Disarstar will die Revolution—notfalls mit Gewalt

Die Musik von Disarstar liefert den Soundtrack zur Revolution. Wir haben mit ihm über Flüchtlinge, die Sprengkraft seiner Musik und Gewalt als politisches Druckmittel gesprochen.

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Juni 19 2015, 2:00pm

Während sich bei anderen Rappern kurz vor Release in Interviews Eigenlob und Selbstbeweihräucherung abwechseln, macht Disarstar lieber die großen Fässer auf, die er auch auf seinem Album Kontraste ins Visier genommen hat. Der junge Hamburger Rapper bekennt klar Farbe, hat zu allen gesellschaftspolitischen Fragen eine starke Meinung. Das System befindet sich im Zentrum seiner Kritik. Für Disarstar ist es längst an der Zeit für eine Revolution, die in den Köpfen der Menschen beginnt und er möchte dazu den Soundtrack liefern.

Noisey: Dein Album heißt Kontraste. Diesen Titel beziehst du auch auf dich als Menschen: Du sagst, du bist viele Personen in einer. Welche Personen bist du aktuell?
Disarstar:
Jeder Mensch hat viele verschiedene Facetten und nimmt in seinem Alltag die unterschiedlichsten Rollen ein. Du bist zum Beispiel vor deinen Eltern ein Anderer, als der, der du bist, wenn du mit deinen Kumpels abends saufen gehst oder mit deiner Freundin auf der Couch liegst. Jeder Mensch hat diese verschiedenen Seiten. Es gibt ja auch Leute mit einer dissoziativen Störung, die nicht dazu in der Lage sind, ihre Psyche zu sortieren. Das können wir schon, weil wir quasi automatisch dazu in der Lage sind, Moderator zu spielen. Der Unterschied zwischen uns und Menschen mit so einer Störung ist ja eigentlich in erster Linie, dass bei uns die Grenzen zwischen den Charakteren wesentlich gerader verlaufen.

Du spielst auch in deinen Texten viel mit extremen Kontrasten, zum Beispiel dem „Linksextremen“ und dem „Kindergärtner“. Suchst du dir persönlich Grauzonen oder wählst du lieber die Extreme?
Ich glaube, ich bin ein relativ extremer Typ. Wenn ich zornig bin, bin ich extrem zornig. Wenn ich traurig bin, dann bin ich extrem traurig und wenn ich glücklich bin, dann bin ich extrem glücklich. Ich bin sowieso ein bipolarer Typ, der schnell extrem wird. Ich bin also eher kein Typ für Grautöne.

Sagen wir, ein Alien landet auf der Erde, um Deutschrap zu studieren. Macht absolut Sinn…
…machen Aliens ja immer.

…Warum sollte das Alien gerade dein Album hören und nicht zum Beispiel das von Kollegah?
Musik ist Kultur. Musik ist Kunst. Kunst gibt immer einen klaren Eindruck, wie der Geist der Zeit ist, beziehungsweise wie die Menschen ticken. Wenn wir mal irgendwann aussterben und Ausserirdische tausend Jahre später auf der Erde landen, dann sehen sie Bauwerke und so weiter und so fort, aber ich glaube, dass, was ihnen ein wirklich guten Eindruck davon gibt, wie wir waren, ist die Kunst. Ich stelle mich da relativ breit auf. Ich spreche tagespolitische Themen an, bin selbstreflektiert, gebe einen Eindruck davon, wie ich als Mensch bin. Das ist bei Kollegah zum Beispiel nicht so. Der hat andere Vorzüge aber ich glaube, mein Album würde einen konkreteren Eindruck davon geben, wie Menschen im 21. Jahrhundert gelebt haben.

Du bis 1994 geboren, machst schon seit 10 Jahren Musik. Kennst du noch deine ersten Lines?
Schon mit zehn oder elf habe ich in der fünften Klasse angefangen, Rap-Texte zu schreiben. Aber an die erinnere ich mich nicht mehr. Das war eine Mischung aus Vorbildern wie Sido und Unerfahrenheit und sowohl inhaltlich wie auch technisch grausam. Da wusste ich noch nicht einmal, was ein Doppelreim ist. Früher habe ich sowas rein zufällig geschrieben. Das ist Magic, das ist ein Gen, das ist ein sechster Sinn.

Mittlerweile sind deine Themen andere. Flüchtlingspolitik und Gentrifizierung sind nur zwei davon. Kann man mit Musik auch unpolitische Menschen zum Denken bewegen?
Das kann man, wenn man sich selbst nicht ausschließlich auf Politik reduziert. Politik ist ein wichtiger Aspekt unserer Gesellschaft. Doch ganz viele Sachen, vor allem auf der Gefühlsebene, passieren systemunabhängig. Musik ist zwar für mich nicht alles, was zwischen Himmel und Erde existiert, aber es gibt einfach Sachen, mit denen man Leute packen kann, mit denen man sich das Recht erarbeitet, dass sie einem zuhören. Auch wenn man über Themen spricht, die sie im ersten Moment vielleicht nicht so interessieren.

Willst du ein Vorbild für deine Hörer sein?​
Dazu kann man sich nicht entscheiden. Ich glaube, ich bin es gezwungenermaßen. In dem Moment, wo ich vorangehe, bin ich auch jemand, der sich etwas abseits von der Masse platziert und somit auch in einem anderen Licht steht. Ich versuche, den Leuten immer wieder mehr Spaß daran zu geben, sich zu bilden. Das funktioniert zum Teil auch ganz gut.

In „Anno 2300“ entwirfst du das Bild einer Gesellschaft am Abgrund. In einem aktuellen Video-Blogeintrag sagst du passend dazu, dass der linksextreme Weg der einzig richtige ist und das an einer Revolution kein Weg vorbeiführt. Wie sollte die Revolution deiner Meinung nach aussehen?
Im bürgerlichen Parlamentarismus ist es nicht möglich, Veränderungen durchzusetzen. Du kannst Die Linke wählen, die machen dann ein bisschen mehr sozial. Die CDU ist hingegen ein bisschen mehr konservativ. Im Endeffekt verändert sich aber durch keine der Parteien etwas am bestehenden System. Der Kapitalismus ist nunmal so gestrickt, dass es immer Gewinner und Verlierer gibt. Wie eine Revolution aussehen könnte? Da gibt es mehrere Wege. Einiges wird sich von selbst regulieren. Wir sind in der Lage, zu kommunizieren. Die Welt basiert auf Pluralität, aber das heißt nicht, dass sich die prägnantesten Gegensätze nicht aufheben lassen. In Stücken ist das ein evolutionärer, nicht unbedingt revolutionärer Prozess. Natürlich kann man diktatorisch revolutionieren oder rebellieren. Leute enteignen und erschießen, was ich—muss ich ganz ehrlich sagen—in einem bedingten Maße auch nachvollziehen kann. Es kann aber nicht der Sinn der Sache sein, dass du den Bauch der Gesellschaft von der einen Herrschaft befreist und dann mit der nächsten deckelst. Das ist Barbarei. Deshalb würde ich mich auch nie vorbehaltlos mit Leuten wie Stalin oder Mao solidarisieren, weil ich da halt sehr dialektisch rangehe und der Meinung bin, dass in erster Linie in den Köpfen der Menschen etwas passieren muss. Der Kapitalismus frisst sich sowieso von selbst auf. In diesem Land klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander und vor dem Hintergrund steigt die soziale Unzufriedenheit so weit, dass das Interesse an Politik und an Veränderung immer größer wird. Dann kann man nur zusehen, dass man die Leute im Dialog und durch Bildung vom rechten Rand abholt und wenn überhaupt eher in den linken Rand zieht. Was heute links ist, war mal die Mitte und was heute die Mitte ist, ist eigentlich extrem rechts. SPD, CDU, wenn man sich mal auf die Inhalte beschränkt. Deshalb feiere ich die Linke schon, weil die im Parlament wenigstens eine echte Opposition darstellen. Normalerweise stehen ja SPD, CDU, FDP, Grüne und AFD bis auf ein paar kleine Unterschiede im Konsens.

Also ist eigentlich keine Partei wählbar?
Nicht-wählen ist die einzige Option,wenn man bedenkt, dass wählen in Wahrheit nichts verändert. Das ist einfach Verarsche, Quatsch. Der Kapitalismus ist, was er ist. Das Böse sind nicht einmal die Unternehmer. Das Böse ist das Kapital selbst.

Bieten denn Krawalle oder Gewalt in manchen Fällen eine Lösung oder einen Ansatz, um etwas zu verändern?
Wenn du dir die Welt ansiehst—auch aus biologischer, aus geschichtlicher Perspektive, dann ist Gewalt einfach ein Aspekt dieser Welt. Das kann man nicht abstreiten. Ob wir als Menschen evolutionär nicht mittlerweile an einem Punkt sind, an dem es andere Wege gibt, sei mal dahingestellt. Das einzige Problem dabei ist: Um andere Verhältnisse zu schaffen, muss man Leute enteignen. Du wirst nicht an die Elbchaussee fahren und jemandem sagen können: „So, du gibst mir nun deine Villa und deine 14 Sportwagen!“ Was willst du also machen? „Na gut, dann versuchen wir's morgen nochmal?“ So funktioniert das leider nicht. Ich muss dir aber ganz ehrlich sagen, dass das Steine schmeißen am 1. Mai zwar derbe Spaß macht, aber eigentlich auch Quatsch ist. Umso älter ich werde, desto weniger Bock habe ich darauf, Steine auf Polizisten schmeißen. Das macht einfach keinen Sinn und ist kontraproduktiv. Man kann zwar mal seinen Frust abbauen, der ja auch oft begründet ist—dafür habe ich Verständnis. Doch das ist einfach nicht produktiv. Ganz ähnlich die RAF: Das, was die gemacht haben, war der Sache auch nicht zuträglich. Mit Individualterror oder Gewalt in dem Maße spielt man den Mainstream-Medien auch einfach extrem in die Karten, wenn es darum geht. eine Idee zu diffamieren. Steine bringen nichts. Worte bringen auch mehr als Gewehre. Gewehre machen keinen Sinn, wenn nicht die richtigen Worte vorher und nachher gesprochen werden.

In „Kaleidoskop“ erzählst du eine persönliche Geschichte von einem Treffen mit einem Flüchtling, die dich sehr geprägt hat…
Das war ein krass inspirierendes Erlebnis. Ich glaube bei diesen ganzen Menschen im Osten, in Dresden, wo 4000 Moslems wohnen, kommen diese Vorurteile und dieser Anti-Haltung auch nur zustande, weil die Menschen da keinen persönlichen Bezug zu Flüchtlingen haben. Niemand geht aus Spaß aus seiner Heimat weg. Die Leute müssen schon echt durch die Hölle gehen. Vor allem sind wir in der Regel für die Missstände, die die dazu bringen, dort wegzugehen, verantwortlich. Das muss ich ganz kurz auch echt nochmal sagen, damit das nicht zu liberal klingt: Du wirst leider nichts erreichen, wenn du einfach „Friede auf Erden“ rufst. An Gewalt, zumindest in Maßen, kommst du nicht vorbei, wenn du die Welt ändern willst, weil es zu viele Menschen gibt, die einfach nicht mitmachen werden. Menschen, die festgefahren sind und einfach eine andere Ansicht haben. Viele dieser Menschen—man spricht von „Raubtierkapitalismus“—sind ja einfach auch Sozial-Darwinisten, die haben Bock auf dieses Survival-of-the-Fittest-Ding, darauf, dass der Stärke sich durchsetzt. Der Stärkere in diesem Wirtschaftssystem, ist aber der, der die besseren Chancen hat. Von Haus aus, oder weil er Glück hatte. Da halte ich nichts von. Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen bekommen. Auch dieses ganze Hartz-4-Sozialschmarotzer-Ding ist einfach lächerlich, gerade vor dem Hintergrund, dass Hartz-4 echt nicht viel Geld ist. Kein Mensch hat da Bock drauf. Dass man alle Arbeitslose immer so darstellt, als seien sie faul. Ich glaube, dass es Faulheit gar nicht gibt. Wenn Leute Bock auf Sex haben, geben sie alles dafür, wenn sie Hunger haben auch. Antriebslosigkeit entsteht nur aus Perspektivlosigkeit. Man kann sich in Statistiken ansehen, dass Hartz-4-Empfänger in 99 Prozent der Fälle wesentlich mehr Bock haben zu arbeiten, als Leute, die arbeiten. Das ist so absurd, dass man sagt, Flüchtlinge und Arbeitslose leben so wie Könige. Wo ist denn da der Realitätsbezug?

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