Tom Araya hat seine Seele an Slayer verkauft, aber war es das wert?

Der erschöpfte Thrash-Gott erzählt uns, was er alles schweren Herzens für Slayer opfern musste.

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Juli 31 2015, 8:46am

Tom Araya klingt müde. Er ist heute irgendwo in einem Hotelzimmer in Idaho und verbringt die Zeit mit Telefoninterviews und Fernsehen. Bis es Zeit wird, wieder in den Bus zu steigen und den nächsten Stopp auf dem Reiseplan seiner Band abzuhaken. Um mit ihm zu sprechen, muss ich die Rezeption anrufen, einen falschen Namen nennen, und warten—hoffen—dass der Anruf ihn erreicht. Mein erster Versuch scheitert, aber bei meinem zweiten Versuch, mit einem der berühmtesten Metalmusiker der Welt in Kontakt zu kommen, höre ich ein Freizeichen und werde anschließend mit einem warmen kalifornischen Akzent begrüßt. Ich mache mir innerlich eine Notiz, meinem Vater zu schreiben („Ich habe gerade den Typen von Slayer interviewt!!!“) und frage den legendären Sänger und Bassisten, wie sein Tag ist.

Es ist fast wie bei Almost Famous, auch wenn Araya nicht unter dem Namen Harry Houdini zu erreichen ist. Wenn er auf Tour in einem Hotel eincheckt, dann benutzt er den Namen eines Kampfkünstlers, der für ihn eine besondere Bedeutung hat. Er und der Rest seiner Familie haben alle schwarze Gürtel; sie haben vor sechs Jahren zusammen angefangen zu trainieren, als Araya und seine Frau begannen, ihre Kinder zuhause zu unterrichten, und eine interessante körperliche Betätigung für sie brauchten. Also ist er jetzt wohl das einzige Mitglied von Slayer, das dich wirklich umbringen könnte—obwohl er, als ich dies erwähne, in den Modus des sensiblen und ernsten Vaters verfällt und mir eine kleine Standpauke hält.

„Wir trainieren zur Selbstverteidigung. Du kannst damit schützend helfen. Das ist die Idee dahinter. Es dient nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung“, erklärt er. „Der Großmeister hat uns gesagt: ‚Du gibst den Leuten zwei Chancen und danach sagst du erst ‚Nein‘, aber dann? Zwei Wochen Krankenhaus!'“

Er kichert nach der letzten Bemerkung und auch im weiteren Verlauf unseres Interviews wird er viel und schnell lachen. Trotz seiner grimmigen Bühnenpersönlichkeit und seines legendären Schreis ist Araya ein bekanntermaßen entspannter Typ—ein gutherziger Kontrastpunkt zum schroffen Gitarristen Kerry King, dem forschen langjährigen Schlagzeuger Dave Lombardo oder dem hart feiernden, vor zwei Jahren verstorbenen Jeff Hannemann. Der Kontrast zwischen Tom Araya, dem entspannten Familienvater, und Tom Araya, dem Metalgott, ist interessant, besonders wenn man die Länge von Slayers Karriere bedenkt. Er ist 1981 eingestiegen, kurz nachdem King und Hannemann die Band gegründet hatten. So erlebte er mit, wie seine Kreation von etwas, das ein paar Kids, die auf NWOBHM und Punk standen, sich in einer feuchten Garage außerhalb von Los Angeles ausgedacht haben, zu einer der einflussreichsten und zeitlosesten Bands des Heavy Metal wurde: alte Götter, die fünfmal für den Grammy nominiert wurden (und zweimal gewannen), Millionen Alben verkauft haben und auf den größten Bühnen der Welt vor begeisterten Fans gespielt haben. Wenn Metallica die erfolgreichste Metalband der Welt ist, dann kommt Slayer kurz danach—im Gegensatz zu ihren alten Freunde, die in den letzen Jahrzehnten aus dem Tritt gekommen sind und ihren Drive verloren haben, gerieten Slayer nie ins Wanken. Ja, sie hatten hier und da ein paar Fehltritte, aber sie haben uns nie wirklich enttäuscht. Das ist der Grund, warum sie 29 Jahre nach ihrem wohl beliebtesten Album Reign in Blood immer noch Arenen füllen und warum so viele Leute immer noch gespannt auf ihr zwölftes Album, Repentless, sind, das Ende des Jahres erscheint.

Trotz all des Lobes und der regelrechten Verehrung seitens ihrer hingebungsvollen Fans, strahlt Tom Araya eher Bodenständigkeit denn Überlebensgröße aus. Er weiß nicht, was Grindcore ist, aber liebt Hank Williams (und mag die Strokes wirklich sehr). Er bekennt sich schon lange zu seinem katholischen Glauben, seiner Wertschätzung für Country-Musik und dazu, dass er am liebsten zu Hause bei seinen Kindern ist; er ist zuallererst Familienmensch und manchmal wundert man sich, wie er dort gelandet ist, wo er heute ist.

Araya fliegt so oft er kann nach Hause, um seine Familie zu sehen, und das ist auch der Grund, warum Slayer auf Tour so viele Off Days einplanen. Er tut sein Möglichstes, um an Off Days bis elf Uhr mittags zuhause zu sein; wenn er keinen Flug findet oder es sich zeitlich nicht einrichten lässt, dann fliegt er nicht. Es scheint, als wäre für Slayer ein Flugzeug wie Iron Maidens Ed Force One praktisch, aber nach drei Jahrzehnten ist die Band immer noch nicht an diesem Punkt angelangt. „Ich reise ganz normal, doch die Leute denken: ‚Oh, du musst reich sein!“, sagt er. „Nein, das bin ich nicht. Das ist nur ein Opfer, das ich bereit bin zu bringen, weil ich nach Hause will. Ich will nicht da draußen in einem verdammten Hotelzimmer sein.“

An diesem Punkt ihres Daseins sind Slayer mehr als eine Band—sie sind eine Maschine, ein eigenes Gewerbe, das auf schnellen, tighten Songs über Tod und Macht basiert. Es ist ein großes Geschäft und für die Leute, die involviert sind, ein Vollzeitjob. Sei es das Management, die Merchandise-Abteilung oder die vier Männer, die den blutigen Kern bilden. Diese Maschine ist gnadenlos und vor allem unermüdlich. Sie wird aber auch alt. Araya ist 1981 bei der Band eingestiegen, mit 20 Jahren. Jetzt schreiben wir das Jahr 2015. Nachdem er 34 Jahre seines Lebens Slayer gewidmet hat, klingt er müde—er hat sich seinem Schicksal als einer der Könige des Heavy Metal ergeben und freut sich immer noch auf die Zukunft, wird jedoch auch von Reue geplagt.

Nachdem ich offen mit ihm über Opfer, Familie und Tod gesprochen haben, kann ich nicht anders, als mich zu fragen, ob er es bereut, seine Seele an Slayer verkauft zu haben.

Noisey: Du bist seit über drei Jahrzehnten im Metal tätig, hast die Angst vor Satanismus hautnah mitbekommen und zweifelsohne eine Menge Veränderungen bezüglich Stil und Wahrnehmung des Genres beobachtet. Denkst du, dass Metal jemals in der breiten Gesellschaft akzeptiert werden wird?
Tom Araya: Ja, der neue Metal, den es jetzt gibt, ich glaube das heißt Grindcore, oder? Sie haben all diese verrückten Namen, die ganze Sätze sind—Pierce the Veil, Asking Alexandra, sie haben alle solche Namen—und mir ist aufgefallen, dass es uns irgendwie übersprungen hat. Denn der neue Metal hat seinen Weg in den Mainstream gefunden, er ist akzeptierter—im Gegensatz zu dem, was wir machen und gemacht haben–, da er im Radio gespielt wird.

Und hast du das Gefühl, dass sie in gewisser Weise euren Punch geklaut haben?
Naja, nein (lacht). Sie haben keinen Punch geklaut, glaub mir. Sie denken gerne, dass sie das hätten, aber sie machen nichts, was mich wirklich beeindruckt. Es gab keine Band, keine neuen Bands, bei denen ich gesagt habe: „Woah, was ist das? Das ist verdammt großartig!“

Wirklich?
Es ist schon lange her, dass das so war. Ich meine, ich höre diese Bands, ich kenne sie, weil meine Kinder sie hören. Meine Tochter folgt immer den neuesten Trends, der neuesten Sache in der Musik. Sie fragt dann: „Was denkst du?“ „Äh, es ist gut. Gut produziert. Wie klingt der Rest des Albums?“ „Ich weiß nicht“, sagt sie dann. Naja, du musst dir den Rest des Albums anhören! Du kannst dir nicht nur ein oder zwei Songs anhören. Bei mir dreht sich alles um das Album. Wenn eine Band wirklich von Wert ist, dann hat sie ein tolles Album. Bei jedem Song auf dem Album musst du dir denken: „Wow, Alter, das ist wirklich gut.“ Das gibt es heute nicht mehr oft.

Die Leute wollen heutzutage schnelle Befriedigung.
Mann, es ist eine Wegwerfgesellschaft.

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Ihr habt eindeutig eine Menge Arbeit in eure neue Platte, Repentless, gesteckt, um sicherzugehen, dass sie den Standards entspricht. Es scheint, als wäre es auch ein Übergangsalbum für euch. Denkst du, dass Slayer sich wieder beweisen müssen, da Jeff nicht mehr dabei ist?
Nein, wir müssen uns nicht beweisen, weil wir mit diesem Prozess vor vier Jahren oder so begonnen haben. Wir arbeiten schon lange daran. Wir haben mit dieser Vorstellung begonnen, dass wir ein Album machen müssen—naja, unser Management hat gesagt: „Ihr wisst, dass es Zeit wird, ein neues Album zu machen“ und wir haben gesagt: „Oh, OK.“ (lacht) Also haben wir angefangen, an Ideen zu arbeiten, und haben ein paar neue Songs gemacht und mittlerweile, vier Jahre später, ist viel passiert. Kerry hat viel geschrieben und Jeff hat an Ideen gearbeitet, aber er war sehr eingeschränkt, weil er nur schwer Gitarre spielen konnte. Jeff hat immer Musik geschrieben, also hatte er Demos und Sachen, die ihm gefielen, und er fing an, sie zu schneiden und zusammenzufügen, damit sie funktionieren.

Also hatten wir schon viel Material, aber ich war ein wenig besorgt, da Jeff und Kerry die Musik für Slayer geschrieben haben. Wir haben alle zu den Texten beigetragen, aber die Musik wurde von den beiden geschrieben. Musikalisch hast du jetzt die Hälfte von Slayer und körperlich hast du zwei Drittel von Slayer, also einen großen Prozentsatz der Band. Zwei Drittel sind immer noch viel, aber wie ich schon sagte, ich war ein wenig besorgt, weil sie beide unterschiedlich geschrieben haben, also war es ein bisschen unausgeglichen, weißt du, was ich meine? (lacht) Und als wir ins Studio gegangen sind… die Beziehung zwischen mir und Kerry ist sehr anders als die, die ich und Jeff hatten. Die Beziehung zwischen mir und Kerry ist mehr schwarz und weiß.

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Ist sie geschäftlicher?
Ja, geschäftlicher. Kerry und ich hatten immer eine sehr andere Beziehung als Jeff und ich. Ich habe mich gefragt, wie die Dinge wohl werden, denn die Erfahrung im Studio war immer sehr anders mit Kerry. Mit Jeff war es sehr offen und die Dinge fanden zueinander und es gab magische Momente. Bei Kerry gab es keine Magie, weißt du, was ich meine? Es war sehr nüchtern. Ich habe mich gefragt, wie diese Platte entstehen würde, also haben wir uns zusammengesetzt, geredet und über unsere Gefühle gesprochen. Ich habe zum Ausdruck gebracht, dass ich vorankommen will, wenn wir die Platte fertigstellen wollen. Wir haben die Hände geschüttelt und gesagt: „OK, machen wir diese Platte“ und haben losgelegt.

Ich habe gemacht, was ich gemacht habe, und wir hatten einen großartigen Produzenten, der zugehört hat, was ich gesagt habe, und der die Sachen, die ich gemacht habe, wirklich mochte, und gesagt hat: „Nein, das klingt wirklich großartig, wir ändern nichts.“ Kerry hat ein paar Kaninchen aus dem Hut gezaubert und hat auch ein wenig langsamere und härtere Musik geschrieben; er hat vorher auch das harte Zeug geschrieben, es ist nicht so, als hätte er das nicht, aber beide harten Songs sind im Studio entstanden. Am Anfang dachtest du dir: „Meine Güte, wie wird das klingen?“ und am Ende dann: „OK, das ist gut, das ist Slayer.“

Denkst du, dass der Verlust von Jeff einen emotionalen Einfluss darauf hatte, wie ihr geschrieben habt?
Jeff hat viele der härteren Riffs geschrieben und die melodischeren Riffs. Das konnte er am besten, aber Jeff konnte auch schnelle Riffs schreiben, weißt du? Und ich denke, dass Kerry das Gefühl hatte, dass es so etwas auf dem Album brauchte, da dass Jeffs Part war. Und er hat einen wirklich tollen Job gemacht mit diesen beiden Songs,

Was ist dein Lieblingssong auf dem Album?
Es gibt ein paar. Ich habe nie nur einen. „Repentless“, den wir vor Kurzem veröffentlicht haben, habe ich auf verschiedene Arten gespielt, die sich für mich gut angefühlt und gut angehört haben, und als es darum ging, den Track, der es auf die Platte geschafft hat, auszuwählen, sagte der Produzent: „Ich mag wirklich, wie du den Song gemacht hast, welcher Track ist dein Favorit?“ Ich hörte ihn mir an, kam zurück und sagte: „Ich mag sie alle, aber dieser hier ist der, der die Attitüde rüberbringt.“ Er sah mich an und sagte: „Das ist der, den ich mag“ und das ist auch der auf dem Album. Er ist einfach aggressiv und auf die Fresse.

Das ist das, was ihr gerade rausbringen musstet.
Ja. Ich habe es mir angehört und gedacht: „Dieser Song bringt es wirklich rüber“ und später fand ich dann heraus, worum es in dem Song ging: Kerry hat ihn aus der Sicht von Jeff geschrieben. Der Text basiert darauf, wie Jeff nach Kerrys Gefühl das Leben sah. Er stellte sich vor, was Jeff in den letzten paar Jahren bei Slayer durchgemacht hatte, und als er mir das sagte, wurde es mir klar: „Oh mein Gott, ich verstand es. Ich habe den Richtigen genommen!“ (lacht) Ich habe den Richtigen genommen, weil er voller Haltung und Wut war, er hat unsere Emotionen getroffen, weißt du, was ich meine?

Hast du Angst vor dem Tod?
(Er machte eine lange Pause und seufzt dann) Nein, ich habe nicht wirklich Angst vor dem Tod. Nein. Meine Angst ist, was aus meiner Familie wird, wenn ich nicht mehr da bin. Dass ich sie zurücklasse, denn das tust du irgendwie, wenn du stirbst—du lässt Leute zurück und gehst woanders hin. Du ziehst weiter. Ich will auf ewig für sie da sein, aber ich weiß, dass das nicht möglich ist. Das musste ich lernen, als mein Vater vor ein paar Jahren gestorben ist. Und meine Mutter ist vor Kurzem erst gestorben, im April. Du denkst also, dass sie immer für dich da sind. Dir ist nicht klar, was für ein Verlust es ist, wenn du deine Mutter und deinen Vater nicht mehr bei dir hast. Ich denke, die Leute verstehen das nicht wirklich, bis es passiert und sie ihre Eltern nicht mehr bei sich haben. Es ist eine Form von Schutz, zu wissen, dass sie am Leben sind, und dann hast du niemanden mehr, zu dem du gehen und „Mami“ und „Papi“ sagen kannst.

Warum, denkst du, ist Heavy Metal so besessen vom Tod?
Ich weiß es nicht wirklich. Wir persönlich waren nicht wirklich besessen vom Tod; als wir die Band gegründet haben, haben wir von Teufeln und Dämonen gesprochen und heute schreiben wir immer noch über Teufel und Dämonen, aber auf einer gesellschaftlichen Ebene. Und so sind wir als Band gereift. Als wir angefangen haben, hieß es: „Oh, ihr seid eine satanische Band, ihr huldigt Satan!“ Wir huldigen nicht Satan, aber wir haben angefangen, auf diese Weise Songs zu schreiben. Und dann ging es mehr um die Missstände der Gesellschaft, um menschliche Wesen und wie bösartig wir sind.

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Wir sind die furchterregendste Sache da draußen.
Ja, das sind wir.

Ihr habt schon immer soziale und kulturelle Themen in eurer Musik angesprochen—was denkst du, war das schwierigste Thema, das ihr angefasst habt?
Ich denke das Herausforderndste war, als Jeff mir sagte, er würde einen Song namens „Jihad“ schreiben“ (lacht). Ich fragte nur: „Alter, was wirst du tun?“ (lacht) Er sagte: „Nein, nein, nein, ich will darüber schreiben, aber ich will es aus der Perspektive des Terroristen tun“. Also dachte er sich einen Großteil des Texts aus und da er mir gesagt hatte, dass er darüber schreiben will, machte ich auch meine Hausaufgaben, las Bücher und sah mir Dokumentationen über Al-Qaida an und schrieb Ideen auf. Dann kamen wir zusammen und fingen an, an dem Album zu arbeiten und ich sagte: „Hey Jeff, hast du den Text zu dem Song?“ und er sagte: „Ja, hier sind meine Ideen, was denkst du?“ Und ich las und dachte: „Das ist wirklich cool“ und sagte: „Hast du etwas für das Ende des Songs?“ und er sagte: „Nein, noch nicht“ und ich: „Also ich habe ein paar Sachen, die ich so runtergeschrieben habe." Also nahm ich das, was ich runtergeschrieben habe und sang es. Es war in keiner Reihenfolge, ich habe es nicht überarbeitet, es war einfach Kram, den ich schnell zu Papier gebracht hatte. Es war das Ende des Songs und ich machte einen Take und es wurde großartig. Der Produzent sagte: „Lass uns noch einen Take versuchen“, aber wir konnten es nicht wiederholen. Wir konnten es einfach nicht.

Du kannst einen Blitz einfach nicht konservieren.
Ja, und das ist die Magie des Studios. Wenn du es einfach machst und es in einem Take einfängst. Es hat funktioniert und es ist ein toller Song und wir haben nie irgendwelche Gegenreaktionen oder Konsequenzen deswegen gehabt. Das war meine Sorge, dass Leute Mist über uns erzählen, eine Kontroverse daraus machen. Wir haben mehr für „Angel of Death“ einstecken müssen als für diesen Song. (lacht) Ich werde nicht mehr sagen, weil ich keinen Ärger will, aber das ist die Natur des Geschäfts.

Du hast definitiv eine Menge Zeit in diesem Geschäft verbracht. Wie trennst du die geschäftliche Seite der Dinge von dem wirklich spaßigen Teil–der Erfahrung, live zu spielen und Musik zu schreiben und zu recherchieren? Ist es immer noch eher Spaß als ein Job oder ist es mittlerweile beides gleichermaßen?
Es ist beinahe gleich, aber etwas mehr in Richtung Geschäft gehend, weil wir bereits so lange dabei sind, dass Slayer zu einem eigenen Gebilde geworden ist. Es ist eine eigene Sache geworden und hat ihr eigenes Leben und wir sind diejenigen, die ihr Leben einhauchen. Also müssen wir Arbeit reinstecken, um sicherzugehen, dass es immer noch atmet und weitergeht und das ist, wo es mehr zu einem Job wird. Am besten ist es, auf der Bühne zu stehen.

Du machst immer den Eindruck, als hättest du da oben eine Menge Spaß.
So ist es. Das ist der angenehmste Teil von dem, was ich in dieser Band mache. Alles andere ist scheiße. Weil du von Punkt A nach Punkt B gelangen musst und wenn du das jeden Tag in deinem Leben machst, dann willst du das an einem bestimmten Punkt nicht mehr. So hat sich Jeff gefühlt. Jeff war an dem Punkt, an dem er einfach müde war, so wie wir alle. Und er hatte sich schon so auf die Erfindung des Teleporters gefreut—er sprach immer darüber, wie toll es wäre, sich auf die Bühne zu beamen, die Show zu spielen und sich dann nach Hause zu teleportieren (lacht). Und ich sagte nur: „Alter, das wäre großartig!“

Um den ganzen Mist einfach zu umgehen.
Ja, genau das. Du umgehst einfach den ganzen Mist. Denn jeder hat diese Vorstellung davon, wie das Leben ist. Du hast den Film Almost Famous erwähnt und so war es einmal—und ich hasse es, das zu sagen, aber es gibt einen Punkt im Leben, an dem du erwachsen werden musst. Ich hasse es, das zu sagen, aber du musst erwachsen werden, weil du nicht länger diese lustige, betrunkene Person bist… du bist ein schmuddeliger Trinker.

Es ist nicht mehr reizend, wenn du 45 bist.
Es ist sogar noch schlimmer, wenn du 50 bist (lacht). Also musst du irgendwann erwachsen werden und ein bisschen Respekt vor dir selbst haben. Ich denke, das ist ein besserer Weg, es auszudrücken.

Und Zeit mit der Familie verbringen und Karate zu machen, anstatt Jägermeister saufen.
Egal, wie viel Zeit wir haben, das ist es, wofür du lebst. Der Rest davon—den kann ich machen, ich kann es aber auch lassen. Ich denke, wenn wir nichts von diesem anderen Zeug machen müssten, dann wäre das Leben großartig, aber wie ich schon sagte, nach so vielen Jahren, an diesem Punkt, ist es eine ganz andere Sache und die Leute verstehen das nicht. Nach 33 Jahren auf Reisen—also eigentlich eher 29 Jahre, die wir wirklich unterwegs waren—nach einer Weile ist es einfach ermüdend. Und die Leute sagen: „Oh, das muss Spaß machen! Du reist! Du siehst bla bla bla!“ Und ich denke mir nur, wenn du an meiner Stelle wärst, dann würdest du anders denken.

Du bist den ganzen Tag im Bus, du hältst an einer Raststätte, du gehst zur Arbeit und wieder zurück in den Bus.
So ist es. Es ist witzig, vor Kurzem waren wir in Europa, um Presse für das neue Album zu machen. Wir waren drei Tage in London, einen Tag in Paris, einen Tag in Norwegen, zwei oder drei Tage in Deutschland. Und die Leute haben gesagt: „Ah, das muss schön sein. Hast du viel von Paris gesehen?“ Und ich habe sie angesehen und gesagt: „Siehst du diesen Raum? Sieh dich um“. Und sie sahen sich um. „Das ist mein Paris. Es ist schön, nicht wahr?“ (lacht) Das sage ich, wann auch immer mich jemand das fragt, weil wir immer im Hotel sind und Interviews geben und jeder mich das fragt. „Hast du viel von Stockholm gesehen?“ Ich schaue mich um und zeige ihnen das Zimmer. „Wie gefällt es dir? Das ist mein Stockholm. Es ist wunderbar, nicht wahr? Ich mag die Vorhänge. Sieh dir die Couch an. Wunderbar.“ Und dann öffne ich das Fenster und sage: „Das ist mein Gemälde, mein Bild. Das ist, was ich sehe.“

Ich könnte dir sagen, wie jeder Flughafen der Welt aussieht. Es ist ein trauriger Tag, wenn du das kannst, lass dir das gesagt sein.

Magst du es überhaupt noch, im Urlaub zu reisen?
Das ist die einzige Gelegenheit, bei der es mir gefällt. Das einzige Mal, bei dem ich es mag, am Flughafen zu sein, ist, wenn ich weiß, dass ich irgendwo mit meiner Familie hinfliege.

Deine Familie scheint wie eine Art Zufluchtsort für dich zu sein.
Früher hatte ich sie auf Tour bei mir, wenn wir in den USA unterwegs waren, beim Ozzfest oder so, wenn wir sieben Wochen im Sommer unterwegs waren. Die ersten beiden Touren waren großartig und danach musste ich sie mitschleifen (lacht). Es ging mehr darum, dass sie bei mir waren, als dass sie mit mir unterwegs waren. Ich mochte es sehr, sie bei mir zu haben, es macht dieses verdammte… es macht diese ganze Sache für mich erst möglich. Wenn ich mit meiner Familie in einem Hotelzimmer bin, dann kümmert es mich nicht, was los ist. Wir gehen raus und laufen herum. Wir haben eine Show zu spielen, also spiele ich die Show. Gehe zurück in den Bus zu meiner Familie. Sehe fern, spiele ein Spiel. Was auch immer. Und das macht es erträglich, aber mir war nicht klar, dass mein Glück sie traurig macht.

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Weil Touren ohne die Bühne einfach nur endloses Reisen ist.
Ja—in den Bus steigen, aus dem Bus steigen. „Wacht auf, wir sind da“, obwohl sie gerade erst eingeschlafen sind. Die Kinder waren wahrscheinlich jünger als sieben oder acht, als das anfing. Und mittlerweile sind sie 16 und 19. Und auf den letzten drei oder vier Touren waren sie nicht mehr dabei, sie waren nicht mehr mit mir unterwegs. Sie sind so wie ich. Sie haben verstanden, warum ich lieber zuhause bin als unterwegs. Sie haben es verstanden, weil sie auch nicht unterwegs sein wollen, sie wollen zuhause sein. Sie haben Freunde und all ihre Sachen zuhause, warum sollten sie unterwegs sein wollen?

Sie haben verstanden, was ich gerade durchmache. Und sie sehen mich an und sagen: „Du musst gehen“ und ich sage dann: „Ich weiß.“ Das ist die Einstellung. „Wir müssen nicht gehen, du bist derjenige, der gehen muss.“ Und ich sage ihnen: „Aber ich will euch bei mir haben“ und sie sagen mir: „Wir haben einfach keinen Spaß, Papa. Es macht keinen Spaß.“ Wie ich schon sagte, wir sind viel mit dem Bus, mit Flugzeugen, Zügen und Autos gereist und irgendwann haben sie gesagt, dass sie es mochten, mit mir unterwegs zu sein, es aber einfach keinen Spaß mehr mache. Also sagte ich OK.

Mann, wie lange wirst du das noch machen?
Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Wenn ich genug davon habe, der alte Typ in dem Verein zu sein (lacht). Denn so ist es mittlerweile. Ich bin der alte Typ in der Bar, mit all diesen jungen Leuten drumherum, die alle den alten Typen ansehen und sich denken: „Wer ist dieser Kerl?“

Ich schätze, in deinem Lebenslauf steht nur „Slayer“—es ist nicht so, als würdest du im Einzelhandel anfangen oder so, wenn du dich zur Ruhe setzt.
Ja, ich denke gerne, dass sie mir einen Job bei Burger King geben würden, wenn ich mich zur Ruhe setze und ein bisschen Geld dazu verdienen muss, um versichert zu sein (lacht).

Hoffentlich hast du zumindest noch ein paar Jahre bis dahin.
Naja, wir haben gerade erst eine Platte gemacht, also habe ich meine Seele für weitere vier oder fünf Jahre verkauft.

Es gibt sicher schlechtere Dinge, an die du sie verkaufen könntest.
Ja, das stimmt, aber ich denke, das rückt das Ganze wieder ins rechte Licht, wenn du es jemandem sagst. Es wird immer davon gesprochen, dass du im Leben deine Seele verkaufst und irgendwie tust du das. Es hängt davon ab, was du im Leben machst, aber es gibt ein paar Dinge, für die du einen großen Teil deines Lebens opfern musst. Für mich ist das die Seele verkaufen. Du musst einen großen Teil deines Lebens opfern, um das zu tun, was du tust. Als ich zugestimmt habe, dieses Album zu machen, wusste ich, dass ich eine Platte machen und dann mindestens drei oder vier Jahre auf Tour sein müsste.

Wie alt bist du jetzt?
Äh, wir haben 2015? Ich bin 54. Ich musste darüber nachdenken, wie alt ich bin, denn ich fühle mein Alter nicht, also musste ich da sitzen und denken: „Oh, welches Jahr haben wir? 54.“ (lacht) Ein Freund von mir sagte mir, dass Alter nur ein Gemütszustand ist. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann denke ich mir: „Oh, ich schätze, ich werde alt!“ Aber es ist nur ein Gemütszustand, ich halte mich nicht für alt. Wenn du dir Leute ansiehst, die in meinem Alter sind und die älter wirken als ich, dann tun sie das nur, weil sie sich alt fühlen und alt verhalten. Das ist, was dich alt macht.

Du wirst also fast 60 sein, wenn es an der Zeit ist, ein neues Album zu machen.
Ja, das ist beängstigend.

Dafür benötigt es wirklich Hingabe.
Das tut es. Ich habe viele Opfer gebracht in meinem Leben. Du verpasst viel. Den Leuten wird das gar nicht klar, aber du verpasst verdammt viel. Ich habe Brüder und Schwestern, also habe ich Nichten und Neffen, die geboren wurden und die Geburtstage haben, und die sind jetzt erwachsen. Ich habe eine Tochter, die gerade 19 geworden ist, und einen Sohn, der gerade 16 geworden ist, und ich habe viel davon verpasst, wie sie aufgewachsen sind. Ich war die ersten fünf Monate nach der Geburt von meinem Sohn da, aber das nächste Mal habe ich ihn dann gesehen, als er schon laufen konnte, Geräusche machen und reden. Dasselbe bei meiner Tochter; nachdem meine Tochter geboren wurde, musste ich direkt weg und habe sie beinahe zwei Monate nicht gesehen. Als ich sie gesehen habe, konnte sie laufen und reden. Deswegen wollte ich sie mit auf Tour nehmen. Ich wollte wenigstens dabei zusehen, wie sie größer werden, und bis zu einem gewissen Grad ein Teil ihres Lebens sein.

Ich denke, der Lohn dafür ist, dass du in den letzten 30 Jahren so viele Leute glücklich gemacht hast…
Ja, aber das sehe ich nicht mal als Lohn an.

Es klingt nicht danach.
Nein, es ist nicht mal ein Lohn. Und das ist die eine Sache, die die Leute nicht verstehen. Das ist ein Teil dieses Lebens, über den niemand spricht, niemand spricht es an oder erwähnt es und das ist traurig. Sie haben Angst, darüber zu sprechen.

Sie wollen die Illusion des unverwüstlichen Rock-Gotts nicht zerstören.
Wir sind unverwüstlich, aber wir sind auch Menschen, die ein Leben haben.

Also ich hoffe, du kannst bald nach Hause.
Wir sind nur noch zwölf Stunden hier—heute haben wir einen Day Off. Wir verbringen einen Tag in Vegas, was wahrscheinlich bedeutet, dass ich nur rumliegen, fernsehen, Filme gucken und essen werde…

Das klingt in Ordnung!
Ja, es klingt großartig! Ich wünschte nur, meine Kinder wären hier und würden das mit mir zusammen machen.

Kim Kelly ist Redakteurin bei Noisey. Folgt ihr bei Twitter - @grimkim