Interviews zum Heulen—Warum ich vor „professionellen“ Fragestellern Angst habe

„Könnt ihr euch mal auf ein Bein stellen, eure Nippel streicheln und nebenbei ein traditionelles Volkslied pfeifen?“

|
Aug. 27 2015, 7:47am

Ich bin jemand, der schon als Kind völlig besessen von der Idee war, in einer Band zu spielen und auf Tour zu gehen. Nicht, dass ich das ernsthaft als berufliche Zukunft in Erwägung gezogen hätte. Aber in den wirren Fantasien eines 11-jährigen Jungen habe ich Stadien gefüllt, Platten aufgenommen und Musikvideos gedreht. Ich schiebe das auf die Toten Hosen-Dokus, die mir meine Patchwork-Familie damals auf VHS unter den Weihnachtsbaum legte. Auf meinem ersten Computer wurde deshalb auch kein Wolfenstein 3D gezockt, sondern akribisch CD-Booklets und peinliche Grundschul-Lyrics für meine fiktive Rockband getippt. Zu meiner Lieblingsbeschäftigung gehörte schon damals: Interviews schreiben. Ich war mir sicher, da draußen gäbe es nichts Cooleres, als Interviews zu geben, also führte ich einfach welche mit mir selbst. In verschiedenen Rollen, mit verschiedenen ausgedachten Magazinen. Ich war ein komisches Kind.

16 Jahre später stehe ich in einem Wellblechcontainer in Florida und reiche einem verschwitzten, pummeligen Radiopraktikanten die Hand. Es ist Pressemarathon auf der Vans Warped Tour und wie jeden Tag geben wir als einzige deutsche Band auf der US-Tour eine handvoll Interviews. Irre! Ich könnte schreien: „Ich gebe echte Interviews, gleich mehrere am Stück. Seht mich an! Mein Traum ist wahr geworden!“ Könnte ich. Wenn die Wahrheit nicht in drei von vier Fällen gähnend langweilig, frustrierend oder gar demütigend wäre.


Wenn man nicht gerade zu den 20 angesagtesten Acts des Sommers gehört und für seine aktuelle Platte auch nur ein Fünkchen Publicity braucht, kann man sich oft nicht aussuchen, mit welchem Magazin, Radiosender oder Blog man sich an einen Tisch setzt. Besonders als Kapelle mit Wurzeln im Underground kann man nicht der Arsch sein, der die Schülerzeitung vom Gymnasium Bad Biberau nicht in den Backstage lässt, bloß weil er am Vortag zehn Minuten bei Radio Eins am Mikrofon saß. Wenn man sich als Band dann komplett öffnet und alles mit nimmt, was geht, landet man schnell in einem Strudel aus Interview-Situationen, die einem nicht nur jede Menge Geduld abfordern, sondern ab und zu auch verlangen, dass man den Respekt an sich selbst am Eingang zum Pressezelt ablegt.

„Wie seid ihr eigentlich auf den Namen gekommen?“

Im Juli 2014 sitzt mir ein junges Mädchen von irgendeiner Campuszeitschrift gegenüber und streicht einen knittrigen Zettel auf ihren Knien glatt. „Na dann hoffe ich mal, dass euch die Fragen gefallen.“ Wir lächeln freundlich zurück und betonen: „Wir sind da nicht so wählerisch. Solange du uns nicht nach dem Bandnamen fragst! Haha!“ Gemeinsames Gelächter. Die Dame räuspert sich: „Dann mal los. Vorneweg: Wie seid ihr eigentlich auf den Bandnamen gekommen?“ Verzweifelt suchen wir nach dem sarkastischen Augenzwinkern, der ironischen Lachfalte in ihrem Gesicht. Aber Fehlanzeige. Sie meint es ernst. Trotz der humoristischen Vorwarnung. Unsere Mundwinkel kippen nach unten. Hier will uns jemand leiden sehen.

Die Einstiegsfrage nach dem Bandnamen ist inzwischen ein weit verbreitetes Klischee und global anerkanntes Symbol für schlechte Interview-Kultur. Man munkelt, in gröberen Teilen der Welt wurden als Antwort schon Interviewer abgestochen und Uni-Radios gesprengt. Dass die Frage trotzdem mindestens in jeder zweiten Interviewsituation aufkommt, ist mir daher ein absolutes Rätsel. Was nach Jammern auf hohem Niveau klingt, ist in der Realität nicht selten das Zünglein an der Wage zum Nervenzusammenbruch. Müsste ich realistisch schätzen, würde ich sagen, ich habe die Herkunft unseres Bandnamens inzwischen um die 300 Mal erklärt. Besonders problematisch ist dabei, dass nicht nur die Frage selbst, sondern in den meisten Fällen auch die Antwort völlig uninteressant ist. Kein Bandname ist so crazy, dass ich seinen Ursprung wissen möchte und keine Entstehungsgeschichte war jemals so interessant, dass ich sie mir gemerkt habe. Bitte verbieten!


„Wie, ihr seid gar nicht Enter Shikari?“

Das Bandnamen-Debakel kann u.a. verschlimmert werden, indem man direkt nach dem falschen Namen fragt. Verwechslungssituationen sind schon im alltäglichen Leben fruchtbarer Nährboden für Peinlichkeiten jeder Art, das macht die Anwesenheit eines Aufnahmegeräts nicht besser. In meiner persönlichen „Top 10 of peinliche Scheißmomente“ findet sich deshalb besonders gut platziert: Vom Interviewtermin weggeschickt werden, weil man vom Journalisten für den falschen Künstler gehalten wird.

Gedächtnisprotokoll #1—Ort: Jena, Deutschland

Frage: „Also, erste Frage Jungs: Wie seid ihr eigentlich auf den Namen...“
Antwort: „Oh Gott.“
Frage: „... Supershirt gekommen?“
Antwort: „Was?“
Frage: „Wie seid ihr auf den Namen Supershirt gekommen?“
Antwort: „Da musst du Supershirt schon selbst fragen. Das ist die Band da drüben.“
Frage: „Oh Shit! Oh Shit! Wer seid ihr?“
Antwort: „Wir sind Captain Capa.“
Frage: „Ohje, wie peinlich! Das tut mir jetzt iiirre leid!“
Antwort: „Macht ja nix.“
Frage: „Uff. Na gut. Dann, äh...“
Antwort: „Hm?“
Frage: „Dann brauch ich euch nicht, glaub ich. Sorry! Schickt ihr die Jungs her?“

Weggeschickt zu werden, kann in dem Moment aber auch eine Erlösung sein. Richtig unangenehm wird es nämlich, wenn der Fragesteller versucht, die Verwechslung zu überspielen und alle Beteiligten zu einem 20-minütigen Interview zwingt, die er danach sowieso beschämt vom Diktiergerät löscht.

Gedächtnisprotokoll #2—Ort: Hartford, USA

Frage: „Sooo... glad you could make it, Captains!“
Antwort: „Yeah, we're happy, too!“
Frage: „Let's kick it off – you guys came all the way from Europe to tour the United States, hm?“
Antwort: „Yeah, we did! We came aaall the way from cold Germany to play for you guys!“
Frage: „Haha, wow, I always thought you guys are French?“
Antwort: „Oh, no, unfortunately we aren't.“
Frage: „But why do you have the French flag on your CD cover?“
Antwort: „What? We don't.“
Frage: „Yes you do.“
Antwort: „No we don't.“
Frage: „But... but I...“ (wühlt in seinen Unterlagen herum) „I am talking to Chunk No Captain Chunk, right?“

Nasale Stimme aus dem Off: „Awwwkwaaard.“

Bei den täglichen, amerikanischen Pressemarathons wurden wir irgendwann so oft verwechselt, dass ich zeitweise mit dem Gedanken spielte, mich mit der Rolle als Enter Shikari Sänger anzufreunden und Gerüchte über die UK-Band zu streuen. „What? Yes, of course I am that guy... and of course I'm on Ketamine and boy, do I hate the United States and all of our fans.“


„Der Sänger lacht und sagt, er sei der Geilste.“

Eine Lektion, die ich mir am liebsten hinter die Ohren tätowieren würde, ist diese: Gib keine Interviews für Menschen ohne Aufnahmegerät. Wer mit Notizblock und Kugelschreiber bewaffnet aufkreuzt und vorhat, dich mithilfe dieser Hi-Tech-Gerätschaften später in einer Zeitung zu zitieren, könnte genau so gut stattdessen mit deiner senilen Oma telefonieren. Wenn du dir zwei Minuten leidenschaftlich über deine neue, geile Bandbesetzung und zehn neue Songs den Mund fusselig redest und dein Gesprächspartner daraufhin nur nickt und eine einzige, unleserliche Zeile in seinen Block kritzelt, kannst du dir sicher sein, dass du gerade genauso gut in einen Mülleimer hättest reden können. Zwei Wochen später, wenn der Artikel getippt werden will, wird der Redakteur einen Blick auf sein Gekritzel werfen und lesen: „BANDBSTZNG … NEU! … DYNAMISCH … SPIELT GITARRE UND SYNTHESIZER... ZHN SONGS... GEIL“ Kurz darauf wird irgendein entfernter Verwandter bei dir anrufen und dich fragen, warum du dem Kulturteil der Tageszeitung erzählt hättest, du seist der Geilste und würdest auf der Bühne ganz besonders dynamisch Gitarre und Synthesizer mit den Zähnen spielen.“


„Könnt ihr euch mal auf ein Bein stellen, eure Nippel streicheln und nebenbei ein traditionelles Volkslied pfeifen?“

Besonders vor laufender Kamera wird man als Band gerne mal zu bestimmten Aktionen genötigt, für die man sich im Nachhinein kopfschüttelnd schämt. Warum man sich trotzdem hin und wieder zu derlei Unannehmlichkeiten hinreißen lässt, hat mehrere Gründe: Man will nicht unhöflich sein, man will vor der Kamera und vor etwaigem Publikum nicht als Spielverderber dastehen, im Hier und Jetzt wirkte die Situation nicht halb so bescheuert wie rückblickend auf YouTube oder man hat einfach nicht die Eier dazu, mal auf den Tisch zu hauen und den Raum zu verlassen. So landen dann Perlen im Netz wie „Captain Capa versuchen, 20 saure Bonbons auf einmal zu lutschen“ oder „Captain Capa werfen ihre Baseballmützen in die Kamera“. Auch in diesem Bereich geht die Trophäe eindeutig wieder nach Amerika, wo man uns tagtäglich um Ausdruckstänze und ähnlichen Firlefanz bat, um 300 Abonnenten auf Youtube ein müdes Lächeln abzugewinnen. Ein eindeutiges Highlight war diesbezüglich der überdrehte Moderator einer gänzlich unbekannten Web-Show, der uns zu einem Interview in einer Duschkabine zwang. Einschließlich „Singt mal in den Duschkopf!“ Wir wissen bis heute nicht, was aus dem fragwürdigen Material geworden ist, gehen aber davon aus, dass wir es irgendwann in einer Amateur-Gay-Compilation auf Youporn wiederfinden.


„Schönen guten Morgen, erzähl mal ein paar Weibergeschichten!“

Frühstücksradio wird in einigen Teilen der Republik noch ganz, ganz groß geschrieben. Wer es ins Frühstücksradio schafft, hat ausgesorgt. Ich konnte zu einem zehnminütigen Live-Interview am Morgen für einen Thüringer Jugendsender also unmöglich nein sagen, als das Telefon klingelte. Als freischaffender Künstlervogel stehe ich für nicht viele Dinge vor 11 auf, aber wir sprechen hier vom FRÜHSTÜCKSRADIO, ja!? Pünktlich um 6:10 vibriert das Handy und ein vor Energie strotzender, junger Mann schreit mir in den Hörer: „Guuuten Morjen eeey!! Sprech ich da mit CAPTAIN CABBAAAA? HAHA YEAH!!“ Oha. Ich quäle mir so viel Freundlichkeit aus den rostigen Stimmbändern, wie möglich: „Heheee, j... ja, genau!“ Doch der quirlige Radiomensch legt erst richtig los. „Sache mal, wie kommt mä eigentlich auf so 'nen crazy Namen, eeey, Captain Cabbaaa?“ Egal, durchhalten, dranbleiben, Frühstücksradio. Dann wird es brenzlig: „Jetzt sag mal, so auf Tour, da is doch sicherlich ordentlich was los mit den MIEZEN!!“ Miezen? „Wie bitte?“ - „Du weiiiißt schon, Groupies, süße Mädels, Weiber! HAHA YEAH!!“ - „Äääh...“ - „Haste vielleicht irgendwelche Tipps un' Sprüche für uns're Hörer da draußen zur frühen Stunde, wie mä als Band so richtig süße Mädels klarmacht!?“ - „Also, ääh...“ „HAHA ich merk schon, sowas behält man dann doch lieber für sich, nä!? DA BLEIBT MEHR ÜBRIG FÜR EUCH HAHAHÄ!!“ Wenige Minuten später versuche ich krampfhaft zurück in den Schlaf zu fallen, doch ich starre nur mit offenen Augen an die Zimmerdecke und fühle mich, als hätte mich der versaute Onkel auf dem dörflichen Familienfest gerade anzüglich begrabbelt.


„Lügt ihr uns gerade an?“

Irgendwann explodiert auch dem geduldigsten, sanftmütigsten Künstler die Halsschlagader. Zum Beispiel, wenn der Konzertveranstalter nachts um Zwei nach der Show noch fix eine passionierte Freizeit-Journalistin vom örtlichen Szene-Blatt in den Backstage schiebt, um euch „noch das eine, fixe Interview“ aus dem Kreuz zu leiern, und diese dann folgendermaßen ins Gespräch einsteigt:



Vom Konzert zermartert, vom Backstage-Bier ermutigt und von der Frage entsetzt, könnte man sich in diesem Fall z.B. eine Pistole nehmen und sich vor allen Anwesenden eine Kugel in den Kopf jagen. Man könnte sich auch zusammenreißen und debil grinsend auf einen Fragenkatalog antworten, in dem sich exakt jeder einzelne Punkt mit unserem winzigen Wikipedia-Eintrag beantworten ließe. Man könnte sich aber auch noch fix einen Schnaps in die Kehle schleudern und sich 20 Minuten lang absoluten Blödsinn aus den Fingern saugen und dann darauf wetten, ob der Mist tatsächlich gedruckt wird oder nicht. Spoiler-Alarm: Wird er.

Aber was solls. Wie immer in meinem Blick hinter die schmierigen Kulissen sind das hier die Tiefpunkte des Frage- und Antwortspiels im Pressebereich. Wenn auf jedes dritte schlecht vorbereitete, lieblos heruntergeratterte Blog-Interview ein angenehmes folgt, bei dem der Interviewer vorher zumindest einen Blick auf die Biographie der Band geworfen hat, kann man den nächsten Interview-Tag im Labelbüro wohl unbeschadet überstehen. Allen angehenden Hobby-Journalisten rate ich an dieser Stelle zu einer Prise mehr Mut beim Fragestellen. Kein Schwein will wissen, warum eine Band ausgerechnet Electronica oder Ska-Punk oder Blasmusik macht und wann die Band sich kennengelernt hat, steht ganz sicher schon auf zwanzig anderen Gammelseiten. Allen angehenden Künstlern rate ich dasselbe, sonst steht ihr irgendwann auch auf einem Bein vor der Kamera, schmeißt eure miefigen Basecaps ins Bild und lasst euch von einem Verrückten in der Dusche interviewen.

Lesung:

Captain Ashi auf dem Reeperbahn-Festival in Hamburg aus seinen Noisey-Kolumnen vorlesen.

Mehr von Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos:

Warum dein letzter Konzertbesuch eine gnadenlose Enttäuschung war—Ein Erklärungsversuch
Abenteuer Videodreh: Geschichten aus dem Low Budget-Fegefeuer
Die ätzendsten Jobs auf Tour (und wieviel du dabei trinken darfst)
Ein Bett in der Hölle—Die acht schlimmsten Schlafplätze auf Tour
Der ultimative Fress-Guide des Tourlebens
Der Noisey Guide To Ostdeutsche Dorfdiscos
Wie betrunken du noch auf die Bühne gehen kannst
10 Lügen über das Bandleben
Unglaublich luxuriöse Wahrheiten über das Bandleben
7 Arten von Fans, vor denen du Angst haben musst

Captain Capa auf Facebook

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.