmen sind dagegen sehr roh. Die Aufnahmen erscheinen sehr spontan, während das Artwork sehr durchdacht wirkt.

Obwohl Ryan und ich schon so was wie Szeneveteranen waren, gingen wir zu Spot Recordings, mit der Age of Quarrel von Cro-Mags und Get it Away von SS Decontrol unter dem Arm und sagten: Mach, dass es so klingt! Ryan hatte diese Idee, dass die Vocals genau so laut aufgenommen werden sollen wie die Musik. Jeder weiß, dass die Vocals lauter sein müssen als der ganze Krach, also klingen die Vocals auf der Platte, als würden sie sich aus der Musik herauskämpfen wollen. Es gibt Leute, die stehen drauf, ich gehöre nicht dazu. Curt ist ein toller Sänger und mir wäre es lieber, jede Nuance seiner Wut und seiner Gefühlsausbrüche über der Musik hören zu können.

Wir hatten uns im Keller des Hauses in Pomona eingesperrt und so lange geprobt, dass wir wie eine gut geölte Maschine spielten und heiß darauf waren, das Material rauszulassen. In diesem Studio haben wir dann zum ersten Mal überhaupt außerhalb des Kellers gespielt. Kann sein, dass wir diese Aufnahmesession gespielt haben als sei es eine echte Show.

Das Artwork und die Grafiken auf True Till Death waren gut durchdacht und mit Liebe handgemacht. Die Idee war einfach: Glen E. Friedman/Philin Flash-artige Live-Aufnahmen kombiniert mit X-Claim! Meets Revelation Records-artigen Grafiken, zusammen gehalten von The Smiths-Ästhetik wie auf The Queen Is Dead oder Meat Is Murder.

Man munkelt, die Fotos auf True Till Death seien von einer Fake-Show in einem Proberaum.

Wir haben Chain of Strengths erste Show in Pomona gespielt, an einem Ort direkt gegenüber von Aladdin Jr. und dem Glasshouse, das jetzt als Yester Years Club bekannt ist. Das Line Up bestand aus Youth Of Today, Underdog, Sould Side, Bold, Instead, Hardstance und Chain of Strength. Es hat uns umgehauen, als über eintausend Kids aufkreuzten.

Wir machten die allerersten „Chain X of Strength“ Shirt Designs für diese Show und haben das ganze Zeug in 20 Minuten verkauft. In jeder Liveaufnahme dieser Show tragen etliche Leute diese Shirts. Soul Side haben zwei Roadies auf dieser Tour dabeigehabt, Eli Janney der dann in Girls Against Boys spielte und dieser unbekannte Typ, den sie „Spiv“ nannten. Es stellte sich heraus das Spivs richtiger Name Ian Svenonius war!

Wir wollten ein paar wirklich tolle Fotos von dieser Show machen, daher hatten wir unseren guten Freund von der Justice League Crew Chris Ortiz dabei —jetzt ist er ein berühmter Skateboard Fotograf.

Selbstverständlich waren seine Aufnahmen fantastisch, aber es gab ein Problem, als wir uns ein paar Wochen später mit treffen wollten. Irgendwie hatten all die Negative diese brutalen Kratzer, die immer noch da waren, als wir sie auf ein Prüfblatt übertragen haben. Wir haben das Blatt gesehen und dachten: „Kumpel, diese Aufnahmen sind klasse!“ Chris antwortete: „Yeah, aber wir können keines von denen benutzen. Die ganzen Negative sind zerkratzt.“

Mit einer verdammten Träne in meinem Auge habe ich mich von dem fantastischen Kontaktabzug verabschiedet, aber glücklicherweise gab Ryan wenigstens den einen großen Print frei, der die Rückseite von True Till Death wurde. Wenn du genau hinschaust, dann kannst du die ganzen vertikalen Kratzer sehen.

Wir hatten also keine Fotos und nur noch wenig Zeit, um die Platte rauszubringen. Ich hatte vorher mal eine sehr geile Show mit No For An Answer in einem Proberaum in Garden Grove gespielt. Ryan hatte versucht, auf echte Shows aufzuspringen, aber es hatte nicht funktioniert, also spielten wir einfach dort.

chain of strength



Dann habe ich immer mal wieder in Proberäumen gespielt und diese Shows waren auch immer ziemlich lustig, also verstehe ich nicht ganz, wie man das Spielen einer Show in einem Proberaum fake nennen kann.

Die Legende entwickelte sich dann aber in die verschiedensten Richtungen. Wir haben unplugged gespielt. Wir haben Playback gespielt. Wir haben nur Minor Threat Covers gespielt, weil wir noch keine eigenen Songs hatten. Wir haben die Show nur gespielt, um Bilder für unsere Platte zu bekommen – OK, das stimmt. Nach diesem ganzen Stress kam die Platte aber doch erst im Frühling des nächsten Jahres raus.

Meine Lieblingsanekdote zu dieser Show ist allerdings, dass sowohl Curt als auch Al Pain mit Bold-Shirts aufgelaufen sind. Du musst wissen, dass insbesondere Bold-Shirts zu den coolsten Shirts einer Szene zählten, die ja sowieso schon besessen von Bandshirts ist. „Passt auf, ihr könnt nicht BEIDE ein Bold-Shirt tragen, einer von euch muss es ausziehen“, sagte ich zu ihnen. Sie haben rumdiskutiert und ich so: „Kommt schon, Shirts und nackte Haut! Wer von euch will sexy sein?“

Keiner wollte nachgeben, also gab es schließlich zwei Bold-Shirts auf dem Cover und dem Insert. Genau 24 Jahre später kamen wir zurück in diesen kleinen Proberaum und spielten unsere erste Show seit der Auflösung.

Um ein letztes Gerücht zu klären: War Curtis wirklich ein Cop?

Nein, Curt war nie ein Bulle. Nach der etwas traumatischen Trennung von Chain wollte Curt sein Leben ändern, er wollte ein guter Cop werden, der vielleicht etwas zum Positiven verändern könnte.

Er ging auf die Akademie, war einer der besten Studenten, hat die gesamte brutale Ausbildung absolviert und mit Ehren bestanden. Nach den Abschlussfeierlichkeiten hat er sich dann einfach verpisst und meinte: „Ich kann nie so wie diese Typen sein.“




@anthonypops