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Noisey Blog

Die ultimative Wutbürger-Playlist und was Roxette und 50 Cent damit zu tun haben

Roxette, Whitney Houston und 50 Cent wurden alle irgendwann mal von Marco Delgardo produziert. Der hat jetzt angeblich eine AfD-Hymne geschrieben—und er ist leider nicht der einzige.

Georg Bakunin

Was haben Roxette, Whitney Houston, 50 Cent, Kid Rock, Atomic Kitten, Pitbull und die Vengaboys gemeinsam? Also abgesehen von vergangenen Erfolgen, dem ein oder anderen Drogenproblem und teilweise fragwürdigen Frisuren? Richtig, sie alle wurden irgendwann mal von Marco Delgardo produziert. Das ist dieser Komponist und Produzent mit dem Meister Proper-Gedächtnislook und einem Bart, den man im Brazilian Waxing-Studio „Landebahn“ nennt. Ihr wisst schon. Falls nicht, guckt euch ein Foto von Marco Delgardo an.

Geboren in Miami als Sohn eines Richters und einer Bankkauffrau und auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit angeblich 183 Gold- und 54 Platinauszeichnungen ausgestattet, gibt es eigentlich kaum einen Grund, warum er sich beispielsweise mit dem DSDS-Gewinner Dingenskirchen Namenhabichvergessen zusammen tat, obwohl dieser wenige Tage nach dem Gewinn der Bohlen-Show als Enkeltrickbetrüger bloßgestellt wurde. Jeder weiß doch, dass Enkeltrickbetrüger nur noch von AfD-Fans übertroffen werden, was schamloses Lügen und die Verdrehung von Tatsachen betrifft. Womit wir beim Thema wären.

Laut verschiedenen Pressemeldungen hat Delgardo nämliche eine AfD-Hymne geschrieben. Titel: „Petri Heil, Frauke rette unser Land“. Klingt erst mal nach so mittelmäßigem Jan Böhmermann-Humor. War aber wohl tatsächlich geplant. Da der Produzent die Meldung jedoch halbherzig dementierte („Es gab diese Anfrage, das Lied ist aber nicht existent“), hatten wir uns schon fast wieder spannenderen Themen zugewandt, etwa dem Gerücht, dass AfD-Spitzenkandidat Bernd Höcke auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zusammen mit dem Bund Deutscher Mädel einen „Fräulein Deutschland“-Schönheitswettbewerb veranstalten möchte. Aber traurigerweise stellte sich das Höcke-Gerücht als falsch heraus und ein kurzer Blick auf die Facebook-Seite von Marco Delgardo ließ die Annahme, dass er für die Petry-Partei komponiert, ziemlich plausibel erscheinen.

Dort wimmelt es nur so von „Artikeln“ seines eigenen Blogs Delgardo.TV. Neben dem allseits bekannten Lügenpresse/Volksverräter-Gedöns, finden sich hier auch Texte, die erneut darauf hinweisen, dass es sich durchaus um Satire handeln könnte. So schreibt Delgardo etwa über den wegen eines schweren Sturms abgesagten Karnevalsumzug in Düsseldorf: „Während in sämtlichen deutschen Medien (...) behauptet wird, man müsse mit massivstem Sturm rechnen, gibt es in keiner ausländischen Wetter-App auch nur annähernd ähnliche Meldungen. Stellen wir also fest: Wir wissen es nicht wirklich, aber es sieht aufgrund der völlig konträren Wettervorhersagen unserer Nachbarländer (...) schon extrem komisch aus.“ Potzblitz, Lügenwetter!

Nach der Lektüre seiner geistigen Ergüsse ist es fast schon ein wenig tragisch, dass wir offenbar doch nicht in den Genuss seines Frauke Petry-Songs kommen werden. Schließlich haben derlei Kompositionen meist größten Unterhaltungswert. Bis dann vielleicht doch irgendwann mal ein paar Marschlieder aus dem Hause Delgardo erscheinen, mussten wir uns also wohl oder übel mit anderen Lachnummern zufriedengeben, die durch ihre Musik wahlweise das Deutsche Volk aufwecken, eine neue Nationalhymne erfinden oder die „Antifa-Faschisten“ demaskieren wollen.

Zum Glück ist das Weltnetz und die Plattform DuRöhre (auch YouTube genannt) voll von Liedermachern und Vollzeit-Alkoholikern, welche die deutsche Schnapsfahne hoch halten. Oder wie es Villain051 (das ist dieser Rechts-Rapper der annimmt, Deutschlands Freiheit wird am Schwenkgrill verteidigt) formulierte: „Skandal! Ich liebe mein Land.“ Wort, Bruder! Denn schon Schopenhauer wusste: „Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte.“ Hier nun also ein paar Beispiele, die auf keiner Burschenschaftsfeier oder Clausnitz-Party fehlen dürfen. Rave on, Dunkeldeutschland!


Jera—„Aufstehen“

Los geht’s mit dem Klassiker in der Wutbürger-Playlist. Jera aka Melanie Dittmer mit ihrer ureigenen Version von „Get up, stand up“. Bob Marley rotierte beim Erscheinen des Liedes so heftig in seiner Grabstätte, dass eine große Maulwurf-Flucht begann. Ob es dazu auch bald einen Song der erklärten Flüchtlingsgegnerin und DüGiDa-Anmelderin gibt ist ungewiss. Ihre Band beschreibt sie als „ein musikalisches Projekt deutscher Patrioten.“ Weiter heißt es „Nennt es den wahren Roots Reaggae. Nennt es frech. Call it what you like to call it.“ Ok Mel, then i would like to call it bloody scum.

Reggae und Rassismus sind allerdings nicht die einzigen Widersprüche in ihrem Leben. So fiel sie unter anderem durch die Aussage „Es muss nicht sein, dass wir überall McDonalds und Burger King und ganze Straßenzüge voll mit ausländischen Restaurants haben“ bei SPIEGEL TV auf. Blöd nur, dass Aktivisten daraufhin ein Foto ihres angeblichen Lebensgefährten Marcel K. ins Netz stellten, auf dem dieser mit schicker Burger King-Kappe am Drive In-Schalter steht und Pommes verkauft. Achtung Flachwitz: Besorgte Burger sind offenbar ebenfalls auf der Speisekarte. Ansonsten macht sie sich für tote Hunde stark und stellt Videos von „Mordanschlägen“ auf sie selbst ins Netz, auf denen nichts zu sehen ist, außer einer Handvoll vermummter Kids, die ihr mit einer Anzeige drohen, wenn sie weiter filmt. Was bleibt noch zu sagen? Auuufstehn, raaausgehn.


Unbekannter Interpret—„Wir sind das Volk“

Weiter geht’s mit dem Dauerbrenner-Motto „Wir sind das Volk“. Leider wollte sich in diesem Fall kein Interpret öffentlich outen. Melodie, Text, der Hintergrundchor und das gruslige Bon Jovi-eske Gitarrensolo deuten allerdings stark auf jemanden hin, der nebenbei Werbejingles für Katzenfutter, örtliche Sparkassen-Filialen und thüringische Erlebnis-Bäder produziert. Der harmlose Biedermeier-Anstrich täuscht, Textzeilen wie „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten/Vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott/ Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten/ dann richtet das Volk und dann Gnade euch Gott“ sind auch nur die nette Version von „BRD GmbH und Volksverräter am nächsten Baum aufknüpfen“. Das wird man ja wohl noch singen dürfen. Die Akkorde sind anspruchslos genug, dass der durchschnittliche Kartoffelsack problemlos im Takt mitschunkeln kann. Aber auch der ein oder andere Sack Reis in China wurde schon beim rhythmischen Klatschen erwischt. Dabei sieht man sich natürlich in der Tradition der Wende-Proteste und macht das auch optisch deutlich. Dass die führenden Persönlichkeiten der damaligen Bewegung längst ihre Abneigung ausgesprochen haben und dem aus Rentnern und Hooligans bestehendem Mob die Benutzung der Parole absprachen, zählt nicht, denn: Wirr ist das Volk!


Villain051, Sandra K. & Klampfe—„Brüder im Geist“

„Viele wollen hustlen, doch tanzen wie Schlampen auf dem Eis“. Was immer uns Villan051 damit sagen will, es beschreibt seine Videoperformances ziemlich genau. Der junge Mann ging vor einiger Zeit bereits viral, als er sich mit zwei Deutschlandfahnen tragenden Wachsfiguren—welche sich später doch noch als zumindest atmende Personen herausstellten—vor eine Erstaufnahmeeinrichtung im Osten Berlins stellte und mithilfe der Band A3stus den Kracher „Für unsere Kinder“ aufnahm.

Dort erzählt er davon, dass Zion bald fällt und dunkle Mächte das Gold der Deutschen wollen. Darauf ein Bier! Unvergessen seine Line „Neuer Deutscher Widerstand, Zweitausend Fürzen.“ Aber der Mann mit dem dem unverkrampften Patriotismus hat bereits zuvor Songs ins Netz gestellt. So tänzelte er mit DEE EX, die schon lange mit Querfront-Rap auf sich aufmerksam macht, vor dem Brandenburger Tor herum und rappte: „Uns steht das Wasser bis zum Hals hier im Fadenkreuz/Wenn ich sage stark und deutsch red ich nicht vom Hakenkreuz.“ Und nein, das ist keine Line von Flers NDW-Album.

Leider wurde der gute Villain, der mit Nazis natürlich nichts am Hut hat, im Sommer 2015 Opfer einer total unbegründeten Razzia im rechtsextremen Hooligan-Milieu. Dabei wurden er und drei weitere Kameraden vorläufig festgenommen. Naja. In diesem Fall sitzt er mit einer Frau, die entweder ein Alien mit Mundspastiken ist oder ganz doll Angst vor irgendetwas hinter der Kamera hat und einem peinlich berührten Jungkader in irgendeinem Landschulheim und versucht krampfhaft gegen das schiefe Geschrammel anzurappen. Viel Spaß.


PEGIDA—„Hymne“

Last but not ...Verzeihung. Zu guter Letzt nehmen wir uns der PEGIDA-Hymne an. Die hat offensichtlich keinen Text, stattdessen brüllen alle ständig „Lauaauuuteeeer!“, da die Hörgeräte-Industrie in Sachsen offenbar auch nicht mehr das ist, was sie zu DDR-Zeiten mal war. Zusätzlich wedeln die Demonstranten wild mit Taschenlampen in der Gegend herum und starren in den Himmel. Ob auf der Suche nach Erlösung oder Bomber Harris ist nicht ganz klar. Bei uns kamen automatisch Assoziationen zu der Independence Day-Szene auf, in der all diese bekloppten Hippies auf dem Dach stehen und das Raumschiff bejubeln. Was dann passiert wissen wir. Leider stoppt das YouTube-Video in diesem Fall kurz vor der Ankunft der arischen Aliens, welche seit Längerem hinterm Mond ihre Basis haben. Laut Videobeschreibung ist man ziemlich stolz darauf, dass die Hymne bei Amazon auf dem ersten Platz rangierte. Das ist ja auch was tolles. Denn neben dem Verkaufsangebot zur Hymne gab es den offiziellen Hinweis: „Amazon hilft—Die Erlöse von Amazon aus dem Verkauf dieses Songs gehen an eine gemeinnützige Organisation zur Unterstützung von Flüchtlingen.“ Kurz darauf war der brachiale Wagner-Abklatsch dann auch aus den virtuellen Regalen von Amazon verschwunden. Schade eigentlich. Und jetzt: Let's dance, Kameraden!

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 21. Juni 2016 von der Redaktion geändert.