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Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos

Wie mir Pikachu beinahe die Musik-Karriere versaute

Aus einer Schnapsidee wurde ein unkontrollierbarer Hit, der beinahe die Band unseres Autors zerstört hätte.

Hannes Naumann

Wir schreiben das Jahr 2008. Auf deutschen Tanzfluren laufen Indie-Remixes von MSTRKRFT oder Justice, Crystal Castles veröffentlichen ihr Debüt und in Deutschland dröhnt Ravepunk mit Atari-Gedudel und linksradikalen Parolen aus den besetzten Häusern. Geil! Was für eine gute Zeit, um sich einen gebrauchten Synthesizer zu kaufen und damit endlich selber Elektropop zu machen! So ungefähr müssen zumindest unsere Gedanken geklungen haben, als mein alter Schulfreund Maik und ich uns den Namen Captain Capa aus einem Science-Fiction-Film klauten und anfingen, auf einer Roland MC303 herumzudrücken.

Viel mehr als eine dumpfe Kickdrum, einen knatternden Oktavbass und eine Gitarre mit viel, viel Delay hat es auch gar nicht gebraucht und plötzlich waren wir aus Versehen eine Band und gaben Konzerte. Wir spielten in Jugendzentren, Kneipen und Wohnzimmern Musik, die keiner so richtig mochte, außer wir selbst, auf alten, billigen Geräten, die ständig aus oder gar kaputt gingen. Unser kruder Mix aus melancholischem Synthie-Geschrei und 170bpm Eurodance-Beats war eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bis uns eines Nachts ein kleines, gelbes Wesen mit roten Bäckchen in den Schoß sprang.


Alle Fotos: Captain Ashi

Wir sind in den Neunzigern groß geworden und waren mit unseren 20 Jahren immernoch kindische Nerds, die sich nur schwer aus dem schmierigen Treibsand der Nostalgie befreien konnten—weshalb wir zu enge Zelda-Shirts auf der Bühne trugen, ein Dragonball-Gif unsere Myspace-Seite schmückte und wir im Backstage lieber Mario Kart gegeneinander spielten, statt uns maßlos zu besaufen. Kein Wunder also, dass uns eines Nachts nach einer halben Flasche Pfeffi ausgerechnet der berühmte Titelsong der Anime-Serie Pokémon in unsere gecrackte Version von Fruity Loops rutschte. (Ihr wisst schon, „Ich will der alleeerbeste sein.“) Fruity Loops war damals das Programm für alle, die elektronische Musik am Computer bauen wollten, aber nicht den geringsten Schimmer hatten, wo sie anfangen sollten.

Mit einem Tool namens „Fruity Slicer“ konnte man fertige MP3s recht einfach in kleine Stücke schneiden und die Samples zu einem neuen Beat zusammen klicken, womit wir als Ahnungslose irre Spaß hatten. Nach knapp einer Stunde wilden Gefrickels hatten wir das Pokémon-Theme, die Hymne unserer Kindheit schlechthin, so grauenvoll durch den digitalen Reißwolf gezogen, dass es keine Überraschung gewesen wäre, wenn die Boxen plötzlich vor Scham in Flammen aufgegangen wären. Sind sie aber nicht. Und schlimmer: Wir waren im Pfeffi-Rausch der Halbstarken vollends von uns selbst überzeugt. „Maik, das ist das Beste was wir bis jetzt gemacht haben.“ „Ja, Mann! Wie am Ende dieser Synthie diese Harmonie da rein drückt—und immer diese geile Pokémon-Gitarre.“ „JA, UND IMMER DIESE GEILE POKÉMON-GITARRE!“ Wir waren uns sicher, wir hätten ein Meisterwerk geschaffen, eine ehrwürdige Danksagung an die 151 Helden unserer Spätneunziger und nannten es theatralischer Weise „Pikachu Saved My Life.“

Der Pseudo-Remix begann unverändert mit den ersten 40 Sekunden des Originals, weshalb wir ihn nie veröffentlichen oder anmelden durften. Das musste aber so sein, damit das eventuelle Publikum später mitgrölen konnte, wenn es hieß: „Ich streife durch das ganze Land und suche weit und breit—das Pokémon, um zu verstehen, was ihm diese Macht verleiiiht...“ Danach folgten 20 Sekunden purer Hass. Wir wussten nicht so recht, wie wir den Bogen vom Original-Teil zum Disco-Part kriegen sollten, weshalb wir uns mit einer unrhythmischen Noise-Orgie als Übergang zufrieden gaben. Daraufhin änderte der Track vier Minuten lang im Vierviertel-Stampftakt auf den immer gleichen Gitarrensamples herum, ohne dabei auch nur annähernd an die Trickfilmserie oder das Gameboyspiel zu erinnern, nur um am Ende noch ein mal übertrieben dramatisch in einem Wust aus viel zu vielen Synthie-Spuren zu gipfeln.



Ich weiß nicht mehr genau, wo wir den (mit 6:19 Minuten viel zu langen) Track das erste mal live spielten, aber es muss vor einem Publikum in unserem Alter und mit erhöhtem Alkoholpegel gewesen sein, denn die Leute drehten völlig durch. Der Song nahm erst auf der Bühne richtig Form an, da wir uns im Takt die Namen diverser Pokémon zuwarfen und Autotune drüber leierten. Lyrisch also ein ganz großer Wurf. Auf autonomen Soli-Festivals, im Vorprogramm von Egotronic, im Kellerclub zwischen den Nurave-DJs—die liedgewordene Schnapsidee funktionierte einfach überall. Plötzlich wurden wir auf Partys gebucht, auf die wir zwei Jahre zuvor nicht mal als Gäste eingeladen worden wären. Wo wir auch hinkamen, schrie irgendein Besoffener im Publikum „SPIEL POGEMOOON JUNGE!!“ „Ist das jetzt sowas wie unser erster, kleiner Hit?“ fragte ich Maik mit strahlenden Augen und schaute mir die pixeligen Handyvideos von Auftritten an, auf denen man mit Bier spritzte und verschwitzte T-Shirts in der Luft rumwedelte. Wir trieben unseren eigenen kleinen Mini-Hype auf die Spitze, indem wir Pikachu auf unsere Konzertflyer kritzelten und zwei leuchtende Pokémon-Lampen zu unserer Bühnendeko erklärten. Inzwischen hatten wir hier und da ein paar eingefleischte Fans, die sich in Ganzkörperkostümen als Pikachu verkleidet in die erste Reihe wagten, mit Plüsch-Pokémon nach uns warfen und ihr altes Spielzeug bei uns abluden.

Aber nach der Euphorie kam die Einsicht. Die Realität traf uns wie ein kalter Eimer Wasser nach einer viel zu langen Nacht auf Wodka-Bull. Inzwischen wurden wir von den Konzertveranstaltern für die richtig späten Slots gebucht, damit die Kids sich noch mal austoben konnten, bevor sie zurück in ihre Autos, Zelte oder Löcher krochen. 02:00 nachts nach dem Headliner oder 04:00 morgens vor der Afterhour zu spielen, heißt aber auch, vor einem Publikum zu stehen, in dem jeder Zweite komplett im Delirium ist und noch mal „richtig hart feiern!“ will. Zum richtig hart Feiern hatten wir exakt einen Song: Einen lieblos zusammen geworfenen Remix, geboren aus nostalgischen Gefühlen zu einem japanischen Videospiel und einem Liter Pfefferminzlikör. Zwischen und während den anderen, von uns völlig ernstgemeinten Songs, brüllten auf einer Veranstaltung muskelbepackte Solariumgänger „SPIELT POKÉMOOON JETZE!“, während im Punkerkeller ganze Truppen in bunt beklebten Müllsäcken erschienen und „PIKACHUUU!“ forderten. Inzwischen war nicht mehr zu leugnen, dass wir der Party-Act für hinten dran waren, der Schlussgag vor Feierabend, das „Remmidemmi“ des kleinen Mannes.



Man hätte sicher so weiter machen und in einem Meer aus Glowsticks auf der Ravepunk-Welle reiten können. Man hätte sich zum Headliner diverser Bad-Taste-Parties hochschlafen können und vielleicht eines Tages mit Pokémon-Basecap auf den Abi-Festivals ein paar Versprengte zum Zappeln bringen können. Vielleicht wären wir auch einfach ein paar Wochen später in einer Suppe aus unbezahlten Soli-Punkbands verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Wir werden es nie erfahren, denn wir sind dem Karrieretod durch Elektropokémon gerade noch mal von der Schippe gesprungen. Obwohl wir unser Erfolgsrezept „90er Jahre Trickfilmnostalgie + Technobeat + Schnaps“ kurzzeitig noch frevelhaft an unserem zweiten Opfer Sailor Moon ausprobierten, mussten wir einsehen, dass wir uns von großäugigen Manga-Figuren verabschieden sollten, wenn wir irgendwann mal zumindest ansatzweise ernst genommen werden wollten.



Wir entließen Pikachu und seine Buddies langsam und würdevoll in die Freiheit. Erst spielten wir den Song nur unter der Bedingung, dass uns der Wunsch von 20 enttäuschten Fans unter salzigen Tränen zugeschrien werden musste. Dann spielten wir ihn nur noch, wenn man uns vor der Show reich beschenkte, was dazu führte, dass sich in unserem Tourauto Plüschtiere, selbst genähte Rucksäcke und Popcorn in Pokémon-Tüten ansammelte. Irgendwann kramten wir den Song nur noch aus, wenn alle anderen Zugaben ausgeschlachtet waren, uns das Publikum ganz besonders gut gefiel und—das war der wichtigste Punkt—niemand nach den ersten zwei Liedern schon „POGEMOOON ALTER!!“ durch den Raum plärrte und seinen Becher an die Decke warf. Letztlich flog der Track, auch als Selbsthilfe, komplett von der Festplatte. Cold Turkey für alle! Jetzt geistern andere Titel durch den Raum, wenn man in die Menge fragt „OB IHR NOCH WAS HÖREN WOLLT HEHE?“

Aber so ganz verlassen wird uns der Geist von Pikachu wohl nie. Drei, vier Mal im Jahr hört man es auf Tour noch ganz leise aus der letzten Reihe. „Pokémon?“ fragt dann eine zitternde Stimme, gefangen in verschwommenen Erinnerungen an einen Rave von 2009. Sie würde so gerne noch ein letztes Mal zu diesem schrecklichen, schrecklichen Lied tanzen. Aber sie darf nicht. In Augsburg steht, fast sieben Jahre später, plötzlich ein junges Mädchen ganz vorne am Bühnenrand und wiederholt Mantra-artig nach jedem Song immer nur das eine Wort: „Pikachu! Pikachu!“ Immer wieder. „Pikachu!“ Aber die Band bleibt hart. Und selbst wenn sie wollte—die Festplatte ist leer.



Dieser Tage bin ich froh, dass wir die mystische Verbindung zu Nintendos Gassenhauer nie so ganz los geworden sind. Pokémon Go zieht derzeit alle wieder auf die Straße, die sich noch wehmütig an Nächte vor dem Gameboy oder das Glitzerkarten-Business auf dem Schulhof erinnern. Auch wir sind schon aus dem Studio geflüchtet, weil im Garten ein wildes Schiggy gesichtet wurde. Pikachu ist endlich wieder in aller Munde. Völlig okay, wenn uns ein paar Leute immer noch als „die Pokémon-Typen da“ abgespeichert haben und auf einmal wieder an eine heiße Nacht im Club Drushba in Halle an der Saale um 2010 denken. Wir schämen uns für nichts! Das heißt zwar noch nicht, dass wir den unterirdisch produzierten Techno-Stampfer wieder in die Setlist nehmen, verbietet uns aber auch nicht, als Afterhour-Exkursion bei der nächsten Show mit den Besuchern Pokémon auf dem Parkplatz zu jagen oder damit zu werben, dass wir vor dem Konzert eine Runde Lockstoff für alle schmeißen. Danke Merk... äh, Pikachu!