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Punks am Rande des Nervenzusammenbruchs: Das Force Attack kommt wieder

Ende Juli soll wieder das größte Festival aller Deutschpunks stattfinden—allerdings unter extrem harten Bedingungen.

Linus Volkmann

Linus Volkmann

Noch in den Nullern war es das Woodstock für Punks, dann kam der Deckel drauf—wegen Unwetter, Misswirtschaft, Alterserscheinungen. Doch das legendäre Force Attack Festival bei Rostock zuckt nun wieder. Allerdings macht seine unautorisierte Zombie-Version Schluss mit „Feuer, Eis und Dosenbier“. Die neuen Macher planen Raucherbereiche, Preiserhöhungen und Alkoholverbot auf Zeltplatz und Gelände. Die Klientel wird komplett hysterisch. Punks am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Punk = History

Nach der Jahrtausendwende war das Force Attack nah dran an der ultimativen Punkerparty, galt zahlmäßig sogar als das größte Happening der Szene deutschlandweit und darüber hinaus. Klingt nach großem Maul, aber Behnkenhagen stellte zumindest eine Zeit lang einen magischen Ort für Bierfreunde, Straßenköter und Hänge-Irokesen dar.

Zwanzig Kilometer nordöstlich von Rostock liegt diese winzige Ansiedlung menschlichen Lebens. Dass Ende der Neunziger erstmals hier aufgestellte Festival zog zu seiner Hochzeit knapp zehntausend Punks in das malerische Niemandsland von Mecklenburg-Vorpommern. Es stellte dabei eine logische Folge des großen Neunziger-Booms des Deutschpunk dar—vor allem in Ostdeutschland. Tonnensturz, Müllstation, Fuckin‘ Faces, N.O.E., Dritte Wahl und noch hunderte, männlich dominierte, unterschiedlich inspirierte Holper-Combos mehr ... Punk stand in der Zeit und an diesem Ort nicht für H&M-Shirts, sondern wurde gierig für bare Münze genommen und unterfütterte unzählige Lebensentwürfe in der Post-Wende-DDR. Dass die Musik dabei größtenteils stumpf und schrecklich rüberkam, störte nicht nur kaum jemanden, es war auch Programm: Punk als Metapher für Abfall, als reale Abgrenzung gegenüber Kommerz und dem Rest der Gesellschaft... Der Osten, so versprach der damalige CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl, würde zur blühenden Landschaft werden—zumindest bezüglich Punk sollte er Recht behalten. So brummte auch das Force Attack, verlängerte sich schnell auf drei Tage und bot der Punkszene eine Plattform für ein möglichst überdrehtes internes Meet and Greet.

Der Wahnsinn hatte natürlich seinen Preis: Vor Ort beschlich einen bei so viel gewolltem (und nicht zu verhinderndem) Chaos das Gefühl, dass man hier nicht Teil einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte sein würde. Das Force Attack würde sicher nicht das nächste Rock am Ring werden—was natürlich auch den Reiz ausmachte. Die Organisation arbeitete komplett am Limit und die Besucher benahmen sich so, wie es ihnen ihre Punkplatten und die Anarchistische Pogopartei (APPD) befohlen hatten, also mitunter komplett asozial, rituelle Müllschlachten inklusive. Rechtsoffene Oi!-Bands im Line-up brachten weiteren Ärger, aber richtig den Bach runter ging alles mit dem Wetter. Verregnete bis überschwemmte Jahrgänge vergraulten Besucher, dann war der finanziell unter Druck geratene Veranstalter gezwungen, die Örtlichkeit zu wechseln und es begann eine Odyssee zwischen Slapstick und Zumutung für alle Beteiligten.

Legendär wurde der letzte Versuch 2012: Die Bands waren bereits gebucht und die Tickets verkauft, doch niemand wollte den marodierenden Punks ein Gelände zur Verfügung stellen. Der Veranstalter stemmte sich gegen die drohende (und mit Regressforderungen verbundene) Absage. Gegen das Verbot der Gemeinde und gegen den gesunden Menschenverstand bemühte er sich, noch am Tag des hoffnungslos gescheiterten Events irgendwo die Bühne aufzubauen. Business und Punk passten hier einfach nicht zusammen. Eigentlich sympathisch, allerdings blieben durch diese Nullnummer Bands auf den Kosten sitzen und Ticketbesitzer gearscht. Danach war dann auch Schluss. Das Force Attack war sowas von tot.

Punk = Selbstermächtigung

Doch seit letztem Jahr tauchen Videos von zwei seltsamen Typen im Netz auf, eine Art unrasierte Ernie und Bert auf Methadon. Ihre Behauptung: Das Force Attack käme im Sommer 2016 zurück. Man sieht sie bei der Ackerbegehung, beim Sichten von Bandbewerbungen oder Ticketpreisplanungen. Ganz schön mutig, sich eine Wiederaufnahme dieser schrottreif geschossenen Marke zuzutrauen. Selbst Wikipedia hat die diversen YouTube-Shoutouts aufgegriffen und schreibt über das Comeback.

Diese auf Wikipedia benannte „Firma Nebula Fünf Enterprises“ ... Das ist doch das Groschengrab der beiden Vögel, die zuletzt das „Homestory“-Magazin herausgegeben haben—eine witzige Ansammlung von Fake-Storys, die allesamt vorgeben, Hausbesuche bei bekannten Deutschpunk-Acts zu sein. Das Ergebnis war dabei so übergeschnappt und unterhaltsam, dass die beiden Typen mit den Künstlernamen Roland van Oystern und Ferdinand Führer damit auf Tour gehen konnten, den Rocco-Clein-Preis erhielten und zusammen mit Audiolith noch ein Hörbuch dazu veröffentlichten.

Dass sich hier Geld, Logistik und Know-how für eine Großveranstaltung ballen, dürfte komplett ausgeschlossen sein. Das Ziel ist bei der Sache ohnehin ein ganz anderes: Man kann sich an einem Postillion-Moment innerhalb der Punkszene erfreuen. Ein detailverliebter Fake, der mit den Urängsten der Punks spielt. Der Logenplatz, um sich Popcorn und erschreckend lobotomierte Kommentare zu geben, ist dabei natürlich: Facebook.

Punk = Provokation

Die selbsternannten Beansprucher der Marke Force Attack haben ihren bunthaarigen Kunden aber auch wirklich ein paar bittere Pillen mitgebracht: Die Ticketpreise werden drastisch erhöht (150 EUR), ein ominöser, hochpreisiger Sampler (24,90 EUR) soll in „cooler Hipster-Punk-Optik“ erscheinen, außerdem muss man auch mal „gesponsorte Beiträge“ auf der Seite ertragen.

Die Nadelstichtaktik geht auf. Der gemeine Punker hat das „neue“ Force Attack als Feindbild ausgemacht. Ausverkauf, Hipster-Scheiß und überhaupt? So nicht!

Punk = Bier

Um allerdings die wirklichen Emotionen rauszukitzeln, muss es der Klientel nicht an den Geldbeutel gehen sondern an die Getränkekiste. So postulierte man in der Aufmachung eines freundlichen Meme Folgendes:

Ein wirklich zauberhafter Gag, wie er da so ganz nebenbei mit dem Arsch das Selbstverständnis der ganzen Veranstaltung, der ganzen Szene einreißt. Doch so lustig die Vorstellung sein mag, die größte und besoffenste Punkerparty einfach mal mit Fanta zu bestreiten, so sagenhaft humorlos die Reaktionen. Kommentarspaltenwutbürgerreflexe, die nicht unterscheidbar sind von dem gängigen Arschloch-Vibe auf Social Media.

Vermutlich ohne das im Sinn gehabt zu haben, entlarvt diese Aktion den heutigen Punkrock als das, was er nie sein wollte und wogegen er ursprünglich angetreten ist: Punk als kleinkariertes, erstarrtes Spießertum, dessen Toleranz und Fantasiebegabung soweit reicht, wie der Sänger von The Exploited geworfen werden kann. Ein verdammter Kegelclub, eine deformierte Weihnachtsfeier, ein besonders trauriger Junggesellenabschied.

Das viel zitierte „Punk is dead“ besitzt so auch in diesem Jahrzehnt keine Gültigkeit, viel eher müsste es heißen: „Punk ist ein Betriebsfest der Capitol-Versicherung“.