Nebenjobs mit Bonaparte

Herr Bonaparte erfindet ein Interview mit uns, damit wir uns auch einen Nebenjob als Spielzeugpräsentator suchen können.

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09 August 2012, 8:00am

Musik ist eine brotlose Kunst. Das wissen wir alle. Deswegen gibt es wohl keinen anderen Beruf, der von so vielen Nebenjobs begleitet wird, wie der des Musikers. In unserer Reihe „Nebenjobs“ erzählen uns arme Musiker von ihren seltsamsten Aushilfsarbeiten. Das Wort „seltsam“ ist im Fall der Band Bonaparte noch untertrieben. Oder hattest du mal einen Nebenjob, zu dem es gehört, den verwöhnten Bälgern von Bon Jovi Spielzeuge zu präsentieren, sich von ihnen jagen zu lassen und dabei noch mit Batman ins Bett zu steigen? Tobias Jundt von Bonaparte hat mir jedenfalls so energisch von den verrückten Nebenjobs seiner Bandmitglieder erzählt, dass ich vor lauter Euphorie das Diktiergerät kaputtgemacht habe—die Aufnahme war hinfällig. Also bat ich ihn darum, mir die Eckdaten der Jobs nochmal per Email zu schicken (wer kann sich schon so viele verrückte Namen merken?). Als nebenberuflicher Fake-Interviewer und Schriftsteller (so nennt man doch Menschen, die sich Dinge ausdenken?) schickte er uns ein komplettes Interview, inklusive so nie gestellter Fragen. Danke, Herr Bonaparte! Wenn das alle so machen würden, bräuchte ich bald auch ein paar neue Nebenjobs.

Frau Viola: Ihr seid doch immer auf Tour, da habt ihr doch sicher keine Zeit mehr für Nebenjobs?
Herr Bonaparte:
Ach Frau Viola, wenn sie nur wüssten!Wir haben alle vor und nach und während Bonaparte hunderttausend verschiedene Nebenjobs gehabt. Das Schöne an den Nebenjobs ist ja, dass sie nicht für ewig sind. Wenn einer zu lange andauert, dann ist es dein Beruf. Als Tänzer und Musiker hat man zwischen Projekten und Reisen oder ganz einfach der Natur unseres Berufs entsprechend viele dieser Zwischenbeschäftigungen. Ich öffne für dich also das geheime "Buch Bonaparte–Kapitel: Teilzeitbeschäftigung".

Frau Viola: Was war deine erste Tätigkeit, die du als Nebenjob bezeichnen würdest?
Herr Bonaparte: Wenn Arbeit von Minderjährigen in dieser Kategorie zugelassen ist: Ich habe in den Ferien immer in der örtlichen Gärtnerei Bäumchen gepflanzt, um mir meine erste Gitarre kaufen zu können. Mit 18 habe ich dann in der Hotelbar des Oriental Hotels in Bangkok Jazzstandards gespielt, gegen Zimmer und Nahrung als Entgelt. Auch wenn man auf diese Art keine Band wie Bonaparte am Leben erhalten könnte, mag ich den Austausch von Naturalien oder Dienstleistungen als Bezahlungsmittel noch immer sehr gerne. Ich singe ein Lied, du gibst mir deine Ziege. Einmal habe ich auch im Austausch gegen den Gebrauch eines Fischerbootes einen fettigen Dampfabzug einer Frittierküche geputzt in Neuseeland–unglaublich eklig. Gerade auf Reisen ist aber das Arbeiten gegen handfeste Währung von Vorteil.


Tobias von Bonaparte reinigt einen Frittierabzug in Neuseeland.

Frau Viola: Hattest du auch mal einen monotonen Nebenjob, der aus nur einer einzigen immer wiederkehrenden Bewegung bestand?
Herr Bonaparte: Am Rande des Wahnsinns war ich sicher, als ich eine Woche in einer Gehörlosenfabrik Eisenteile biegen musste. Ich weiß bis heute nicht, was aus diesen Teilen danach gemacht wurde. Ich habe den Verdacht, ich musste sie nur biegen, damit ich etwas zu tun hatte. Eisenteil in die Maschine, Hebel nach unten, Hebel hoch, Eisenteil raus, Eisenteil rein, Hebel nach unten … außer mir hat keiner was gehört in der Fabrik und sprechen konnte ich auch mit niemandem. Vielleicht gilt das als Industiralisierungs-Mediations-Übung.

Frau Viola: Ich bin ja sterblich verliebt in Cannonman und möchte ihn heiraten! Bitte sag mir, dass er abseits der Bühne Millionär und Junggeselle ist.
Herr Bonaparte: Cannonman ist ein spezieller Fall. Er nützt unsere Konzertreisen um den Erdball gezielt aus, um die örtlichen Casinos unsicher zu machen. Es kommt also öfters vor, dass er morgens, wenn wir losfahren, direkt vom Pokertisch kommt und unsere Bandkasse um 1000 € aufgebessert hat. Manchmal geschieht natürlich auch das Gegenteil. Dann muss er die ganze Fahrt hinten in der Ecke sitzen.

Frau Viola: Wessen Nebenjob findest du den am filmreifsten?
Herr Bonaparte: Nun, dass müsste der unserer Tänzerin Clea Cutthroat sein, als sie zwei Jahre als „professionelle Spielzeugpräsentatorin" im berühmten New Yorker Warenhaus FAO Schwarz gearbeitet hat. Sie musste seltsame Spielzeuge präsentieren, wie den „Blowpen" oder den „Balzac–the bouncing ball in a fabric sack". Es gab auch „Magic Plastic", ein Strohhalm mit Plastikleim, der einem nach zu langem Blasen ins Röhrchen unglaubliche Kopfschmerzen bereitete. Manchmal mieteten auch Prominente wie Jon Bon Jovi das ganze Warenhaus über Nacht, damit ihre verwöhnten Bengel in Ruhe Spielzeug ausprobieren und die armen „Toy Presentator" jagen konnten. Sie teilte ihr Umkleideschränkchen mit dem Mädchen, das Barbie präsentierte, aber in Wahrheit eher wie Norma Desmond aussah und fest davon überzeugt war, von einem grossen Filmregisseur entdeckt zu werden. Barbie hasste sie aus irgendeinem unerklärlichen Grund. Ach ja, und sie hatte für kurze Zeit eine Affäre mit dem Typen, der Batman spielte.

Frau Viola: Hui … Action! Welche Bonaparte-Mitglieder haben den eigentlich statistisch gesehen weniger Nebenjobs – die Tänzer oder die Musiker?
Herr Bonaparte: Lustigerweise die Musiker! Unser Drummer Murat Le Bâumgärthè hatte genau einen einzigen Nebenjob: Er musste 2 Tage als Parkplatzanweiser in leuchtroter Weste auf einer Edelsteinmesse Wagen parken. Er hörte die ganze Zeit nur Chopin und Schostakovitch Etuden und die Messe war wohl kein so grosser Erfolg–möglicherweise wegen seiner abschreckenden Wirkung auf dem Parkplatz–denn es kamen pro Tag nur ca. 50 Besucher. Die konnte er dafür auf einem riesigen Parkplatz kreuz und quer parkieren. Entspannter Nebenjob. Unser Keyboarder Uri Gaga lügt zwar meistens, aber er schwört, er habe mal als Automechaniker gearbeitet. Aber es klebt noch ein wenig Wagenschmiere an seinem Hemd. Und unser Bassist Carlos Primero hatte ein paar Mal in Italien in riesigen Industriehallen mit großen und kleinen Regalen Etikette geklebt und die Fächer gelabelt. Tausende von Barcodes und Nummern, wo dann Schrauben und sonst was nachher reinkommen. Oder Bonaparte-CDs. Ich schätze, die Amazon-Lagerhallen sehen auch in etwa so aus.


Herr Bonaparte flickte als Nebenjob die Boote reicher Leute.

Frau Viola: Und keiner von euch hat jemals den Klassiker aller Nebenjobs ausgeübt–das Kellnern?
Herr Bonaparte: Ach, natürlich … Ich habe mal paar Wochen in einer Kaffeebar Espressos zubereitet und zwischendurch versucht den Kunden eigens gemischte Kreationen anzubieten–wie zum Beispiel das "Café Loco", ein Gemisch aus Kaffee und Coca Cola–es war kein grosser Erfolg. Aber der Job machte mir großen Spaß. Miss Pineapple musste in der amerikanischen Fast-Food-Kette Red Lobster den Kindern die lebendigen Lobster im Aquarium vorführen, bevor sie von ihren Eltern dann verspeist wurde. Mad Kate hält hingegen den eindeutigen Rekord in dieser Kategorie: Waitressing since 1998! Applaus bitte! Zuerst im Tastee 29 in Virgina, USA–ein klassischer alter Diner, der 24 Stunden am Tag offen hatte. Es arbeiteten immer 3 Leute: die Köchin, der Tellerwäscher und die Kellnerin. Kate musste alle an der Bar und in den kleinen Kabinen bedienen und wenn Sally um 21 Uhr ihre Zigarettenpause nahm und regelmässig irgendwo einschlief, konnte das auch mal ganz hektisch werden. Nach zahlreichen anderen Diners arbeitet sie heute manchmal im White Trash Fast Food in Berlin.

Frau Viola: Und zum Ende musst du mir noch die absurdesten Nebenjobs auftischen, die aber aus heutiger Sicht irgendwie total Sinn ergeben?
Herr Bonaparte: In meinem Falle wäre dies das Flicken von Booten reicher Leute auf den Keys in Florida, um mir das Geld für den Bus zu verdienen. Die neue Platte ist eine Seereise geworden–ich habe diese neuen Songs gezimmert und geflickt wie ein altes Boot vor der Überfahrt nach Nassau. Und der Gewinner in dieser Kategorie ist sicher unser Tour-Manager Sascha: er arbeitete längere Zeit auf einer Auffangstation für kleine Makakenaffen, die sie–nachdem an ihnen im Deutschen Primaten Zentrum Göttingen Tierversuche ausgeübt wurden–wieder aufgepeppt haben. Er musste den Affen also ihr Essen bringen und sich liebevoll um sie kümmern, ihnen Dinge erzählen, in dem Wissen, dass sie kein Wort von dem verstehen, was er da so sagt. Heute macht er eigentlich noch genau das Gleiche. Wenn man bedenkt, dass dieser Mann nun Tourmanager geworden ist und seine Tage daraus bestehen, die Mitglieder von Bonaparte darauf hinzuweisen, dass sie vielleicht mal etwas essen oder sich duschen sollten, und dass der Bus vor 2 Minuten abgefahren sei–macht das alles irgendwie sehr viel Sinn. Das Leben ist eben am Ende doch meist fair und gut.

Tschüss, euer Jobcenter Bonaparte.