Wer zur Hölle hört eigentlich Babymetal?

Wir waren bei einem Konzert von Babymetal, um herauszufinden, wer diese Leute sind, die gerne junge, schwitzende Mädchen anstarren.

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01 September 2015, 7:23am

Wo ist sie hin, diese unbeschwerte Zeit? Nach der Schule mit dem Rad in die Stadt fahren— zum Buchladen, Mangas kaufen. Die farbleeren Bilder verschlingen und sich wünschen, selbst in dieser Welt zu leben, durch einen spiralförmigen Strudel in ihn hinein gesogen zu werden. In eine Welt, in der unschuldige Mädchen knuffige Kulleraugen haben und die eigenen Kräfte die kühnsten Vorstellungen übersteigen. Eine Welt, in der die Sünden und geringen Selbstwertgefühle der Realität keine Rolle spielen. Und dann—mitten ins Kopfpkino—platzen Babymetal rein wie Mama, wenn man gerade wichst.

Jene drei minderjährigen Mädchen sind der Sprengsatz für jede schön sortierte Synapsensammlung. Inmitten ihres idolisierten Charmes ist das blanke Entsetzen getackert: Wüster Death Metal, schrille Techno-Exzesse, eine Begleitband, die aus Zombies besteht und dann noch schnuckeliger J-Pop. Von dauerhaften Grinsekätzchen, denen man am liebsten in die Wängchen kneifen will—Oma-Style. Weil die Mädels einfach so zuckersüß sind, dass man sich nur unweigerlich freuen kann. Über die makellosen Puppengesichter, über diesen Tonterror, der völlig übertrieben aus allen Ecken quillt. Überlastung aller Sinne, hirntot sabbernd steht man vor diesem Wahnsinn.

2008 fing das an, heute spielen Sie in Japan vor 25.000 Menschen. Nächstes Jahr im Wembley Stadion in London. Leider ist das alles auch noch legal, zumindest was die Arbeitszeiten der 16-jährigen MoaMetal und YuiMetal sowie der 17-jährigen Su-Metal auf der Bühne angeht. Kurz nach halb Zehn ist Schluss—zum Beispiel im Berliner Huxleys. Was danach abgeht, das weiß nur der von ihnen angebetete Fuchsgott. Sicher zahllose Tanz-Trainingsstunden, Privatunterricht für den Schulabschluss, Pressetermine, ein Manager, der über alles entscheidet. Wir haben deswegen die Leute vor der Bühne unter die Lupe genommen, vielleicht können die ja mit Fachwissen und Gossip glänzen. Oder sich dafür entschuldigen, dass sie gerne stundenlang junge Mädchen beim Schwitzen anstarren.


Robin

Wo kommst du her?
Robin:
Aus Schweden. Ich lebe aber hier in Berlin, um zu arbeiten.

Warum willst du Babymetal sehen?
Sie haben diese dunkle Energie. Aber die ist ausbalanciert: Auf der einen Seite diese fröhlichen Spaßmacher und dann noch die brutale Attitüde. Ich mag diesen Kontrast.

Findest du die Mädchen heiß?
Haha, wenn man bedenkt, dass sie minderjährig sind...

Sie sind 16 und 17.
Ist das dann legal?

Hier in Deutschland ja.
Ich denke, sie sind irgendwie süß. Gib ihnen noch ein paar Jährchen und dann vielleicht.

Weißt du, wofür der Fuchsgott steht?
Er verkörpert ihre gesamte Energie und Inspiration.


Was erwartest du von der Show?
Ich hoffe, sie spielen neue Songs, nicht nur das Debütalbum. Aber sie haben keine Vorband zum Aufwärmen. Das wird cool, direkt einzusteigen.

Hörst du Metal?
Viel. Im Moment besonders Opeth, sonst Meshuggah, Periphery, die alten In Flames, die alten Metallica.

Letztens haben Babymetal mit Dragonforce kollaboriert. Wen würdest du gern mit ihnen gemeinsam sehen?
Witzig wären Metallica. Weil das so grundverschiedene Bands sind. Ein Teil von mir will sie auch mit Meshuggah sehen, weil das so seltsam werden würde.


Chris und Vero

Wo kommt ihr her?
Vero:
Elmshorn. Ich arbeite in Hamburg, bin von dort aus hierher gefahren.
Chris: Drei Stunden lang Bahn- und S-Bahn-Fahren.

Warum geht ihr zu Babymetal?
Vero:
Weil er das so lange im Auto gehört hat, bis ich es auch gut genug fand. Und weil er letztens Geburtstag hatte, es ist ein spontanes Geschenk.

Rein musikalisch hat euch das geflasht?
Vero:Ja. Die Shows kennen wir bisher noch nicht, da lassen wir uns überraschen.

Wisst ihr, worüber die singen?
Chris:
Über Füchse.
Vero: Und Schokolade.

Habt ihr auch einen Fuchsgottschrein zu Hause?
Vero: Nein, das ist noch nicht in Planung bisher.

Hört ihr sonst Metal?
Vero: Sabaton! Alestorm und Rammstein.
Chris: Alles, wirklich alles so. Limp Bizkit.

Sabaton und Babymetal wäre doch eine bombige Kombination, oder?
Vero: Haha. Gibt ja genug, was man aus Japans Geschichte vertonen könnte.


Denise und Savanna

Warum schlurft ihr zu Babymetal?
Savanna:
(In Fiepsestimme) Weil die so süße Japanerinnen sind.

Hört ihr sonst Metal?
Denise:
Joa, das kommt drauf an, ob das zu meiner Stimmung passt.

Ist Babymetal dann nicht so ziemlich das Extremste für dich?
Denise: Ja doch, fand ich aber schon ganz gut, was ich so gehört habe.

Worüber singen Babymetal denn?
Savanna:
Habe ich mich jetzt nicht so befasst mit. Sonst suche ich mir immer die Texte raus und versuche sie mir selber zu übersetzen.

Meint ihr, die Kräfte vom Fuchsgott gehen heute auf euch über?
Savanna: Ooooh mit Hilfe davon? (formt die Hand zum Fuchskopf).

Bestimmt. Sind die Mädchen aber nicht ein wenig zu jung für solche Späße wie eine Welttournee?
Denise:
Umso früher man anfängt, desto mehr Erfolg hat man wahrscheinlich. Außerdem gibt es da ja im J-Rock und Metal auch gute Vorbilder.
Savanna: Auch wenn sie jung sind: Wenn sie gute Musik machen, ist doch ok. Und dann noch Erfolg haben. Wenn ich es könnte, würde ich das auch tun!

Ja? Wärt ihr selber gern in einer Idol-Group?
Denise:
Nein.
Savanna: Ja, ich schon. Erstens: Man kann fast die ganze Welt sehen. Zweitens: Man kann Musik machen.


Oskar

Warum bist du bei Babymetal?
Seit letztem Jahr bin ich süchtig. In Köln auf Moas Geburtstagskonzert hat das angefangen. Ich habe mir vorher die Videos auf YouTube angeguckt und dann hab ich gehört, dass die nach Deutschland kommen und bin sofort dahin.

Kannst du alle Texte auswendig?
So gut ist mein Japanisch nicht. Aber die Refrains kann ich mitsingen und ich weiß auch, was sie bedeuten.

Aber die Choreografien kannst du tanzen?
Auch nicht zu hundert Prozent. Bei manchen ist es ja aber gegeben, wie bei „Ijime, Dame Zettai“ das „dame dame dame“.

Worum geht es denn in dem Song?
Der handelt davon, dass das Mobbing aufhören muss. Endgültig Schluss mit Mobbing!

Wie findest du das, dass kleine Mädchen durch die Welt touren?
Ja, warum denn nicht? Also was die leisten in ihrem Alter, das ist schon heftig. Vor allem bei dem Programm, was die im letzten Jahr nochmal angezogen haben. Schon allerhand für 16-, 17-jährige Mädchen. Su ist ja 17, im Dezember wird sie 18.

Kennst du Fanklubs für Babymetal?
Ja, mehrere auf Facebook: Babymetal Fan Club, Babymetal Worldwide, ich bin in fast allen Babymetal-Fanklubs. Im Moment sind das glaube ich sieben. Dann gibt’s Babymetal Deutschland, Babymetal Spanien, Babymetal Italia. Noch eine extra Fangruppe für die Kami-Band. Dann die Sakura-Gakuin-Fangruppe, durch die Babymetal entstanden ist.


Kasper und Becky

Wo kommt ihr her?
Becky:
Schottland, extra für das Konzert.
Kasper: Dänemark. Wir bleiben aber gleich ein paar Tage hier in Berlin.

Woher kennt ihr euch?
Kasper: Wir gehören demselben Fanklub auf Facebook an: 4BM. Wir haben uns letztes Jahr getroffen, als Babymetal in England spielten.

Warum seid ihr so auf verrückt nach Babymetal?
Becky:
Ich habe schon immer Japan geliebt und war auch immer Metalhead. Als Babymetal auf die Welt kamen, war das für mich das Beste überhaupt!

Was hört ihr für Metal?
Becky: Lamb of God, Slipknot, Anthrax.
Kasper: Ich eher so Power, Death und Thrash Metal.

Als traditionelle Headbanger gebt ihr euch Techno-Metal?
Kasper: Babymetal bedienen eine ganze Menge Genres, das ist das Beste an ihnen.

Was ist das faszinierendste an den Mädels?
Becky:
Dass sie so jung sind.
Kasper: Auch ihre Hingabe, wie hart sie arbeiten und Backstage noch für die Schule büffeln. Das ist beeindruckend.

Wisst ihr als Fanklub-Fans, worüber sie singen?
Kasper: Ja, viele verschiedene Dinge. Die meisten Electro-Nummern sind übers Spaß haben und Feiern am Wochenende, andere gehen tiefer.


Anja, Alex und Kreisel

Warum Babymetal?
Anja:
Ich finde es gut, weil in der sonst so Männer dominierten Metalwelt auch mal kleine niedliche Mädchen solche Musik machen!
Alex: Ich habe sowieso ein Japan- und Metal-Faible, da hat das super gepasst.
Kreisel: Ich mag kleine Mädchen.

Was hört ihr sonst?
Alex:
Ach, alles querbeet, hauptsache, es ist extrem. Im Moment viel instrumentales Zeug wie Year Of No Light. Temple habe ich gerade entdeckt.
Kreisel: Celeste.
Alex: Kokomo, obwohl die jetzt ein Album mit Gesang machen wollen.

Kennt ihr Ladybaby?
Anja:
Natürlich! Das wär so geil, wenn der Vorband wäre.
Kreisel: Den feier ich zum Beispiel nicht so, weil der so draufgesprungen ist.
Anja: Er hat aber selber zugegeben, dass er wahnsinniger Fan von Babymetal ist. Und er ist schon vorher in Frauenkleidern rumgerannt. Der sieht trotzdem heiß aus, das ist das Problem!
Alex: Der Typ sieht aus wie Richard D James.
Anja: Das Schlimme ist, wenn ich den angucke: Der sieht so gut aus und dann trägt er Mädchenkleider. Ich möchte seine Muskelbrüste mal anfassen.

Im Interview meinte er, in Japan sei Pädophilie gar kein großes Thema.
Anja: Ab acht Jahren ist alles in Ordnung!
Kreisel: Deswegen wollen doch alle mal nach Japan.

Habt ihr gesehen, welche Leute so in der ersten Reihe in Rocknähe der Mädchen standen?
Alex:
Wir waren immer im Mosh, da siehst du sowieso nicht viel.
Anja: Aber viele Mädels.
Kreisel: Ich fand das Publikum krass gemischt, anders als ich erwartet hätte.
Anja: Ich hab nur einen gehört in Vorbeigehen—ich weiß nicht, inwiefern spaßig: „Na, dann braucht man sich ja heute keinen Porno mehr “
Alex: Die Diskussionen habe ich gelesen: „Das kann man ja nur geil finden, wenn man pädophil ist.“ Klar gibts die Neigungen, aber tut mir leid, die Musik, die Band und die drei Mädels haben für mich überhaupt keinen sexuellen Aspekt.
Kreisel: Das ist alternativer J-Pop.

Wie lange werden Babymetal es noch machen?
Anja:
Bis zu einem gewissen Alter und dann werden die ausgetauscht. Vielen fällt das auch gar nicht auf.
Kreisel: Ich bin mal gespannt, wie das nächste Album wird. Die Band hat es ja schon drauf, live vor allem.

War das live ja?
Alex:
Ich würde sagen, ja. Er spielt Gitarre, er kann das vielleicht sagen.
Kreisel: Ja, muss selber sagen: hammergeil.


Rei und Taka

Wo kommt ihr her?
Rei:
Berlin.
Taka: Leipzig.

Warum schaut ihr euch Babymetal an?
Rei:
Weil es einfach verdammt lustig ist. Also, ich nehm das auch nicht ernst, finde sie eher lächerlich. Aber es war lustig.

Lächerlich, aber lustig?
Rei: Die Konzerte machen wegen der Stimmung Spaß. Und wenn man sich die drei hüpfenden Mädels da vorne wegdenkt, ist es an sich Metal.

Ist es das?
Rei: Vom Grundsatz ist es Metal, Musik, die ich auch im Alltag höre. Da kann ich mir die drei Gören da auch wegdenken.

Was hört ihr denn sonst so für Metalbands?
Rei: Musik, die schon mein Vater mochte: Anthrax, Judas Priest, Iron Maiden, aber auch Heaven Shall Burn und Callejon.
Taka: Ich komm eher so aus der Visual-Rock-Ecke.

Rei, das sind ja eher traditionelle Bands. Babymetal ist da doch das komplette Gegenteil?
Rei:
Ja aber lustig! Da stehen 15- und 16-jährige Mädels, die zu Metal irgendwelchen Scheiß über Schokolade singen. Bisschen Bier im Kopp und dann ist das gut.

Also wisst ihr, worüber Babymetal so singen?
Rei:
Ja, ich habe mir die Texte mal übersetzt. In einem Lied geht es tatsächlich darum, dass sie mehr Schokolade haben wollen.
Taka: Mobbing ist noch Thema und in einem Song geht es darum, dass die japanische Frau aus ihrer traditionellen Hausfrauenrolle ausbrechen soll.

Ist das auch im Visual Rock üblich, so politisch zu sein?
Taka: Nein, da geht's eher um Trauer, Schmerz und Selbstmord.
Rei: Vergewaltigungen.

Werden Babymetal nicht auch vom Business ganz schön in die Mangel genommen?
Rei: Einerseits tun die mir irgendwie leid, weil der Großteil der Fans, die heute da waren, über 30 und 40 sind. Und das sind 15-jährige Kinder, die da auf der Bühne stehen. Im Prinzip wird ja all diesen Idolgroups die Kindheit geraubt. Klar sehen sie jetzt unheimlich viel von der Welt und haben eine große Fanbase, was spannend ist, aber ihnen geht auch viel verloren. Einerseits beneide ich sie, andererseits tun sie mir unendlich leid. Sie werden ja in diese Rolle förmlich reingepresst. Die Eine sagte ja auch, dass sie gar nicht in diese Metalband, sondern in eine ganz normale Idolgroup wollte.

Meint ihr, die haben wirklich Spaß?
Taka:
Denke ich eher nicht, nee.
Rei: Ich glaube, das haben die wenigsten Idolgroups. Es muss unheimlich anstrengend sein, Choreos über Choreos zu trainieren.

Wann werden die drei Mädels ausgewechselt?
Rei: Irgendwann funktioniert das Image Babymetal auch nicht mehr. Ich denke mal allerspätestens dann, wenn sie 18 sind.
Taka: Normalerweise werden Teenie-Idolgroups mit 14 ausgetauscht, es gibt aber auch welche, die das bis 24 machen.


Paulo

Warum gehst du zu Babymetal?
Weil's verrückter vierzehnjahriger J-Pop-Metal ist. Das ist so abgedreht da muss ich hingehen.

Bist du wegen der Musik oder den Mädchen da?
Ehrlich gesagt wegen der Choreo-Mädchen. Solche Mucke kann ich überall sehen.

Was hörst du sonst?
So viel, Alter. Electro und Hardcore, ziemlich viel Hip-Hop oder Instrumentales wie Filmmusik. Beim Sport meistens Metal.

Welche der drei Mädchen hat dir am besten gefallen?
Die ganz links, die war nice. Die Sängerin auch, aber die hatte Segelohren.

Glaubst du, das sind echte Menschen?
Habe ich mich vorher nie gefragt, aber ja, ich habe sie jetzt aus der Nähe gesehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Menschen waren im Gegensatz zu den Backgroundspacken, die waren schon kacke.

Verehrst du auch den Fuchsgott?
Das ist der von der Maske, oder? Ach und deswegen haben die alle diesen Handscheiß gemacht? Ja klar.

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