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Hier sind die besten Methoden, um auf Tour Geld zu verschwenden

Viele Bands jammern rum, dass sie auf Tour einfach kein Geld verdienen. Aber ehrlich: Coole Bands hauen ihre Gagen doch lieber sofort raus.

Hannes Naumann

Spätestens seitdem sich die US-Band Pomplamoose ausgiebig darüber ausgelassen hat, warum sie auf Tour einfach keine Kohle verdienen, ist das Netz voll mit Ratgebern und Spar-Guides für junge Bands on the road. „Man kann sehr wohl Geld verdienen auf Tour!“ lautet das Mantra mit dem erhobenen Zeigefinger und jede dahergelaufene Emo-Coverband aus Kalifornien möchte euch das mit kräftigen Zahlen untermauert erklären. Ihr sollt schlau tanken, schlau fahren, schlau essen, schlau schlafen, schlau feiern—Sparfuchsstyle. Ich sage: Alles Quatsch! Klar kann man auf Tour Geld verdienen, die Frage ist: Wer will das überhaupt!? Wer mit seiner Band in der Welt da draußen richtig Spaß haben will, sollte seine wohlverdiente Abendgage innerhalb von 24 Stunden verprassen und keinen Cent mit nach Hause bringen. Rock'n'Roll statt Bausparvertrag!

Warum ich mich damit besonders gut auskenne und jede Berechtigung habe, fachmännisch darüber zu urteilen? Ich habe beide Seiten gesehen. Ich erinnere mich düster an ein Telefongespräch mit unserem Booker Menacing Menzl. Völlig entnervt durchwühlten wir in einer Skype-Konferenz im Winter 2013 sämtliche Rechnungen, Quittungen und Tankzettel des Jahres. „Also Ashi“, stöhnte er völlig entsetzt, „Ich hab keine Ahnung, wie ihr das gemacht habt, aber in eurer Buchhaltung fehlen 14.000 Euro. Das ist Geld, das ihr VERDIENT habt. Das sind Gagen, Gewinne, spurlos verschwunden! Ihr müsstet reich sein! Wie kann das denn sein!?“ Auch mir war diese Summe ein absolutes Rätsel. Ich wusste gar nicht, dass so viel Geld in der Welt existiert, geschweige denn auf unserem Bandkonto. Nach zwei Beruhigungswhiskey und einer weiteren Stunde Aktendurchwälzen kam Menacing Menzl dem Rätsel des verlorenen Schatzes schließlich auf die Spur: Wir haben die Kohle einfach knallhart versoffen. Gut, einige viele Scheine gingen auch für Tankstellen-Currywurst, sinnlose Taxifahrten, Offday-Ausflüge und kaputte Instrumente drauf, aber der große Haken waren die Cuba Libre und Gin Tonics und Schnapsköstlichkeiten des Landes, die nach den Shows an verschiedensten Theken auf uns und unsere Spendierhosen warteten. Unser Reichtum floss uns quasi direkt nach den Konzerten aus den Händen, bevor wir ihn überhaupt zu einer Bank tragen konnten.

Nach dem Gespräch wurde über uns das große Bargeldverbot verhangen, unsere Gagen wanderten aufs Konto statt in die Hosentaschen und die Zeit von Saus und Braus war vorbei. Seitdem ist auch bei uns im Hause Captain Capa Sparkurs angesagt, und ja—so lebt es sich vernünftiger und angemessener und im Allgemeinen besser. Aber rate mal, was mehr Spaß gemacht hat!? Falls du also in einer Band bist oder vorhast, eine zu gründen, höre auf meine Worte: Geld ist nicht alles! Lieber unter der Woche auf der Straße schlafen, als auf Tour zu sparen! Wenn du vom Wesen her einfach ein sparsamer Typ bist und nicht so recht weißt, wohin mit der Knete, hilft dir der folgende Guide auf die Sprünge.


Gib möglichst viel Geld fürs Feiern aus!

Du hast ein geiles Konzert am Arsch der Welt gespielt und alle waren dabei! Die 250 Leute vor der Bühne sind völlig kaputt, aber für euch geht die Nacht gerade erst los. Klar könntest du jetzt im Club bleiben und gratis an der Bar saufen, bis der Laden dicht macht. Die letzte feierwillige Truppe im Raum hat aber eine bessere Idee und lädt dich und deine Band „in 'nen echt coooolen Club gleich um die Ecke“ ein. Ihr packt also euren Scheiß zusammen und schließt euch den verpeilten Kids an, die euch zu diesem mysteriösen Ort führen wollen. Vor der Tür dann das erste Problem: „Moment, wie weit müssen wir laufen!?“ „Das sind nur 10 Minuten, vielleicht 'ne viertel Stunde!“ versichern euch die Ortskundigen. Aber so weit kommts noch! Ihr habt heute schließlich schon hart auf der Bühne gearbeitet und wollt keinen Meter mehr zu Fuß gehen. Zum Glück ist das nächste Taxi nicht weit, und weil ihr es unfair fändet, wenn ihr euch luxuriös durch die Stadt kutschieren lasst, während eure neuen Freunde laufen müssen, winkst du gleich noch eins heran und skandierst laut: „Das geht auf die Band!“ Mit drei Taxen fahrt ihr vor dem „coooolen Club“ vor und stellt schon vorm Eingang fest: Das wird teuer. Die Musik ist zwar scheiße und die Klientel drinnen schaut euch an, als wärt ihr obdachlose Meth-Heads, aber die werden gleich sehen, wen sie hier schief von der Seite angaffen! Pompös stolzierst du an die Bar und gibst erst mal eine Runde für eure Gang aus, die inzwischen aus zwölf Leuten besteht. Die Yuppies am Tresen staunen nicht schlecht, als du ein paar feuchte Scheine aus der Hosentasche ziehst und sie von einem braunen Gummibändle befreist. „Wooow!“ Der Abend nimmt so seinen Lauf und die Gage wandert Stück für Stück in die Hände der eifrigen Barkeeper und Barkeeperinnen. Hin und wieder steht dein Bandkollege mit glasigen Augen vor dir und hält die Hände auf: „Ashi... Ashi... ich brauch nochma... nochma 'n Zwanni bidde.“ Da lässt du dich nicht lumpen, es ist immerhin auch sein Geld und heute ist dein Tag! „Hier, nimm doch gleich zwei davon, bevor du gleich wieder antanzen musst!“ Nach sechs Longdrinks und einigen Kurzen beschließt du, endlich ins Hotel zu fahren. Mit dem Taxi, natürlich. Dein Bandkollege sieht das allerdings anders: „Ashi... ich kann noch nich... is so schön hier!“ Kein Problem, soll er einfach sein eigenes Taxi nehmen, zwanzig Minuten später zum Beispiel. Da sind zum Glück noch ein paar zerknüllte Zwannis in der Jacke. Der Blick ins Portemonnaie am nächsten Morgen fällt schwer, aber ihr habt alles richtig gemacht—Rockstar wird man eben nur, wenn man sich auch so benimmt.


Speiset wie die Könige!

Hast du schon mal eine Band gesehen, die sich im Frühstücksraum ihres Hotels Brötchen für die Fahrt geschmiert hat? Natürlich nicht! Würde es eine Rock'n'Roll-Bibel für cooles Verhalten auf Tour geben, wäre das wohl das erste große Verbot-Gebot. Über Nahrungsaufnahme auf Tour habe ich an anderer Stelle schon mal berichtet, aber da es hier ausdrücklich darum geht, Geld loszuwerden, statt anzuhäufen, rate ich dir und deiner Band: Steht so spät auf wie möglich und lasst das öde Hotelfrühstück direkt sausen. Begebt euch gegen Mittag vor der Abreise direkt in das feinste Restaurant, das eure ausgelaugten Kater-Körper erspähen und kommt beim Bezahlen bloß nicht auf die Idee, eure privaten Geldbörsen raus zu holen—wofür habt ihr denn gestern T-Shirts verkauft!? Egal, ob ihr euch ein paar Sushiröllchen, ein saftiges Rumpsteak oder veganes Fingerfood in den Rachen werft—hauptsache, ihr gönnt euch mal! Heute ist euer Tag, schon wieder!


Mach möglichst viel kaputt!

Egal, ob du in einer Punkband spielst, Deathmetal knüppelst oder mit einer Elektroband unterwegs bist: Equipment ist meistens scheiße teuer. Wenn sich deine Band in einer Gagensphäre von durchschnittlich 800€ befindet, könnt ihr den Abend also schon als Minus verbuchen, wenn euch nur einer eurer sensiblen Synthesizer vom Stativ kracht. Aber sind wir mal ehrlich, was sieht auf der Bühne besser aus? Ein Gitarrist, der sein Instrument wütend auf dem Boden zerschlägt und dabei auch noch die Bassdrum seines Schlagzeugers zertrümmert oder ein Keyboarder, der seine Tasten vor der Show vorsichtig mit einem feuchten Lappen abwischt und das Gerät ängstlich festhält, sobald unter ihm die Bretter wackeln? Richtig, on stage darf man auf Verluste keine Rücksicht nehmen! Bisschen Schwund is' immer. Wenn du also ordentlich ausrastest und ekstatisch an deinen paar Reglern drehst, fällt dir mit ein bisschen Glück dein Sampler runter und die Hälfte deiner Gage löst sich in Luft auf. Wenn du jetzt versuchst, das Instrument zu retten und vor Publikum damit anfängst, an den Kabeln zu wackeln, brichst du damit bloß wieder zwanzig Coolness-Regeln. Also stampf lieber noch mal wütend auf dem Teil rum und schmeiß die Reste in die erste Reihe! („Wow, diese Band muss so viel Ca$h haben!“)


Kauf dir mal was Schönes!

Das Leben auf Tour kann dir ganz schön aufs Gemüt schlagen. Auf engstem Raum mit seinen Kumpels eingesperrt zu sein, die Tristesse der deutschen Autobahnlandschaft, der Geruch von kalter Asche und das nervtötende Fiepen beim täglichen Soundcheck—alles Dinge, die sich hartnäckig auf deine Psyche niederschlagen und dich innerhalb einer Woche langsam aber sicher zu einem Zombie werden lassen. Da muss man sich hin und wieder auch mal was Gutes tun! Da dir auf Tour sicherlich keiner deiner versoffenen Kollegen etwas schenken wird, musst du dich eben selber beschenken. Wenn du ein bisschen nerdig angehaucht bist, unternimm doch einen kleinen Ausflug in den örtlichen Comicshop und kaufe dir ein paar Pikachu-Mützen oder einen Plaste-Säbel! Wenn du ein eiskalter Profi-Mucker bist, räume den Musicstore leer und besorge dir unnütze Spielzeuge von Korg oder Akai. Wenn deine Band gerade an der Schweizer Grenze ist, haltet ruhig mal am Marken-Outlet an und holt euch ein paar neue Klamotten, dann könnt ihr eure Dreckwäsche von vorgestern direkt an der Raste in den Müll werfen. Kleine Anschaffungen auf Kosten der Bandkasse heben die Stimmung und schützen dich vor der stetig drohenden Tourdepression. Beachte bei deinen kleinen Shoppingtrips, dass du nicht zu knausrig bist und nicht so genau aufs Geld guckst, einfach raus mit dem Mist! Denn auch heute ist dein Tag, Mann!


Wirf Quittungen immer sofort in den Müll!

Ihr kennt das ja – spätestens am Ende des Jahres will das böse Finanzamt von dir wissen, wie viel von eurem Vermögen du in den letzten 365 Tagen verschleudert hast. Bei schlauen, sparsamen Bands heißt das im Optimalfall: Es gibt Geld von Vadder Staat zurück. Richtig coole Bands hingegen dürfen an dieser Stelle noch mal ordentlich abdrücken. Was uns zurück zu besagtem Skype-Telefonat mit unserem Booker Menacing Menzl führt.

Menzl: „Das heißt, ihr seid fast jeden Abend auf Tour mit dem Taxi rumgefahren!?“
Ashi: „Ja. Ich fürchte, ja. :(“
Menzl: „Spinnt ihr!?“
Ashi: „Ja, ich fürchte schon. :(“
Menzl: „Kann nicht mal einer von euch nüchtern bleiben und den Fahrer spielen!?“
Ashi: „Nein, auf keinen Fall.“
Menzl: „Na gut, dann schick mir doch mal die ganzen scheiß Taxi-Quittungen.“
Ashi: „Was?“
Menzl: „Die Quittungen zu all den teuren Fahrten? Ihr braucht doch Ausgaben für die Steuer?“
Ashi: „DU MEIN ESSEN BRENNT AN, ICH MUSS LOS...“


Plötzlich fallen sie dir wieder ein: Die Gesichter unzähliger, mies gelaunter Taxifahrer, Tankstellenangestellter und Kellnerinnen, die dich unmotiviert fragten, ob du eine Quittung bräuchtest. „Nein,“ hast du jedes mal gedacht, „diese Bürde möchte ich ihnen in ihrem ohnehin schon offensichtlich anstrengenden Alltag nicht auch noch aufbuckeln.“ Freundlich und / oder besoffen hast du mit dem Kopf geschüttelt und abgewunken. Wenn es dann doch mal eine Rechnung oder einen zerknitterten Kassenbon gab, ist er in den Ritzen des Tour-Mietwagens oder in den Untiefen deines Parkas verschwunden. Aber wieso solltest du ausgerechnet jetzt damit anfangen, die Zettelwirtschaft aufzuheben und im schlimmsten Fall noch zu sortieren!? Steuergelder sind Peanuts und außerdem ist heute dein Tag!


Legt große Preisgelder möglichst schlecht an!

Bandwettbewerbe sind uncool, das weiß man nicht erst seit der Rock'n'Roll-Bibel für cooles Verhalten auf Tour. Das war schon immer Gesetz. Es gibt aber Ausnahmen in dem Meer von Newcomer-Contests, denen du die Teilnahme aufgrund ihrer verlockenden Gewinnangebote einfach nicht ablehnen kannst. Sollte also eines Tages das Unmögliche passieren und du gewinnst aus Versehen z.B. den New Music Award, der hierzulande mit 10.000€ Preisgeld dotiert ist, lass dich nicht sofort von den schlauen Menschen um dich herum vereinnahmen und schieb ihre gewissenhaften Ratschläge erst mal beiseite. Ja, 10.000 Ocken klingt spontan nach jeder Menge Ca$h, aber in Wahrheit könntest das das problemlos in 8 Monaten Tour verprassen! Weshalb es die Knete auch nicht bar auf die Hand gibt, sondern in Form von einem Einkaufsgutschein für Instrumente. Jetzt kommen wieder die pfiffigen Ratgeber vom Label und von anderen Bands und vom Management und flüstern dir ins Ohr: „Holt euch bitte, bitte teure Vox-Verstärker und verscharrt sie für viel Geld bei Ebay. Von dem Geld holt ihr euch dann einen Wagen oder finanziert eure nächste Platte oder so!“ Pah! Lasst sie reden, das ist euer Gutschein! Kreuzt im Katalog einfach alles an, was euch lustig erscheint und freut euch später über den Berg an Mini-Keyboards und Effektgeräten und Techno-Spielsachen, der sich in eurem Lager (der Dachboden eurer Eltern) staut. Denkt auch an eure besten Freunde! Bestellt eurem Produzenten ein Klavier und schickt eurer Lieblingsband einen neuen Microkorg ins Studio. Sie haben es verdient!

Ihr seht, sparen kann jeder, Geld zum Fenster rausschmeißen ist eine Kunst für sich. Wer im harten Showbusiness da draußen nicht nur überleben, sondern auch LEBEN will, trägt seine Gage stets locker in der Brusttasche und zeigt sich spendabel und generös zu sich und seinen Mitmenschen. Nur so verbreitet sich möglichst schnell das Gerücht vom Reichtum eurer Band, das euch letztlich zu großen Stars machen wird! Dass ihr dafür in den Phasen zwischen den Touren nur Trockenbrot und Yum-Yum-Suppen esst, heimlich in der Garage eures Nachbarn haust und euch das Budget für euer nächstes Album auf Knien bei Kickstarter erbettelt, ist für den Moment erst mal Wurst, denn beim Musikmachen geht es schließlich um das Hier und Jetzt, den ganz großen Lifestyle, den Schampus und immer um die Coolness! Lasst euch nicht unterkriegen, raus mit den Scheinen, heute ist euer Tag!