Deutschpunk's not dead und wird es niemals sein

Uns versteht zwar keiner, aber wir haben trotzdem gute Punkbands.

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Juni 23 2014, 8:30am

Foto: Marco Fieber | Marco-Fieber.com

Klar, Punk wurde nicht in Deutschland erfunden. Aber es dauerte nicht lange, bis die US- und UK-Platzhirsche Ramones, The Clash oder die Sex Pistols auch hierzulande zahlreiche Bands zur Nachahmung inspirierten. Anders als ihre englischsprachigen Kollegen hatten deutsche Punkbands aber nie besonderen Einfluss auf die weltweite Musikszene. Dass sie niemals über den deutschsprachigen Raum bekannt werden würden, war ihnen natürlich bewusst. Dieses Understatement prägte westdeutsche Bands wie Slime, Daily Terror oder Toxoplasma, mehr aber noch aber Bands aus der DDR wie Schleimkeim oder Dritte Wahl. Es galt sich von den 68er-Überbleibseln, den Hippies, zu distanzieren und gleichzeitig die poppigen und elektronischen Punkgruppen zu verachten.

Die deutsche Punkszene ist heutzutage zwar viel weniger elitär und politisch als in den frühen 80ern, doch musikalisch wesentlich gereifter. Natürlich wirst du immer noch nicht Leute in London oder New York sehen, die Dödelhaie-Shirts tragen. Obwohl die Terrorgruppe und WIZO es in den 90ern (zwar mit englischsprachigen Songs, aber immerhin) auf Sampler der US-Label Epitaph und Fat Wreck Records geschafft hatten.

Vorige Woche wurden wir alle davon überrascht, dass die alten Punkhaudegen WIZO zehn Jahre nach Anderster ein neues Album auf YouTube veröffentlichten: Punk gibt’s nicht umsonst! (Teil III). Einfach so sind WIZO wieder da und klingen, als ob sie nie weggewesen wären. Ihre Wut hat die Zeit genauso überstanden wie ihr markanter Humor. Denn auch wenn immer noch alles scheiße ist an dieser Gesellschaft, darf darüber gelacht werden und verdammt, macht WIZO wieder Bock auf Deutschpunk. Er findet glücklicherweise selbst in den deutschen Charts nicht mehr statt und so lohnt es sich umso mehr, sich mal im Netz nach aktuell aktiven Bands umzusehen.

Feine Sahne Fischfilet (Greifswald/Rostock)

Unser aller Lieblingsextremisten Feine Sahne Fischfilet haben es als Band aus Mecklenburg-Vorpommern nicht leicht gehabt. Anfangs zieht ihr mitreißender Mix aus treibendem Punkrock und Skabläsern vermehrt Nazis auf ihre Konzerte. Um sich davon zu distanzieren, positionieren sie sich immer stärker als antirassistische Band. Ihre staatskritischen Texte rufen jedoch auch den Verfassungsschutz auf den Plan und so muss die Band seit 2011 bei vielen Auftritten darauf hoffen, dass sie nicht doch im letzten Moment vom Veranstalter gekickt werden, weil der Verfassungsschutz oder lokale Nazigruppen Druck machen. Ihrer Beliebtheit schadet das nicht, ganz im Gegenteil. Spätestens seit ihrem Deal mit Audiolith haben sie genug Rückenwind, um ihr Ding ungestört durchzuziehen.

Die Band ist so extrem, dass sie sogar bei Facebook sind.

Captain Planet (Hamburg)

Die Hamburger Captain Planet machten schon durch ihr Debüt Wasser kommt Wasser geht, aber vor allem durch den Nachfolger Inselwissen in Szenekreisen von sich reden. Ihr eingängiger Emo-Punk und ihre poetischen Texte, die vom Hamburger Schlechtwetter geprägt zu sein scheinen, fanden schnell Anklang. Ich weiß nicht, wie oft ich „Rambo“ in meiner Facebook-Timeline gesehen habe, weil sich Leute um drei Uhr nachts in einem Anfall von bekifft-deep-drauf-sein diesen Song anhörten und die Welt daran teilhaben lassen mussten. Scheint vielen Menschen so gegangen zu sein, schließlich erschien der zweite Longplayer Treibeis beim bekannten Hardcore/Screamo-Label Zeitstrafe. Die relativ hohe Stimme ist Geschmackssache. Entweder nervt sie dich oder du findest sie charakteristisch. Textlich bieten Captain Planet dafür viel mehr als nur pseudointellektuelle Tumblr-Phrasen à la Casper.

Alle restlichen Info's zu Konzerten etc. findest du bei Facebook.


Frau Potz (Husum)

„Man sind wir peinlich und kleinlich und komplett isoliert!“, Frau Potz zögern nicht eine Sekunde, dir ungefragt direkt ins Ohr zu schreien, was schief läuft in deinem scheiß Leben. Straighter Punkrock, der ordentlich nach vorne geht. Sänger Felix pfeift größtenteils auf schön geträllerte Melodiebögen, sondern shoutet sich voller Wut durch die gesellschaftskritischen Texte. Zwar haben die Husumer erst ein Album am Start, doch knallt lehnt dankend ab gewaltig und macht Bock auf mehr. Ihre Labelkollegen von Delikatess Records Findus, Love A und Herrenmagazin sind es übrigens auch wert, gehört zu werden.

Wann Frau Potz endlich wieder mal unterwegs sind, erfährst du hier.

ZSK (Berlin)

ZSK sind als dienstälteste Band dieser Liste auch nach über zehn Jahren Bandgeschichte immer noch angepisst von den Zuständen. Elitäre Szene-Polizisten haben für den politischen Pop-Punk der Berliner zwar nur Verachtung übrig, können dafür aber vor lauter Engstirnigkeit auch mit beiden Augen gleichzeitig durch den Türspion schielen. Mal ganz ehrlich: Welche Punkband engagiert sich härter gegen Rechts und für soziale Projekte? Punk ist doch mehr, als sich besoffen vollzukotzen und vor’m Aldi Passanten um Geld anzuschnorren. Nachdem sich ZSK 2007 auflösten, spielten sie 2011 wieder Konzerte und zeigten 2013 mit ihrem von People Like You Records (das übrigens auch Größen wie Slime, Face to Face, Broilers und Mad Sin betreut) veröffentlichten Album Herz für die Sache, dass sie wie keine Zweiten Hymnen für Aktionismus und Widerstand schreiben können.

ZSK streuen ihre Botschaften auch über Facebook.

Marathonmann (München)

Es klingt so paradox: Punk aus München, der Hauptstadt des konservativen Extrawurst-Bundeslandes. Noch verwunderlicher ist, wie schnell Marathonmann von sich reden machten. Der Realease einer drei-Song-starke EP und der darauf folgende Hype reichten für einen Vertrag mit Century Media Records! Auf dem Debüt Holzschwert bieten sie einen teils bissigen, teils schwermütigen Mix aus Post-Hardcore und Post-Punk. Sänger Michael singschreit sich mit seiner markant kratzigen Stimme die Seele aus dem Leib. Texte, die genau den wunden Punkt treffen und das Erwachsenwerden als eine ewige Studie der Frustration stilisieren.

Mehr Info's über Marathonmann gibts hier.

Hysterese (Tübingen)

Bei Hysterese gehts zur Abwechslung mal englisch zu. Herausstechendstes Merkmal ist ohrenscheinlich der sowohl männliche als auch weibliche Gesang, der für reichlich Dynamik und arschgeile Refrains sorgt. Denn anstatt ideenlos zu sein und abwechselnd die jeweiligen Parts runterzududeln, singen die beiden auch gerne mal in mehrstimmigen Gesangslinien nebeneinander her. Daraus ergibt sich ein äußerst melodischer Streetpunk, der auch zeitweise in Hardcore-Punk-Gefilde ausbricht. Wäre Epitaph Records noch cool und würde den legendären Sampler Punk-o-Rama noch rausbringen, könnten sich die Tübinger ihres Platzes sicher sein. Obwohl oder gerade weil sie nichtmal bei Facebook sind. Dafür gibt’s nen Daumen hoch.

Nicht bei Facebook, aber bei Blogspot und Bandcamp. Schau mal vorbei!


KMPFSPRT (Köln)

Müssten KMPFSPRT spontan mit einer Band verglichen werden, würde wohl sehr schnell der Name Hot Water Music fallen. Melodischer Punk mit Reibeisenstimme und mitreißenden Refrains wurde eben von den Gainesville Punks dermaßen prägend perfektioniert, dass seither jede Band damit assoziiert wird. Das ist auch absolut nicht verkehrt, verfügen KMPFSPRT doch über genügend Markenzeichen, um sich ihre eigene Nische einzurichten. Wo Whiskey die Stimmbänder Chuck Ragans zum Rosten brachte, hat schales Bier Richards Stimme zerrieben. Ähnlich wie Frau Potz steht auch bei KMPFSPRT erst ein Album auf der Diskografie-Liste. Es erschien erst voriges Jahr bei Uncle M, dass auch Alben für Chack Ragan, Flogging Molly und Anti Flag vertreibt. Ziemlich gute Gesellschaft, die Band solltest du auf jeden Fall im Auge behalten.

Wann und wo KMPFSPRT in deiner Nähe spielen, sagt dir Facebook.

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