Abby erzählen uns ihre Geschichte

Und das besondere dabei ist nicht was sie erzählen, sondern wie sie es tun. Frontsänger Filou hat uns die Hintergründe zum neuen Album erklärt.

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Okt. 17 2013, 9:30am

Es ist eine Geschichte über Liebe und Hass, Partys und Drogen, Abschiede und Veränderungen. Und über den Tod. Das ist nun eigentlich nichts Neues oder Außergewöhnliches, denn die Lyrics so unendlich vieler Künstler thematisieren eins dieser Themen. Es ist die Art, wie uns die Jungs von Abby diese Geschichte erzählen, die sie besonders macht. Ihr Debütalbum Friends and Enemies gibt es nun schon etwas länger, aber da sich unsere Wege mit denen der vier Jungs bisher noch nicht gekreuzt hatten, wird es höchste Zeit sie mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach einem durchzechten Festivalsommer sind Abby seit ein paar Wochen auf Tour und begeistern als außergewöhnlich gute Live-Band ihr Publikum mit improvisierten Raves und Instrumenten wie einer Blockflöte oder Autoharp. Ihren einzigen Off Day in Berlin haben sie mit uns verbracht. Naja, fast. Filou, der Frontsänger und Texter hat sich mit uns zusammengesetzt, während Tilly, Lorenzo und Henne gefaulenzt und noch schnell ein paar T-Shirts für die Tour besorgt haben, bei Abby herrscht nämlich extremer T-Shirt-Mangel. Filou hatte glücklicherweise genug Shirts und deswegen Zeit, uns vom Tourleben, den Abbey Road Studios in London und—das Spannendste—dem Konzept, das der Band zugrunde liegt zu erzählen.

Abby ist nämlich eine selbst erklärte Konzeptband. Die Grundidee ist relativ simpel: Vier Jungs erzählen eine Geschichte aus der Sicht einer Frau—Abby. „Wie kann das denn gehen? Habt ihr alle mit der geschlafen oder was?“, werden sie oft gefragt, erzählt Filou. Nein, haben sie nicht (angeblich). Aber Abby steht ihnen nahe. Sie ist Filou vom Wesen sogar sehr ähnlich, meint er. Abby ist der Filter, die Erzählstimme der Band, aber eher als „True Fiction“ zu verstehen, als das genaue Abbild einer Person. (Trotzdem gibt es diese Person im echten Leben, sie heißt nur in Wirklichkeit nicht Abby.) Gut, Abby also. Dann muss diese Abby ja ein ziemlich spannendes Leben führen, dachte ich mir, und war fast ein wenig enttäuscht, als ich erfuhr, dass sie weder elf Finger hat, noch fliegen kann oder über andere Superkräfte verfügt. Aber eines hat sie immerhin: Freunde—and that’s what it’s all about.

Die Musik von Abby beschreibt genau das, was in einem Freundeskreis im Alter zwischen 14 und 30 eben so passiert. Man verliebt sich, entfremdet sich, feiert die wildesten Partys, fährt in die schönsten Urlaube. Die Basis für die Geschichte spielte sich schon auf der ersten und selbstproduzierten EP Welcome Home ab. Das neue Album Friends and Enemies, das schon eine halbe Ewigkeit vor dem offiziellen Release bei Universal fertig war und von der Band witzigerweise auch noch in den Abbey Road Studios gemastert wurde, spinnt den Faden um die Geschichte von Abby und ihren fünf engsten Freunden weiter. Das Ganze ist wie eine musikalische Version von How I Met Your Mother, nur ein bisschen trauriger.

Das Gute ist, wer die Musik einfach nur feiern will oder auf sich selbst beziehen möchte, kann das tun und es wird funktionieren. Denn Tracks wie „Evelyn“ oder „Riddles“, der letzte Song des Albums, der offensichtliche Techno-Zitate enthält und vor allem live sehr gut funktioniert, stehen im Grunde für sich. Falls ihr allerdings Abby-Ultras seid oder es euch einfach interessiert, was eigentlich hinter Songs wie „Wings & Feathers“ steht, könnt ihr nun in die Welt von Adam, Danny und den anderen eintauchen.Filou war so nett, das mal für uns aufzuzeichnen. „Zuhause hatte ich mal so was ähnliches, nur mit 200 Post-its und ganz vielen Bildern. Um mir die interessantesten Personen aus dem Freundeskreis herauszupicken“, erzählt er.


Während er auf dem Papier herumkritzelt, schimpft Filou die ganze Zeit über seine Sauklaue und hat Bedenken, dass wir das überhaupt veröffentlichen können. Was seine Schrift angeht, einigen wir uns dann auf die Bezeichnung „authentisch“.

„Fangen wir in der Mitte bei Abby an“, sagt er und malt einen Kreis auf das Blatt. Ihr Symbol ist ein Sechseck, für Filou übrigens auch das Symbol für Freundschaft, das er sogar als Tattoo unter der Haut trägt. „Die meisten checken leider gar nicht, dass es nicht nur irgendein doofes Hipster-Symbol wie das Dreieck, das man jetzt überall sieht, ist, sondern auch eine Bedeutung hat. Ich steh eben auf solchen Kram. Der Song 'Karma' kommt auch nicht von ungefähr", erzählt er. Abby scheint also nicht nur das Sprachrohr der Band zu sein, sondern ist auch klar als Zentrum des Freundeskreises definiert. „Eine Art Auffangstation“, erklärt er. Sie wird sehr geschätzt, kriegt aber auch alles ab, was manchmal natürlich etwas viel wird. Im Album-Opener „Monsters“ spricht sie zu sich selbst. Filou erzählt, dass der Titel von der Band als Reflektion nach Innen gedacht ist. Monsters ist außerdem ein gutes Beispiel für die musikalische Bandbreite der Band, die von harmlosem Indie-Pop bis hin zu einprägsamen, immer wiederkehrenden Loops aus einem ihrer zwanzig Synthies, die sie auf dem Album verwendet haben reicht. Weder die 70er, noch die Berliner Technoszene sind spurlos an den Jungs von Abby vorbeigangen.

Dann erklärt mir Filou wer Jones ist: ein liebenswerter Kiffer, den man gerne zum Freund hat, der immer gute Laune hat, zu den anderen hält und mit dem es nie Stress gibt. „Jones und Abby fahren jedes Jahr zusammen in den Urlaub, davon handelt der sechste Track „Wings & Feathers“, der auch einen Dialog der beiden enthält“, sagt Filou. Der Dialog geht ungefähr so: Hast du meine Kamera gesehen? Ne, die hast du doch gerade in den Koffer gepackt. Hast du denn den Koffer gesehen? Den hast du doch gerade ins Auto gepackt? Oh Mann, Jones.

Gegen den Uhrzeigersinn geht es weiter mit Annie. Sie ist—wie man dem gleichnamigen Lied „Annie“ entnehmen kann—etwas später zur Truppe dazugestoßen, nach dem Tod zweier geliebter Menschen. Diese beiden kennzeichnet Filou links oben im Bild mit den Liedern „Alright“ und „We don’t worry“. „Ich wollte den beiden nach ihrem Tod irgendwie keine falschen Namen geben, die Lieder handeln jeweils von ihnen“, erzählt er. „Mit „We don’t worry“ habe ich versucht auszudrücken, dass wir einfach nicht entscheiden können, wer gehen muss und wer nicht, das ist traurig, aber es ist eben so." Und auch viele andere Tracks auf Friends and Enemies handeln davon, wie die sechs Freunde mit ihrem Verlust umgehen und versuchen, irgendwie zurecht zu kommen—die einen gut, andere weniger. Danny zum Beispiel entwickelt sich von einem sehr fröhlichen zu einem extrem verschlossenen Menschen, an den niemand mehr rankommt. Der etwas ältere Song „Welcome Home" handelt davon. Und die liebe Annie ist unsterblich in Danny verliebt, nur kommt sie eben auch nicht mehr an ihn ran. „Er ist einfach raus aus dem Game."

Als nächstes ist Evelyn an der Reihe. Sie ist die langjährigste Freundin von Abby und der Song über sie, die wahrscheinlich bekannteste Single der Band. Im Laufe des Gesprächs verdickt Filou den Pfeil, der die beiden Namen verbindet, immer wieder. „'Like Kings' handelt von Evelyn und Abby, als die 14 waren—da war die Welt noch in Ordnung“. So klingt der Track auch. „Evelyn“ versteht sich dagegen als eine Momentaufnahme, zehn Jahre später und beschreibt diese typische Situation, in der eine Einzelperson vom Rest der Gruppe nach einer Niederlage, einem Verlust oder vielleicht nur schlechten Tag ermuntert wird, mal wieder in die Gänge zu kommen, rauszugehen und einfach zu leben. Der letzte im Bund ist Adam. Hätten Abby und Adam einen Facebook Status, wäre er wohl „es ist kompliziert“, denn die beiden sind Freunde, haben aber ganz klar Gefühle füreinander. „Es ist dieses blöde 'wenn wir das jetzt machen, riskieren wir aber unsere Freundschaft'-Ding zwischen den beiden“, sagt Filou. Auf meine Idee hin, auf dem nächsten Album ein Lösungslied für die beiden zu schreiben meint Filou, dass das Ganze keine Gruppentherapie sein soll (ach, nicht?) und gibt zu, dass er sich schon manchmal leicht schizophren vorkommt, wenn er sich in sechs verschiedene Charaktere hineinversetzt.

An diesem Punkt ist es dann Zeit, aus den Tiefen von Abbys Welt aufzutauchen, denn in so was verliert man sich auch leicht. Trotzdem soll das Konzept der Band auch für die nächsten Alben beibehalten und den Fans nach und nach auf der Website mit fiktiven Tagebucheinträgen der Protagonistin offengelegt werden. Damit es nicht zu abgespaced wird, erklärt Filou, dass er in Zukunft nur noch kleine Momentaufnahmen als Basis für die Texte verwenden möchte. Die Lücken und Geschichten dazwischen sollen auf searchingforabby.com gefüllt werden. „Ich plane das Konzept auch filmisch umzusetzen, dann müsste ich ein Drehbuch an den Start bringen und wir würden die ganze Sache als Band vertonen“, sagt er mit einem Leuchten in den Augen. Wer weiß, vielleicht wird ja etwas draus und es gibt bald einen würdigen Nachfolger von Kids. Dass Arcade Fire schon vor über zwei Jahren etwas ähnliches mit ihrem Video zu „The Suburbs" veröffentlicht haben, ärgerte die Jungs jedenfalls ein wenig. Aber hey, sie haben ein ganzes Album.


Wir verlosen 6x2 Gästelistenplätze für die Deutschlandtour von Abby, bitte schreibt uns eine Email mit dem Betreff „Abby + Wunschstadt“ an Alle Termine findet ihr hier:

17.10. Konstanz, Kulturladen
18.10. München, Ström
19.10. Bayreuth, Kneipenfestival
22.10. Würzburg – Cafè Cairo
23.10. Berlin – Bi Nuu
25.10. Dresden – Scheune
26.10. Nürnberg - Nürnberg Pop
27.10. Erfurt – Museumskeller

Das Album Friends and Enemies von Abby gibt es auf iTunes und Amazon.

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