Die DNA von Marsimotos ‚Ring der Nebelungen‘

Wir erklären euch, warum Marsimotos Ring der Nebelungen wieder eine Großtat geworden ist.

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Juni 15 2015, 11:00am

„Endlich wird wieder gekifft, du hast doch längst vergessen, wie es ist“, behauptete dieses grüne Alien namens Marsimoto noch im Januar 2012. Damals war gerade sein dritter Rap-Langspieler erschienen. Grüner Samt war dann auch ein astreines Stoner-Album: Kiffer-Sprüche, Kiffer-Humor, Kiffer-Beats.

Als hätte Marsi es herbeibeschworen, scheint das gute Grüne heute, dreieinhalb Jahre später, der Legalisierung so nah wie noch nie. Kurz nach dem sich selbst erste CDU-Politiker dafür einsetzen, das Hanf freizugeben, kehrt Marsimoto zurück und ist not amused: „Illegalize It“ soll also der neue Wahlspruch der Marsianer sein?

Was ist passiert? Hat Marsimoto im selbst gewählten Exil auf Jamaika etwa das Kiffen aufgegeben? Sind die Tage der Halloziehnation gezählt? Will Marten Laciny nun vielleicht auch als Marsimoto ins Radio? Wie hat sich das Männlein mit der Heliumstimme entwickelt? Hat er immer noch die besten Beats diesseits des Atlantiks? Und vor allem: Was ist denn nun mit der Realness? Es folgt: Die DNA von Ring der Nebelungen.

Das Konzept:

„Alle reden von Kanye und Drake, n' Scheißdreck gegen Marsi on Stage“, so die selbstbewussten ersten Zeilen des Albums. Solche Aufschneidereien darf sich einer wie Marsimoto natürlich erlauben, schließlich bekommt er es mittlerweile hin, selbst das Rock am Ring-Publikum mit mystisch verneblten HipHop-Beats zu versöhnen. Ring der Nebelungen geht dabei zum Glück jedoch keinen Schritt auf sein mittlerweile breit aufgestelltes Publikum zu. Ansonsten, also in Sachen Konzept: Es gibt kein's. Zumindest kein erkennbares. Genau wie Marten Lacinys anderes Alter Ego erzählt auch Marsimoto immer noch große Geschichten im Kleinen und kleine Geschichten im Großen. Der größte Unterschied zum Pop-Darling Marteria: Die nicht unerhebliche Kiffer-Paranoia.

Die Themen:

Vom Kiffen als banaler Tätigkeit erzählt Marsimoto auf RdN kaum noch. Die altbekannte Marsianer-Weed-Logik bleibt omnipräsent, versteckt sich aber hinter unterhaltsam, verschachtelt und klug geschriebenen Texten, die weniger eindeutig sind als die auf seinem längst zum Klassiker gewordenen Debüt.

Dafür springt er auf „7 Leben“ wie eine Katze durch die sprichwörtliche Weltgeschichte, erzählt von einer Jugend „An der Tischtennisplatte“, ist selbstverständlich schneller als „Usain Bolt“ und beißt sich doppelt doppeldeutig als Zecke an einem Hund fest („Zecken raus“). Insbesondere letzter Song steht exemplarisch für Marsis stets hintergründigen (mit unzähligen HipHop-Zitaten gespicktem) Humor. Scheinbare, mehr schlecht als recht versteckte, Kritik an linkspolitisch aktiven Menschen dreht er im Laufe des Songs so um, dass am Schluss ein kleiner Bildungsroman entsteht: „Wenn selbst die Rechten mich nicht wollen, wo soll ich da noch hin? Muss einfach ehrlich zu mir sein, bin das, was ich bin: eine kleine Zecke von Draußen auf dem Land und ruf an beim BFV-Aussteigerprogramm [BFV mutmaßlich = Bundesamt für Verfassungsschutz, Anm. d. Verf.].“

Die Titel:

Die Tracklist spiegelt die Themenvielfalt dieses Albums. Auf der einen Seite stehen die typischen, im Kleinen beginnenden Marsi-Stories mit wechselnden Erzählperspektiven („Trippin“, „Zecken raus“, „An der Tischtennisplatte“, „7 Leben“, „La Saga“), auf der anderen programmatische Stücke über große Themen wie „Illegalize It“ und „Anarchie“. Das beste Titel-Wortspiel ist diesmal „Ring der Nebelungen“, spielt natürlich auf das Niebelungenlied an und meint offensichtlich Marsi und den erlauchten Kreis seiner anscheinend nicht weniger Ganja-affinen Produzenten.

Produktion und Features:

Womit wir bei der vieleicht größten Stärke dieser Platte wären: Die Beats sind beinahe ausnahmslos verdammt groß. Das musikalische Spektrum Marsimotos wird auf RdN nicht unbedingt vergrößert, dennoch klang noch kein Marsi-Album so detailversessen wie dieses. So belohnt dieses Album vor allem Hörer, die es aufmerksam konsumieren. Legt man diese Platte auf und lässt für die Dauer der Spielzeit Twitter, Facebook und wie sie alle heißen für einen Moment ruhen, entdeckt man ständig musikalische Schlenker, so noch nicht gehörte Sounds, musikalische Referenzen, Stimm-Fetzen und und und. Die dickste Wundertüte des Jahres hat natürlich mal wieder Marsi gebaut. Dafür verantwortlich die wohl nerdigste Produzenten-Familie des Landes, bestehend aus den bewährten Marsi- und Marten-Kollaborateuren Lexy & K-Paul, Kid Simius, Nobodys Face, BenDMA, Dead Rabbit und den Krauts. Gemeinsam entstand eine Platte, die so vernebelt klingt, wie es dem Titel angemessen ist, und trotz aufwendiger Instrumentierung Marsis großer Liebe (natürlich HipHop) treu bleibt.

Rappende Gäste brauchte und wollte Marsimoto hingegen schon bei Grüner Samt nicht mehr. Der König der Outness genügt sich selbst. Gut so!

Die Beste Zeile:

„Tijuana Flow, Green Berlin's Jacques Cousteau, der Ozean holt Luft, bin ausgerutscht auf 'nem Bananenboot."

Die Stärkste Produktion:

„Back 2 Green“

Der springende Punkt:

Marten Laciny setzt mit diesem Album auch ohne faustdicke Überraschungen seine erstaunliche Serie fort: Ring der Nebelungen ist bereits die vierte Großtat in Folge.

Ring der Nebelungen von Marsimoto ist am 12. Juni erschienen. Du kannst es bei Amazon und iTunes kaufen.

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