Wir haben Emo-Bands gefragt, warum sie sich in ihren Musikvideos ständig auf eine Wiese stellen

Warum muss jede noch so unbedeutende Emo-Band für den Videodreh auf einer Wiese oder im Wald rumposen? Dafür gibt es gute Gründe.

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Apr. 27 2016, 8:49am

Gähnende Leere im Kopf und YouTube dein bester Freund, um das Prokastrinationslevel in ungeahnte Ausmaße zu steigern—du kennst das. Zwischen irgendwas mit Katzen, Affen, Bären, Fail-Videos und abstrusen Extremsportarten klickst du dich also durch die Genres Emocore, Postpunk, Metalcore, Post-Hardcore und Highschool-Depri-Punk, um zu schauen, ob man ins Gesicht hängende Haare und zu enge Klamotten heute eigentlich auch noch ganz toll finden kann (offensichtliche Antwort: Nein, kann man nicht). Erlaubt war damals alles. Hauptsache Doublebass, stimmlich adaptierte Tierlauten, schrille Gitarrensoli, komische Tanzbewegungen und Text über Schmerz und Tränen.

Am Ende entscheidet bei solchen Videos aber natürlich eh nur der Look: Sind die Tunnel groß wie Creolen, sitzt der Scheitel/fallen die geglätteten Haare ins Gesicht, sind die V-Neck-Shirts tief und die Tattoos präsent genug und—vor allem—wird das Setting der Dramatik des Songs gerecht? Lassen wir also mal die Qualität der Musik und die Outfit-Frage außen vor, stellt sich bei Begutachtung all der tollen Videos in den Weiten von YouTube nur folgende Frage: Warum zur Hölle haben solche Bands Wälder, Wiesen und Turnhallen so sehr geliebt?

Nun darf man davon ausgehen, dass Bands ab und zu in Sporthallen proben dürfen oder dort auch mal eine Show spielen. Oder Rumhängen, um Cheerleader anzuglotzen. Und Wiesen findet man ja eigentlich überall. Unbewacht und trotzdem kurz gestutzt und aufbereitet. Trotzdem entstand doch einst „Garage(-Punk)“, was bedeutet, dass es diese ominösen Garagen doch auch wirklich geben muss. Warum also stellt man sich für die immer gleichen Crewshots samt Instrument schwingenden Choreographien auf eine Wiese, ein Feld, in die Wüste, den Wald oder eine Turnhalle? Naturverbundenheit? Sportaffinität durch Violent-Dancing? Fantum zum landwirtschaftlich aktiven Nachbarn? Dorfidyllenidialismus? Visuelles Highfive an den Hochschulsport? Da wird dann zwischen Kulturboden und Nutzpflanzen allerlei Literarisches über Herzschmerz und Trennungsfragen in den abendlichen Sonnenuntergang geschrien. Und die Kühe geben saure Milch…

Verständlich, dass es bestimmt kostengünstig und auch logistisch eine clevere Lösung ist. Aber vielleicht wäre es ja mal schön, wenn sich derart einheitliche Look-and-Hear-Genres nicht auch noch in ihrer visuellen Videoumsetzung ähneln würden und ihren eigenen künstlerischen Anspruch einfach etwas nach oben schrauben. Zur Verteidigung: Da bildet kaum ein Musikgenre die Ausnahme. Schaut man sich denn nicht an, was die Anderen da draußen so machen? Fehlen so sehr die Ideen? Oder gehörte es vor einigen Jahren wirklich einfach zum guten Ton derlei Territorien für sich zu vereinnahmen?

Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir zwei Bands befragt, die zu der damaligen Zeit ganz groß darin waren, ihre vervisualisierte Traurigkeit in der Natur auszutragen: Light You Up und Victory Sweet Victory.

Light You Up

Noisey: Wie seid ihr damals auf die Idee der visuellen Umsetzung zu „Without You Here“ gekommen?
LYU: In dem Song geht es darum, über seine Bedenken und das Bereuen von Fehlern hinwegzukommen. In dem Video ging es dann darum, sich nicht zu sehr über die Zukunft zu sorgen, da man ja eh nicht weiß, was kommen wird. Die Idee stammt vom Videoregisseur. Er hat unsere Lyrics für sich so verstanden und dann umgesetzt.

Habt ihr das Video bewusst in der Natur gedreht?
Ehrlich gesagt, war es vor allen Dingen eine Budgetentscheidung. Wir hatten schlicht nicht die Kohle, um ein Studio zu mieten und sind daher einfach in die Natur gegangen. Aber das hat für uns diesen retrospektiven und nostalgischen Faktor gut eingefangen. Es war ein guter Vibe und hat gepasst.

Seid ihr euch darüber im Klaren gewesen, dass viele Bands aus dem Genre damals ihre Videos in der Natur verorteten?
Ja, das war uns bewusst. Aber wir hatten wie gesagt einfach nicht so viel Geld und haben das Beste aus den Möglichkeiten gemacht, die uns zur Verfügung standen. Und Felder in unserer Umgebung gehörten zu diesen Möglichkeiten.

Victory Sweet Victory

Das Video zu „Sun And The Stars” habt ihr 2010 unter anderem auf einem Feld gedreht. Warum?
VSV: Wir wollten einfach draußen in der Natur sein. Ich denke, das ist etwas, was jedem in unserer Crew gefallen hat und auch der Regisseur fand die Idee gut. Natürlich wäre es nicht das selbe Video geworden, wenn es ein wolkenverhangener Tag gewesen wäre. Aber Mutter Natur war großartig zu uns, daher vielen Dank!

Damals gab es viele Bands aus dem Genre, die ihre Videos auf Wiesen gedreht haben. War euch das klar?
Zu dem Zeitpunkt, als wir unser Video veröffentlichten, ehrlich gesagt nicht. Aber dann schossen sie wie Pilze aus dem Boden. Vielleicht haben wir mit dem Video ja was gestartet, wer weiß. Aber es ist natürlich auch sehr einfach, Videos in der Natur zu drehen. Du brauchst keine Drehgenehmigung und hast nicht so hohe Budgetkosten—gerade bei Independent-Bands natürlich ein wichtiger Faktor. Und wer mag es eigentlich nicht, in der Natur zu sein und das schöne Leben zu genießen?