Mit Fenster in eine andere Welt

Fenster haben sich für ihr neues Album abgeschieden in Brandenburg eine eigene Welt erschaffen. Sie ist pink und manche verwechseln sie mit einer Vagina.

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März 25 2014, 1:00pm

Wenn man unter anderem aus New York und Berlin stammt, wohin verschlägt es einen dann, wenn man sein zweites Studioalbum aufnehmen will? Ganz klar, in die Einsamkeit des kiefernbewaldeten, südbrandenburgischen Landstriches rund um Cottbus. Hier baute die Band Fenster in einer Holzhütte kurzerhand ihr eigenes Studio auf, um The Pink Caves einzuspielen. Abgeschieden von der Hyperzivilisation schuf man sich seine eigene Welt—hier fungiert ein Haus als Instrument, als Fluchtpunkt, als selbstauferlegtes Exil.

An den Antworten von JJ Weihl und Jonathan Jarzyna erkennt man, dass diese Sphäre die Bandmitglieder noch immer in ihrem Bann hält. Sie wurden von diesem mysteriösen, verschrobenen Ort verschluckt, in der sie sich keine Gedanken um Raum und Zeit machen mussten. Am besten veranschaulicht dies wohl das Video zur ersten Single „In The Walls“. Man könnte meinen, die Schauspielerin ist eine Metapher für die Band und das Album, wie sie letztlich im ausgeblichen pinken Dunst von ihrer eigenen Umgebung aufgesogen wird.

Noisey: Die audiovisuelle Verschmelzung in eurem neuen Video zu „In The Walls“ fühlt sich wie ein Instagram-Alptraum in Zeitlupe an. Wer hat diesen Traum geträumt?
Jonathan Jarzyna: Das Konzept für das Video hat sich Bryn Chainey erdacht, mit dem wir auch schon die Videos für „2.7 XO 17“ und „Oh Canyon“ gemacht haben. Der Songtext ist so etwas wie eine paranoide Erzählung von jemanden, der von seinem eigenen Haus angegriffen wird. Es ist alles ein wenig unheimlich, aber auch sehr sinnlich, Bryn konnte das gut festhalten.

Im Teaser zu eurem neuen Album sieht man, wie ihr eine Armbanduhr in ein Instrument verwandelt. Ihr mögt es, grundsätzlich mehr als nur Schlagzeug, Gitarren und Synthesizer zu nutzen. Woher stammt dieses Interesse an ungewöhnlichen Instrumenten und ist das ein Versuch, der inhärenten Monotonie der üblichen Band-Konstruktion zu entfliehen?
Ich denke, es ist eine Mischung aus kindlicher Neugier und ADS. Wir fangen irgendwann an, herumliegende Dinge in die Hand zu nehmen und mit ihnen zu spielen, um zu hören, wie sie klingen, um sie aus Versehen oder mit Absicht zu zerbrechen. Nichts wird in einem Vakuum kreiert, es fühlt sich einfach natürlicher an, als so etwas zu verdrängen. Wir wollen nicht zu sauber klingen, wir mögen Fehler und unvorhergesehene Geschehnisse, aber wir versuchen sie trotzdem intentional zu nutzen. Diese klassische Rock-Band-Aufstellung beengt uns einfach zu sehr. Es sollte keine Regeln geben.

Auf eurem ersten Album Bones konnte man die Klänge der Berliner S-Bahn, eines abstürzenden Fahrstuhls oder von Sirenen vernehmen. Welche Geräusche erwarten uns auf The Pink Caves?
Im Prinzip haben wir das Haus, in dem wir aufgenommen haben, als Instrument genutzt, zusammen mit all dem, was darin zu finden war—zuschlagende Türen, das Wasser im Brunnen unter dem Haus, Glocken, Streichhölzer, die Geräusche eines Feuers, Tiere vor dem Haus, Kerzenleuchter, Uhren, Staubsauger, Kettensägen oder Kleiderbügel. Gerade in den letzten Tagen der Aufnahmen haben wir einfach spontan Spuren mit diesen Objekten aufgenommen. Die Geräusche haben wir dann weiterverarbeitet und abstrahiert, so dass sie auf verschiedene Art und Weise ihren Weg auf das Album gefunden haben.

Im Vergleich zum Debütalbum Bones klingt The Pink Caves weniger eingängig. Wolltet ihr euer Zweitwerk bewusst experimenteller und weniger poppig halten?
So sind wir eigentlich nicht an die Sache herangegangen. Wir wollten einfach Musik machen, die sich neu, inspirierend und herausfordernd anfühlen sollte. Wir wollten das erste Album nicht einfach noch mal nachbilden, das hätten wir wahrscheinlich auch nicht geschafft. Bones haben wir in acht Tagen in einem Keller mit nur einem Mikrofon aufgenommen. Für das zweite Album konnten wir mehr Ausrüstung sammeln und hatten mehrere Wochen Zeit, in eine neue sonische Welt abzutauchen. Wir wollten neue Dinge ausprobieren, verspieltere Arrangements erschaffen, einen Trip durch ein Wurmloch wagen und dabei dem Wind zuhören. Wir sind beide Film- und Science-Fiction-Nerds und so wollten wir Musik schreiben, die auf ästhetischer Ebene in einem surrealen Raum existieren könnte—irgendwo nicht unbedingt auf diesem Planeten oder vielleicht doch irgendwo unsichtbar auf der Erde.

JJ kommt aus New York und Jonathan aus Berlin. Ihr hättet sicherlich ein gutes Studio in den zwei Städten gefunden, allerdings seid ihr tief in die Kiefernwälder Brandenburgs gefahren, um The Pink Caves aufzunehmen. Warum?
Wir mögen einfach keine Studios. Wir erschaffen uns lieber eine eigene Atmosphäre, in der wir träumen und experimentieren können, ohne Zeitdruck zu verspüren. Wir können einfach die ganze Nacht aufbleiben, baden gehen, Whiskey trinken, mal eine Synthesizer-Spur aufnehmen, dann wieder in die Sterne gucken und nackt tanzen, und um 6 Uhr stehen wir wieder auf und fangen wieder von vorne an. Also haben wir das Album in einer Holzhütte in der Nähe von Cottbus zusammen mit unserem Produzenten Tadklimp aufgenommen. Er und unser Multiinstrumentalist Rémi Letournelle haben das ganze Haus verkabelt und es in ein Heimstudio verwandelt, so dass wir alle in anderen Zimmern seien konnten, aber trotzdem über Kopfhörer miteinander gespielt haben.

War diese Hütte in der Nähe von Cottbus, in der ihr euer Album aufgenommen habt, eure pinke Höhle? Oder was bedeutet The Pink Caves?
Wir haben eine Dokumentation über das bizarre Amerika gesehen und in einer Episode ging es um diese fanatische, religiöse Gruppierung der Westboro Baptist Church. Sie interviewten einen kleinen Jungen und er erzählte ihnen von einem Ort, an den man geht, um zu sterben. Dieser Ort nannte sich Pink Caves. Wir fanden dieses Konzept eines imaginären Himmels sehr eindrucksvoll und surreal und hatten sofort ein Bild in unserem Kopf von einer farbenfrohen, mysteriösen Welt, die wir erkunden wollten.

Auf Brooklyn Vegan hat Anonym unter einem Bericht über euch folgendes kommentiert: „I’d like to enter her pink cave“. Möchtet ihr dazu etwas sagen?
Naja, Menschen denken halt an Vaginas, und dann soll es so sein. Haters gonna hate, players gonna play. Die Worte Pink Caves rufen Assoziationen hervor, und da mag der eine an Gehirne denken und der andere an Geschlechtsorgane oder vielleicht auch Gnome. Wir empfinden das eher als einen abstrakten, mystischen Ort. Aber jeder ist dazu berechtigt, sich seine eigenen dummen Gedanken zu machen, gerade wenn er auf seinem anonymen Geschützturm im Internet sitzt.

Die Dramaturgie eures neuen Albums ist ziemlich interessant. Der Opener „Better Days“ geht ziemlich voran und schafft eine sehr dichte Atmosphäre, die im starken Kontrast zum schwebenden, verhallten Rest des Albums steht. Warum habt ihr gerade diesen Song an den Anfang gestellt?
Es fühlte sich einfach gut an, mit so einem Energieausbruch zu starten, so als würde man in das Unbekannte springen und in eiskaltem Wasser landen. Der Song erreicht in der Mitte einen Höhepunkt, explodiert und löst sich danach auf. Man bleibt zurück an einem dunklen Ort, um sich von dort aus nur mit einer Schachtel Streichhölzer, einer Laterne und einem Zaubertrank durch den Rest des Albums zu navigieren.

Die Songs „Mirrors“ und „Hit & Run“ klingen aufgrund ihrer Mehrstimmigkeit, der hohen Stimmenlage und der hallenden Atmosphäre wie kirchliche Musik. Ist jemand von euch religiös oder woher kommt stammt dieser musikalische Einfluss?
Nein, wir sind alle gottlose Heiden, Kommunisten, Atheisten, Wissenschaftler und Schlimmeres. Kein Gott wohnt uns inne. Aber wir lieben Polyphonie und Nachhall. Warum pickt sich die Religion eigentlich immer all die guten Dinge heraus?

In eurem Pressetext tauchen die Namen David Lynch und Albert Camus auf. Ihr habt auch bereits angedeutet, dass Film und Literatur einen großen Einfluss auf euch ausüben. Welche Persönlichkeiten findet ihr inspirierend?
Lynch, besonders Twin Peaks. David Cronenberg, J. G. Ballard, Neal Stephenson, Philip K. Dick, John Carpenter, Ginsberg, Sylvia Plat, aber auch Filmmusikkomponisten, wie Vangelis, Francis Lai, Jerry Goldsmith und Angelo Badalamenti.

Hat euch selbst schon mal jemand gefragt, Musik für einen Film zu komponieren? Ihr wäret die perfekte Wahl für einen bizarren, verqueren, impressionistischen Film.
Noch nicht, aber wir haben echt Lust drauf. Also ruft uns einfach an!

Was hättet ihr gemacht/gelernt/studiert, wenn es mit Fenster nicht so gut laufen würde?
Zeitreisen, Physik, Pflanzenkunde, herumkaspern und herausfinden, wie der menschliche Körper funktioniert—das ist echt verrückt!

Und als ihr noch Kinder wart, was wolltet ihr da werden?
Falls wir jemals erwachsen werden, dann geben wir dir Bescheid. Aber JJ wollte immer eine richtige Lady werden.

The Pink Caves ist bei Morr (Indigo) erschienen. Holt es euch bei Amazon, iTunes oder Spotify.

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