Der ultimative Fress-Guide des Tourlebens

Solltest du auf den #healthy Zug aufgesprungen sein, spring jetzt lieber wieder ab – mit #cleaneating hat das unregelmäßige Sattfressen auf Tour nämlich nichts zu tun.

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Feb. 19 2015, 10:57am



Schlimm aber wahr: selbst Rockbands und Techno-DJs können sich auf Tour nicht ausschließlich von Bier und Drogen ernähren. Der menschliche Körper ist auch in der Extremsituation „Tourmodus“ auf ein paar grundlegende Nährstoffe angewiesen, die ihm regelmäßig zugeführt werden müssen. Das ist auf Tour allerdings nicht immer das selbstverständliche Zuckerschlecken, von dem man bei seiner ersten Bandprobe in der Realschul-Aula geträumt hat. Wenn du dich schon immer gefragt hast, warum all deine Lieblingsbands mit den Jahren immer fetter werden, könnte das hier die Antwort für dich sein. Solltest du letzten Sommer auf den #healthy Zug aufgesprungen sein, spring jetzt lieber wieder ab – mit #cleaneating hat das unregelmäßige Sattfressen auf Tour nämlich nichts zu tun. Guten Appetit mit dem ultimativen Fress-Guide des Tourlebens.


Frühstück im Hotel

Mal ehrlich, kein Schwein schält sich auf Tour pünktlich aus dem Bett, um sich zwischen frisch heraus geputzten Touristen zwei Kellen Rührei in den Schlund zu schieben. Oftmals geht es gerade beim nächtlichen Ausnüchtern um jede Minute Schlaf, da kann auf so etwas belangloses wie Nahrungsaufnahme keine Rücksicht genommen werden. Zudem ist es das Frühstück in den Drei-Sterne-Hotels des Landes oftmals auch gar nicht wert, den Powernap zu unterbrechen. Es sei denn, es gibt Bockwurst. Dann sollte man auf jeden Fall dafür sorgen, dass der hungrige Tontechniker sein 13-Würstchen-Frühstück bekommt.


Mittag auf der Autobahn

Mit Verrenkungen in den Gliedern und Schlafsand in den Augen kämpft ihr euch in Jogginghose und Pudelmütze aus dem Tourmobil. „TANK-STEL-LE! TANK-STEL-LE!“ heißt der Schlachtruf auf den billigen Plätzen. Zur Mittagszeit sind Bands auf Tour nämlich fast immer auf der Autobahn. Zum fein Essen gehen ist vor der Abreise zur nächsten Location meistens einfach keine Zeit. Zum Glück bieten deutsche Autobahn-Stops die heilige Dreifaltigkeit der kulinarischen Bandversorgung: Burger King (danach fühlen sich alle Betroffenen schlecht, die Motivation sinkt in den Keller), überteuerter Raststätten-Schmaus (danach sind alle arm, das schlechte Gewissen steigt erheblich) und die Tankstellen-Theke. So bleibt die grantige Brötchenfrau an der Tanke das Sterne-Restaurant des ganz kleinen Mannes. Jeder ein gammliges Pizzabrot, eine Knacker oder 'ne Bockwurst auf die Hand und schnell wieder in den Wagen. Kleiner Captain Capa Geheimtipp: Ranger. Der oft für tot erklärte, weil kaum beworbene Stiefbruder der BiFi-Roll hinterlässt zwar noch Stunden nach Verzehr den Geruch von gewürztem Hundefutter im Auto, macht geschmacklich aber einiges her in der ohnehin schon schmutzigen Parallelwelt Tourbus. Ich glaube, dass das ein Geheimtipp ist, weil ich in den letzten Jahren nichts als entsetzte Blicke geerntet habe, wenn mich jemand beim Entsorgen von BiFi Ranger-Verpackungen erwischt hat.

Lunchpaket von Zuhause

Wenn ihr eine Schülerband seid und der nervige Typ am Steuer nur mitdurfte, weil ihr alle noch keinen Führerschein habt, habt ihr vielleicht ganz großes Glück und eine besorgte Mutti wartet zu Hause auf euch, während ihr auf dem Stadtfest Döbeln Three Doors Down covert. Das heißt nämlich auch, dass ihr euch die heilige Autobahn-Dreifaltigkeit komplett sparen könnt, denn Mutti hat euch Pausenbrote für die Fahrt geschmiert. Pünktlich 14:00 packen an der Raste alle ihre Salamibrote und Kinder Pinguis aus und fertig ist die Klassenfahrt.

Wenn ihr allerdings Mitte 20 seid und mit der Wochenend-Gage euer schimmliges WG-Zimmer abstottert, müsst ihr euch euer Lunchpaket schon selber packen. Doch auch hier heißt es, vorsichtig sein! Die empfindlichen Nasen und Mägen eurer Bandkollegen werden bei dem Anblick von Graubrot mit frisch geschlachteter Blutwurst vom Bio-Fleischer genau so protestieren, wie bei einer lauwarmen Tupperdose mit Vegi-Soljanka. Niemand will diese Sauerei im Auto, kauft euch einen Ranger, verdammt!


Streetfood

Seltenes, aber bekanntes Tourproblem: Ihr steht schon vor dem Club, aber der Veranstalter schließt euch erst in zwei Stunden die Tür auf. Für einen Spaziergang durch die Frankfurter Innenstadt seid ihr zu fertig, außerdem pisst es mal wieder und ihr wollt nicht zu weit weg vom Laden. Nicht weit entfernt lacht euch ein leuchtendes Kebap-Schild an.
Döner ist ja angeblich wie Sex—auch beschissen noch ziemlich gut. Dachte ich zumindest, bis ich nach einer Show in Graz, Österreich, in eine mehlige Weißbrottasche biss und sich mir schlagartig der Magen umdrehte. Döner ist nämlich eben nicht immer gut. Döner kann auch ganz schön scheiße sein. Hier gilt: Nimm dir die fünf Minuten, schau dir den Laden vorher gut an, vergleiche mit der Dönerbude gegenüber. Wenn es so aussieht, als hätte man das Restaurant nur in die Fußgängerzone gesetzt, um dort Geld zu waschen, stell deine Hungersnot noch mal in Frage. Generell heißt es, mit dem Straßen-Imbiss ein bisschen vorsichtig zu sein. Ich weiß, ihr seid verkatert, hungrig und „wollt mal aufs Geld schauen.“ Versucht trotzdem, den Verzweiflungsakt zu vermeiden, der euch in die schäbigste Fressbude im Kiez zieht. In meinem Fall hat der traurigste Döner der Welt noch auf dem Heimflug an meiner Magenwand genagt.

Lederhose

Eigentlich wollte ich hier keine großen Bandgeheimnisse ausplaudern, aber dieses gut versteckte Mekka des Tour-Speisens darf nicht unerwähnt bleiben. Irgendwo bei Gera im Thüringer Niemandsland, direkt an der Autobahn, liegt ein Ort namens Lederhose. In diesem Ort steht ein Gasthof... namens Lederhose. Das klingt zwar wie die Einführung zu einer weniger aufregenden Runde Dungeons and Dragons, ist aber schockierende Realität. Das Restaurant sieht aus wie ein nackter Klotz aus grauem Putz und steht tatsächlich mitten im Nix und auch die Website des Hauses spart mit Informationen. Der Laden geht aber unter befreundeten Musikschaffenden längst als absolute Geheimbombe um, wenn es um einen gepflegten Fress-Stop auf Tour geht. Früher oder später kommt jede Band an der mysteriösen Autobahn-Abfahrt vorbei und lacht über den ulkigen Dorfnamen. „Lederhose.“ Hehe. Nächstes Mal also ruhig abfahren, auch wenn ihr dabei das Gefühl habt, ihr fahrt direkt in die Falle der Minenmonster aus The Hills Have Eyes. Und erschreckt euch nicht, wenn mal ein Kügelchen Schrot aus dem Steak plumpst – hier wird noch selbst geschossen!


Fantastisches Catering

Hin und wieder hat man im Backstage halt doch Glück: Im Club arbeitet ein versierter Hobbykoch, der Chef hat eine geile Catering-Firma beauftragt, direkt über dem Laden haust ein ausgezeichnetes Restaurant. So wird im Club „Treibsand“ in Lübeck regelmäßig ein Gänge-Menü aufgefahren, das keine Wünsche übrig lässt und auch über die Backstage-Kochkünste im „Glashaus“ Bayreuth schwärmen befreundete Bands noch heute. Das Problem an Kartoffeln in Senf-Honig-Marinade, argentinischem Nuss-Rind und Hirschrücken ist allerdings, dass es meistens kurz vor der Show serviert wird. Nach der Show wollen schließlich die Angestellten nach Hause, der Backstage muss gefegt werden, die Teller müssen weg. Das heißt, du frisst dir kurz vor der Show ein ordentliches Food-Baby aus den vorzüglichen vier Gängen an den Wanst und schleppst dich kurz darauf matt, faul und fettig auf die Bühne, wo du dich doch viel lieber auf die Couch vor die Glotze knallen würdest. Ich weiß zwar bis heute nicht, warum man mit vollem Magen nicht schwimmen gehen soll, aber ich bin mir sicher, die selbe Regel greift auch fürs Konzerte spielen. Auf das wilde Rumgehopse der letzten drei Shows musst du heute jedenfalls verzichten. Und vergiss nicht, das Mikrofon beim Rülpsen wegzuhalten.



Ätzendes Catering

Das Problem an Kartoffeln in Honig-Senf-Marinade ist übrigens auch, dass du sie höchst selten zu Gesicht bekommst. Die meisten Veranstalter machen es sich immer noch leicht, was das Catering für gebuchte Bands angeht—und das ist tatsächlich verständlich. Wenn jede Punkband auf der Durchreise einen zweiseitigen Rider mit Extrawünschen mitbringt, weil der Bassist Frutarier ist, die Drummerin kein Gluten riechen kann und der Sänger ausschließlich Fleisch von tätowierten Rindern isst, gibt es am Ende eben den größten, gemeinsamen Nenner: Reis mit irgendwas. Undefinierbare Pampe zwischen Chilli con Carne und Curryhühnchen. Und weil am Ende trotzdem alle satt sind und der Plan funktioniert, gibt es den munteren Backstage-Eintopf in Club X ab sofort für alle Bands. Für immer.

Nicht immer ist genug für alle da und oft müsst ihr für Türsteher Ralle und Thresen-Harald noch was übrig lassen. „Die Teller sind da drüben, die hab ich grad mal grob abgewaschen, kann sein, dass ihr da noch mal drüber müsst mit dem Lappen.“, sagt die Veranstalterin und drückt euch ein Handtuch mit Brandlöchern in die Hand. „Aber viel Spaß nachher bei der Show! Und gebt alles!“

Scheiß auf die Gage, wir gehen fein essen!

Man kann sich nicht immer nur von Mist ernähren und nach drei vollen Konzerten muss auf vier leere Bäuche auch mal etwas Exquisites treffen: Die teure Sushi-Bar hinterm Club, das fränkische Traditions-Restaurant im Braukeller, der gute Mexikaner, von dem hier alle reden. Eure zwei größten Feinde bei diesem Unternehmen sind das Portemonnaie und die Uhr. Eigentlich ist für ausschweifende Gasthausbesuche keine Zeit, denn ihr wollt entweder zum nächsten Tourstop oder endlich nach Hause. Und auch wenn ihr in den letzten Tagen geil abgeca$ht habt, solltet ihr die Kohle lieber in neue Winterreifen für den Tourbus oder den nächsten Videodreh investieren. Aber ich versteh das—immer nur Dönerbude, Tankstellenbrötchen und Chilli con Carne aus dem Benzinkanister geht halt nicht. Setzt euch zum Spanier und bestellt euch das eingelegte Büffelsteak, aber wundert euch nicht, wenn ihr von den gut gekleideten Kellnern schief angeschaut werdet—ihr seht nämlich höchstwahrscheinlich so aus, wie ihr euch nach drei Tagen unterwegs fühlt. Aber jetzt genießt erst mal und denkt bitte für eine Stunde nicht ans Geld. Ganz Gewiefte geben die Rechnung hinterher als Business-Meeting beim Finanzamt ab, noch Gewieftere zerreißen das Scheißding einfach und erzählen ihrem Booker nichts von diesem Luxus-Fehltritt.

Auf Tour zu verhungern ist offensichtlich keine akute Bedrohung des Band-Lebens. Auf Tour zu einem verschuldeten, fettleibigen Klumpen Mensch zu werden, den man auf die Bühne rollen muss, schon eher. In diesem Bereich kann man tatsächlich quasi NICHTS richtig machen. Höchstens man ist einer dieser irre konsequenten Fitness-Freaks, aber die jagt man in Lederhose bekanntlich mit dem Traktor aus dem Kaff.

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