„Wir sind HipHop!“—Fruchtmax und Hugo Nameless sorgen für Großeinsatz der Deutschrap-Polizei

„Wie kann man sich nur so hart gönnen“, fragen Fruchtmax und Hugo Nameless in ihrem Viral-Hit „WKM$N$HG“. In ihrem ersten Interview überhaupt beantworten sie all unsere Gegenfragen.

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Apr. 22 2016, 10:22am

Es wird laut auf den Straßen Berlins. Penetrantes Sirenengeheul in Kreuzberg, Geschrei, Pöbelei: Die HipHop-Polizei hat einen neuen Feind auserkoren. Fruchtmax und Hugo Nameless verraten „die Kultur“, da sind sich die Männer mit den weiten Hosen einig. Und das alles nur, weil die ohne böse Absichten die Catchphrase des Jahres 2016 lieferten und auch noch die Frechheit besaßen, sich mit Juicy Gay für einen Remix zusammenzutun. In den Augen der vor der Feuertonne cyphernden Troll-Armee geht das gar nicht.

„Wie kann man sich nur so hart gönnen“, fragen die beiden in ihrem Viral-Hit „WKM$N$HG“ über 808-Trademark-Sound und aggressive Synthies. Damit treffen sie den Nerv der Hedonisten und der viel zu jungen Leute mit den viel zu großen Pupillen. Ohnehin sind Fruchtmax und Hugo Nameless der pure Zeitgeist, ausufernder Twitter-Grind inklusive. Die beiden allerdings als swaggendes, trappendes Internetphänomen abzustempeln, würde ihnen nicht gerecht. Das stellt sich im Gespräch in der Kreuzberger Wohnung von Fruchtmax heraus und das beweist Auf der Jagd nach dem Hak, ihr erstes Mixtape.

„Wir sind HipHop“ erzählt Fruchtmax dann auch am Anfang des Interviews und meint das trotz des ein oder anderen Lachers seitens der anwesenden Freunde aus dem Off durchaus ernst. Seine Rap-Anfänge fanden in einem Jugendhaus im Görlitzer Park statt als er 15 Jahre alt war. Die Jungs von K.I.Z. und Berlin-Rap-Legende B-Lash griffen ihm damals als Mentoren unter die Arme und unter die dilettantischen ersten Rap-Versuche schmiegten sich Jazz-Samples. Bei Hugo Nameless war es ähnlich: Auch er rappte noch vor Kurzem auf Alte-Schule-Anleihen über Pubertätsproblemchen. Angefangen hat er damals mit 11, immer nach dem Breakdanceunterricht (sic).

Irgendwann wurde der Wu-Tang-Clan zu lahm und schließlich von den Südstaatenhelden mit Stakkatoflows und Designer-Fetisch vom iPod verdrängt. Mittlerweile kocht das Trap-Crack auch in Max' Wohnung. Obwohl in der Ecke der Ein-Zimmer-Butze auf der Kommode nur eine einsame Packung Neo-Angin verstaubt, lilaner Hustensirup sich dagegen aber rar macht. „Als wir Auf der Jagd nach dem Hak‘ aufgenommen haben, hatten wir sogar Hustensaft aus Polen“, sagt Max und alle im Raum müssen lachen. Trotz der Turn-up-Hymne 2016 scheint das Opiat-Game keine große Rolle zu spielen. Eher Früchte: Bei Fruchtmax gibt’s Äpfel und Orangen.


Foto: Autor

Bevor das fruchtige Pseudonym zum Künstlernamen wurde, produzierte er aber unter dem Moniker Trapmax Beats für Leute wie MC Smook und Money Boy und war sogar Teil von dessen TV-Trash-Druffi-Meilenstein bei Joiz. Parallel dazu wurde Twitter überflutet. Hugo Nameless fand das lustig. Klick, Klick, Follow, Follow, Privatnachricht und daraus resultierend der erste gemeinsame Besuch im Studio. „Ich wusste nicht mal, ob Max rappen kann, aber fand seinen Twitter-Grind geil“, sagt Hugo Nameless lachend. „Außerdem haben ihm damals schon größere Rapper wie Mauli und Ali As gefolgt.“

Für Max ist das auch der Grund gewesen, warum er damals wieder mit Rap anfangen wollte. „Ich fand es gut, dass mir bei Twitter schon ein paar größere Künstler gefolgt sind. Da hat man gleich eine gute Basis an Leuten, die Feedback auf Tracks geben können.“ Hugo Nameless und Max trafen sich also kurzerhand, um ein bisschen herumzuexperimentieren. Aus Twitter-Liebelei wurde sofort Sympathie, aus nutznießerischer Zweckgemeinschaft eine homogene Swag-Gemeinschaft. Der erste Track vom neuen Tag-Team Fruchtmax und Hugo Nameless war „WKM$N$HG“.

Das war im Januar 2016. Mittlerweile ist der 101-Remix mit Juicy Gay durch die Decke gegangen. Casper und Frauenarzt gaben Respekt, K.I.Z. luden die beiden als Live-Act zu deren Ehrenlos-Party ein und die HipHop-Medien hatten plötzlich Lust darauf, sich etwas zu gönnen. Geplant war das alles nicht, zuerst wurde der Tack sogar über die Kanäle eines befreundeten Twitter-Grinders publik gemacht, weil sich Hugo und Max unsicher waren, ob sie sich damit nicht einfach nur zum Volldeppen machen würden. „Wir wollten nicht als die nächsten Twitter-Swag-Cloud-Rapper abgestempelt werden“, sagt Hugo und Max schimpft auf die Schubladendenke in Deutschland.

Auch um „WKM$N$HG“ nicht für sich stehen zu lassen, haben sie Auf der Jagd nach dem Hak produziert. Das fährt zwar zum einen mit den obligatorischen Exzess-Märchen der Fraktion Double Cup auf, ist dazu aber untersetzt von allerhand melodiösen Spielereien, bis hin zum köstlich kitschigen „Benza“, dem heimlichen Kuschel-Hit des Tapes.

Doch obwohl die Beiden für sich stehen und kein Teil einer neuen Bewegung im Deuschrap sein wollen, ist die Einordnung in den Köpfen vieler schon passiert. Und irgendwie ist ein oberflächliches Zusammenfassen mit Kollegen von Glo Up Dinero Gang bis Live From Earth naheliegend. Denn auch Max und Hugo verwehren sich der klassischen Musikverwertungswirtschaft, machen einfach selbst, wann und so oft sie wollen, und lassen sich gar nicht erst in den eng geschnürten Marketing-Mantel stecken. Außerdem sind sie zwei weitere Rapper, die weder bei schlechter Rezeption Redaktionen mit Baseballschlägern stürmen, noch Rap als ihre Ersatzreligion ansehen. Vordergründig ist der Spaß, beweisen möchte man vor allem sich und seinem Freundeskreis etwas.


Foto: Emil Schramm

Eigentlich sollte das Augenzwinkern sichtbar sein, finden Max und Hugo. Und dass man Drogen- und Gangster-Geschichten nicht für bare Münze nehmen muss, ist ohnehin klar. Trotzdem hagelt es in den sozialen Medien Hass. „Deutschland ist einfach zu ernst. Die Leute kapieren Humor nicht“, sagt Max. Außer im elitären Twitter-Kreis natürlich, wo der Humor teilweise so weit draußen und mit so vielen obskuren Mikrokosmos-Referenzen gespickt ist, dass es einige Zeit braucht, um einzusteigen. Der ebenfalls anwesende MC Smook entwickelt dann unfreiwillig tatsächlich noch eine Schublade für die Beiden: „Sie haben Witz in ihrer Musik, ohne sich lustig zu machen. Ich würde das als Schmunzelkick-Rap bezeichnen.“

Das trifft es, denn ein einnehmender Schmunzler durchzieht das Schaffen der beiden. Und ohnehin, da sind sie sich einig, soll ihre Musik ja im besten Fall entertainen. Das hat sie vorerst geschafft. Weiter geht es jetzt auf dem neu gegründeten Label Based030, über das nach und nach neue Musik von Fruchtmax, Hugo Nameless und Kumpel Kulturerbe Achim kommen soll. Ohne Zwänge natürlich, damit genug Platz für die Gönnung zwischendurch bleibt. Was sonst noch so geplant ist? „Ich will mit Kulturerbe Achim ein Tape auf BoomBap-Beats aufnehmen, das dann limitiert auf 36 Kassetten veröffentlicht wird“, sagt Max. Wieder ein breites Schmunzeln.