10 Lügen über das Bandleben

Alles, was du dir über das Bandleben vorgestellt hast, ist eine Lüge. Außer das mit dem Saufen, das stimmt natürlich.

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Okt. 17 2014, 1:33pm

Jeder, der schon mal von einem wilden Clubkonzert begeistert, von einem artsy Musikvideo fasziniert oder in eine bahnbrechende Platte verliebt war, wird sich irgendwann in seinem Leben die Frage gestellt haben, wie es wohl wäre, selber auf der Bühne, hinter dem Mikrofon oder vor der Kamera zu stehen. Ich zum Beispiel bin mit 13 Jahren auf der Wohnzimmerheizung rumgesprungen und habe Limp Bizkit-Texte in eine alte Taschenlampe gebrüllt. Danach habe ich mich hinter meinem ersten Computer verschanzt und mir Interviews und Plattencover für eine fiktive Band ausgedacht, in der ich einmal der Star sein wollte. Ich konnte mir nichts besseres vorstellen, als irgendwann Teil einer Bandgeschichte zu sein, die von Ups and Downs, Reichtum und Exzessen geprägt ist, und ich bin sicher, so geht es auch heute einigen vielen da draußen. Lasst mich euren Schülerbandfantasien also zumindest ein Stück weit den Wind aus den Segeln nehmen und mit ein paar Lügen aufräumen, die man euch in der Vergangenheit über das Leben als Musiker eingetrichtert hat.

1. Die Groupie-Lüge

Wenn ich auf alte Schulfreunde treffe und das Gespräch irgendwann auf meine Band fällt, kann ich die Sekunden zählen, bis mir irgendein Idiot in die Rippen stichelt und mich nach „der Situation mit den Groupies“ fragt. Die traurige Wahrheit ist: Die Groupiekultur ist tot. Schlangestehende Mädels, die sich für ihre Lieblingsband aufhübschen und in der Kälte vor dem Backstage warten sind ein Artefakt längst vergangener Zeiten und nur noch höchst selten anzutreffen. Auf Konzerten alternder Metal-Urgesteine oder Bierzelt-Partys mit Coverrockbands stößt man zwar noch vereinzelt auf das ein oder andere Exemplar, darüber hinaus gilt die Gattung aber als ausgestorben. Wenn ihr also mal zufällig seht, wie ein Gitarrist mit einem Mädchen im Arm aus dem Club wackelt, hat er sich entweder vorher bei Tinder mit ihr verabredet oder sie wochenlang über sein Bandprofil bei Facebook gestalkt. Oder—noch langweiliger—es ist seine Freundin.

2. Die Fame-Lüge

Ich komme aus einer Kleinstadt mit 8000 Einwohnern. Man sollte meinen, hier spricht es sich ein bisschen schneller um, wenn man als Band auch nur mal annähernd etwas reißt. In Wirklichkeit hat es drei Jahre und zwei Studioalben gedauert, bis sich unser Bandname bis zur REWE-Kasse um die Ecke rumgesprochen hat. Drei verdammte Jahre! Ein Newcomer-Preis und ein Bericht im Tagesblättchen haben uns dann endlich in den Olymp der verlorenen Kleinstadtseelen gehoben, aber auf Wikipedia sind wir immernoch nicht als Söhne der Stadt gelistet und ins Braune Buch der Stadt durften wir uns auch noch nicht eintragen. Was für eine bodenlose Frechheit. Wenn es schon so schwer ist, in der Provinz an Fame zu kommen, kannst du dir dann vorstellen, wie das in den Pop-Metropolen dieses Landes funktionieren soll!? Solange du keinen handfesten, richtig ekligen Skandal aus dem Ärmel schütteln kannst oder durch eine göttliche Fügung die virale Power des Internets im Nacken hast, wirst du eine ganze Weile auf Autogrammjäger warten müssen. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

3. Die Internet-Lüge

Wenn es einen Satz gibt, den ich in den Backstages dieser Welt nicht mehr hören will, ist es: „Die Arctic Monkeys haben das damals auch ganz ohne Plattenvertrag geschafft, nur durchs Internet!“ Die Wahrscheinlichkeit, dass das Proberaum-Video deiner winzigen Garagen-Indieband viral steil geht und bei Facebook zwei Millionen mal geteilt wird, liegt irgendwo bei null. Eher wird euer Bassist bei seinem ohnehin überflüssigen Solo von einem brennenden Meteoriten erschlagen. Klar ist—ohne Internet gehts natürlich überhaupt nicht. Dass deine Band eine halbwegs gute Figur bei Facebook, Youtube, Instagram, Twitter, Soundcloud, Pinterest, Reddit, Pornhub und Bandcamp machen muss, ist logisch. Sei aber nicht überrascht, wenn deine aufwändig gefilmt und sorgfältig zusammengeschnittenen Studio-Tagebücher mit Likes im einstelligen Bereich abgestraft werden, während sich deine paar Fans für das Foto einer leeren Bierflasche die Finger blutig klicken.

Du musst das Internet genauso zu deinem Zuhause erklären, wie die Bühne. Nur, dass dir hier öfter fremde Besoffene in die Tür fallen, dir auf den Teppich kotzen und ins Schlafzimmer schreien, dass „deine neue Platte nichts mehr mit Punk zu tun hat!“

4. Die Luxus-Lüge

Ja, wir alle haben die Justice-Tour-Doku gesehen oder zumindest mal ein Foto von einem Backstage-Kühlschrank, der mit edlen Leckereien, Sweets und sündhaft teurem Alkohol gefüllt war. Wir haben die Whirlpools, die kaputten Hotelzimmer und die Models gesehen. Und tatsächlich wirst du dir bei mittelmäßigem bis großem Erfolg auf so manch gut organisiertem Festival vorkommen, wie ein König. Leider kommen in der Geschichte deiner Band auf jeden luxuriös ausgestatteten Kühlschrank und auf jedes geile Hotelzimmer drei Veranstaltungen, bei denen du froh sein darfst, wenn du nicht mit zwei Flaschen River-Cola und einer Matratze auf dem Boden abgespeist wirst. Du wirst in besetzten Häusern auf kaputten Sofas schlafen, wirst dich von undefinierbarer, veganer Pampe ernähren und den billigsten Fusel trinken, den der Veranstalter noch unterm Tresen hervorzaubern konnte. Du wirst in entsetzte Gesichter blicken, wenn du nach der Heizung im Backstage fragst und dir nach der Show auf dem Herrenklo vor den drei Testosteron-Affen aus der ersten Reihe dein verschwitztes T-Shirt ausziehen müssen. Bis du eine vernünftige Booking-Agentur gefunden hast oder einen Manager, der sich freiwillig mit dem Clubpersonal prügelt, musst du da wohl durch.

5. Die Interview-Lüge

Interviews geben kann so schlimm nicht sein, oder? Klingt doch ganz witzig, stundenlang in einem hippen Café mit Journalisten über gute Musik und Songwriting zu tratschen und sich danach in bissigen, schlauen Zitaten in einer großen, deutschen Musikzeitschrift wieder zu finden? Die Wahrheit sieht ein bisschen anders aus: Erstmal wirst du eine ganze Weile niemandem auch nur ein einziges Interview geben. Wenn dann die ersten Blogs und schlecht besuchten Websites bei dir anklopfen, kannst du dir die Fragen schon mal ganz genau anhören, denn du wirst sie für den Rest deiner Karriere immer wieder beantworten müssen. Wie bist du darauf gekommen, elektronische Musik zu machen? Wie lange macht ihr das jetzt schon? Und was hat es eigentlich mit diesem Bandnamen auf sich? Wenn du später mal ein Interview erwischst, bei dem es überraschenderweise interessante Fragen zu beantworten gibt, verlass dich drauf, dass es in den Tiefen des Internets verschluckt und niemals gelesen wird, oder sich deine Antworten plötzlich so anhören, als wärst du der größte Vollpfosten der Musikgeschichte.

6. Die Geld-Lüge

Zum Glück ist zumindest das inzwischen fast überall angekommen: Du wirst mit deiner Band nicht reich. Schlimmer noch: Wahrscheinlich wirst du dir mit deiner Band niemals eine vernünftige Wohnung, ein anständiges Auto oder eine geile Krankenversicherung leisten können. Während du am Wochenende deine erste schlecht besuchte Headliner-Tour fährst, wirst du dich in der Woche von Job zu Job hangeln. Du wirst Bier ausschenken, T-Shirts malen oder in irgendeinem Scheiß-Club den Dreck von echten Rockstars aufkehren. Oder eine Kolumne für Noisey schreiben. Es dauert, bis sich die Gagen von jämmerlichen Almosen in Summen verwandeln, mit denen du tatsächlich etwas anfangen kannst. Bis dahin lebst du halt von Cup Noodles in der WG deines Freundes, ziehst im Keller deiner Mutter ein, suchst dir Freunde beim Arbeitsamt oder gehst einfach studieren.

7. Die Sauf-Lüge

Selbstverständlich glaubst du, dass auf Tour, im Studio und bei den Proben ständig gesoffen wird, oder? Herzlichen Glückwunsch, in dem Punkt liegst du ausnahmsweise mal richtig. Prost!

8. Die Fernseh-Lüge

Wenn dich Interviews für das lokale Stadtmagazin oder den Youtube-Kanal vom Uni-Radio schon nerven, wirst du bereits bei der popligsten Fernsehaufzeichnung durchdrehen. All die Magie, die das altehrwürdige, heilige Medium „Fernsehen“ noch für dich hat, wird in dem Moment verpuffen, in dem du dich für ein dreiminütiges Bandportait zum Affen machst. Du wirst dich fühlen, wie Zirkusvieh, wenn du deine Instrumente fünf mal die Treppen auf und ab schleppst, weil der Aufnahmeleiter findet, dass du noch nicht angestrengt genug in die Kamera schaust. Im Kopf hast du dir so schön schmissige Sätze über deine neue Single zusammen gelegt, aber jetzt hast du dich doch breit schlagen lassen, den saublöden Witz zu machen, den dir der Regie-Assistent aufgedrückt hat. In den drei Minuten Sendezeit, die sie letztlich aus sieben Stunden Drehzeit raus quetschen, siehst du erschreckend scheiße aus und du wünschst dir, du hättest dich ums Verrecken nicht zu diesem bescheuerten Witz überreden lassen. Aber sieh es mal so: wenn du Glück hast, läuft im Hintergrund leise ein uralter Song vom letzten Album, wofür dir die GEMA am Jahresende ein nicht unerhebliches Taschengeld aufs Konto schmeißt.

9. Die Fanpost-Lüge

Erinnert sich noch wer an die Bilder von grinsenden Soap-Stars, die in einem Meer von bunten Briefchen baden? Die Zeiten, in denen man Fanpost noch in Kartoffelsäcken vor die Haustüren der Rockstars tragen musste, wurden wohl spätestens mit dem Aufkeimen von Twitter und Facebook zu Grabe getragen. Aber klar, Fanmail gibt’s trotzdem—eben nicht auf buntem Diddl-Maus-Briefpapier sondern in kurzen Privatnachrichten oder Tweets im Sozialen Netzwerk deines Vertrauens. Immerhin ist Fanpost so nicht mehr nur den ganz Großen überlassen. Nach fünf Konzerten und 200 Facebook-Likes kriegt auch deine Band ganz bestimmt die ersten Herzchen in die Mailbox gedrückt. Verabschiede dich trotzdem von dem Gedanken an niedliche Liebesbekundungen, die in Massen dein Postfach fluten. Was du hauptsächlich finden wirst, sind folgende Botschaften in variierender Ausführung:

„hey spielt ihr eigtl dieses jahr auch noch mal in lüneburg ???“
„Huhu hab grad eure Tourdaten gesehen ^__^ stimmt das das ihr in Oldenburg spielt am 2.5.?“
„hallo hab eurem sänger ne freundschaftsanfrage geschickt kann er die bitte mal annehmen?“
„Meine Freundin ist euer größter Fan könnt ihr ein Geburtstagvideo für sie aufnehmen und ihr was singen und das posten!?!?“
„sagt mal spielt ihr dieses jahr eigentlich auch mal wieder in lüneburg?“
„Könnt ihr mal das Video von meiner Band teilen wär echt mega danke“
„WAS IST EIGENTLICH MIT LÜNEBURG?“

10. Die Tourbus-Lüge

Wo warst du, als du zum ersten Mal gesehen hast, wie deine Lieblingsband in einem fetten Nightliner-Bus auf den Parkplatz hinter der Venue eingefahren ist? Wie Aliens aus einer fernen Galaxie segelten deine unantastbaren Pop-Helden in einem Raumschiff mit verdunkelten Scheiben in den Hafen der Nacht. Alle deine musikalischen Vorbilder verbringen mindestens die Hälfte des Jahres in einem rollenden Zuhause, dem es an nichts mangelt: weiche Betten, die leicht schaukeln, wenn man über die Autobahn fliegt, eine XBOX, ein Flatscreen, eine Mikrowelle, ein Kühlschrank. Ein mal mit so einem Tier auf Tour gewesen, willst du nie wieder zurück.

Aber du bist kein Pop-Held und kein Alien und noch lange nicht da, wo deine Vorbilder sind. Also quetschst du dich mit deiner Band in einen rostigen Opel Corsa, legst dir die Keyboard-Ständer auf den Schoß und fährst die sieben Stunden von Berlin nach München mit einem Gitarrenhals im Nacken. Wenn deine Bandzu groß für den Kleinwagen ist, mietest du von einem Viertel deiner Gage einen Mini-Van, in dem es schon am zweiten Tourtag schrecklich nach abgestandenem Bier und Bockwurstresten riecht.

Selbstverständlich haue ich euch all diese deprimierenden Wahrheiten nur um die Ohren, damit die Autobahnen dieses Landes nicht mit noch mehr Nachwuchsbands verstopft werden und ich mit meiner eigenen Band schneller von A nach B komme. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht immer nur um die blöden Kohlen und in jeder Lüge, die ihr über das Leben in einer Band aufgeschnappt habt, steckt immer auch ein kleiner Funken Wahres. In dem Moment, in dem du auf der Bühne dein Ding durchziehst oder ein Album aufgenommen hast, für das sich tatsächlich jemand interessiert, spielt der ganze andere Quatsch sowieso keine Rolle mehr. Und mal ehrlich, so schlimm ist es gar nicht, mit seinen besten Freunden in einen viel zu engen Opel Corsa gepresst zu werden und wie auf Klassenfahrt in schäbigen Doppelbetten zu pennen. Vielleicht ist die größte Lüge immernoch die, so zu tun, als wäre das Leben in einer Band eben nicht das Aufregendste, Lustigste und Coolste, was man mit sich und seiner Zeit überhaupt anstellen kann.

Captain Capa auf Facebook.

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