Wie hat es eine Dildo- und Flammenwerfer-verliebte Band wie Rammstein bloß zu weltweitem Ruhm gebracht?

Die neue Doku ‚Rammstein In Amerika‘ erklärt, warum sechs merkwürdige Typen mit ihrer angsteinflößenden Musik Millionen Alben verkauft haben.

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01 Oktober 2015, 1:32pm

„Das funktioniert niemals.“

Das sagte Promoter Michael Arfin zu Rammstein, als sie 1997 zum ersten Mal in die USA kamen. Sechs Deutsche in Ledermontur, die Flammenwerfer schwingen und Songs über Sex, Tod und Gewalt grunzen—nicht gerade das Patent-Rezept für transatlantischen Erfolg, auch wenn die Texte keiner versteht. Trotzdem hat Rammsteins einzigartige Mischung aus Pomp und Pyrotechnik dafür gesorgt, dass sie sowohl in einen Soundtrack von David Lynch als auch auf die Bühne vom Madison Square Garden passen (letzterer war 2010 in weniger als 30 Minuten ausverkauft). Entgegen aller Erwartungen sind Rammstein auch in Amerika ein Kult-Phänomen geworden.

Genau wie auch die Nine Inch Nails und Marilyn Manson zählen sie als Einsteigerband für Sympathisanten der abseitigen Seite des Rock. Rammstein zu hören ist eine Art Initiationsritus für jeden anspruchsvollen Teenager, der gerade die Freuden alternativer Musik und Kultur entdeckt hat. Sie haben sich über lange Zeit bewährt und werden in einem Atemzug mit allen amerikanischen Rockgrößen genannt, wenn es um Bands geht, die ihre Spuren im Bereich der härteren Musik hinterlassen haben. Es gibt allerdings zwei Dinge, die sie noch bemerkenswerter machen als Manson oder gar Metallica: Die Band besteht immer noch aus den selben Leuten und sie singen sehr selten englischsprachige Lyrics und sind trotzdem weltberühmt.

In der neuen Dokumentation Rammstein In Amerika wird der Aufstieg dieser sechs merkwürdigen Typen aus Ostberlin nachgezeichnet, von ihren Anfängen bis heute. Außerdem versucht sie, detailliert die Anziehungskraft der Band zu erörtern. Der Schlüssel zu ihrem Erfolg ist kein einzelner Aspekt ihres Daseins, wie die abgründigen Texte oder die bombastische Pyrotechnik; sondern die Art und Weise, wie Rammstein mit Intellekt, Witz und Kreativität etwas erschufen, dass nicht prätentiös ist: Eine Band, die unterhält und Grenzen sprengt, ohne sich von seiner eigenen Vision zu entfernen.

Natürlich hat ihr Image eine Rolle bei ihrem Aufstieg zur Berühmtheit gespielt. Die vom BDSM inspirierten Riemen und Schnallen; Blut, schwarzer Lippenstift und Feuer; und natürlich Sänger Till Lindemann. Lindemann ist grüblerisch, mürrisch, muskulös und hat damit einen besonderen Sexappeal. Er ist nicht auf konventionelle Art gutaussehend, aber er verkörpert das Verlangen eines Teenie-Goths nach dem Ungewöhnlichen. Ein Mann, der die Bühne in voller Leder-Nieten-Montur erklimmt und über Kannibalismus und mörderische Lust singt, in einem Interview aber mit ernster Miene dasitzt und mit sanfter Stimme behauptet, dass seine Songs missverstandene Liebeslieder sind. Er ist wie Satan, der mit einem Welpen kuschelt oder Goliath in einem weichen Morgenmantel. Dieses extrem maskuline aber trotzdem sanfte Höllenbiest eines Mannes, der das Publikum mit Likör aus einem Dildo bespritzt und ihnen die Augenbrauen mit einem Flammenwerfer versengt, lässt selbst James Hetfield und Kerry King wie Frohnaturen aussehen. Lindemann ist ein ambivalenter Charakter; rohe Sexualität kombiniert er mit emotionaler Intelligenz und Sinn für Humor, was einer der Gründe dafür ist, dass Rammstein so faszinierend sind. Ihre feurigen Bühnenauftritte hätten nach ein paar Performances schnell zu einem Gimmick verkommen können, aber stattdessen scheinen die Flammen eine wirklich notwendige Erweiterung von Lindemanns Persönlichkeit zu sein.

Eine aggressive Bühnenshow ist seit Anfang an ein Teil von Rammsteins Identität. In der neuen Doku erinnert sich Schlagzeuger Christoph Schneider an einen der frühen visuellen Einfälle der Band, bei dem Keyboarder Flake wie auf einem Pferd auf Lindemann ritt und ihn dabei immer wieder mit einer Neonröhre schlug, bis diese zersprang. Als sie dies zum ersten Mal in Amerika versucht haben, mussten sie feststellen, dass amerikanische Neonröhren etwas härter sind als die deutschen. Statt zu zerspringen zerbrach die Röhre in zwei Teile, eine Hälfte bohrte sich in Lindemanns Schulter und die andere flog über die Bühne und spießte Schneider auf. „Wir sind nach draußen und haben wie verrückt geblutet“, erzählt er die Geschichte mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Selbst Marilyn Manson, dem verrücktes Verhalten auf der Bühne nicht fremd ist und der mal seine nackten Hoden am Kopf eines Securitys gerieben hat, war bei der ersten Begegnung mit Lindemann beeindruckt. „Er stand in Flammen—wortwörtlich“, sagt er. „Er ist in Flammen in meine Garderobe gekommen.“

Ein Mann, der sofort das große Potential der Band erkannt hat, ist Dante Bonutto, der Geschäftsführer vom Universal-Sublabel Spinefarm Records in Großbritannien. Er hat Rammstein nach Großbritannien gebracht. „Teil meiner Aufgabe bei Universal war es damals, mir Bands anzusehen, die auf anderen Märkten auf der ganzen Welt größer sein könnten“, erklärt er. „Rammstein war die erste Band, an die ich dachte. Was sie machen ist unglaublich und ich wollte versuchen, sie international zu vermarkten, inklusive Großbritannien.“

Anders als die amerikanischen Manager, mit denen die Band auf ihrem ersten Trip in die Staaten gesprochen hat, hat Bonutto sich nicht von der Sprachbarriere abhalten lassen. „Die Tatsache, dass sie nicht auf Englisch singen, ist der ganze Punkt“, sagt er. „Sie haben eine andere Tradition und Kultur rübergebracht und für mich war das eine positive Sache, weil das neu und aufregend war.“ Ihre einzigartige visuelle Identität hat ihn ebenfalls angezogen. Es war kein Glamrock, es war bestimmt kein Thrash; es war eine Gruppe, die sich in keine Schublade stecken ließ. Das Kerrang!-Magazin hat sie später für ihr erstes Covershooting in Großbritannien im Zuge der Veröffentlichung ihres dritten Albums Mutter 2001 mit Bondage-Thematik abgelichtet und als „Die perverseste Band der Welt“ betitelt. Bonutto verrät, dass die Band ursprünglich die Idee hatte, Lederhosen und Zopf zu tragen. „Die Art, wie sie sich präsentieren, ist sehr künstlerisch. Es gibt keine Rock’n’Roll-Klischees; sie haben all das hinter sich gelassen. Sie sind wie eine Kunstinstallation“, sagt Bonutto.


Foto: Olaf Heine

Doch beinahe wäre aus der Eroberung der britischen Szene nichts geworden. Bonutto erzählt, dass er sie 2001 für ihre zweite Show in England überhaupt im Astoria gebucht hat, fünf Jahre nach ihrem ersten Besuch, der Veranstalter jedoch in letzter Minute Panik wegen der Pyrotechnik bekommen hat, obwohl die Band die über 40 Effekte, die sie nutzen wollten, explizit aufgeführt hatte. „Die Halle war aus Holz und es wurde ihnen gesagt, dass sie nur einen der Effekte machen dürfen“, erklärt er. „Sie waren alle bereit, die Show zu spielen und wollten auch, aber sie haben die Entscheidung getroffen—was ich für richtig hielt—nicht ohne die Effekte zu spielen. Wenn sie ohne die Pyro und das übliche Spektakel gespielt hätten, dann wären die Leute enttäuscht gewesen. Es standen 2000 Leute draußen in der Schlange, also sind sie raus und haben ihnen erklärt, warum sie einen Rückzieher machen mussten.“

Das hätte auch das Ende ihres England-Traums sein können, aber Bonutto war sich so sicher, dass Rammstein Großbritannien (im bildlichen Sinne) entflammen würden, dass er stattdessen eine Show in der Brixton Academy für sie buchte, sechs Monate nach der gecancelten Show im Astoria. Wieder war sie vorher ausverkauft und dieses Mal gab es grünes Licht für die ganze Pyrotechnik-Palette. „Als sie auf die Bühne gingen, haben ihr Manager und ich uns spontan umarmt, was nicht so oft passiert im Rock“, erklärt Bonutto. „Ich war so voller Emotionen.“ Seitdem hat die Band noch drei Mal in der Brixton Academy gespielt und auch als Headliner in der O2 Arena, in Wembley und beim Sonisphere Festival. Da ihre Visuals mit der Zeit nicht an Reiz verlieren, kommen die Fans stets für mehr zurück. Bonutto drückt es so aus: „Ich kann mir die Musik nicht ohne das Feuer vorstellen.“

Rammsteins Eroberung der britischen Rockszene schien also relativ problemlos gelaufen zu sein. In den USA war es jedoch eine andere Geschichte. CJ Ramone erklärt in Rammstein In Amerika, dass die Staaten „immer noch ein sehr konservatives Land sind. Was paradox ist, weil es gleichzeitig das Porno-Zentrum der Welt ist.“ Lindemann und Lorenz kichern, wenn sie sich daran erinnern, wie sie in Worcester, Massachusetts, einmal wegen ‚unsittlicher Entblößung‘ festgenommen wurden, nachdem sie während des Songs „Bück Dich“ ihre berüchtigte Analsex-Simulation auf der Bühne vollführt hatten. In Salt Lake City wurde ihr Feuer von den örtlichen Behörden unterbunden, die darauf bestanden, dass ihre Show bei Tageslicht anfing und endete. Aber trotz der Bürokratie haben sie es geschafft, in den USA sogar ein höheres Level an Popularität als in Großbritannien zu erreichen. Dass Trent Reznor 1997 die Musik von Rammstein für den Soundtrack von David Lynchs Kultfilm Lost Highway ausgewählt hat, wird oft dafür verantwortlich gemacht, dass Rammstein internationale Bekanntheit erreicht haben. In einem Artikel im Billboard von 1999 heißt es, dass der Film, zusammen mit diversen amerikanischen Indie-Compilations, „sehr geholfen hat, Rammstein in Rockclubs auf der ganzen Welt bekannt zu machen“. Aber wie ihr triumphales Konzert im Madison Square Garden von 2010—das den Höhepunkt des neuen Films bildet—beweist, war ihr Erfolg keine vorübergehende Phase.


Foto: Guido Karp

Anders als bei Slayer, die sich in ihren Songs „seichten“ Themen wie Auschwitz und dem Dschihad widmen, war es nie Rammsteins Intention, für Entrüstung oder Angst zu sorgen, auch wenn sie beides in ihrer Karriere viele, viele Male geschafft haben. „Ihr Ziel ist es nicht, die Leute zu verärgern“, sagt Bonutto. „Sie haben einen sehr guten Sinn für Humor und verstehen nicht, warum Leute sich aufregen. Till findet es lustig, wenn er mit seinem Dildo auf die Bühne geht.“ Diese Nonchalance, diese absolute Weigerung, sich für die eigene Kunst zu entschuldigen, könnte als aggressiv interpretiert werden. Allerdings ist es passender, zu sagen, dass die Band sich einfach so gibt wie sie ist und gegenüber jedem, der sie allzu ernst nimmt, skeptisch die Augenbrauen hochzieht.

In dieser Hinsicht schaffen Rammstein die Gratwanderung zwischen absoluter Ernsthaftigkeit in Bezug auf ihre Kunst und dem Dasein als Parodie ihrer selbst. Andere Bands sind in den letzten Jahren kläglich daran gescheitert, wie jeder, der KISS (ironischerweise die Lieblingsband von Gitarrist Richard Kruspe) oder Mötley Crüe in den letzten Jahren gesehen hat, bestätigen kann. Während ehemals große amerikanische Stadionrocker zu behäbigen Karikaturen ihrer selbst werden, sind Rammstein weiter auf engagierte Weise seltsam, ohne übertrieben theatralisch zu werden. Dafür ist zum Teil die Tatsache verantwortlich, dass sie immer wieder jegliches Rock-Klischee zurückgewiesen haben. Es gibt bei ihren Shows keine Brüste (auch wenn das Video zu „Pussy" von 2009 ein Porno war), keine Songs über schnelle Cadillacs oder Schnaps oder Motorräder oder darüber, einsam auf einer Straße zu stehen. Die Tatsache, dass viele ihrer Englisch sprechenden Fans keine Ahnung haben, über was sie singen, hilft ebenfalls; es ist schwer, von Texten gelangweilt zu sein, die man nicht versteht.

Man kann sicherlich sagen, dass der Grund für Rammsteins anhaltende Popularität der ist, dass sie an einer festgelegten Identität festhalten. Die Tatsache, dass sie den Madison Square Garden zehn Jahre nach ihrer letzten USA-Tour gefüllt haben, spricht für ihr Talent und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie, wenn sie in absehbarer Zeit eine weitere Stadionshow ankündigen würden, kein Problem hätten, erneut genug Leute anzuziehen. Die Welt und besonders Metalfans lieben Eigenartigkeit und Rammstein haben ihre Karriere darauf aufgebaut, die morbide Neugier der Menschheit zu befriedigen. Lange lebe Rammstein!

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Rammstein In Amerika ist jetzt auf DVD und Blu Ray erhältlich.