London und Berlin haben ein Kind gezeugt: Kelvyn Colt, unsere neue Hoffnung im HipHop

Wer ist dieser Rapper, bei dem es sich zum ersten Mal nicht peinlich anhört, wenn er Deutsch und Englisch mischt? Wir haben ihn getroffen, um das herauszufinden.

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Juli 3 2016, 3:55pm

Es gibt für Musikfans wohl kaum ein schöneres Gefühl, als ein neues Lied zu entdecken. Die Euphorie über das musikalische Frischfleisch, der Stolz auf die eigene Entdeckung, mit der man bei Freunden und Bekannten endlich mal wieder trumpfen kann und die altbekannten Gefühle, die der Song wieder in einem hervorkitzelt, vermischen sich zu einem mächtigen Gefühlshybriden, der uns ein irres Lächeln ins Gesicht zaubert. Das ist der magische Moment, wenn man Musik „fühlt“. Und dieses Gefühl hat uns zuletzt Kelvyn Colt verliehen, als uns dieses Lied in den Newsfeed gespült wurde, und spätestens bei Minute 1:19 ein erstauntes „dope“ durch unser irres Lächeln stoßen ließ.

Ja, da schossen euch auch die Augenbrauen ein paar Etagen nach oben, was? Der Überraschungsfaktor ist tatsächlich groß, wenn Kelvyn, nachdem er sich erstmal ohne Atempause mit einer Leichtigkeit durch den kompletten Track auf Englisch gedoubletimed hat, plötzlich seine deutschen Lines flext. Wer ist dieser Rapper, bei dem es sich zum ersten Mal nicht peinlich anhört, wenn er Deutsch und Englisch mischt? Wir haben ihn getroffen, um das herauszufinden und euch außerdem die Premiere seines neuesten Streichs „Traded for You“ vorzustellen.


Noisey: OK, wir haben natürlich gegoogelt, um schon mal einen gewissen Plan von dir zu haben. So viel findet man im Internet aber gar nicht über dich. Es tauchen aber auf jeden Fall die Städte Berlin und London auf.
Kelvyn Colt: Ja es ist verwirrend. Meine Heimatstadt ist Wiesbaden, aber in Berlin bin ich alle paar Wochen, weil hier sehr viele Freunde und Kollegen wohnen. In Wiesbaden habe ich aber angefangen, Musik zu machen. Wir hatten damals auch mal kurz einen kleinen Hype, waren in den Viva Black Charts und so, aber ihr braucht gar nicht googlen: Das gibt es nicht mehr im Internet und darüber reden wir auch nicht [lacht]. Da ich auf Englisch gerappt habe, war das schwierig hier in Deutschland wirklich einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Jedes Label, mit dem ich in Gesprächen war, sagte damals zu mir: „Wenn du auf Deutsch rappst, signen wir dich sofort.“ Und ich dachte mir immer: Hä, ihr habt mich noch nicht mal auf Deutsch rappen gehört! Wie könnt ihr sowas sagen?

Und warum wolltest du nicht auf Deutsch rappen? Auf „Hucci“ kommt es ziemlich geil.
Ich habe einen Song auf Deutsch, aber der ist weggesperrt und wird niemals wieder an die Oberfläche gelangen. Es hat mir einfach überhaupt nicht gefallen. Olli Banjo war dann übigens einer unter vielen, der mir dann riet, in ein Land zu gehen, wo die Leute verstehen, was ich rappe, wenn ich wirklich ernsthaft Musik machen will.


Foto: Svenja Trierscheid

Und wieso London und nicht die USA? Schließlich hattest du doch auch deine ganze Familie dort.
Weil es in den USA unglaublich viel Konkurrenz gibt. Es ist besser, erst in die USA zu gehen, wenn man in Europa schon einen gewissen Erfolg und eine Fanbase hat, um eine Chance auf dem Musikmarkt dort zu haben. Also ging ich nach London. Was noch dazu kam war, dass ich ein Stipendium, das ich nach dem Abi für eine sehr gute Law und Business School bekommen hatte, nach drei Monaten aufgegeben habe, weil ich lieber Rap machen wollte. Meine Eltern ließen mich also nicht einfach so ins Ausland gehen. Ich habe dann eine Uni in der Nähe von London gefunden, wo man innerhalb von nur zwei Jahren seinen Bachelor machen konnte, plus—ich habe Unternehmensmanagement studiert—hat man am Ende Geld von Investoren bekommen, um sein eigenes Unternehmen gründen zu können. Besser als London gings also gar nicht für mich.

Irgendwo tauchte aber auch mal Miami als Station zwischendurch auf.
Ja stimmt, da war ich 17. Damals lebte ich noch in Wiesbaden und meine Eltern waren gerade in ein neues Haus gezogen, wo ich in der Garage Musik gemacht habe. Zu der Zeit hatten wir einen Austauschschüler, der auch Musik gemacht hat und ein Mikrophon hatte. Als er wieder zurück Nachhause fuhr, ließ er mir das Mikrophon da, weil er meinte, ich kann es besser gebrauchen als er. Ich habe dieses Mikrophon übrigens immer noch und benutz es auch. Jedenfalls habe ich dann angefangen, in der Garage meine ersten Songs aufzunehmen mit diesem Mikrophon. Darunter war auch ein Lied, das hieß „It Got Us High“, das mein Vater total gefeiert hat und angefing, in unserer Familie rumzuschicken—ich habe sehr viel Familie in den Staaten. Und irgendwie landete der Song dann bei einem Musiker aus Miami, der mich dann einludt, nach Miami zu kommen und Musik zu machen.

Daher kommt also auch dein amerikanischer Akzent. Der übrerascht ja doch, wenn man hört, dass du ein „Londoner Rapper“ bist.
Genau, meine Familie ist überall in den USA. Nigerianer halt, da hat man Familie überall. Jedenfalls hat dann die ganze Familie für den Flug nach Miami zusammengelegt und ich hatte im Voraus 200 Songs geschrieben, um vorbereitet zu sein. Ich schreibe sehr schnell.

Du rappst auch sehr schnell.
Ja, stimmt, ich bin ein flinker Kerl [lacht]. Aber das war nicht immer so: Der Typ meinte dann eben auch zu mir, dass meine Musik vom Inhalt her sehr gut ist, aber keinen Flow hat. War natürlich hart—200 Songs und keiner soll was sein? Wir sprachen dann über Rapper, die wir gut finden und wessen Style ich mag. Er fragte mich dann: „Was hälst du von Jay Z?“ Woraufhin ich antwortete, dass er nicht so mein Ding ist. Er schickte mich daraufhin Nachhause und meinte: „Du kommst nicht zurück ins Studio, bevor du mir erklären kannst, warum Jay Z flowt wie er flowt und was das Besondere daran ist. Also ging ich schimpfend Nachhause und hörte nur Jay Z und versuchte zu analysieren, wie er schreibt und dann hat es bei mir Klick gemacht. Was für verschiedene Synthax man haben kann und doppeldeutige Metaphern. Das war der Punkt, als ich technisch Rap erlernt habe und an begann, technisch an Rap ranzugehen.


Kelvyn Colt

An dieser Stelle müssen wir über Hucci reden. Das ist ja auch technisch ein sehr krasser Song.
Hucci entstand, weil mir immer wieder Leute in London gesagt haben: Wir sind hier in London, du musst hier schneller rappen. Ich mache ja nicht wirklich Grime, wo man ja extrem schnell ist. Ich wurde zwar definitiv von Grime beeinflusst, aber es ist nicht mein Hauptding. Aber gäbe es Grime nicht, wäre etwas wie Hucci nicht entstanden.

Planst du noch mehr Deutsch in deine Texte einfließen zu lassen? Denn ich muss sagen: Du bist bisher der erste Rapper, bei dem ich finde, dass es nicht peinlich klingt, wenn er Englisch und Deutsch mischt.
[Lacht] Ja, irgendwie verkacken das die Rapper hier, oder? Ich habe tatsächlich noch einen Song, der ähnlich wie Hucci ist, nur auf einem Grime-Beat, wo ich auch ein bisschen Deutsch und auch Französisch rappe. Aber ich werde bei Englisch bleiben. Das ist einfach mein Ding.

Ich führte kürzlich eine Diskussion in der es darum ging, dass Deutschrap außer Stande sei, ein eigenes Soundbild zu kreieren und bereits Vorhandene nicht einmal mehr gut imitiert. Stimmt das?
Naja also erstens: Die ganze Welt immitiert die amerikanische Kultur, nicht nur Rapper. Ich habe in Deutschland eher das Gefühl, dass die HipHop Szene hier in vielerlei Hinsicht sehr hinterher ist. Leute beschweren sich hier darüber, wenn jemand Autotune benutzt! Euer Ernst?

Britischer Rap hatte schon immer ein sehr eigenes Soundbild, vor allem im Moment mit Grime.
Das stimmt. Englischer Rap und Musikkultur ist so urban, so undergroundig, es gibt so viele Lieder, die richtige Hits sind, die man nicht mal online findet. Es existiert einfach nicht im Internet, sondern nur live auf der Bühne—und trotzdem kann jeder die Texte auswändig! Wenn man Deutschlands größten Rapper suchen will, muss man einfach auf 16Bars gehen oder so. Das ist in England anders. Wenn du wirklich wissen willst, „who runs shit“, dann musst du vor Ort sein. Es ist alles so Underground.

In der Zwischenzeit sind auch noch zwei andere Lieder von dir im Internet aufgetaucht: „Alone“ und „Traded For You“, was ja heute erst veröffentlicht wurde und die sehr viel langsamer und sphärischer sind als Hucci. was kannst du davon erzählen?


„Traded For You“ habe ich in meinem ersten Jahr in England in meinem Zimmer geschrieben. Ich konnte permanent meine Rechnungen nicht bezahlen, war praktisch die ganze Zeit allein oder arbeiten. Ich hatte kaum Zeit für Musik, obwohl das ja der Grund war, warum ich überhaupt dorthin gegangen war. Also fing ich an darüber nachzudenken, was ich alles zurückgelassen habe. Ich vermisste mein Zuhause, Deutschland, meine Crew und meine (inzwischen) Exfreundin im Besonderen. Mir wurde klar, dass nichts mehr so sein würde, wie früher, selbst wenn ich jetzt aufgeben und zurückgehen würde. Du weißt eben nie, ob du gerade Diamanten für Gold umtauschst.

Kelvyn ist jedenfalls ein Diamant, den ihr im Auge behalten solltet. Das geht zum Beispiel, indem man sich auf Kelvyns Homepage einträgt, um höchst geheimnisvoll mit Infos zu neuen Releases und gratis Bonustracks versorgt zu werden oder ihm auf Soundcloud, Facebook und Co. folgt. Spotify ist nämlich nicht—Underground und so, das soll sich aber nächste Woche ändern.