Fred Durst: Das Interview

Ihr glaubt gar nicht, wie schwierig es ist, ein Interview mit dem Limp Bizkit-Frontmann zu bekommen. Wir haben es geschafft und außerdem noch einen exklusiven Kurzfilm mit Fred Durst für euch.

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26 Juni 2014, 9:00am

In der Theorie kann aus einer großartigen Sache, die mit einer anderen großartigen Sache kombiniert wird, eine exponentiell noch großartigere Sache werden. Aber für jeden leckeren Turducken, jede funktionierende demokratische Republik und jede ästhetisch ansprechende Supreme x North Face-Jacke, gibt es eine Flasche Shampoo mit Conditioner, die dein Haar fettig werden lässt, eine kriegsgebeutelte Demokratische Republik Kongo oder eine Kombination von Pizza Hut und Taco Bell, von der du die Scheißerei bekommst. Irgendwo in der Mitte dieser beiden Pole rangiert das Ansehen von Rap-Rock.

Obwohl wir Rap-Rock rückblickend als merkwürdige Fußnote der Musikgeschichte betrachten, war das Ende der 90er ein riesiges und blühendes Phänomen; das neue Paradigma für alles was laut, angepisst, beliebt und für Erwachsene total nervig war. Im Zentrum des Ganzen stand Fred Durst, ein netter Skaterboy-Typ aus Gastonia, North Carolina und Frontmann von Limp Bizkit, der offen mit der Art von Popkultur geliebäugelt hat, die normalerweise für Serienkiller und Reality TV-Stars vorbehalten ist. Er hat Rumgenerve zur hohen Kunst gemacht und sich selbst in einen perfekten, selbstbewussten Pop-Badboy verwandelt: Er hat Britney Spears und Christina Aguilera runtergemacht, ist auf dem Ozzfest nackt aus einer riesigen Toilette gesprungen, hat Staind entdeckt und seinen Hund nach seiner eigenen Band benannt.

Die Sache ist allerdings, dass es schon immer zwei Fred Dursts gab. Es gibt den Fred Durst, der in der Realität existiert: der Twin Shadow hört, sich bemüht, ein guter Vater für seinen Sohn zu sein und der lustige und schlaue Filme wie The Truth macht, den Noisey oben als Premiere präsentiert. Dieser Fred Durst wird allerdings durch die größere kulturelle Version von „Fred Durst“ in den Schatten gestellt—den humorlosen Idioten, der dir mit seinem roten Yankees-Cap, was ihm wie an den Kopf geklebt zu sein scheint, und einem Kinnbart, der wie ein Schutzschild der Unschuld in seinem Gesicht prangt, auf die Nerven geht. Aber Fred Durst ist nicht mehr dieser Typ und wenn du ihn fragst, war er das auch nie. Doch solange das immer noch die öffentliche Wahrnehmung von Fred Durst ist, wird Fred Durst genau das bleiben.

Wenn du mit Fred telefonierst, dann bekommst du Fred—den ganzen Fred und nichts als Fred. Er ist offen, freundlich, selbstkritisch, philosophisch und mehr als nur ein bisschen merkwürdig. Er weiß, dass du wahrscheinlich denkst, er sei ein Arsch und das ist OK für ihn.

Noisey: Was machst du gerade?
Fred Durst: Ich nehme gerade mit Limp Bizkit auf. Das ist diese Art von Zeit im Leben.

Ich bin übrigens in Gastonia geboren.
Wirklich?

Mein Vater war stellvertretender Direktor an der Hunter Huss High School.
Das ist unglaublich; da habe ich meinen Abschluss gemacht. Abschlussklasse 1988. Das ist super! Frag ihn, ob er mich jemals suspendiert hat.

Was ist für dich das übergreifende Thema deines Films The Truth?
Ich denke, es geht darin um Hoffnung. Die Welt ist im Moment sehr verrückt und eine Menge Leute verspüren eine Leere in ihrem Leben. Sie wissen nicht, wie sie diese füllen können. Sie wollen die Wahrheit wissen; ein Licht gegen all das Schlechte. Etwas, das echt ist. Hat er dir gefallen?

Ja, er hat mir sehr gefallen. Ich habe definitiv Parallelen zwischen der Idee des „Superstar-Predigers“ und Rockstars im Allgemeinen gesehen. Vielleich war das, weil du ihn spielst.
Ich kann nachvollziehen, wie du darauf kommst.

Woher kam die Idee für diesen Film?
Die harten Fakten des Lebens, die schweren Seiten, die Dinge, die eine Basis fürs Leben sind. Das sind Dinge, für die du einfach ein Bauchgefühl hast. Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, die sehr religiös war. Wir sind lieber Skateboard gefahren und haben andere Dinge gemacht, aber ich habe auch die andere Seite gesehen—meine Mutter hat in der Kirche gearbeitet, also war ich viel von Leuten umgeben, die irgendwie mit der Kirche zu tun hatten, außerhalb dessen war ich aber in einer anderen Wirklichkeit. Ich hatte immer das Gefühl, dass es gut ist, dass eine Sache zwei Seiten hat—als echte Menschen dürfen wir sündigen. Da stecken echte Leute hinter, aber sie repräsentieren etwas reineres, Vorbilder in unserem Leben. Eine Person, die so aufgewachsen ist und beide Seiten gesehen hat, der klar geworden ist, dass sie gut mit Worten umgehen kann und mit der Art, wie sie Dinge erklärt, das Leben anderer Leute verändert. Diese Person ist ein Produkt seiner Umwelt, aber sie weiß nicht, was sie tut. Sie weiß nichts darüber. Das weiß sie wirklich nicht und sie ist nicht religiös. Aber sie betet Sachen vor, von denen sie ein bisschen was weiß, in einem verzweifelten Moment gegenüber all dem Scheiß. Aber es ist kein Scheiß, denn sie glaubt es wirklich. Und deswegen gefallen mir diese zweiseitigen Charaktere. Ich weiß nicht. Es ist schwer für mich, Interviews zu machen und Dinge kreativ zu besprechen. Ich gebe mein bestes. Sag mir wenn ich in einer Sackgasse bin.

Vielleicht bist du es bereits. Wie viele Interviews hast in deinem Leben du wohl schon gegeben?
Viele. Zu viele. Und anfangs war ich sehr offen. Du wirst etwas gefragt und weißt nicht, warum sie das wissen wollen, bis dir dann klar wird, dass das Teil eines Prozesses ist. Ich habe mich zu sehr geöffnet und auf jemanden, der in einer anderen Zeit großgeworden ist, fällt das jetzt zurück. Es ist schwer, das, was ich gerade um ein Uhr mittags mache, zu unterbrechen und dir von meinen Erfahrungen zu erzählen. Es hängt viel von unserer Chemie am Telefon ab; beide Parteien müssen sich wohl fühlen. Du gibst die Richtung vor.

Das muss merkwürdig sein, ein Musiker oder Filmemacher zu sein und dann einen Prozess erklären zu müssen, der sehr abstrakt ist.
Es ist alles offen für Interpretationen. Das ist die allgemeine Relativitätstheorie, Mann. Es geht um Wahrnehmung. Ich habe gehört, was du gesagt hast und was du dachtest, woher es stammt, und das hat mich beeindruckt. Es ist echt.

Eine Sache, die bei mir wirklich hängengeblieben ist, ist, dass es nach der Predigt ein Gefühl der überwältigenden Ekstase im Publikum gibt, die sie wirklich inspiriert. Ich dachte, dass das vielleicht eine Allegorie auf Rock‘n’Roll ist, denn das ist das Gefühl, das du bei den besten Konzerten bekommst. Diese Energie.
Ich denke es ist dieser Moment, es ist der Geist, der am Leben ist. Der Moment der Befreiung. Jeder fühlt das; es ist im Raum und dann ist es weg. Und du denkst dir: „Oh mein Gott“. Irgendwas passiert. Für mich fühlt sich das an wie beim Wrestling. Die Leute sind da, sie sind total aufgeregt! Sie sind heiß darauf und sie wissen, dass es nicht echt ist. Aber sie wissen, dass es auch echt ist, da sie so etwas nicht tun können. Das sind Athleten! Manchmal ist es echt! Es ist der Glaube und das Gefühl. Es ist nicht Ultimate Fighting, das wissen sie und sie fühlen und verstehen das.

Was ziehst du aus dem Musikmachen und was aus dem Filmemachen?
Ich ziehe aus allen Sachen, von denen ich das Bedürfnis habe sie zu machen, ganz verschiedene Dinge. Film ist nur eine andere Ebene der Magie; davon, nicht zu realisieren, dass es so viele bewegliche Teile gibt. Du erlebst ein Wunder, eine Geschichte die voll und befriedigend für dich ist. Das ist diese Sache. Aufzuwachsen und die Auswirkungen, die das auf dich hat, zu spüren und dann den Drang zu haben, da etwas beizutragen und so etwas selbst zu machen. Davon wurde ich besessen, von der Idee, Geschichten zu erzählen. Es ist von allem ein bisschen, vom an Beats Schrauben bis zum Musikmachen und zum Filmemachen. Ich kann später zuhause etwas machen, das zu dem Film passt. Im Prozess, den Film zu erschaffen, sind es die Teile, die Entscheidungen, die du triffst, um am Tag selbst bereit zu sein und die Vision zu fühlen und zu sehen. Es gibt so viele Arten, die auf so unterschiedliche Weise belohnend sind. Für mich hat es ein bisschen von allem. Limp Bizkit ist ein anderes Gefühl.

Hast du als Kind jemals erwartet, das alles zu erreichen?
Als Kind war ich ein totaler Tagträumer. Ich wusste, dass ich Filme machen will, aber ich habe nie gesagt: „Ich mache einen Film, der dann im Kino läuft“. Ich habe nur gesagt: „Ich mache einen Film. Ich muss es einfach machen.“ Bei den verschiedensten Dingen ist oft Politik involviert. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Filme machen oder ein Rockstar werden würde.

Gab es jemals einen Moment, in dem du dir gedacht hast: „Warte mal. Scheiße, ich bin ein Rockstar!“?
Ja. Das passiert oft. Das lässt sich nicht verleugnen. Am Ende bin ich Fred von Limp Bizkit. Egal was auch passiert. Ich bin dieser Typ aus dieser Band. Ich befinde mich da in einer sehr interessanten Situation. Ich muss weiter machen, wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Einfach weiter machen und es so nehmen, wie es ist. Ich weiß, dass ich die Sachen machen muss, auch wenn es dadurch verlangsamt wird, dass Leute mich ansehen und denken: „Dieser Typ? Das?“ Es ist nicht so einfach.

Wünschst du dir manchmal, die öffentliche Wahrnehmung von „Fred Durst“ würde verschwinden?
Ich weiß gar nicht, wie das Klima gerade so ist. Ich versuche mich da rauszuhalten, da ich ein sensibler Typ bin und einfach versuche, morgens aufzuwachen und dankbar, begeistert und ambitioniert zu sein. Von Zeit zu Zeit muss aber jemand irgendwas zur Sprache bringen, irgendwas Belangloses. Diesem Teil würde ich gerne entfliehen, ja. Aber ich bin für alles, was in meinem Leben passiert ist, wirklich dankbar. Wenn das also das Gelaber ist, das ich ertragen muss und ich dafür herhalten muss, wenn Leute ein Ziel benötigen, dann ist das halt so. Es geht um dein Innerstes—wer bist du als Person? Wenn ich Leute persönlich treffe und die Chemie mit ihnen spüre, dann gibt es keine Momente der Negativität.

Die Frage ist schwer zu beantworten.
Ja, das ist sie.

Es ist schwer, sich selbst in einem großen Meer an Informationen zu identifizieren.
Du kannst dich sehr gut ausdrücken, junger Mann.

Danke.
Ich wette du dachtest, dass das einfach wird, da du mit einem Baum redest.

Ich bin etwas schockiert, dass wir gerade diese Unterhaltung führen.
Das Leben ist so unvorhersehbar. Was hast du dir für dich vorgestellt, als du jung warst und alles möglich war?

Ich wollte Romane schreiben.
Dann wirst du das machen, Mann. Du wirst das einfach machen.

Ich habe diese Fantasie, nach North Carolina zu gehen und mich sechs Monate abzuschotten und nur zu schreiben.
Das ist ein toller Traum. Das klingt perfekt. Wirklich. Ich wäre auch gerne irgendwo in einer Hütte und würde so etwas machen. Ich bin so ein Typ.

Das ist die Sache an North Carolina, du weißt Stille nicht mehr wertzuschätzen.
Es ist großartig. Ich liebe es. Ich vermisse es, Mann. Ich bin in L.A. und die Mutter meines Sohnes lebt hier. Er ist 12 und wir teilen uns das Sorgerecht. Wenn ich umziehen würde, würde das zu so einer Besuch-deinen-Vater-während-des-Sommers-und-in-den-Ferien-Geschichte werden und das kann ich nicht. Manchmal müssen wir Dinge aufgeben. Wir müssen die Kreise durchbrechen. Wenn du nicht diese Art von Liebe hattest, als du aufgewachsen bist, dann überkompensierst du das vielleicht.

Wie denkst du werden die Reaktionen auf The Truth ausfallen?

Ich denke ehrlich gesagt, dass die Leute überrascht davon sein werden. Wenn die Leute deinen Weg nicht genau verfolgt haben, dann halten sie dich vielleicht nicht für den lustigsten Typ auf der Erde.
Richtig.

Ich denke, das könnte vielleicht dazu führen, dass sie sich Limp Bizkit noch einmal ansehen und sagen: „Oh, vielleicht war das eigentlich Satire auf diese Macho-Dude-Kultur.“
Oh Mann! Das ist super, dass du das sagst. Das ist es. Die Feinheiten bei Limp Bizkit; die Satire. Es ist fast so, als würde das übersehen. Wir haben das fast überall mit eingebracht. Wir haben es nur nicht so offensichtlich gemacht. Das hat ein Eigenleben entwickelt.

Was war dein Eindruck von Promi-Kultur, als du selbst ein großer Teil davon warst?
Du telefonierst mit mir und sagst, dass du nicht glauben kannst, mit mir zu sprechen; fühlst du dich immer noch wie das Kind aus North Carolina? Diese Art von „Whoa“? So fühle ich mich. Ich fühle mich immer noch so. Eine Sache passiert und ich denke einfach „WHOA!“ Ich hatte gar nicht den Gedanken im Kopf, dankbar zu sein, da ich so überwältigt war—ihr wollt, dass ich WAS mache? Und HIER hinfliege? Mit WEM?—ich war nur ein Typ vom Land, der durchgedreht ist. Ich habe mir gedacht: „Ich muss meine Mutter hier hinbringen und meinen Bruder und all meine Freunde. Jeden, den ich kenne; die sollten für mich arbeiten!“ Dann wird dir langsam klar, dass das nicht jeder verdient, da manche Leute dich ausnutzen. Wenn du da drin bist, kannst du das kaum glauben. Du denkst dir nur: „Was mache ich bei den VMAs? Ich werden eine Panikattacke haben.“ Ich wurde zu dieser Figur, diese Art Tyler Durden, die ich mit Limp Bizkit erschaffen habe. Auf einmal hat dieser Typ übernommen. Jeder wollte diesen Typen dort und nach einer Weile denkst du dir nur: „Was passiert hier?“ In einer Verschnaufpause fühlst du dich total überwältigt. Also fährst du einen Pickup-Truck, damit du sagen kannst: „Also ich habe immer noch meinen Truck und meinen Hund, ich weiß nicht was ich machen werde.“ Du cruist einfach durchs Leben. Das war nicht immer so, ich bin immer noch einfach nur ein Typ. Ich cruise immer noch, wie McCaughnahey sagt. Crusisin, Mann. Du denkst dir einfach die ganze Zeit „WHOA!“. Als ich nach Florida gezogen bin, kannte ich niemanden. Ich kannte keinen von diesen Typen, aber ich wusste, ich muss eine Band gründen, da ich ein Musikvideo drehen wollte. Wenn ich ein Musikvideo drehen würde, ist das etwas. Ich wusste einfach, dass ich das tun musste. Dieses Gefühl hört nie auf. Ich denke wenn du älter wirst und mehr erlebt hast, dann entwickelst du dich und wirst eleganter und anmutiger. Ich habe versucht, zu den Leuten, zu denen ich gut sein konnte, gut zu sein. Würde ich etwas anders machen? Ich weiß es nicht. Darüber denke ich nicht nach.

Das kannst du nicht.
Da hast du Recht. Das kannst du nicht.

Ich habe das Gefühl, das wichtigste ist, dass du in der Gegenwart lebst und alles was du getan hast, um an diesen Punkt zu gelangen, ist wichtig, selbst wenn du nicht stolz darauf bist, denn ohne das wärst du nicht der, der du bist.
Genau, Mann. Wir bewegen uns nur. Wir cruisen. Ich bin eine einfache Person. Ich bin nur ich. Ich bin nichts Besonderes. Ich denke, die Leute sagen: „Was ist so besonders an diesem verdammten Typen? Nichts! Er geht mir auf die Nerven!“ Ich sage: „Na ja, ich gehe mir auch auf die Nerven. Was zur Hölle mache ich hier? Was ist passiert?“ Es ist verrückt. Ich habe einfach ein paar Geschichten in mir, die ich erzählen muss. Ich habe einfach den Drang, sie zu äußern und sie herzugeben, damit die Leute darauf reagieren können. Es scheint so wie bei allem, was ich mache, zu sein: die Bedeutung findet mich später. Ich sage: „HEILIGE SCHEISSE! Das ist der Grund, warum ich das gemacht habe?“ Es hatte alles einen Sinn und du hast es noch nicht mal gesehen. Du darfst nicht zu viel drüber nachdenken, denn wenn ich das tun würde, hätte ich es vielleicht verbockt und nicht gemacht. Ach, ich weiß auch nicht.


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