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Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos

Wenn Bands auf Tour gehen, bauen sie nur Scheiße—und das geht so

Wenn Bands sich die Zeit auf der Autobahn totschlagen wollen, müssen sie kreativer sein, als sich nur lethargisch zu besaufen. Zum Beispiel mit dem tollen Spiel: „Alle trinken, einer fährt“.

Hannes Naumann

Liebe Musiker, Roadies, Tourmanager und Merch-Slinger da draußen, ich habe heute gleich zwei schlechte Nachrichten für euch. Die erste: Die Festivalsaison steht vor der Tür. Das heißt für euch: Weite Strecken, lange Fahrten und viel, viel Wartezeit zwischen Soundcheck und Konzert. Die zweite Hiobsbotschaft: Der Podcast von Böhmermann und Schulz wurde gerade abgesagt. Na geil, eine Beschäftigungsmöglichkeit mehr im Tourbus des Grauens, die euch armen Reisenden vom Teller genommen wird. Aber fürchtet euch nicht! Die harte Schule des Bandlebens hat mich abgehärtet und auf Autobahn-Unterhaltung trainiert.

Ob in stiller Zweisamkeit mit Bandkollege in Opas Opel Corsa oder als zwölfköpfige Entourage im Nightliner—es gilt, stets zu wissen, wie man die oft unsäglich zähen Stunden zwischen Club A und Festival B unterhaltsam überbrückt. Um die Stimmung im Bandgefüge nicht aus den Fugen geraten zu lassen, ist es nämlich wichtig, dass ihr euch im Tourbus nicht zu den Standardbeschäftigungen einsamer Trucker hinreißen lasst (Tom Astor hören, Sekundenschlaf, heimlich wichsen) und erst recht nicht auf die Idee kommt, euch Kopfhörer ins Ohr zu stecken und irgendwas Produktives an eurem Laptop zu machen (Steuererklärung, einen neuen Hit komponieren, heimlich wichsen.) Viel eher solltet ihr die Zeit, in der ihr sowieso auf engstem Raum aneinander gekettet seid, nutzen, um euch noch näher kennenzulernen, euch zu bilden, eure Fingerfertigkeit zu üben oder die Grenzen eurer Freundschaft auszuloten. Erlaubt mir, ein paar fixe Ideen auf den Tisch zu knallen, damit die nächste Durststrecke zwischen dem Stadtfest Wanne-Borxel und dem Umsonst und Draußen Forstensiedel zu einer Achterbahn of Fun wird. Ein bisschen wie damals '99 auf Klassenfahrt nach Beichlingen, ich schwöre!

1. Daddelt euch die Finger blutig!


Foto: Tino Propeller

Man sollte meinen, in Zeiten, in denen jeder von uns einen kleinen, saftigen Computer in der Hosentasche trägt, wären regelmäßige Zock-Turniere im Tourwagen an der Tagesordnung. Die ernüchternd erwachsene Realität sieht anders aus. Zwar starren alle Beifahrer stets tief in ihre Mini-Bildschirme, allerdings nicht, um sich gegenseitig in Street Fighter zu vermöbeln, sondern um ihre Flirt-Apps zu studieren oder ihrer Freundin ein Knutsch-Emoji nach Hause zu schicken. Macht doch keinen Scheiß! Nichts könnte eine bessere Plattform für die Wiederbelebung eurer Restjugend sein als eine lange Autofahrt mit euren räudigen Muckerkollegen. Entstaubt euren Nintendo DS, kauft euch Mario Kart bei Ebay, ladet euch irgendein Prügelspiel auf eure Handys runter, installiert Counterstrike auf eurem DJ-Laptop! Dazu kauft ihr euch an der nächsten Tanke ein paar gammlige Energy-Drinks, einen Mini-Ventilator und einen richtig lausigen Deo-Roller und schon habt ihr eure eigene, kleine LAN-Party on Tour. Problem: Der Fahrer darf nicht mitspielen und wird wahnsinnig von eurem Gebrüll genervt sein, während ihr euch gegenseitig vom Rainbow Road drängelt oder euch mit Ryu und Ken die Fresse einhaut. Lösung: Öfter die Sitze tauschen. Am besten an jeder Autobahntoilette ein mal.

Wenn ihr ein bisschen traditioneller drauf seid und euer Fahrer sowieso Nerven wie Drahtseile hat, rate ich, gerade für die unbeliebten Plätze auf der Rückbank, zu einem besonderen Bonbon der Spielekultur: Mini-Versionen von Klassikern wie Simon Says oder Bop It. „HAHA du musst drücken, Mann!!“ BEEEEP. BOOOP. „Grün, Grün, Rot, Blau...“ BEEEEEEP. Die Batterien halten zwar nicht sonderlich lange, aber das macht nichts—irgendeiner aus der Crew wird das Ding sowieso innerhalb von 30 Minuten wütend aus dem Fenster schleudern.

Falls ihr das große Los gezogen habt, einen taubstummen Fahrer am Lenkrad zu haben, dürft ihr euch an Spaceteam wagen, eine App, in der ihr gemeinsam eine Rakete zum Starten bringen müsst, indem ihr euch die völlig bekloppten Instruktionen um die Ohren schreit. „DEN REFRIGERATOR OF DEATH AUF 10!!“ Wenn eure Band diesen Härtetest aushält, seid ihr bestimmt bald auch wieder in den Charts!


Foto: Timo Roth


2. Stromschläge für alle!

Egal, ob die Straße leer gefegt ist oder ihr seit Stunden im Stau steht—wenn ihr auf Tour frisch und munter bleiben wollt, darf es zwischendurch ruhig auch mal ein bisschen Adrenalin sein. Dass es dafür weder riskante Überholmanöver noch ein Arsenal illustrer Drogen braucht, beweist eine sadistische Erfindung aus schlecht verbauten Plastikteilen: Lightning Reaction. Was auf den ersten Blick aussieht, wie eine mutierte Schöpfung aus den Kellergewölben von Eis.de, ist in Wirklichkeit ein echter Kassenschlager bei Festival-Proleten und langhaarigen EMP-Stammkunden. Die Maschine und ihr Nutzen für das Leben auf Tour sind schnell erklärt: Alle greifen sich einen der Metall-Joysticks und eine grausige Melodie erklingt. Wenn die Melodie stoppt, müssen alle fix auf ihren Button drücken. Wer nicht schnell reagiert, bekommt einen amtlichen Stromschlag in die Hand. Lustig!

Besonders cool: Da ihr in einer Band seid und das Leben für euch ein einziges Abenteuer ist, darf der Fahrer diesmal natürlich mitspielen. Lenken kann man auch mit links!


3. Facebook-Likes raten

Für Acts, die ihren mäßigen Erfolg noch nicht an Chartplatzierungen, goldenen Schallplatten oder einem Berg Money messen können, spielen andere Währungen eine wichtigere Rolle: Klicks, Views und Däumchen. Ein fantastisches Gesellschaftsspiel für die ganze Belegschaft ist deshalb das heitere Däumchen-Raten. Hierbei werden wild Bandnamen in den Raum geworfen, deren Facebook-Likes dann geschätzt werden müssen. Wer am dichtesten ran kommt, darf die nächste Band aussuchen oder gewinnt einen Feigling an der Raststätte.

Wer seine Band als Business versteht und damit seinen Lebensunterhalt verdient, kommt auch um einen gewissen Konkurrenzgedanken nicht herum, weshalb das Spiel besonders mies wird, wenn man sich ausschließlich Künstlern aus dem eigenen Genre, der eigenen Gegend oder dem eigenen Dunstkreis widmet. Schöner Bonus-Effekt: Eure Truppe bekommt mal wieder einen Reality-Check und kommt entweder überhoben schadenfreudig („TAUSEND LIKES WENIGER, DIE KRIEGEN UNS NIE, HAHA!!“) oder komplett desillusioniert und nach Feigling riechend am Zielort an („Kann mal einer gucken, was philippinische Facebook-Likes grad auf dem Schwarzmarkt kosten?“)


4. Die Große Wette von Eisenberg TM

Okay, jetzt wird es speziell. Die Große Wette von Eisenberg ist die vielleicht beste Erfindung der Ex-Rave-Band Supershirt (R.I.P.) und kann euch bei korrekter Ausführung den ganzen Autobahntag retten. Wenn ihr das nächste Mal zwischen Leipzig und Nürnberg auf der A9 entlang tuckert, haltet Ausschau nach dem kleinen Städtchen Eisenberg. Über dieser Stadt thront nämlich—dem Auge Mordors nicht unähnlich—eine gigantische Anzeigetafel mit der wichtigsten Information überhaupt: Der Außentemperatur. Wettet am besten schon 200km vor Eisenberg, welche Zahl wohl heute auf dem Schild prangen wird. Wer am besten schätzt, gewinnt die Nagelfabrik nebenan. Herzlichen Glückwunsch!


5. Stellt euch endlich mal die wirklich wichtigen Fragen des Lebens

Eine Band, die schon lange zusammen unterwegs ist, muss man manchmal behandeln wie eine echte Beziehung. Wenn sich der Trott des Touralltags erst einmal eingeschlichen hat und euch eure Bandkollegen und ihre scheiß Vapourwave-Mixtapes schon zum Hals raus hängen, ist es oft schwer, das Ruder herumzureißen, bevor nach dem Festivalsommer die Auflösung droht. Deshalb solltet ihr euch hin und wieder eine Fragestunde der psychischen Tiefe gönnen, die euch während der Autofahrt fast so nah zusammenbringt, wie das erste Mal Flaschendrehen damals in Beichlingen.

„Marco?“
„Ja?“
„Du hast zwei Möglichkeiten...“
„Ich höre?“
„Entweder, du treibst es mit einem Schaf, aber niemand wird jemals davon erfahren, oder du treibst es nicht mit einem Schaf, aber alle deine Freunde und Verwandte werden auf ewig denken, du hättest es getan. Wofür entscheidest du dich?“
„Lässt du mich bitte schlafen, Hannes?“


„Marco?“
„Ja?“
„Wenn Mario und ich an einer Klippe hängen würden und du könntest nur einen von uns retten, wen von uns beiden würdest du packen?
„Hannes, hör bitte auf.“

„Marco?“
„Ja?“
„Würdest du lieber Mario mit einem Schaf erwischen oder, dass Mario dich mit einem Schaf...“
„HANNES!“

Lasst euch von Marcos beschämten Antworten nicht beirren! Tatsächlich könnt ihr mit den Versatzstücken der unangenehmen Fragerei mitunter stundenlange Diskussionen anzetteln, die euch zwar bitter peinlich sein werden, wenn ihr die rosafarbene Blase des Tour-Lifestyles erst mal wieder verlassen habt, dafür habt ihr immerhin ein paar öde Stunden Fahrt rum gekriegt und wisst jetzt viel besser über euch Bescheid, als ihr es eigentlich jemals wolltet.


6. Alle trinken, einer fährt!

Nur für fortgeschrittene Tourbusfahrer, kürzere Strecken und komplett verkehrssichere Bands ist die Beschäftigungstherapie „Alle Trinken 1 Fährt“ zu empfehlen. Hierbei wird an einer Tankstelle eures Vertrauens ein kleiner Vorrat an Bieren oder Kurzen angelegt, der einladend auf Beifahrersitz und Rückbank verteilt wird. Vor der Abfahrt lost ihr mit Streichhölzern aus, wer der Fahrer ist. Sollte am Vorabend jemand auf der Bühne seinen Einsatz verpasst haben, jemand das Gruppenzimmer für sich allein beansprucht haben oder den Hotelschlüssel versemmelt haben, kürt ihn ohne Hölzchen zum Fahrer, das Schwein! Für alle anderen aus der Reisegruppe gilt jetzt: PROST!

Baut euch aus euren Rucksäcken und Jutebeuteln einen Tresen auf der Rückbank und fühlt euch wie in einer Kneipe auf Rädern. Seht euren Bassisten am Steuer als Chauffeur und euren rostigen Minivan als Limousine. Eure Beschäftigung für die nächsten zweieinhalb Stunden: Vorglühen für den großen Auftritt! Dreht das alte Kassettendeck schön laut auf, reicht die Sauerkirsch-Flasche von Mund zu Mund—mein Gott, spielt Trinkspiele, wenn es sein muss! Aus Sicherheitsgründen sollte der Beifahrer einen klaren Kopf bewahren und gegebenenfalls eine spanische Wand zwischen den Abteilen aufstellen. Ihr sollt zwar ordentlich angetrunken auf dem VIP Parkplatz des Southside ankommen, vor allen Dingen sollt ihr aber überhaupt dort ankommen. Safety first, Schnapsi later!


7. Macht mal wieder Musik

Ja, ich weiß, ihr seid auf Tour und könnt eure eigenen Songs gerade nicht mehr hören und auch eure Spotify-Best-Of hängt euch zu den Ohren raus. Umso sinniger ist es, einen Teil der Zeit, den ihr ohnehin für eure Transportation verschwendet, zu nutzen, um euch kreativ ganz neu auszutoben. Schnappt euch eine alte Akustik-Gitarre, trommelt mit den Drumsticks auf eure Schenkel, vernetzt eure Telefone und drückt auf iMashine oder Garageband rum—so lange ihr euch keine Bongotrommel zwischen die Beine klemmt und euch einen Joint ansteckt, ist mir alles recht. Als vielbeschäftigte Band müsst ihr das bisschen Zeit, dass ihr zum Songschreiben habt, effizient nutzen. Klar könnt ihr euch im Winter wieder in ein schwedisches Landhaus einschließen und euch dort zwischen Feuerholz kleinhacken und Tee aufgießen zum Aufnehmen zwingen. Ihr könnt euch aber auch hier und jetzt auf dieser ätzenden Autofahrt einen eurer winzigen Mini-Synthies auf den Schoß legen und schon mal ein bisschen drauf los klimpern. Zugegeben, im Stau auf der A4 kommen dir vielleicht nicht die allerbesten Song-Ideen, aber es kann nicht schlimmer sein, als noch eine Stunde aus dem Fenster zu starren und die Minuten bis zur nächsten Pinkelpause zu zählen. Pro-Tip: Wenn euch gar nix einfällt, filmt euch einfach dabei, wie ihr—eng in eure Karre gepresst—eine eurer alten Kamellen unplugged aufwärmt und schickt es bei Snapchat an eure Fans oder postet es auf eure Facebook-Timeline. Ihr wisst schon, DIE DÄUMCHEN!

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Klar kann man die Wartezeiten unterwegs auch tilgen, indem man schläft, ein gutes Buch liest, neue Gitarrensaiten aufzieht, einen Film schaut oder sich mental höchst intensiv auf die bevorstehenden Auftritte vorbereitet. Aber auf Tour sein, ist trotz all der Nörgelei einer der geilsten Jobs der Welt, weshalb man ihn an jeder Stelle mit so viel Entertainment voll quetschen sollte, dass euch zuhause sofort wieder langweilig wird. Bei all dem Hin- und Her-Gerase auf dem Asphalt der Rock'n'Roll-Tristesse werdet ihr bereits genug wertvolle Stunden damit vergeuden, euren Kater im Zaum zu halten, über euer Leben nachzudenken oder euch schlicht und einfach den Arsch kaputtzusitzen („Darf ich jetzt mal das Kirschkernkissen!? Du kriegst auch den Nacken-Plüschie!“) Gönnt euch wenigstens für den Rest der Reisezeit mal ein oder zwei Späßchen. Ihr dürft!